Vom Himmel im Herzen

Ein Anruf und eine überraschende Umfrage unter Kollegen: welche Rolle spielt eigentlich das Erntedankfest (noch) in unseren Gemeinden? Ich schlucke einen Augenblick und dann fange ich aber auch schon an zu erzählen: davon, dass die Gemeinde größer sei als an anderen Tagen, davon, wie schön es ist, wenn die Kirche bunt geschmückt leuchtet, eben ein Fest für die Sinne, nicht nur etwas zum Hören, sondern auch zum Schnuppern und zum Hinschauen.

Ich erzähle, wie wichtig es doch ist, nach einem Jahr, das wirklich verrücktes Wetter bot, wo wir täglich aufs Neue hören, warum Brot und Gemüse, Fleisch und Milchprodukte teurer werden, sich daran zu erinnern, das es überhaupt nicht selbstverständlich ist, was alles auf unserem Tisch landet. Ich erzähle, aus wie vielen Erntefesten in Dörfern doch wieder Erntedankfeste geworden sind und manche Gemeinde jetzt sogar zwei Mal Erntedank feiern. Und dann stocke ich. Rede ich nicht etwas schön, was so doch eigentlich keine richtige Rolle mehr spielt?

Wir erleben keinen wirklichen Zusammenhang mehr von Saat, Sonnenschein, Regen und Ernte. In vielen Kleingärten ist das Gemüsebeet längst der Grünfläche gewichen und der Discounter um die Ecke bietet das ganze Jahr frisches Obst und Gemüse zu eigentlich doch günstigen Preisen. Ich nehme es wie selbstverständlich an und genieße es – aber ohne darüber noch ins Staunen zu kommen. Meine Sorge, unsere Sorge, oder zumindest die Sorge vieler zielt mehr darauf, den Lebensstandard zu halten oder zu verbessern. Besitzstandswahrung heißt das nicht nur in der Juristensprache.

Ein Grund zum Klagen? Dann wären wir wieder soweit, dass für den Dank kaum Raum bleibt und statt dessen wieder nur ein moralischer Appell bleibt. Überhaupt kann man den Verdacht bekommen, Erntedank sei eigentlich vor allem eine Gewissensfrage: wie hältst du es mit deiner Spendenfreude und Anteilnahme am Schicksal anderer. Brich mit dem Hungrigen dein Brot – heißt es beim Propheten Jesaja. Einen fröhlichen Geber hat Gott lieb- erinnert der Apostel Paulus. Und Jesus setzt noch einen oben drauf: sammelt euch nicht Schätze auf Erden, wo die Motten und der Rost sie fressen, sammelt euch aber Schätze im Himmel.

Die Frage, welche Rolle Erntedank in unseren Gemeinden noch spielt, ist also gar nicht so abwegig und einiges Nachdenken wert. Unser Kirchenjahr ist so etwas wie ein Katechismus, Nachhilfe und Einübung in Grundfragen unseres Glaubens. Jedes Fest hat da seine eigene Bedeutung. Würde Eines fehlen, würde Entscheidendes fehlen. So ist das für mich auch mit dem Erntedankfest. Es ist die Einladung, in das große Loblied auf den Schöpfer und Bewahrer dieser Welt einzustimmen. Es ist die Entfaltung unseres Bekenntnisses zu Gott, dem Schöpfer des Himmels und der Erde.

Aber es ist ruhiger um das Loblied geworden und das Bekenntnis erklingt oft nur noch zögerlich. Den Schatz des Glaubens und des Lobes haben viele verloren oder noch gar nicht kennen gelernt. Die Alternative Schatz auf Erden oder Schatz im Himmel trifft es eigentlich ganz genau. Viele Menschen haben den Himmel verloren und müssen sich deshalb ganz und gar auf alles irdische und erdene konzentrieren. Da wo es keine Ewigkeit mehr gibt, muss die kurze Zeit unseres Lebens für alles herhalten und kann gar nicht halten, was wir uns vom Leben alles versprechen. Da wo keine Hoffnung mehr ist, muss die Verzweiflung am Ende überhand nehmen, weil so vieles anders kommt als geplant oder ersehnt.

Der größte Schatz im Himmel ist der Glaube, diese innere Zuversicht, dass da einer ist, der mich kennt, mich sieht und versteht, wo ich schon nichts mehr sehe und verstehe. Dass da ein Gott ist, der die Welt in seinen Händen hält, der an ihr noch nicht das Interesse verloren ist, das ist kostbar wie ein Schatz. Das ich da mein Herz lassen darf, das ich da mein Herz ausschütten darf, das ist das wunderbarste Geschenk, das ich mir vorstellen kann. „Jesus Christus ist das Beste, was mir passieren konnte“ – solch ein Satz kommt aus dem Herzen. Menschen, die den Himmel im Herzen haben, haben einen anderen Blick und eine andere Wahrnehmung. Auch sie essen und trinken, schlafen und wachen, arbeiten und suchen Abwechselung in der Freizeit. Sie fiebern vielleicht mit ihrem Lieblingsverein wie viele andere auch, freuen sich auf ihren Urlaub oder treffen sich gerne mit Freunden. Sie bauen Häuser und legen etwas beiseite für das Alter. Sie besuchen eines der Einkaufszentren, leisten sich gerne etwas und leben in Wohlstand. Sie engagieren sich gesellschaftlich. Oder aber sie haben einen ganz anderen Lebensentwurf als die meisten Menschen und finden unter Christen und Nichtchristen Gleichgesinnte.

Ich glaube nicht, das Schätze sammeln an und für sich ist das Problem, sondern die Art und Weise wie ich die Welt und das Leben sehe und gebrauche. Auf den Blickwinkel kommt es an. Hat alles mir zu dienen, ist mir alles zur Benutzung und zum Verbrauch freigegeben oder sehe ich hinter der Welt und dem Leben den Schöpfer und Erhalter des Lebens? Das denke ich, macht den Unterschied aus, wenn ich den Himmel im Herzen habe und er mir aus den Augen entgegenleuchtet. Und Erntedank will uns den Himmel ins Herz pflanzen, will uns erinnern, dass wir uns nicht uns selbst verdanken, sondern bei aller geleisteter Arbeit, auf die wir stolz sein können, allezeit Beschenkte sind.

Was sehen sie, wenn sie heute in den Altarraum schauen: Äpfel, Birnen, Möhren, Kartoffeln, Zwiebeln? Alles nützliche und nahrhafte Dinge. Tagelang könnten wir die verschiedensten Gerichte davon Kochen und den Appetit stillen. Alles ist gut zu gebrauchen. Das ist die eine Seite der Wahrheit und der Wirklichkeit. Vielleicht sehen sie aber auch die leuchtenden Farben, die wunderbaren Formen, entdecken die bizarrsten Gestalten, so unterschiedlich wie alles gewachsen ist. Vielleicht riechen sie die Feuchtigkeit des Herbstes, spüren noch die Kraft des Sommers und Fühlen das Wachsen und Strecken der Natur.

Dabei geht es dann gar nicht so sehr um die Brauchbarkeit der einzelnen Dinge, sondern um die Schönheit und um das Wunder des Lebens. Wir spüren, wie zerbrechlich und bedroht das Pflänzchen Leben immer wieder ist und wie wunderbar es zugleich ist, dass wir heute morgen hier miteinander feiern und singen können. Ja, ich kann mir die Welt aneignen und zu Diensten machen oder aber ich kann sie staunend entdecken in all ihrer Schönheit und Unbegreiflichkeit und in mir diesem wunderbaren Lied Raum geben: Herr, wie sind deine Werke so groß und viel. Du hast sie weise geordnet und die Erde ist voll deiner Güter.

Wir feiern heute das große Fest des Schöpfers und singen sein Lied.

Martin Luther hat uns das in seinem kleinen Katechismus in der Auslegung des ersten Artikels des Glaubensbekenntnisses auf wunderbare Art und Weise vorgemacht und so möchte ich sie einladen, sich auf die Botschaft dieses Tages einzulassen, in dem wir miteinander dieses Bekenntnis sprechen: (EG 834):

Ich glaube, dass mich Gott geschaffen hat samt allen Kreaturen, mir Leib und Seele, Augen, Ohren und alle Glieder, Vernunft und alle Sinne gegeben hat und noch erhält; dazu Kleider und Schuh, Essen und Trinken, Haus und Hof, Weib und Kind, Acker, Vieh und alle Güter; mit allem, was Not tut für Leib und Leben, mich reichlich und täglich versorgt, in allen Gefahren beschirmt und vor allem Übel behütet und bewahrt; und das alles aus lauter väterlicher, göttlicher Güte und Barmherzigkeit, ohn’ all mein Verdienst und Würdigkeit: für all das ich ihm zu danken und zu loben und dafür zu dienen und gehorsam zu sein schuldig bin.

Das ist gewisslich wahr.

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