Sehen üben

Liebe Gemeinde!

Ich fange heute ein bisschen anders als gewohnt an. Ich lade Sie zu einer Augen­übung ein. Zu einer Erfahrung, die Ihnen gut tun wird. Lassen Sie es mich Ihnen bit­te zeigen. Wenn Sie eine Brille tragen, dann legen Sie diese nach meiner Einführung zur Seite. Und so geht es: Ich reibe meine Handballen aneinander. Dabei spüre ich sehr schnell die Wärme, die durch die Reibung entsteht. Dann schließe ich meine Augen und lege meine Handballen vorsichtig auf die Augenlider. Der Rest ist genie­ßen. Ich spüre, wie die Wärme von meinen Händen ausgeht und tief hineinstrahlt in die Augenhöhlen. Durch die Augäpfel hindurch.

Ein Augenblick der Ruhe, der Wärme, der Zuwendung. Ich wiederhole das noch einmal, reibe meine Handballen, lade sie mit Wärme auf und gebe diese Wärme an meine Augen ab und tief in die Augenhöhlen hinein. Und noch einmal … Dann lasse ich meine Hände sinken und spüre nach. Ein Augenblick der Zuwendung, der Verwöhnung. Eine Geste des Dankes. Danke, dass es euch gibt. Danke, dass ihr mir so treu dient. Danke, dass ihr mir helft, im Leben zurecht zu kommen … Dann setzen Sie bitte Ihre Brille wieder auf. Die Übung ist zu Ende.

Liebe Gemeinde, und wie fühlen sich ihre Augen jetzt an; wärmer, bedacht, oder ist es ihnen eher unangenehm, dies Wärme auf und in den Augen?

Wie ist das überhaupt mit den Augen. In der Regel gehen wir mit ihnen sorgsamer um als mit anderen Teilen unseres Körpers. Wir sind uns ihrer Bedeutung wohl bewusst, lernen schon als Kinder, diese unsere Augen zu bewahren.

"Mach das Licht an, wenn du liest, du machst dir sonst die Augen kaputt; oder: nicht mit den Stöcken so wild rumfuchteln, sonst geht es noch in die Augen." Mit diesen Sätzen sind wir groß geworden (werdet ihr groß).

Unsere Augen sind kostbar; denn ohne sie fällt es uns schwerer, am normalen Leben teil zu nehmen. Wenn wir nicht mehr sehen können, wohin wir gehen, werden wir unsicher, brauchen wir vermehrt Hilfe von anderen. Wir werden noch ein bisschen bedürftiger; unsere Welt wird erst einmal enger und kleiner, ganz einfach weil sich der Radius verengt. Und es braucht mehr Energie, dort wieder raus zu kommen, Energie und Mut,

Menschen, die einen mit tragen und unterstützen und immer wieder auch den festen Willen, nicht in der Einsamkeit zu verharren.

Heute ist es möglich, trotzdem einen Beruf zu ergreifen, auch wenn ich mein Augenlicht verloren habe. Es ist schwerer aber nicht mehr unmöglich, lesen zu lernen, sich die Welt der Bücher zu erschließen: Das geht mit Blindenschrift oder aber auch als Entwicklung der letzten Jahre als Hörbuch. Das Radio bringt blinden Menschen die Welt nach Hause; sie sind nicht mehr notwendigerweise vom sogenannten normalen Leben abgeschnitten, ihre Welt muss nicht eng und bedrückend bleiben.

Früher zur Zeit Jesu war das anders. Ein Blinder vor 2000 Jahren war seiner Umwelt hilflos ausgeliefert, vor allem dann, wenn die meist armen Familien ihn nicht mehr mit ernähren konnten. Menschen ohne Augenlicht endeten da in der Regel als Bettler am Rande der Straße, vor den Toren einer Stadt und es lag an den Vorbeigehenden, inwieweit sie willig und in der Lage waren, das Schicksal dieser Blinden zu wenden.

Die Geschichte eines solchen Blinden erzählt der Predigttext dieses Sonntages. Er steht im Markus Evangelium im 9. Kapitel:

[TEXT]

Liebe Gemeinde, mit den Konfirmanden und Konfirmandinnen haben wir ein bisschen über diesen Text nachgedacht. Er war ihnen fremd in mancherlei Hinsicht. Zum einen, dass da einer, nämlich Jesus kommen kann und den Blinden einfach so heilt. Ohne Maschinen, ohne große Medikamente, ohne dass was wir bei einer Heilung voraussetzen. Es fällt uns schwer zu glauben, dass Jesus geheilt hat, nicht aus sich heraus, sondern aus der Vollmacht heraus, die ihm von Gott gegeben wurde. Und er macht es nicht unähnlich dem, was wir am Anfang mit unseren Augen gemacht haben. Er reibt sie vorsichtig. Allerdings nimmt er Speichel zu Hilfe, den er auf die Augen des Blinden streicht. Eine Vorstellung, die bei uns eher Ekel hervorruft als irgendetwas anderes. — Wir sind als Heilungsmittel eher Pillen gewohnt, als irgendwelche Körperflüssigkeiten — Doch bei Jesus hilft es, der Blinde beginnt langsam wieder zu sehen. Die Heilung dauert, er sieht nicht gleich alles ganz konkret, sondern eher schemenhaft. Menschen, die wie Bäume umhergehen.

Ein spannendes Bild finde ich. Dazu muss ich sagen, dass ich in den Ferien noch einmal den gesamten Herrn der Ringe gelesen habe. Eine Geschichte, die mich auch beim diesmaligen Leben voll in ihren Bann gezogen hat. Und in diesem Herrn der Ringe kommen solche Geschöpfe vor, die wie Menschen sind, aber wie Bäume aussehen. Die "Herr der Ringe" Leser unter ihnen wissen jetzt worüber ich spreche: Es sind die Ents, die Hüter der Wälder, die sich eigentlich nicht um die Belange der Welt kümmern, denen es gut geht unter den anderen Bäumen, mit endlos viel Zeit, geruhsam, verwurzelt und sich um ihre Bäume sorgend. Ihre größte Gefährdung ist, dass sie zu träge werden, Bäumen werden, die dauerhaft verwurzelt sind und damit ihre Seele, das, was sie zu Ents macht, verlieren.

Die Ents sind nicht leicht in Rage zu bringen, selbst als Ihre Bäume, ihre Schützlinge, gerodet werden, reagieren sie nicht; sie leiden und trauern, aber sie tun nichts dagegen. Es braucht erst den Anstoß von außen, von denen, die aus der Welt um sie herum kommen, um die Ents aufzurütteln, um ihnen Beine zu machen, um ihnen die Augen zu öffnen. Und dann werden sie mächtig, mächtig in ihrem Zorn, in ihrem Streben

nach Gerechtigkeit, mächtig als Verbündete derer, die dem aufstrebenden Bösen in der Welt nicht blind gegenüber gestanden haben. Soweit zu dem Bild der "Baum-Menschen".

Doch die Heilung des Blinden in unserem Predigttext geht weiter. Er kann die Menschen tatsächlich als die wahrnehmen, die sie sind — er wird wahrhaft sehend. Für ihn, wie für die Menschen um ihn herum ist ein Wunder geschehen.

Doch ist dieses Sehend werden erst der erste Schritt der Heilung; denn es heißt ja auch, dass er sich jetzt sein Leben neu einrichten muss. Er kann sich nicht wieder an den Straßenrand setzen und betteln, sondern er muss sein Leben neu und selbst in die Hand nehmen, jetzt da er nicht mehr nur auf den guten Willen von anderen angewiesen ist. Er muss seine Beziehungen neu ordnen. Er ist nicht mehr nur das Opfer, sondern kann nun selbst zum Täter werden. Vielleicht sind es jetzt andere, die auf seine Hilfe angewiesen sein werden.

Vielleicht ist das ein Grund, warum Jesus ihn zwar nach Hause schickt, aber ihm ganz dezidiert verbietet, in sein Dorf zurück zu kehren. Hier im Dorf ist vielleicht die Gefahr zu groß, dass er wieder in alte Strukturen hinein rutscht, dass er nur an dem gemessen wird, was er vor seiner Heilung einmal gewesen ist. Im Dorf sind seine Chance zu einem wirklich sehenden zu werden, einfach zu gering. Er soll zuhause anfangen, zu sehen, seine Familie wahrzunehmen, die zu sehen, die vielleicht jetzt auf ihn bauen.

Sehend werden ist gerade in der Bibel immer mehr, als nur sein Augenlicht zu haben. Sehend werdend bedeutet immer auch, die Verhältnisse um uns herum wahr zu nehmen.

Das fängt wie bei dem Blinden zuhause an. Zuhause zu sehen, heißt, hinzuschauen; wie verhalten wir uns zueinander; leben wir miteinander, dass jeder seinen Raum bekommt, in dem er oder sie sich entwickeln kann. Können wir angstfrei aussprechen, wenn uns etwas weh getan hat, wenn wir verletzt wurden? Können wir umgekehrt den anderen auch sagen, wie lieb wir sie haben, wie wichtig sie uns sind? Können wir diese Aussagen auch von den anderen Mitgliedern der Familie hören und annehmen, haben wir den Mut genau hin zu gucken?

Und von dort aus, können wir uns die Welt um uns herum ansehen. Und immer mal wieder bekommen wir vom Hinsehen einen großen Schreck, wie z.B. die Berichte vom letzten Sonntag, an dem acht indische Mitmenschen von einer Horde von ca 50 Leuten durch die Stadt getrieben wurde, ohne, dass sich jemand dazwischen gestellt hätte. Und natürlich muss ich mir dabei auch die Frage stellen lassen, hätte ich mich vor 50 rassistisch motivierte, gewaltbereite Leute gestellt. Ich wünschte es mir, hätte aber wahrscheinlich genauso Angst gehabt wie die anderen auch und es nicht getan.

Jesus schickte den Geheilten nach Hause und sagte: Geh aber nicht in das Dorf hinein!

Liebe Gemeinde, vielleicht fängt das Sehen tatsächlich zuhause an, da wo Eltern ihre Kinder erziehen und Kinder ihren Eltern von ihren Erlebnissen berichten, oder da wo wir hier in der Kirchengemeinde einen Raum schaffen, an dem Fragen und Zweifel laut werden können, an dem wir das Sehen üben, an dem wir Mut schöpfen hinzuschauen.

Jesus hat den Blinden geheilt; für ihn und die Menschen um ihn herum ist mit dieser Heilung ein Wunder geschehen, ihnen sind auch für die wundersamen Kräfte des Glaubens die Augen geöffnet worden. Sie wurden sehend. Liebe Gemeinde, das ist auch eine Einladung an uns, uns diesen Kräften anzuvertrauen, das Sehen zu üben wie die Ents im "Herren der Ringe", uns aufwecken zu lassen und danach zu handeln, frei nach dem diesjährigen Kirchentagsmotto:

Lebendig – Kräftig – schärfer.

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