Herr, öffne du mir die Augen

Wohl dem, der sehen kann! Viele von uns haben alles im Blick, wird’s unscharf, gibt es Hilfsmittel: Kontaktlinsen, Lesebrille, Fernbrille, die Augenklinik behandelt den grünen und grauen Star. Aber nicht alles kann gerichtet werden. Es ist schwer, wenn die gewohnte Sehkraft verloren geht. Dann müssen andere Hilfen her.

Das Radio bringt die Welt ins Zimmer. Immer mehr Buchtitel gibt es als Hörbücher. Oder noch persönlicher, wenn jemand aus Familie oder Freundeskreis ein Buch laut liest und aufzeichnet. So bekam unsere Schwiegermutter, die so gern gelesen hat und nun war durch die Diabetes die Sehkraft stark vermindert, sie bekam Cassetten mit 1 bis 6 Sternen darauf geklebt. Neue Bücher, die uns sehr angesprochen haben, hatten wir auf Cassette aufgenommen. Das konnte sie ertasten und wusste, welche Folge dran war. Und jeden Sonntagmittag brachte der Cassettendienst der Gemeinde die Aufnahme vom Gottesdienst. Schön, wenn es so etwas gibt.

Ich denke an Gertrud Heitmann, die uns so schöne Bilder gemalt hat für Familiengottesdienste und dann ging es nicht mehr der Augen wegen. Ich denke an Ella Mattner, die so gern gesungen hat und dann war sie angewiesen auf die Gesangbuchverse, die sie auswendig kannte.

Es ist eine Gnade, wenn du gut siehst, nimm es nicht als selbstverständlich, danke Gott dafür. Aber es kommt nicht bloß darauf an, OB wir sehen, sondern WAS wir sehen. Paul Gerhardt sang noch: „Mein Auge schauet, was Gott gebauet, zu seinen Ehren, und uns zu lehren wie sein Vermögen sei mächtig und groß.“

Viele sehen da gar nicht hin. Lasst mich das genauer ausführen in vier Schritten.

1. Was wir sehen 2. Was wir nicht sehen 3. Wie Jesus hilft 4. Der neue Blick

Zunächst also: Was wir sehen. Das sind zunächst Äußerlichkeiten. Ein Mensch sieht, was vor Augen ist, sagt die Bibel, der Herr aber sieht das Herz an. Wir sehen viel, viel mehr als die Menschen der Zeit Jesu. Nicht bloß wegen der Kunst der Medizin und der optischen Industrie. Wir bekommen Dinge zu sehen, die waren früher unsichtbar. Ereignisse, die weit entfernt waren. Dinge, die zur Privatsphäre, zur Intimsphäre gehörten und nicht für die Augen der Allgemeinheit bestimmt. Das wird heute alles ausgebreitet vor unseren Augen, auf Plakatwänden, am Zeitschriftenständer, im Fernsehen, im Internet. Es ist weit mehr, als wir verarbeiten können. Das Schlimmste ist aber, wenn wir auch noch glauben, was wir sehen, was andere uns vorsetzen zu sehen. Wenn wir nicht merken, dass all diese Bilder, auch die scheinbar authentischen, ungeschönten, nur eine Auswahl sind, ein Zusammenschnitt, letztlich eine Inszenierung. Das merkt jeder, der ein Spiel im Stadion verfolgt hat und im Sportstudio gibt’s dann die Höhepunkte. Dinge, die man gar nicht sehen konnte von seinem Platz aus, und in Zeitlupe schon gar nicht. Die Realität wird hier zurechtgeschnitten und in eine ganz bestimmte Richtung verschoben: Sehenswert ist das Aufregende, es muss was passieren, sehenswert heißt Action und das perfekt Aufbereitete. Das Leben aber ist anders. Manfred Siebald singt: „Das Leben sieht ganz anders aus, wenn wir mit Gottes Augen sehen. Wir lernen anders mit der Welt und mit uns selber umzugehen.“

Wenn wir nur sehen, was die Medien und die Werbung uns zeigen wollen, sehen wir, gehen wir am Leben vorbei. Letzte Woche wurde diese verhängnisvolle Verbiegung überdeutlich bei der Eröffnung der Games Convention in Leipzig, eine Messe für Computerspiele. 40000 Besucher kamen gleich am ersten Tag. Das Publikum ist vorwiegend männlich außer die Messebabes, das sind die Hostessen. Das Foto von der Eröffnung zeigt eine endlose Reihe von Bildschirmen, davor hocken die Besucher und probieren die neuen Spiele aus. Alle gucken auf die Mattscheibe. Mein Neffe, inzwischen Anfang 30, war total überrascht, als er auf seiner neuen Arbeitsstelle einen Schweizer traf. Der redet ja wirklich so wie in den Spielen aus dem Internet. Sonst trifft man so einen ja nie, meint er. Das ist das, was viele sehen. Sie sehen fast alles und kennen und können immer weniger.

2. Was wir nicht sehen. Während die Medien uns das Leid der entlegensten Nationen ins Wohnzimmer tragen, sehen viele lieber weg, wenn es ihnen in der Realität auf die Pelle rückt. Nicht nur in Mügeln, wo Ausländer durch die Straßen gejagt wurden. Meinem Vater blieb die Luft weg letzte Woche in der Straßenbahn. Er ist kurzatmig, der Tag war heiß. Bis zur Endstation schaffte er es nicht und musste schon am Riensberg ins Freie. Er schleppte sich auf eine Bank. Leute waren genug da, geholfen hat niemand, bis er eine Frau bewegen konnte, den Notruf anzuwählen. Sehen alleine hilft uns nichts. Wir sehen das Leid, das Unrecht, die Armut und bleiben untätig aus Angst, aus Mangel an Selbstvertrauen, aus Bequemlichkeit. Aber es gibt Hoffnung. Das erste Hoffnungszeichen in diesem wunderbaren Bericht ist der Eifer von den Freunden des Blinden. Es heißt: „Und sie brachten zu ihm einen Blinden und baten, ihn, dass er ihn anrühre.“

Von diesen Helfern, die unbekannt bleiben, können wir lernen. Wir dürfen uns der Schwachen annehmen und das beste, was wir tun können, ist Menschen mit Jesus in Verbindung bringen. Diese Freude hatten einen Blick für die Bedürftigkeit ihres Nächsten. Das haben sie gesehen.

Daneben gibt es Dinge, die selbst sie nicht sehen können. Die aber zur Wirklichkeit dazu gehören. Während einem Blinden die sichtbare Welt verschlossen bleibt, ist uns allen die unsichtbare Welt verschlossen. Aber sie ist real. Kians Taufspruch handelt von den Engeln, die unter Gottes Befehl im Einsatz sind. Manchmal öffnet Gott uns die Augen für diese Zusammenhänge. Jakob schaute nachts die Himmelsleiter und sah die Engel Gottes herauf und herab steigen. Stephanus, als er gesteinigt wurde, rief: „Siehe, ich sehe den Himmel offen und den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen!“ Paulus war im Geist entrückt und schwärmt. 2Ich war entrückt ins Paradies und hörte unaussprechliche Worte, die kein Mensch sagen kann.“ All das können wir normalerweise nicht sehen, aber wir werden es einmal sehen. Und Gott möchte, dass wir es von nahem sehen und uns daran freuen und nicht von ferne und es bleibt unzugänglich. Wie jener Reiche erschüttert feststellen musste, der sich nicht satt sehen konnte an seinem Luxus und für den Lazarus vor seiner Tür hatte er keinen Blick. In der Ewigkeit sieht er den Lazarus in Abrahams Schoß und er selbst ist ausgeschlossen. Deshalb will Gott, dass wir hier schon an das glauben, was wir dort sehen werden.

Zurück zu den eifrigen Helfern, die damals den Blinden zu Jesus brachten. Schauen wir, wie Jesus hilft. Die Erwartung der Freunde wird nicht enttäuscht. Jesus nimmt sich Zeit, er kümmert sich. Allerdings ganz anders, wie wir es von sonstigen Heilungsgeschichten kennen. Wo sonst nur ein Wort oder Gebet genügte, wird es hier eine umständliche und einigermaßen unappetitliche Prozedur. Aber auch das gehört zum Leben. Auch Menschen, die auf Gott hoffen, die seine Hilfe erbitten für ihre Krankheiten, müssen sich mitunter unangenehmen Prozeduren unterziehen. Zunächst mal sieht der Blinde gar nichts, er kriegt den Brei auf die Augen. Danach ist zwar eine Verbesserung eingetreten, aber eben nur teilweise. Es ist eine wiederholte Behandlung notwendig. Sogar bei Jesus selbst ist manchmal eine wiederholte Behandlung nötig. Das ist wirklich bemerkenswert. Bis heute müssen viele Kranke ihren Herrn wiederholt um Genesung anflehen. Warum das Gebet nicht gleich wirkt, erfahren wir nicht. Es wird auch hier nicht mitgeteilt. Es ist einfach so. Ich denke, der Blinde wäre schon sehr dankbar und zufrieden gewesen, wenn es beim ersten Behandlungsergebnis geblieben wäre. Schemenhaft zu sehen, wäre schon eine Verbesserung gewesen.

Können wir dankbar sein, können wir weiter Gott die Ehre geben, wenn wir nur teilweise empfangen, worum wir gebeten haben? Eine Freundin von uns ist eine erstklassige Pianistin und Chorleiterin, hat CDs produziert, Liederbücher überarbeitet mit Notensatz. Sie ist noch jung. Seit einiger Zeit ist ihr Gehör beeinträchtigt. Es wurden erhebliche Schäden festgestellt. Die Aussichten der Operation waren ungewiss. Was es wirklich gebracht hat, wird sich in den nächsten Tagen klären. Sie sagt, wir haben das an Gott abgegeben. Wenn die Beeinträchtigung bleibt, nehmen wir es an und stehen weiter zu ihm. Könntest du das auch?

Beachten wir, wie Jesus den Kranken auf eine doppelte Weise behandelt. Da ist einmal das Einreiben der Augen. Zum anderen die Auflegung der Hände. Beides hat zur Heilung beigetragen. Entsprechend darf die ärztliche Kunst nicht ausgespielt werden gegen das Gebet des Glaubens. Beides ist wichtig. Nur eines davon anwenden ist unklug.

Die Behandlung Jesu könnte primitiv erscheinen. Das Bestreichen der Augen, das Gebet, mehr nicht. Es gab doch schon damals Augensalbe und besondere Stätten, die von Kranken aufgesucht wurden mit Spezialisten. Jesus liebt es offenbar, mit einfachen Mitteln Großes zu bewirken. Das musste später der Apostel Paulus lernen. Er war hochgebildet. In höchstem Auftrag reist er nach Damaskus um dort gegen Glaubensabweichler vorzugehen. Als eine Art Inquisitor. Auf dem Weg hält ihn Jesus auf. Geblendet stürzt Paulus zu Boden. Die Gefährten müssen ihn wie einen Blinden in die Stadt führen. Es heißt: Er konnte drei Tage nicht sehen und aß nicht und trank nicht. Es heißt weiter: In Damaskus lebte ein Jünger namens Hananias. Dem erschien der Herr und sagte: »Hananias!« »Ja, Herr«, antwortete er.

11 Der Herr sagte: »Steh auf, geh in die Gerade Straße in das Haus von Judas und frag nach Saulus aus Tarsus. Er ist dort und betet. 12 In einer Vision hat er gesehen, wie ein Mann namens Hananias zu ihm kommt und ihm die Hände auflegt, damit er wieder sehen kann.« 13 Hananias antwortete: »Herr, ich habe von vielen Seiten gehört, wieviel Böses dieser Mann in Jerusalem deiner Gemeinde angetan hat. 14 Und jetzt ist er hier und hat von den führenden Priestern die Vollmacht, alle zu verhaften, die sich zu deinem Namen bekennen.« 15 Aber der Herr sagte: »Geh nur hin! Gerade ihn habe ich als mein Werkzeug ausgesucht. Er wird meinen Namen den nichtjüdischen Völkern und ihren Herrschern bekanntmachen, und auch dem Volk Israel. 16 Und ich will ihm zeigen, wieviel nun er für das Bekenntnis zu meinem Namen leiden muß.« 17 Da ging Hananias in jenes Haus. Er legte Saulus die Hände auf und sagte: »Bruder Saul, der Herr hat mich geschickt – Jesus, der dir unterwegs erschienen ist. Du sollst wieder sehen können und mit dem Heiligen Geist erfüllt werden.« 18 Im selben Augenblick fiel es Saulus wie Schuppen von den Augen, und er konnte wieder sehen. Er stand auf und ließ sich taufen.19a Dann aß er etwas und kam wieder zu Kräften.

Dieser Hananias war ein zitterndes Männchen, der hätte sich nie hingetraut zu dem gefürchteten Paulus. Er war ihm unterlegen in jeder Beziehung. Aber gerade ihn gebrauchte Jesus, um Paulus die Augen zu öffnen. Er wurde Christ und sah von nun an die Welt mit anderen Augen. Worauf er früher stolz war, seine Herkunft, seine Bildung, das war ihm nun unwichtig. Die er vorher verachtete, die Nichtjuden, die Barbaren, zu denen fühlte er sich nun hingezogen und brachte ihnen das Evangelium. Er bekam einen neuen Blick.

So wie dieser Blinde. Jesus gibt da noch Nachhilfe. Er soll nicht einfach zurück in sein Dorf und anknüpfen an sein altes Leben, jetzt nachholen, was er verpasst hat. Jesus will ihm andere aufgaben zeigen und ihm dafür den Blick schärfen. Darum heißt es: „Da sah er deutlich und wurde wieder zurecht gebracht, so dass er alles scharf sehen konnte. Und er schickte ihn heim und sprach: Geh nicht hinein in das Dorf!“

Wenn wir scharf sehen, mit einem von Gottes Sohn geschärften Blick, dann, erst dann werden wir Plätze gewahr, wo wir nicht hin sollen. Wo wir nicht hingehören. Hast du dir von Gott den Platz schon zeigen lassen, wo du hingehörst? Dazu braucht es keine Visionen und spektakuläre Berufungen. Es genügt, wenn Gottes Geist dir die Gewissheit gibt, hier bin ich richtig. Er kann uns aber auch in eine heilige Unruhe versetzen, wo du spürst: Hier bin ich am falschen Ort, Gott hat etwas anderes mit mir vor. Dann ist es gut, diesen Eindruck mit anderen Christen oder seinem Seelsorger zu besprechen und eine überlegte Entscheidung fällen. Das kann dann auch ungewöhnlich sein. Es war ungewöhnlich, dass der Blinde nicht mehr in sein Dorf zurück kehren sollte.

Wir wissen dann nicht, was weiter aus ihm wurde. Es genügt zu wissen, dass er sich hat von Jesus die Augen öffnen lassen und neue Wege gegangen ist.

Wie sagte ich anfangs, wohl dem, der sehen kann. Und das meinte nicht, schön wenn man keine Brille braucht. Sondern schön, wenn wir von Gottes Kraft berührt und verändert werden, wie es im Choral heißt:

Herr, du hast mich angerührt.

Lange lag ich krank danieder,

aber nun – die Seele spürt:

Alte Kräfte kehren wieder.

Neue Tage leuchten mir.

Gott, du lebst. Ich danke dir!

(EG 383)

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