Das perfekte Pharisäer-Dinner

Liebe Gemeinde,

können Sie sich vorstellen, dass Jesus sich bei einem Mann beschwert, weil der ihn nicht küssen will? Wir denken bei Jesus und dem Thema Küssen vermutlich alle nur an den ekelhaften Kuss von Judas, mit dem er ihn verraten hat. Dass ein Kuss für Jesus auch etwas Angenehmes hat, gehört nicht unbedingt zu den Fragen, die uns beschäftigen, wenn wir an Jesus denken. Und beim Küssen scheint er auch wenig Unterschiede zwischen den Geschlechtern zu machen. Aber bevor jetzt die leise Frage einsetzt, wie intim diese Predigt denn wird, hören wir einfach den heutigen Predigttext aus Lukas 7:

[TEXT]

Liebe Gemeinde, ein sehr offenherziger und ehrlicher Umgang mit Intimität und Moral von Jesus, vor allem für die damalige Zeit. Zwar sind wir heutzutage von Prominenten tagtäglich gesellschaftliche Skandale und Tabubrüche gewohnt. Ob Beckenbauer oder Becker, Seehofer oder Albert von Monaco – niemand würde wegen vorsätzlicher Untreue und unehelichen Kindern heute aus seinem Amt fliegen oder gar geächtet. Doch hier bei der Szene im Hause des Pharisäers handelt es sich um eine Situation, die wir nicht unter der Rubrik Untreue oder Seitensprung einordnen würden.

Schließlich handelt es sich nicht um einen sexuellen Akt, höchstens um etwas, das vor Gericht allenfalls als sexuelle Belästigung gewertet werden könnte. Doch wir bekommen als unbeteiligte Zuschauer bzw. Zuhörer nicht den Eindruck, als sei die Salbung der Sünderin Jesus lästig. Sie kommt verschämt von hinten an ihn heran und gibt sich nur mit seinen Füßen zufrieden. Ganz tief bückt sie sich und kommt gar nicht in die Verlegenheit, Jesu Gesicht zu nahe zu kommen.

Und welcher Mann denkt denn ernsthaft an körperliche Begierden, wenn da eine Frau zu seinen Füßen unaufhörlich weint – denn das muss sie offensichtlich – wie sollte sie ihm sonst mit ihren Tränen die Füße waschen? Selbst der hartgesottenste Macho hätte da Mitleid und würde sich nach dem Schicksal jener Unbekannten erkundigen. Warum weint sie? Warum gibt sie sich solche Mühe, ihm eine Freude zu machen sowohl mit ihren reichlichen Tränen und Haaren als auch mit kostbarem Salböl? Was treibt sie dazu, dies vor aller Augen zu tun? Was erwartet sie von Jesus? Und warum redet sie kein Wort?

Liebe Gemeinde, hier geht es um Sünde, um Schuld und Schulden, und um Geschenke. Stellen wir uns das Bild einer alten Waage vor mit zwei Waag-schalen. Wer von den beiden Hauptpersonen neben Jesus in der Erzählung wiegt schwerer, wenn es um Schuld geht? Die Sünderin, deren Lebensgeschichte wir nicht kennen, von der nur angedeutet wird, dass ihre Sünde nichts mit Urkundenfälschung oder Eigentumsdelikten zu tun hat, sondern sexueller bzw. sittlicher Natur ist?

Oder der untadelige Pharisäer Simon, der sich an die Gebote hält und um ein religiös reines Gewissen bemüht ist und sogar Rabbi Jesus zu sich einlädt? Jesus nimmt eindeutig Stellung, wohin diese Waagschalen tendieren. Da ist er ganz offen und ehrlich und bringt als Beispiel eine andere, interessante Waage. „Ein Gläubiger hatte zwei Schuldner. Einer war fünfzigtausend Euro schuldig, der andere fünftausend. Weil sie ihre Schulden aber nicht zurückzahlen konnten, schenkte er beiden das Geld. Wer von ihnen wird ihn am meisten lieben?“

Für Simon ist die Sache klar, auch wenn er sich damit ein dickes Eigentor schießt. Für Jesus ist die Sache auch klar, und damit Simon auch begreift, warum er der Typ mit den fünftausend Euro ist, beschreibt Jesus die Situation. Simon hat ihn zwar eingeladen, versagt aber als aufmerksamer Gastgeber. Für ihn reicht das Essen. Jesus aber erwartet mehr: ein Wasserbecken für die müden, staubigen Füße, einen Begrüßungskuss als Geste der Höflichkeit, eine Salbung als Zeichen der menschlichen Wertschätzung.

Nichts von dem hat Simon zu bieten. Und spätestens seit der Sendung „Das perfekte Promi-Dinner“ wissen wir doch, dass zu einem perfekten Mahl für Gäste nicht nur ein gutes Drei-Gänge-Menü gehört, sondern auch viel Aufmerksamkeit für die Gäste. Die fremde Frau aber, die Simon da misstrauisch beäugt und sich seinen Teil zu ihrem ungebührlichen Benehmen in einem fremden Haus denkt – ausgerechnet diese Sünderin macht das Pharisäerdinner perfekt!

Das wirkt auf den armen Simon ungefähr so, als wenn ich einem Vegetarier zu einem exquisiten italienischen Gemüseauflauf noch ein paar Frikadellen reiche. Oder als wenn die Wiener Symphoniker nach einem ergreifenden Requiem als Zugabe noch „So ein Tag, so wunderschön wie heute“ intonieren. Für Simon muss bei Jesu Situationsanalyse eine Welt zusammengebrochen sein.

Natürlich hat Jesus recht: Er war ein unaufmerksamer Gastgeber und hat seinem Gast keine persönliche Wertschätzung entgegengebracht. Aber schließlich ist er ein Mann, und Männer stehen nun mal nicht auf diesen höflichen Schnickschnack wie Füße waschen, Küsschen hier, Küsschen da, und Einparfümieren. Hat er nicht mit seiner Einladung und seinem intellektuellen Gespräch Jesus genug Wertschätzung gezeigt? Muss er sich da von ihm brüskieren lassen, als stünde die Sünderin moralisch über ihm? Was tut sie denn: sie heult die ganze Zeit, sagt kein Wort und belästigt seinen Gast! Also bitte!

Klar zeigt diese Sünderin Liebe – aber zu dem Thema fallen Simon bei der Frau noch ganz andere, nicht jugendfreie Sachen ein, die er aus Höflichkeit lieber unerwähnt lässt. Aber nun gut – am Schluss vergibt Jesus der Frau ja ihre Sünden und gibt wenigstens zu, dass sie viel gesündigt hat. Simon holt also wenigstens noch ein moralisches Unentschieden heraus.

Liebe Gemeinde, kommen wir zur eigentlich spannenden Frage: Zu welcher Richtung tendiert unsere persönliche Waagschale? Haben wir viele Schulden bei Gott oder hebt sich die Waagschale? Lieben wir viel und können uns deshalb mehr Sünden erlauben oder lieben wir am meisten uns selbst und die anderen gerade so viel wie nötig?

Schwere Frage, nicht wahr? Wie sollen wir uns selber einschätzen? Denn genau darin liegt ein Grundproblem des menschlichen Miteinanders heute: Fast alle sagen sich: Ich bin doch lieb – die anderen sind immer so unsensibel! Ich bin doch ganz einfach – die anderen sind immer so kompliziert! Ich tue doch keinem Menschen etwas – die anderen reden immer fiese Sachen! Wenn alle so wären wie ich, dann wäre die Welt viel besser!

In Wirklichkeit ist es meist genau umgekehrt, liebe Gemeinde, aber das will niemand wahrhaben. Wenn die meisten wüssten, wie fehlerhaft und schuldig sie von anderen bewertet werden, wären sie beschämt oder zumindest etwas bescheidener.

Aber die Rechtfertigung der Sünderin durch Jesus klingt logisch etwas holperig. Ist es denn so, dass diejenigen, die viel Liebe zeigen, automatisch mehr sündigen? Oder lieben sie so verzweifelt, weil sie um ihre Vergebung betteln? Stimmt das tatsächlich, dass derjenige mehr liebt, dem mehr Schulden erlassen bzw. mehr Geld geschenkt wurde? Erkauft sich Gott damit nicht die Liebe der Menschen?

Ich weiß, das klingt hart und passt nicht in unser Gottesbild, aber ist denn nicht jeder froh und dankbar, dem eine große Summe Geld geschenkt wurde – ganz gleich wie viel? Eine Liebe, wie Jesus sie meint, kann doch nicht berechnend sein. – Natürlich nicht, liebe Gemeinde! Und deshalb dürfen wir den Vergleich mit den beiden Schuldnern auch nicht überbewerten. Wichtig und nachvollziehbar ist, was Jesus damit meint: „Die vielen Sünden der Frau sind vergeben, denn sie hat viel Liebe gezeigt. Wem aber wenig vergeben wird, der liebt wenig.“

Nehmen wir als alltägliches Beispiel unsere Kinder. Wer sein Kind nur zurechtweist, ihm gnadenlos alle Fehler vorhält und ein perfektes Kind aus ihm formen will, der wird mit aller Wahrscheinlichkeit ein rücksichtsloses Kind erreichen. Kinder, die wenig Liebe und Nachsicht erfahren und stattdessen viel Druck, werden später nur schwer in der Lage sein, selbst zu lieben. Das Gleiche gilt natürlich ebenso für Ehepartner oder für das Verhältnis zwischen Angestellten und Vorgesetzten. „Wem wenig vergeben wird, der liebt wenig.“

Simon, der Pharisäer, hat sich zwar nur seine Gedanken über die Sünderin gemacht und sie nicht unterdrückt, doch immerhin hat er so laut gedacht, dass es Jesus gehört hat. Er hätte ihr nicht vergeben, sondern sie immer nur als die Sünderin bewertet. Jesus dagegen vergibt ihr; er sieht in ihr Herz und sieht die große Liebesfähigkeit in diesem Herz. Er sprach zu ihr: Dir sind deine Sünden vergeben. Dein Glaube hat dir geholfen; geh hin in Frieden!

Liebe Gemeinde, nichts anderes sagt Jesus zu uns im Abendmahl: „Dir sind deine Sünden vergeben. Dein Glaube hat dir geholfen; geh hin in Frieden!“ Wir brauchen nicht die Tränen, die Haare zum Trocknen und das Salböl. Uns reicht eine Oblate und ein Schluck Traubensaft. Jesus vergibt uns, weil er unsere Liebe sieht. Und ich persönlich glaube nicht, dass er zählt, ob wir fünftausend Mal schuldig geworden sind oder bloß fünfmal … auch nicht, ob wir sehr viel Liebe geben oder wenig …. dass wir ihm vertrauen – das zählt. Das können wir in die Waagschale legen, damit sich unsere Schale hebt.

Wissen Sie, liebe Gemeinde, dass der Evangelist Johannes gar nicht vom Abendmahl Jesu berichtet? Kein Brot, kein Wein. Bei Johannes tut Jesus genau das, was die Sünderin hier macht: Er wäscht seinen Jüngern die Füße. Manchmal denke ich, wir sollten einmal im Jahr statt der Abendmahlsfeier einander die Füße waschen …. Es würde uns Demut lehren; denn in uns steckt zuviel Simon und zuwenig Sünderin. Und auf die Demut kommt es an diesem Sonntag an. So sagt es zumindest der Wochenspruch: „Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt es Gnade.“

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