Habt acht auf eure Frömmigkeit

Liebe Gemeinde,

habt acht auf eure Frömmigkeit. Das weckt bei mir zwiespältige Gefühle. Zunächst muss ich fragen, was ist eigentlich Frömmigkeit. Manchmal höre ich das von den Leuten: ich hatte eine fromme Großmutter. Gemeint ist, die hat täglich gebetet und in der Bibel gelesen, für die gehörte der Glaube ins Leben hinein. Fromme Bauern haben früher beim Mittagsläuten Pause gemacht und das Vaterunser gebetet. Heute teilt man manchmal Christen ein in die Frommen und weniger Frommen, oder man entschuldigt sich, na so fromm bin ich nicht, dass ich jeden Sonntag in den Gottesdienst renne. Das will dann heißen, es geht wohl sicherlich auch so. Frömmigkeit ist nichts anderes als die Art, wie ich meinen Glauben lebe. Und jeder, der sich Christ nennt, hat auch eine Form, dies in sein Leben hineinzubringen, hat seine Frömmigkeit. Ob ich nun beim Aufstehen die Losung lese, meine Kinder vor der Schule segne, beim Essen bete oder mich abends bekreuzige, wie es Martin Luther empfiehlt, das hat etwas mit Frömmigkeit zu tun. Und nun heißt es heute, passt auf, habt acht, auf eure Frömmigkeit. Und am Beispiel des Geldgebens macht Jesus deutlich, was nicht gut ist. Denn auch Geld geben, für andere etwas geben, ist ja eine Sache des Glaubens. Wenn wir Kollekte geben, die ja auch Dankopfer heißt, sagen wir ja – vielleicht manchmal ganz unbewusst – Gott Dank dafür, dass es uns gut geht. Ich opfere, weil ich dankbar bin. Und genau genommen soll ja die Kollekte auch dazu dienen, anderen etwas Gutes zu tun. Das ist manchmal gar nicht so deutlich, wenn wir für einen Zweck sammeln, der uns gar nicht so deutlich ist. Aber irgendwo soll unser Geld auch Menschen dienen, helfen. Das kann nicht schlecht sein. Schlecht wird es dann – bleiben wir am Beispiel Geld – wenn ich meine Gabe zur Schau stelle. Und das ist schon ganz schön modern geworden. Gerade auch in der Kirche. Wenn wir Geld brauchen und es manchmal auch kriegen, da kommt die Versuchung, die edlen Spender besonders hervorzuheben. Es gibt ein Foto von mir von vor ca 3 Jahren, als der Bürgermeister einen Scheck für unser Kirchendach überreicht. Das kam dann in die Zeitung. Da habe ich schon ein zwiespältiges Gefühl. Natürlich will die Gemeinde zeigen, dass sie was für die Kirche übrig hat. War es nun verkehrt? Bei jedem Fest werden heute in penibler Reihenfolge die Sponsoren aufgezählt und wehe man vergisst jemanden. Gibt man, weil man genannt werden will oder gibt man, einfach, um eine Freude zu machen? Beides ist wahrscheinlich der Fall. Man will helfen, weil keiner Geld hat und man will genannt werden, dass man auch zu den Helfern gehört. Viel Gutes passiert auch auf diese Weise. Was ist da richtig? Sollen wir als Kirche da mitmachen? Wo ist die Grenze?

Habt acht auf eure Frömmigkeit – Vielleicht kommen wir andersherum ran. Denn genügend andere Bibelstellen sagen ja: zeigt eure Frömmigkeit. Seid Salz und Licht für die Welt. Zeigt, wie ihr mit Gott lebt. Und das wiederum geschieht doch viel zu wenig. Wie wenig Menschen wissen eigentlich, was Christ sein ist. Sie hören vielleicht noch die Glocken läuten – aber wozu läuten sie eigentlich? Bei meiner Frau hat ein Mädchen in der 10.Klasse in der Prüfung Religion nicht einmal gewusst, warum wir Weihnachten feiern. Das ist nichts zum Kopf schütteln, das ist die Realität. In wenigen Wochen werden die ersten Weihnachtsmänner wieder in den Regalen liegen, mehr weiß man nicht von diesem Fest.

Habt acht auf eure Frömmigkeit – Vielleicht heißt das einfach: Stellt Euer Christsein nicht zur Schau um Euch zur Schau zu stellen. Aber zeigt euer Christsein, damit es andere sehen. Versammelt euch in euren Kirchen, aber ruhig auch mal draußen. Hängt eure Werbung an die Zäune. Zeigt, was ihr vom Glauben an Gott habt. Das fällt uns mitunter schwer. Vor vielen Jahren hat mal Peter Hacks, ein marxistischer Schriftsteller geschrieben: das Christentum ist verschämt geworden. Ob da was dran ist?

Woran erkennen Menschen, dass wir Christen sind? Was ist unsere Frömmigkeit?

Habt acht auf eure Frömmigkeit – es ist wohl eine Gratwanderung. Die einen stellen sich überall hin und wollen Zeugnis ablegen und übertreiben es mitunter, die anderen vermeiden es, davon zu reden. Ich wünschte mir, dass wir so viel Glaubensfreude in uns tragen, dass sie an irgendeiner Stelle zu sehen ist. Dass wir fromm sind und Frommes tun, weil es einfach aus dem Herzen kommt. Unsere dreijährige Enkelin wünscht sich ständig ein Lied, in dem Halleluja vorkommt, immer und immer wieder. Sie tanzt dazu. Sie versteht noch nicht, was Halleluja heißt, aber ich hoffe, dass sie eines Tages ganz ungeniert Halleluja singt, weil sie es im Herzen trägt. Und ich hoffe, sie singt es nicht nur in der Kirche, sondern in ihrem ganzen Leben. Die Frömmigkeit eines Kindes, vielleicht ist es das, was wir brauchen.

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