Der Herr gibt’s den Seinen im Schlaf

Heilige Orte haben Konjunktur. Der Jakobsweg nach Santiago de Compostela erfreut sich großer Wertschätzung, Lourdes, Rom. Viele – gerade auch evangelische – Menschen suchen heilige Wege und Ziele. Auch jemand wie Hape Kerkeling hat Gott in seinem Weg nach Santiago gesucht. Warum ist das so? Vielleicht hat das zu tun mit einer heimlichen Sehnsucht nach Gott. Auch mit der Schwierigkeit, dass das Heilige sich nicht in Bildern darstellen lässt.

Der Weg zu einem solchen ‚heiligen Ort’ kann zum Weg der Erkenntnis werden. Der heilige Ort ist dann allerdings oft eine Enttäuschung. Zum ersten wegen des Rummels, den der Kommerz aus solchen Orten gemacht hat. Vielleicht auch weil der heilige Ort nicht das ist, was sich die Pilger versprechen.

Zu einem Heiligtum gehört immer auch eine Legende: In Rom sei Petrus gewesen, heißt es, in Santiago liege das Grab des Apostels Jakobus und in Lourdes sei Maria erschienen. Eine solche Legende wird auch im Alten Testament erzählt:

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Jakob, der Sohn von Isaak und Enkel von Abraham war auf der Flucht. Er hatte seinen Vater betrogen. Er hatte sich den Segen seines Vaters erschwindelt, den Segen des Erstgeborenen, wurde somit in Rechte eingesetzt, die eigentlich seinem Bruder Esau zugestanden hätten.

Auf der Flucht vor Esau, den er um den väterlichen Segen betrogen hat, kommt Jakob in die Wüste, dem Ort der Heimat seiner Ahnen. Seinen Wurzeln und seinem Gott unbewusst ganz nahe, hat er einen Traum – eine Erscheinung. An diesem Ort, an den er geflohen ist vor den Folgen seiner Untat, seines Betruges, seiner Erbschleicherei kommt ihm Gott ganz nahe, bildet von sich aus eine Verbindung zu Jakob – zu Israel, so wird er später genannt – und mit ihm sein Volk. Ich kann mir vorstellen, wie diese Geschichte immer wieder wichtig war in der Geschichte Israels. Wie sie erzählt wurde in Zeiten der Gottesferne, als die Menschen wussten, wie sie sich gegen Gottes willen vergangen hatten, wie sie ihre Brüder und Schwestern betrogen hatten um ihre Rechte und Ansprüche, da erinnerten sie sich, wie sich Gott dem flüchtigen Betrüger gezeigt hatte.

Durch den Betrug an seinem Vater und der Flucht aus dem Vaterhaus ist ihm auch der Gott seines Vaters verloren gegangen. Er ist heimatlos geworden. Es gibt kein Haus Gottes mehr für ihn. Unstet wie ein Nomade zieht er durch die Wüste. In der Erscheinung und mit seinem Verheißungswort (V.13-15) stellt sich Gott ihm neu vor und versichert, dass der Segen bleibt und dass Gott mit ihm ist – überall. In dieser Gewissheit entsteht ein heiliger Ort: Bethel: Haus Gottes in der Wüste, aber kein Ort, an dem er verweilen darf. Er muss weiter, um die Verheißung zu erleben. Aber er gründet ein Heiligtum, an dem sich Menschen erinnern dürfen: Gott kommt dem Menschen entgegen, auch dem Menschen, der Fehler gemacht hat und auf der Flucht vor den Folgen dieser Fehler ist. Gott besucht den Menschen gerade in seiner Schuld und Gott ist überall bei den Menschen, die zu ihm gehören, auch an Orten wo sie nicht mit ihm rechnen. Eine große Leiter, auf der Engel auf- und absteigen könne, ohne sich zu behindern. Aber Jakob verspürt keine Lust hochzusteigen. Er will Brot essen, Kleider anziehen und in Frieden heimkehren. Er hat den Ort gefunden, wo Himmel und Erde sich berühren.

Die Geschichte bleibt ein Ärgernis. Dieser durchtriebene Jakob ist ein Betrüger und ihm erscheint Gott. Und erneuert die Verheißung – ohne Bedingungen zu stellen. Der Erbschleicher wird von Gott eingeholt und gerecht gesprochen.

Bethel ist erst einmal kein Ort, wo der Mensch Gott sucht, sondern wo Gott den Menschen sucht, um seine Verheißung, trotz allem was geschehen ist, zu erneuern. Über Bethel steht für Jakob der Himmel offen. Aus ihm kommt der Segen: ‚Ich bin mit dir!’ auch auf Um- und Abwegen.

Gott erneuert die Verheißung, die er Abraham gegeben hatte. Er erneuert den Vertrag, obwohl der Partner untreu geworden ist, sich nicht auf Gottes Zusagen verlassen hat. Gott ist frei genug auch die gefallenen Sünder zu berufen, das heißt aber nicht umgekehrt: mach, was du willst, Gott beruft dich.

Durch die Begegnung kommt Jakob zur Ruhe, findet Israel seine Ruhe, die sich in festen Heiligtümern dokumentiert. Heilige Orte als solche gibt es nicht, aber Orte wo man sich Gott besonders nahe fühlt. Heiliger Ort ist der Ort, wo ich Gott nahe bin, wo ich Gottes Zuspruch und Anspruch spüre

„Fürwahr, der HERR ist an dieser Stätte, und ich wusste es nicht!“ Dieser Satz provoziert mich: Wie oft komme ich gerade in den Wüsten meines Lebens an die Stätte Gottes – und merke es nicht? – Gibt’s der Herr den Seinen vielleicht ja wirklich im Schlaf?

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