Lebensperspektive

Liebe Gemeinde,

es gibt Ereignisse in unserem Leben, an die Denken wir lieber nicht so oft. Eines dieser Ereignisse, an die wirklich niemand von uns gerne denkt, ist der Tod. Am liebsten würden wir dieses Thema total verschweigen, was ja auch meistens in unserer Gesellschaft geschieht. Das Thema Tod, und alles was damit zusammenhängt, wird bei uns totgeschwiegen. Doch wir können dem Gedanken an den Tod nicht ausweichen, ereignet er sich doch immer wieder in unserem Leben. Die Hoffnung auf die bereits gefährdete Versetzung muss mancher ebenso begraben, wie die Erwartung, sich bei einem Wettbewerb gegen alle Konkurrentinnen oder Konkurrenten durchsetzen zu können und dann die Erste oder der Erste zu sein.

Nicht wenig Jugendliche mussten, auch in diesem Jahr wieder, die Erwartung, einen angemessenen Ausbildungsplatz zu erhalten, fahren lassen. Und auch im gemeinsamen Leben erleben wir immer wieder das Sterben, manchmal ganz hautnah. Da zerbricht eine langjährige Freundschaft, wegen eines Missverständnisses oder eine Ehe wird getrennt, weil die beiden Menschen sich auseinander gelebt haben und das Leben jetzt nicht mehr miteinander gestalten wollen, oder meinen nicht mehr gemeinsam gestalten zu können. Der Abbruch von Beziehungen ist eine geradezu alltägliche tödliche Begebenheit unseres Lebens. Das erleben wir, indirekt und auch als selbst Betroffene und dennoch tauschen wir uns darüber nur selten aus. Und wir erleben den Tod eines Mitmenschen, der uns wertvoll und wichtig gewesen ist. Doch das Thema „Tod“ ist ein Thema, das nur am Rande unseres Lebens vorkommt, und das in doppelter Weise.

Zum einen kommt es nur am Rande unseres Lebens vor, das ist kein Zentrales Thema, schon gar nicht für junge Menschen, die ja noch ihr ganzes Leben vor sich haben. Nur, niemand weiß, wie viel Jahre das sind, noch das ganze Leben. Zum anderen kommt das Thema Tod nur am Rande unseres Lebens vor, weil es nun einmal ein Randthema ist. Denn mit dem Tod geht immer etwas zu Ende. Eine Hoffnung, eine Liebe, ein Leben. Ja, es stimmt, das Thema Tod ist ein Randthema, dennoch umgibt es uns täglich, wir haben nur gelernt, es nicht so zu beachten, weil wir sonst Schwierigkeiten bekommen, unser Leben zu gestalten. Wie sollten wir z. B. noch Auto fahren, wenn wir jedes Mal beim Einsteigen in das Auto daran dächten, wie viele Unfälle täglich geschehen. Wir haben gelernt, den Tod in unserem Alltag zu übersehen, doch manchmal wird unser Alltag unterbrochen; dann erleben wir den Tod bewusst, als Einschnitt, als Unterbrechung unseres Alltags. Solch eine Alltagsunterbrechung ist auch der Gottesdienst, den wir am Sonntag feiern.

Solche Unterbrechungen haben wir nötig, sonst würden wir nur an der Oberfläche des Lebens ein wenig kratzen, doch durch die Unterbrechungen unseres Alltags erleben wir die Tiefe in unserem Leben. Tiefe im Leben ist mitunter schwer zu erleben, aber nur die Erlebte Tiefe schenkt uns ein haltbares Fundament für unser Leben. In unserer Kirche wird die Alltagsunterbrechung, wie in allen anderen christlichen Kirchen, durch das Kreuz offensichtlich dargestellt. Das Kreuz ist ein sperriges Symbol – es ist ein Symbol, das nicht eindeutig ist. Das Kreuz kann auch gar nicht eindeutig sein, denn in ihm ist ja Jesu Tod am Kreuz und seine Auferstehung zeichenhaft vorhanden. Tod und Auferstehung gehören zusammen.

Das wird deutlich am Kreuz in der Kirche, besonders an unserem Kreuz, an dem aus dem scheinbar toten Holz die Lilien, als Zeichen des Lebens, hervorbrechen. Das wird deutlich dadurch, dass in unserer Kirche der Sarg bei der Trauerfeier vor dem Taufbecken steht. Das wird deutlich in vielen Texten des Neuen Testamentes, wie in den heutigen Texten, in der Epistel aus dem 2. Timotheusbrief, dem Evangelium aus dem 11. Kapitel des Johannesevangeliums und in dem vorgeschlagenen Predigttext aus dem Lukasevangelium. Dort heißt es im 7. Kapitel:

[TEXT]

Die Menschen, die das damals erlebt haben, sie waren von Furcht gepackt. Dieser Jesus der hatte offenbar eine ganz besondere Beziehung zu Gott, das machte ihnen Angst, denn so verbunden mit Gott, mit der Kraft, die das Leben will, hatten sie noch niemanden erlebt. Wer so, wie dieser Jesus einen Toten wieder ins Leben holen konnte, der hatte sicherlich auch Macht, seine Gegner ohne große Mühe in den Tod zu schicken. Aus Angst priesen sie Gott und Jesus, in dem sie einen großen Propheten Gottes erkannten. „Gott selbst ist seinem Volk zu Hilfe gekommen!“

In diesem Begeisterungsruf schwingt doch selbstverständlich die Erwartung mit: „Du großer Prophet, vergiss nicht, ich gehöre zu dem Volk, dem du zu Hilfe gekommen bist!“ Die Menschen, von denen Lukas in seinem Evangelium berichtet, sie hatten trotz dieses Wunders nichts verstanden, sie fürchteten sich, und lobten deshalb Gott, doch sie sollten Gott nicht aus Furcht, sondern aus Liebe loben. Damals, da hat das Handeln Jesu Furcht geweckt, was weckt der Bericht von der Auferweckung des toten Jüngling aus Nain bei uns heute?

Bei den meisten wohl gar nichts. Denn wir hören die Worte und dann ist es das auch schon gewesen. Das, was wir da hören ist nicht sofort eingängig und deshalb beschäftigen wir uns auch nicht weiter damit. Das klingt sehr unwahrscheinlich und ist für unsere Ohren auch nicht besonders spannend erzählt. Wir glauben nicht an Wunder und auch sonst kann uns dieser Text nicht fesseln. Das ist nicht fetzig, nicht aktuell, nicht spektakulär und noch nicht einmal rätselhaft. Nein, ein Rätsel ist es bestimmt nicht, ist es doch ein Hinweis auf das Geheimnis des Glaubens. Das Geheimnis des Glaubens, das festhält, dass mit dem Tod nicht alles aus ist, das kann nicht enträtselt werden, denn es ist ja nicht die Frage nach dem ewigen Leben. Das Geheimnis des Glaubens, dass wir in der Nachfolge Jesu Christi durch den Tod hindurch zu einem neuen, uns im Letzten unvorstellbaren Leben kommen werden, das kann nicht bewiesen oder gar nachgewiesen werden.

Auch nicht durch die Erzählung von der Auferweckung des jungen Mannes aus Nain. Ein Hinweis kann diese Erzählung nur sein. Die Mutter des jungen Mannes, sie war bereits verwitwet. Mit dem Jungen hatte sie ihren einzigen Angehörigen verloren. Niemand war noch da, der für sie hätte sorgen können; denn damals hatten Frauen keine Möglichkeit einer erwerbsmäßigen Beschäftigung nachzugehen; entweder sie hatten einen Ehemann, der sie versorgte; oder wie diese Witwe einen Sohn, oder sie mussten betteln gehen. Der Tod ihres Sohnes war als ein vielfacher Verlust für diese Frau. Sie hat ihren letzten geliebten Menschen verloren, sozial total ins Abseits geraten war sie, von einem Tag auf den anderen; sie war plötzlich entwurzelt, abgeschnitten von all dem, was ihr Leben bisher ausgemacht hatte; sie war eigentlich selbst wie tot.

Jesus sieht diese Frau und er leidet mit ihr. Als der Herr die Witwe sah, ergriff ihn das Mitleid und er sagte zu ihr: „Weine nicht!“ Dann trat er näher und berührte die Bahre und er lässt es nicht dabei bewenden, dass er sich dem Toten zuwendet, er befiehlt ihm aufzustehen. Und dann gibt er diesen jungen Mann seiner Mutter zurück. Liebe Gemeinde, wir sind gewohnt gleich auf solch eine Erzählung zu reagieren. Und unsere Reaktionen sind meist alle gleich: „Dass kann doch gar nicht so gewesen sein. Wie soll Jesus denn einen Toten wieder lebendig gemacht haben?“ Doch das ist gar nicht das Wesentliche an dieser Geschichte.

Der junge Mann ist nämlich nicht die wichtigste Person, nein, wichtig sind Jesus und diese Witwe und das, was sich in der Begegnung zwischen diesen beiden abspielt. Der Sohn der Witwe, er verdeutlicht nur, was sich in der Begegnung zwischen der Frau und Jesus ereignet. Es heißt doch nicht: „Jesus gab dem jungen Mann sein Leben zurück.“ Es heißt ganz deutlich: „Jesus gab ihn seiner Mutter zurück.“ Es geht darum, dass diese Frau wieder eine Lebensperspektive erhalten hat. Es geht darum, dass wir in der Begegnung mit Jesus wieder eine Lebensperspektive erhalten können. In der Begegnung mit Jesus, im Gebet kann ich Kraft finden für mein Leben, Kraft, die es mir ermöglicht, trotz der 25. Absage eine neue Bewerbung um eine Lehrstelle, um eine Arbeitsstelle zu schreiben, weil ich weiß, ich bin wichtig, auch wenn ich wieder eine Absage erhalte.

Im Gebet kann ich Kraft finden, das Zusammenleben in der Partnerschaft, in der Ehe wieder neu in Gemeinsamkeit zu gestalten und nicht den Schwierigkeiten durch Trennung scheinbar aus dem Weg zu gehen. Im Gebet kann ich Kraft finden, die Trauer um einen geliebten Menschen anzunehmen und nicht selbst dabei den sozialen Tod zu sterben, weil ich mich von allen andern zurückziehe. Im Gebet kann ich Kraft finden, das Leben anzunehmen, so wie es ist und es trotz aller Schwierigkeiten zu gestalten. Das, liebe Gemeinde, wünsche ich uns, dass wir im Gebet Kraft finden für unser Leben, damit wir es gestalten können in der Gemeinschaft miteinander und mit Gott.

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