Warum brauchen Menschen regeln?

Warum brauchen Menschen Regeln des Zusammenlebens wie die 10 Gebote? Der Dekalog wird leicht missbraucht als ‚leichte Speise’ für Konfirmandinnen und Konfirmanden – ist aber ‚schwere Kost’. Die Gebote sind von ihrer Zielrichtung her Regeln für Erwachsene, die Eltern, Kinder, Sklaven, Grundbesitz und Vieh haben oder begehren können, die eine Ehe brechen können und Gott kultisch verehren können. Sie richten sich hauptsächlich an freie Männer in einer Gesellschaft, in der Männer allein die Macht haben den Schwächeren Lebensraum zu ermöglichen.

Wenn wir die Gebote hören, darf es nicht darum gehen Punkt für Punkt abzuhaken ‚Habe ich gehalten’, sondern nach dem Sinn des Ganzen für mein Leben zu fragen.

Gott gab die Gebote seinem Volk, nachdem er es aus der Sklaverei in Ägypten befreit hat. Sie sind eine Urkunde des Gottes, der Befreiung wirkt für Menschen, die als Freie einander begegnen und Gott begegnen. Ein politischer Beginn: Wahlgeschenke werden verteilt: Gott hat sich in seiner Zuwendung erst einmal bekannt gemacht. Er hat sein Programm der Befreiung nicht erst theoretisch aufgestellt, sondern praktisch ausgeführt in Exodus und am Schilfmeer in Wachteln und Manna. Und dann schenkt er den Menschen Regeln, Gebote, die das menschliche Zusammenleben gestalten können und das Bleiben der Menschen bei ihrem Gott erfüllen können.

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In den Geboten gehören Gottesdienst und Alltag zusammen. Die Verbote Gott abzubilden oder seinen Namen zu beschwören sollen den Platz freimachen, Gott zu suchen, ihn nicht festzulegen, für ihn und seine Wirklichkeit offen zu bleiben. Gegen das schamlose Behängen Gottes mit unseren Projektionen, unseren Wünschen unseren Bildern. Eine uralte Erfahrung. Manche Naturvölker haben heute noch Angst vor Fotos, weil sie meinen: Wer mein Bild hat, hat mich. Und unsere aufgeklärte Gesellschaft legt Menschen gerne fest auf das Bild, das sie von jemandem hat.

Es ist ein schönes Zeichen, dass ausgerechnet das Sabbatgebot vier Verse einnimmt und derart ausführlich erklärt und begründet, was Ziel der Schöpfung ist – die Ruhe, die Freiheit von Arbeit und Knechtschaft. Von diesem Gebot her und von der Überschrift (Ich bin der Herr, dein Gott, der dich aus der Sklaverei befreit hat) lässt sich wunderbar erklären, was dieses ‚Gesetzbuch’ eigentlich wirklich will.

Das Ziel ist das Verhältnis von Gott und Menschen. Das Leben des Menschen darf eben nicht zu einem Leben im Hamsterrad werden, in dem ich nur funktionieren kann. Es ist ein Leben, in dem ich durchatmen darf – und zwar jeder, auch der Knecht und die Magd. Zu der Freiheit, die Gott dem Menschen geschenkt hat, gehört auch die Ruhe am 7. Tag, auch dann, wenn die Arbeit nicht getan ist. Der befreite Mensch darf seine Arbeit ruhen lassen, vielleicht auch ganz unterlassen, weil er und Gott wichtig sind an diesem Tag. (Deswegen der deutliche Protest der Kirchen gegen die Störung der Sonntagsruhe aus ökonomischen Gründen [www.sonntagsruhe.de]).

Das dauernde Wiederholen dieses ‚Du sollst’ erweckt Widerwillen bei manchen Menschen. Von der Freiheit eines Christenmenschen ist so oft die Rede. Und ich glaube wirklich das ist auch das Ziel der zehn Gebote. Gott schenkt Freiheit und er schenkt Regeln, dass Menschen in Freiheit miteinander leben können. gerade die Schwachen, die Unterdrückten dürfen aufatmen. Wo Gebote gehalten werden, wird die Ehe nicht gebrochen, eine Frau nicht verstoßen und damit der wirtschaftlichen Schutzlosigkeit preisgegeben. Schon das alte Israel ist an diesem gebot gescheitert.

Die 10 Gebote waren allerdings nie ein ehernes Gesetz, sondern von Anfang an ein Angebot, das der Deutung bedarf.

Gerade die Gebote der so genannten ersten Tafel, die sich mit dem Verhältnis des Menschen zu Gott befassen, sind keine Denkverbote, sondern sie verfolgen das Ziel den Blick frei zu machen, frei für das unerklärliche Wesen Gottes. Insgesamt bekennt sich das Volk zu einem Gott, der zugleich unnahbar ist und sich den Seinen nähert und ihr Leben regelt, indem er auch das Verhalten der Menschen untereinander regelt.

Die klassische Bedeutung der 10 Gebote beruht auf ihrer Einfachheit und Schlichtheit – z.T. auch Verständlichkeit. Gottesdienst und Alltag werden hier miteinander verknüpft: Kirche + Politik. Der Mensch, der in Freiheit leben will, muss sich Zeit nehmen, Zeit für Gott und Zeit für seine Mitmenschen. Er darf weder über den Einen noch über den Anderen verfügen wollen. Darum soll er niemanden auf ein Bild festlegen und den Namen Gottes und seiner Mitmenschen nicht missbrauchen.

Die Regeln heute verlaufen ganz anders: Jeder macht sich sein Gesetz: Beispiel: Taliban – ihnen gilt das Gesetz des Islam, das dem Dekalog ähnlich ist – genauso wie den ChristInnen beider Konfessionen in Nordirland, wo ChristInnen noch vor wenigen Jahren einander terrorisierten. Menschen finden genügend Gründe trotz aller Gebote zu morden, das Leben Unschuldiger zu vernichten, ihren Zielen unterzuordnen. Und wenn wir ehrlich sind, kennen wir auch genügend Gründe die Gebote unseren Zielen unterzuordnen, egal ob wir schwarz fahren, Steuern hinterziehen oder unsere Ehe aufs Spiel zu setzen (und das meint nicht nur fremd gehen, sondern jeden Ansatz den Partner in seinen Bedürfnissen nicht zu respektieren). Vom fahrlässigen Umgang mit dem Sonntag oder dem Namen und Bild Gottes ganz zu schweigen.

Wo liegt der eigentliche Grund unserer Moral oder dessen, was wir dafür halten?

Der Gott Israels ist nicht der große Polizist oder Moralwächter, sondern Befreier und Liebhaber seines Volkes. Ohne die Tat der Befreiung verlieren die Gebote ihren Grund. Das feiert die jüdische Gemeinde am Sabbat – und die christliche Gemeinde am Sonntag.

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