Links oder rechts?

Selten finden wir in einem Abschnitt für die Predigt so klare Anweisungen. Diesmal braucht keiner rätseln, wie kann ich das umsetzen für meinen Alltag. Jesus sagt direkt, was wir tun sollen. Soweit, so klar.

Nehmen wir ihn also beim Wort. Anders als manche vielleicht nach dem ersten Hören denken, geht es zunächst nicht ums Geld. Darauf kommen wir noch. Erst mal geht’s um deinen Glauben. Habt acht auf eure Frömmigkeit, sagt Jesus.

Damals meinte er das Auftreten der Pharisäer. Wir lassen Jesus aber jetzt zu uns reden. Wie steht es um unsere Frömmigkeit? Was ist unser Glauben? Darüber müssen wir in der Lage sein, uns selbst und anderen Rechenschaft zu geben. Hier haben wir offenbar Stärkung und Selbstvergewisserung nötig. Machen wir uns also bewusst, was typisch evangelische Frömmigkeit ist. Okay, das Wort ist aus der Mode gekommen. Bei Frömmigkeit denkt mancher an Betschwester mit Dutt und blickdichten Strümpfen, an Harmoniumklänge. Inzwischen ist der Begriff abgelöst von Spiritualität. Aber das ist sehr unscharf, meint alles mögliche im Rahmen von großer religiöser Anteilnahme. Das kann auch Dalai Lama, Feng Shui und Räucherstäbchen umfassen. Frömmigkeit ist nicht einfach etwas individuelles, wo jeder sich was aussucht und stellt sich zusammen was ihm behagt wie bei einem Brunch im Lokal. Frömmigkeit, wie Jesus sie als etwas kostbares und zu bewahrendes hinstellt, hat eine Tradition.

Jede Frömmigkeit hat eine Tradition. Die jüdische sehr lebendige Frömmigkeit, die Jesus umgab, wurde sichtbar in Fasten, Beten, Almosengeben. Die Tradition aus der wir kommen ist die evangelische. Ihr Kennzeichen ist z.B. dass wir Abendmahl feiern mit Kelch und Brot. Wir berufen uns auf Luther, der auf der Freiheit des Gewissens bestanden hat. Der darauf bestanden hat, die Bibel ist alleinige Richtschnur und Maßstab christlichen Glaubens. Er hat in der Bibel entdeckt, Jesus Christus ist die Mitte der Schrift. Allein aus Gnaden, allein aus Glauben kann ein Mensch die Seligkeit finden, was wir an persönlichen Leistungen einbringen, ist zweitrangig. Das ist der Kern ev. Frömmigkeit. Habt acht darauf, bedeutet also: pflegt sie, gebt sie weiter. Wir stehen in einem Umfeld, wo Frömmigkeit als Privatsache angesehen wird. Etwas das man anderen nicht aufdrängen dürfe. Das gefällt dem Teufel bestimmt, wenn jeder Christ seinen Glauben für sich behält. Bester Beweis für dies häufig zu findende Denken ist die Unsicherheit vieler Eltern, wieweit sie ihre Kinder prägen dürfen glaubensmäßig. Es heißt dann oft: Wir taufen unser Kind noch nicht, er soll sich später selber entscheiden. Klingt sehr tolerant, ist aber meist ein Armutszeugnis, ein schöner Mantel für die eigene Hilflosigkeit.

Im Judentum war man da auch ohne Kindertaufe viel selbstbewusster. Da wurde der eigene Glaube der nächsten Generation als ein ganz entscheidender Wert mitgegeben. Die Eltern wurden ermahnt, darin nicht lässig zu sein. So heißt es bei Salomo (zitieren Spr 4, 1-18)

Elternhaus und Schule sind im Gegensatz zur biblischen Zeit heute weitgehend ausgefallen als Ort der Weitergabe solcher Tradition. Um so mehr muss die ev. Kirche das in ihren Kindergärten und im Konfirmandenunterricht pflegen.

Die ev. Frömmigkeit ist zusammengefasst im Glaubensbekenntnis und in vielen Liedern aus dem Gesangbuch. Wenn wir diese alten Lieder singen, ist das nicht einfach Pflege von Kulturgut. Wir stellen uns hinter die Aussagen der Gläubigen, die ihre Erfahrungen mit Gott besingen. Wir müssen darauf achten, dass wertvolle Choräle aus dem klassischen Liedgut nicht aussortiert werden wegen einer musikalischen Mode oder aus ideologischen Gründen, wie es im 3. Reich der Fall war oder wie es auch heute drohen kann. Es gibt bereits ein Gesangbuch in gerechter Sprache, da wird dann politisch korrekt verschlimmbessert. Dann lieber neue Lieder dichten und singen mit den eigenen Überzeugungen, als die vertrauten Verse verdrehen!

Habt acht auf eure Frömmigkeit, das ist natürlich auch eine Mahnung an die Art, wie du persönlich mit Gott lebst oder auch nicht. Nehmen wir uns Zeit für das Gebet, für das Lesen der Bibel? Wer da schlurt, geht achtlos mit der Frömmigkeit um, und sie wird Schaden nehmen. Vielleicht müsste man eher übersetzen, habt acht auf euer geistliches Leben, dass es nicht verkümmert. Es geht Jesus darum, wie mir mit Gott reden und leben. Es reicht nicht auf Jesu Frage, wie stehts um deine Frömmigkeit, antworten, ich bin lutherisch oder reformiert oder Baptist oder katholisch oder evangelikal oder zu welchem Lager auch immer der einzelne sich rechnet.

Eine lebendige Frömmigkeit äußert sich, wie Jesus weiter lehrt hier, neben Beten, neben bescheidener Lebensweise, neben Verzicht auf Sorge, im Almosengeben. Vorgestern bekam mein Nachbar am Tisch von seinem Tischnachbarn zwei Euro, der Geber wollte dafür einen zurück. Den bekam er. Der das Eurostück bekommen hatte, wunderte sich über den seltsamen Wechselkurs: Wieso gibst du mir 2 Euro und willst nur einen wieder? Na, du hast mir doch vorigen Monat einen Euro geliehen fürs Fahrgeld. Tatsächlich, das weiss ich schon gar nicht mehr.

Der Vergleich Jesu mit den beiden Händen ist in dieser Weise positiv gemeint. Er ist sprichwörtlich geworden. Treffen sich zwei Freunde. „Wie geht’s in der Arbeit?“ „Ach, fragt nicht,“ sagt der andere kleinlaut und seufzt: „Unser Betrieb wird nach christlichen Grundsätzen geführt.“ „Nanu, sagt der erste, ich denke du bist bei einer Versicherung?“ „Ja, aber bei uns geht es zu wie in der Bibel: Da weiß die linke Hand nicht was die rechtet tut.“

So hat sich also das Wort Jesu verselbständigt. Es ging ihm aber nicht um Kritik an schlechter Organisation. Es ging ihm ums geben. Er spricht von Almosen.

Schon wieder so ein altmodischer Ausdruck. Das riecht nach Mittelalter, nach Armensuppe, nach planlos spontaner Hilfstätigkeit ohne langfristig lindernde Wirkung. Okay, Almosen war damals ein Fachwort. Es gab noch keine Sozialversicherung, da waren die Werke der Barmherzigkeit ungleich bedeutsamer als heute. Sie waren Lebenshilfe, Überlebenshilfe für viele.

Heute würden wie wohl von Spenden reden statt von Almosen. Gespendet wird viel. Unsere Gesellschaft mag sehr weltlich geworden sein, die Spendenbereitschaft ist erstaunlich hoch. Kaum ist eine Katastrophe wie das Erdbeben in Peru oder die Waldbrände in Griechenland weltweit publik, öffnen sich die Geldbeutel vieler Menschen. Es ist keineswegs so, dass nur Hartherzigkeit herrscht in unserem Land. Auch Menschen, die dem Glauben fern stehen, sind manchmal sehr opferbereit.

Der Unterschied zu den Christen ist wohl die Regelmäßigkeit. Es ist sehr wichtig, dass wir jeden Sonntag am Ausgang Kollekte sammeln. Im Gegensatz zu vielen Spendenaktionen, die einmalig sind und stark an die Gefühle der Geber appellieren, setzt die Sonntagskollekte voraus, dass Christen regelmäßig geben.

Der Brauch stammt übrigens von Paulus. Der schrieb an die Christen in Korinth: Bei meinem nächsten Besuch wolltet ihr doch wie verabredet mir die Kollekte für die Armen in Jerusalem geben. Ich erinnere noch mal daran. Damit es keine Peinlichkeiten oder Stress für euch gibt dann, weil ihr auf die Schnelle den nötigen Betrag herbei schaffen müsst: Legt doch jeden Sonntag etwas beiseite.

So fing es an mit der Kollekte in den Kirchen. Und bis heute wird viel gegeben in den Kirchen hin und her. Die Art und Weise folgt eigentlich ganz dem, was Jesus hier bestimmt: Diskret und ohne Aufhebens. Bei uns geht kein Körbchen rum, man kann am Ausgang geben, es ist nicht allgemein sichtbar, wer wie viel gibt. Leute, die eine größere Summe spenden, verwenden gern einen Umschlag oder eine Überweisung. Dieses stille Tun ist offenbar im Sinne Jesu.

Andererseits: Ist es so verkehrt, das öffentlicher zu machen? Die beiden für mich spannendsten Teile vom Gottesdienst in Geroldsgrün, wo meine Frau und ich geheiratet haben, sind Predigt und Abkündigungen. Und zwar der Teil der Abkündigungen, wo es um die Kollekte geht. Der dauert oft 5 Minuten. Es wird jede Spende aufgezählt. Etwa so: Bei einem Geburtstag wurden verehrt 50 ,- für die Missionarsfamilie Völkel und 50 .- für die Missionarsfamilie Knödler. Bei einer Goldenen Hochzeit wurden 100,- gespendet für den Posaunenchor. Im Kindergottesdienst wurden gesammelt 2,70,- Bei einer Beerdigung wurden gespendet 50 ,- für die Kirchenmusik und 50,- für den Erhalt der Kirche. Bei einem Geburtstag wurden gegeben für die Schwesternstation 100,- mit dem Liedvers: Was Gott tut, das ist wohlgetan, es bleibt gerecht sein Wille. Wie er fängt seine Sachen an, will ich ihm halten stille. Er ist mein Gott, der in der Not mich wohl weiß zu erhalten. Drum lass ich ihn nur walten.

So geht das da. Find ich gut. Es schafft Transparenz. Es motiviert. Es gibt einen Eindruck von der Fülle der verschiedenen Aktivitäten, die Kosten verursachen, viel aktueller und interessanter als es der Gemeindebrief tun kann. Es spornt an in einer gesunden Weise, Leute fragen sich womöglich: Warum gebe ich nicht, wie die anderen hier geben, das scheint hier ganz normal zu sein, diese Art Normalität fehlt in meinem Leben.

Und ich bin sicher, der Herr Jesus jetzt im Himmel freut sich über all diese Spenden und auch über die Art ihrer Mitteilung.

Was aber soll dann die Warnung? Sind es nur damalige Missstände? Es kam damals, so hat man herausgefunden, tatsächlich vor, dass die Namen einzelner Großspender gelegentlich buchstäblich mit Trompetenschall hinausposaunt wurden vor allem Volk. Solche Großspender waren bedacht auf einen guten Eindruck vor anderen. Sie waren vor allem besorgt: Wie stehe ich da vor den Leuten?

Und diese Sorge scheint mir aktueller als je. Es ist sicher nicht die Sorge, wie denkt man in der Kirche über mich. Aber sehr wohl das Daraufbedacht Sein: Wie komme ich an bei den anderen. Das ist für sehr viele Leute, besonders unter den Jugendlichen, der wichtigste Gesichtspunkt.

In unserer Gesellschaft kommt alles darauf an, sich gut zu präsentieren. Einfluss nehmen darauf, wie die Leute über einen denken. In Bewerbungstrainings wird offen geraten: Es kommt nicht darauf an, was du kannst. Du musst nicht sorgen: Bin ich gut? Sondern: Wie komme ich rüber? In der Popszene ist inzwischen zweitrangig, wie die Musik ist, aber die Inszenierung der Gruppen oder Solisten in ihren Videos ist von größter Wichtigkeit. Tokio Hotel finde ich musikalisch gar nicht übel, aber das war fürs Marketing von vorneherein ohne belang, das Outfit machts und daran erinnern sich die Leute viel mehr als die Stücke. Und das ist ja nicht neu, das ist schon lange so, bei Nina Hagen war es die Schminke und bei Elvis der Las-Vegas Anzug mit dem hohen Kragen. Und auch abseits der Unterhaltungs-Szene, im Alltag, ist Aussehen alles. Wie finden mich die anderen, das ist oberstes Kriterium in fast allen Schulen. Wie sehen mich die anderen?

Ein Mensch dagegen, der seinen Wert darin sieht, wie Gott ihn findet, hat andere Ziele. Der muss sich finanziell nicht verausgaben für Kosmetik, Design und den PKW, der im Unterhalt viel zu teuer ist, aber man will ja nicht zurück stehen.

Wer seinen Wert vor Gott kennt, weil er glücklich ist, dass Jesus ihm vergeben hat, ihm den Weg zum Himmel ermöglicht hat. Der kann geben für Gottes Sache und für die Not des Nächsten. Es muss gar nicht viel sein. Die Menge spielt hier überhaupt keine Rolle. Der hat einfach übrig für Gottes Sache.

Mit der linken und der rechten Hand. Ich hab oft Geld in diesen beiden Händen. Die eine nimmt es als Spende, die andere gibt es aus für Bedürftige, das passiert ständig. Natürlich alles mit Quittung und ordentlich verbucht, aber nach kurzer Zeit weiß ich schon nicht mehr, wer wiederholt wie viel benötigt hat an Unterstützung, will es auch nicht nachrechnen.

Der barmherzige Samariter wusste nicht, wie hoch die Rechnung war für die Übernachtung in der Herberge. Er hat einen Betrag hingelegt und vielleicht hat der Wirt einen guten Schnitt gemacht dabei. Vielleicht war es zu wenig, weil der Überfallene viele Tag da liegen musste bis zur Genesung. Ich nehme an, der Wirt hat es dem Samariter bei seinem nächsten Besuch nicht berechnet. Weil auch da die Linke nicht wissen wollte, was die Rechte tut.

So wollen wir also dem Rat Jesu folgen. Wollen achten auf unsere Frömmigkeit und nicht achten darauf, wie viel wir gegeben haben. Es wird sowieso immer zu wenig sein verglichen mit dem, was Jesus gezahlt hat für uns am Kreuz. Der Blick darauf macht uns unabhängig von der Meinung anderer. Und wir können freigebig und dankbar unser Leben führen.

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