Ein wenig Vertauen

Liebe Gemeinde,

das Thema heute lautet: Ein wenig Vertrauen kann viel bewirken. Das ist ein Satz, dem vermutlich alle zustimmen können. Es gibt viele Situationen, da braucht man gar nicht viel Vertrauen. Wenn ich zum Arzt gehe z.B., dann brauche ich das Vertrauen, dass der Arzt fähig ist und mir zuhört und dass er mir helfen kann. Das Vertrauen kann dann im Lauf der Behandlung wachsen. Für den Anfang brauche ich nur wenig Vertrauen. Wenn es dann gut läuft, dann gibt es eine Wechselwirkung zwischen mir und dem Arzt, bei der das Vertrauen immer stärker wird, weil die Erfahrung dazu passt.

Für jede funktionierende Beziehung brauche ich am Anfang Vertrauen. Ich muss einen Vorschuss an Vertrauen reingeben. Dann kann die Beziehung gelingen und das Vertrauen wachsen.

Wenn ich von vorneherein misstrauisch bin – weil ich z.B. denke, der will mir nur was verkaufen oder mir irgendwas aufschwätzen – dann kann die Beziehung nicht gelingen. Dann höre ich vermutlich noch nicht mal richtig zu, selbst wenn mein Gesprächspartner mir etwas Sinnvolles zu sagen hat.

Ein wenig Vertrauen kann viel bewirken. Bei einer Predigt denken Sie natürlich – es wird um Gottvertrauen gehen. Und natürlich, auch ein wenig Gottvertrauen kann viel bewirken. Es tut gut, Gott zu vertrauen. Aber es ist leider nicht so einfach, dieses Vertrauen zu gewinnen. Zuviel quälen uns die Zweifel. Gibt es überhaupt Gott, wirkt er in meinem Leben? Meint Gott es wirklich gut mit mir? Solche Gedanken hat doch jeder und jede mal.

Aber zum Glück, liebe Gemeinde, brauchen wir nicht viel Vertrauen. Ein wenig Vertrauen reicht. Dann entsteht eine Entwicklung, bei der das Vertrauen immer größer wird. Das Vertrauen kann wachsen, wenn wir gute Erfahrungen machen, zum Beispiel wenn Gott ein Gebet erhört. Ein wenig Vertrauen kann viel bewirken. Ich würde sagen: so, wie ich Sie alle kenne, haben Sie alle dieses Vertrauen. Bei Ihnen allen kann also viel bewirkt werden.

Unser Predigttext heute steht in Lukas 17,5+6.

[TEXT]

Der engste Jüngerkreis bittet Jesus: stärke unseren Glauben. Das ist doch eine fromme Bitte. Es ist doch gut, alles von Jesus zu erwarten. Was hat Jesus dagegen? Wieso verweist er sie in ihre Schranken und tadelt sie so? Er tut ja gerade so, als hätten seine engsten Freundinnen und Freunde überhaupt keinen Glauben. Und vor allem, wieso sollte man einen Maulbeerbaum ins Meer versetzen wollen?

Ja, Jesus sagt etwas Merkwürdiges. Die Apostel und Apostelinnen werden verblüfft. Ihre fromme Perspektive, in der sie sich wohlig eingerichtet haben, wird in Frage gestellt. Sie haben sich gedacht: ja, wenn Gott mir mehr Glauben und Fähigkeiten gegeben hätte, dann – ja dann könnte ich große Dinge tun. Dann könnte ich die Welt retten. Aber so, so wie ich bin, da muss Jesus erst mal meinen Glauben stärken.

Jesus sagt: schaut nicht so fromm auf mich. Schaut auf euch selbst. Ihr seid dran. Ihr braucht nur wenig Vertrauen. Aber handelt. Ihr könnt Dinge tun, die ihr euch noch gar nicht vorstellen könnt. Ihr könnt Dinge tun, die in euren Ohren verrückt klingen. Ihr könnt euch auf etwas einlassen, dass euch verblüffen, erstaunen, verändern und verwandeln wird. Lasst euch auf etwas neues und verrücktes ein. Lasst euch ver-rücken. Lasst eure Sichtweise zurecht rücken.

Ich habe mir überlegt, was das heißen könnte. Wie könnte das aussehen, wenn Jesus zu uns ganz normalen, nicht superfrommen Christinnen und Christen hier in Messel sagen würde – wenn ihr Glauben hättet wie ein Senfkörnchen …

Ich denke an eine Frau, (sie kommt nicht aus Messel) die regelmäßig Gespräche mit einem Pfarrer geführt hat. Sie hat ihm von ihren Problemen erzählt. Sie haben gemeinsam gebetet. Und Schritt für Schritt ist es ihr gelungen, ihre Probleme loszulassen und sie Gott anzuvertrauen. Erleichtert und befreit hat sie diese Gespräche verlassen und ihr Leben hat sich grundlegend geändert. Es sind Dinge passiert, die sie sich nie hätte träumen lassen. Auch da brauchte sie nur wenig Vertrauen am Anfang. Sie musste den Pfarrer anrufen und einen Termin vereinbaren. Dann konnte das Vertrauen wachsen, das Vertrauen zu ihrem Seelsorger und das Vertrauen zu Gott. Und das, was sich in ihrem Leben verändert hat, war mindestens so verrückt wie ein Maulbeerbaum, der ins Meer verpflanzt wird und übrigens weit sinnvoller.

Ich denke an einen Jungen in der Grundschule, ebenfalls nicht aus Messel. Er hatte Schwierigkeiten in der Schule, vor allem mit dem Lesen. Er war sehr unruhig. Er hat eine Klasse wiederholt. Seine Eltern waren beunruhigt und gekränkt, aber sie konnten ihm nicht helfen. Aber ein älterer Mann aus der Nachbarschaft, der konnte es. Er angefangen regelmäßig mit ihm zu lesen. Er ist so etwas wie ein Leihopa für den Jungen geworden. Mit ein wenig Vertrauen fing es an und dann ist es allmählich gewachsen. Er hat die Lust des Jungen, mit den Händen etwas zu machen, auf das Lesen übertragen. Er hat halbe Sätze im Buch mit bestimmten Bewegungen verbunden. Und das hat zum Durchbruch geführt. Er wurde besser im Lesen und das war wie eine Offenbarung für den Jungen. Es war, als wenn eine zusätzliche Tür in seinem Gehirn geöffnet wurde. Und das hat natürlich das Selbstvertrauen des Jungen gestärkt und das Vertrauen in seinen Leihopa.

An beiden Geschichten sehen wir – es braucht gar nicht viel Vertrauen, wenn die Bedingungen gegeben sind, wie das Vertrauen wachsen kann und wie das Vertrauen sozusagen Wunder vollbringen kann. In beiden Geschichten mussten die richtigen Personen zusammen kommen und dann das richtige tun.

Das ist die Frage an uns: Was können wir dazu beitragen, dass Situationen entstehen, wo Vertrauen wachsen kann?

Wir können die Augen aufmachen und genau hinschauen. Wir können schauen: wo braucht jemand Hilfe? Zum Beispiel: Die Nachbarin ist krank, kann ich ihr etwas vom Mittagessen bringen? Ich kann ja mal nachfragen, ob ich ihr beim meinem nächsten Einkauf etwas mitbringen soll? Oder brauche ich selbst Hilfe? Jemand anders freut sich vielleicht, wenn ich ihn um Hilfe frage. Zum Beispiel musste ich am Donnerstag Morgen 21 Gesangbücher aus der Schule ins Gemeindehaus transportieren. Ich hatte zwei Rucksäcke dabei. Aber die Bücher waren für mich alleine zu schwer. Ein Junge bot mir seine Hilfe an und hat die Hälfte der Gesangbücher ins Gemeindehaus getragen. Ich war froh und der Junge war auch glück, dass er mir helfen konnte.

Wo würde sich jemand über einen Besuch freuen? Jemand ist lange nicht mehr beim Altennachmittag gewesen. Liegt das vielleicht daran, dass er sich nicht mehr aus dem Haus traut? Er würde sich aber vielleicht freuen, wenn jemand ihm ein Zeichen gibt, dass er an ihn gedacht hat.

Wer könnte durch ein Lob aufblühen? Nicht nur Kinder brauchen Lob. Auch Jugendliche und Erwachsene freuen sich darüber. Wie wäre es mal wieder mit einem ernst gemeinten Kompliment. Ich bin sicher unser Organist freut sich, das zu hören, wenn Ihnen das Orgelvorspiel gefallen hat. Auch die Konfis wissen es zu schätzen, wenn man über das, was sie sagen länger nachdenkt und ihre Gedanken würdigt. Man kann gerade auch von Jugendlichen, die viele Dinge ganz anders sehen als wir Älteren, viel lernen.

Wen könnte ich mal zum Kaffee einladen, damit wir uns mal wieder richtig unterhalten können und eine alte Freundschaft auffrischen können? Mehr Zeit zum Beispiel wenn man in Rente ist, bedeutet das ja auch, dass man mehr Zeit hat alte Beziehungen zu pflegen. Gibt es jemand, der sich über ein Lebenszeichen von mir freuen könnte? Und wäre es nicht schön, mal wieder über die alten Zeiten zu reden?

Wo kann ich einem Gerücht entgegen treten und den Ruf von jemandem schützen? Ich bin nicht dagegen hinter dem Rücken von jemand über ihn zu reden. Das gehört zum Dorf und das bedeutet ja auch dass man sich füreinander interessiert. Aber es kommt darauf, wie man das tut. Wir können verurteilend oder wohlwollend über andere reden. Wenn wir uns darauf verlassen können, dass andere nur wohlwollend über uns reden, dann trauen wir uns auch eher jemand mal etwas zu erzählen wo wir selbst nicht so gut dastehen. Dadurch werden die Beziehungen offener und wir fühlen uns wohler und anerkannter.

Manchmal träume ich davon, wie es wäre, wenn jeder seine Augen aufmacht und einen Schritt auf den anderen zugeht. Das ist gar nicht so schwer. Meistens beißen sie ja nicht.

Wir könnten eine Gemeinde werden, in der wir seelsorgerlich miteinander umgehen und eine Gemeinde, in der wir erkennen, wer Hilfe braucht und dann dafür Zeit und Energie haben. Dann könnte schon ein wenig Anfangsvertrauen viel bewirken. Ich kann mich heute fragen: Wo kann ich durch ein Handeln oder Lassen, durch ein Denken oder Reden, durch eine Geste oder ein Lächeln das Vertrauen stärken, die Hoffnung vergrößern, der Liebe Raum geben?

Mit Manchmal ist das, was geschehen kann, nicht so ein großes Wunder. Aber die kleinen Zeichen im Alltag, die machen den Unterschied.

Liebe Gemeinde, ich wünsche uns, dass wir das Vertrauen, das in uns ist, nutzen. Ein wenig Vertrauen kann viel bewirken. Und wenn jemand unter uns sagen sollte: ich habe gar kein Vertrauen – dann empfehle ich ein Gebet aus der Bibel: Gott, ich glaube, hilf meinem Unglauben.

Jesus sagt uns: ihr könnt mit ein wenig Vertrauen Wunder vollbringen. Die Frage ist also nicht, ob Jesus damals Wunder getan hat – die Frage ist, ob wir, die wir mit ihm verbunden sind, Wunder tun können. Ein wenig Vertrauen kann viel bewirken.

Ich wünsche uns, dass wir erkennen, wo wir Erstaunliches tun können. Damit ein Kreislauf des Vertrauens beginnt. Und Menschen anfangen, so zu leben, wie es für uns Menschen gedacht ist: voll Vertrauen, Hoffnung und Liebe. In gelingenden Beziehungen. Und so, dass nicht das, was mich belastet, den größten Raum einnimmt.

Das gebe uns der Gott, auf den sich unser Vertrauen richtet. Und der uns im Leben so begleitet als ein guter Freund, dass das Vertrauen wachsen und reifen kann und uns hilft, Schwierigkeiten durchzustehen.

Und der Friede Gottes …

drucken