Mit den Augen und mit dem Herzen sehen

Wer blind ist, liebe Gemeinde kennt nur einen Teil der Welt. Die Menschen, die blind sind, kennen diesen Teil der Welt durch erzählen oder durch Abtasten von Gegenständen, mit denen sie direkt in Berührung kommen.

Die Blindheit als körperliche Krankheit oder die Blindheit als Behinderung gehört heute zu den Dingen, die wir, wenn wir mal ehrlich sind, nur am Rande wahrnehmen.

Sind wir blind? Vielleicht muss der eine oder die andere von uns eine Brille tragen. Die Augen mancher älteren Menschen sind ein wenig trübe. Manchmal schwächt auch der Star unser Augenlicht. Aber blind sind wir nicht. Ganz im Gegenteil, wir sehen eigentlich recht gut und sind Gott dankbar dafür.

Ganz anders sieht es da aus, wer sich selbst blind macht. Mit anderen Worten, wer sich bewusst oder auch unbewusst das eigene Wahrnehmungsfeld eingrenzt, für den Menschen hat das fatale Folgen.

Ich denke hier an die Zeit des Dritten Reiches. Blind vor Hass wurden weit über sechs Millionen Menschen in den Konzentrationslagern getötet. Fanatismus ist, so denke ich, wohl die gefährlichste Form von Blindheit. Wozu Fanatismus auch heute noch fähig ist, das sehen wir täglich im Fernsehen oder in der Zeitung in den Berichten aus Afghanistan, Irak oder Palästina.

Blind vor Eifersucht erschlug ein 38-jähriger Mann vor den Augen seiner vier jährigen Tochter seine Ehefrau, weil sie beim Einkaufen einen alten Schulkameraden traf und sich mit diesem unterhielt.

Blind vor Kummer warf sich eine 24-jährige Frau bei Bacharach vor den ICE, weil sie ihr Mann nach 14 Monaten Ehe verlassen hat. Über den Verlust kam sie nicht hinweg. In ihrer Trauer, im Gefängnis ihres Schmerzes, war sie unfähig einen Weg aus dieser Situation hinaus zu finden.

Blind vor Übermut tyrannisierten acht Kinder im Alter von 13 Jahren wochenlang in Mönchengladbach eine 80-jährige Frau. Aus Angst ließ die alte Dame die Qualen über sich ergehen, denn sie befürchtete in ein Altenheim zu kommen, wenn sie zugab, alleine nicht zurechtzukommen.

Blind vor Wut schoss ein Serbe nach einem Streit mit seiner Ehefrau, etwa 200 km südöstlich von Belgrad, wahllos auf Passanten. Unter den Erschossenen waren vier Frauen und fünf Männer. Die Liste, was uns blind macht, die lässt sich noch an einigen Beispielen weiter fortsetzen. Ich denke, darüber sind wir uns einig, dass es Formen der Blindheit gibt, die nichts mit gesunden oder kranken Augen zu tun haben.

Und niemand von uns wird wohl allen Ernstes behaupten wollen, dass wir gegen solche Art von Blindheit völlig immun sind, oder?

[TEXT]

Hoch interessant unser heutiger Predigttext. Jesus nimmt den Blinden bei der Hand und führt ihn hinaus vor den Ort, dorthin, wo es ganz einsam ist und keine Menschen sind. Und was geschieht, als er dem Blinden Speichel auf die Augen getan hat und die Hand aufgelegt hat?

Er sieht Menschen umhergehen, die wie Bäume aussehen. Doch, wo kamen denn die Menschen in dieser Einöde her?

Bringt uns das nicht auf den Gedanken, dass hier noch eine ganz andere Blindheit gemeint ist, nicht die der Augen, sondern die unseres Herzens? Ist hier nicht eine ganz andere Blindheit gemeint, gar nicht die für die Farben und Dinge, sondern die für unsere Nächste und Nächsten?

Es ist schon interessant, dass sich durch die ganze Bibel hindurch sich solche Berichte von Menschen ziehen, die zwar sehen können, aber dennoch für das Wesentliche blind sind.

Wo Gott ganz deutliche Zeichen seiner Gegenwart in unser Leben setzt, das erkennen wir nicht. Wir sehen zwar, dass mit Jesus in unserer alten Welt eine neue Welt beginnt. Doch es berührt uns nicht. Es verändert uns auch nicht. Wir sind stur und verstockt.

Wir Menschen, wir haben ein steinernes Herz. Unsere Augen funktionieren zwar, doch mit dem Herzen können wir nicht sehen. In unserem Inneren sind wir mit Blindheit geschlagen. Wir sehen nicht einmal unsere eigene Hand vor dem Gesicht. Wie sollten wir dann die Hände derer sehen, die sich uns entgegenstrecken?

Ja, liebe Gemeinde, Gott öffnet uns mitten in unserer alten Welt, die Augen für eine neue Welt. Und er sagt uns, dass wir unsere sehenden Augen für unsere Nächsten auch offen zu halten haben. Denn unsere unscheinbaren Alltäglichkeiten sind es, die uns den neu gewonnenen Blick ganz schnell wieder verstellen können.

Wohin trage ich Menschen, die in Bedrängnis, in Not oder in aussichtslosen Situationen sind? ─ Zu Gott? ─ Oder überlasse ich sie ihrem Schicksal? Vertraue ich der heilenden Kraft der Berührung mit Jesus?

Liebe Gemeinde, wie sieht meine Hilfe aus, wenn sie erbeten wird? Helfe ich mit Abstand, oder riskiere ich den direkten Kontakt, die Berührung? Lasse ich die Not fremder Menschen an mich heran? Lasse ich mich in meinem Innersten davon berühren, oder stelle ich nur Hilfsmaßnahmen bereit?

Wie geschieht meine Hilfe? Habe ich Geduld und Ausdauer, einen wirklich hilfreichen Weg für meine Nächste und Nächsten zu finden? Und worum geht es mir, wenn ich helfe? Etwa um Beifall oder um die Not der anderen?

Und wenn ich selbst Hilfe brauche, lasse ich mich berühren? Lasse ich dann jemanden an mich heran, oder verstecke ich in meiner Not? Vertraue ich meiner Nächsten oder meinem Nächsten, die mir helfen wollen?

Ich denke, dass Gott uns unsere Augen mehr als ein Mal öffnet. Ja, mehr als ein Mal berührt er uns. Ja, Gott führt uns zu dem Sehen, welches tatsächlich erforderlich ist. Und dann, liebe Gemeinde, dann können wir mit den Augen und auch mit dem Herzen sehen, das ist das Wunder, welches er an uns tut.

Ja, wenn Jesus uns die Hände auflegt, dann werden wir lernen, unsere Nächste und unseren Nächsten nicht mehr wie Bäume zu sehen, sondern wie fühlende, leidende und ebenso wartende Schwestern und Brüder.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

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