Stärker als Worte

Liebe Gemeinde,

manchmal können Gesten stärker als Worte sein.

Langsam fangen wir an, dies auch in unserer evangelischen Kirche wieder zu entdecken. Räume des Schweigens. Düfte, die die Sinne anregen, Berührungen. Rituale. Zeichen. Zulassen von Gefühlen… hier und da, hin und wieder, darf es sein.

Tastend noch und behutsam versuchen wir, neue Formen von Spiritualität zu entwickeln und auszuprobieren: weg von der reinen Kirche des Wortes, hin zu einer Kirche, die den ganzen Menschen, mit Leib und Seele und Geist, mit Händen, Füßen und Atem anspricht. In unseren beiden Gemeinden gibt es gelegentlich auch solche Versuche, bei der Gestaltung von Andachten und Gottesdiensten ebenso wie bei anderen Angeboten – in der Bonhoeffer-Gemeinde haben wir in diesem Jahr zum Beispiel begonnen, Erfahrungen mit dem Pilgern auf dem Elisabethpfad zu sammeln.

Ein Glaube, der nicht vom Kopf, sondern von den Füßen ausgeht, der berührt und berühren lässt: dafür ist die Geschichte des heutigen Predigttextes ein wunderbares Beispiel.

Eine Frau ist es, die uns in diesem Text zeigt, wie Glaube auch sein kann: gefühlvoll und hingebungsvoll, zärtlich und innig, sinnlich und ja sogar: erotisch.

Ungefragt bricht sie hier ein in eine Situation, zu der ihr eigentlich der Zutritt verwehrt war, in der sie eigentlich nichts zu suchen hatte:

Ein Essen im Haus eines Pharisäers, eines Gelehrten also, der begierig war, mit Jesus einen geistigen Disput zu führen, ihm zuzuhören, von ihm zu lernen, vielleicht auch mit ihm zu streiten – auf Augenhöhe, denn ganz gewiss war er einer von denen, die ihm wohl gesonnen waren, die ihn hoch schätzten und achteten – und darum stolz und überglücklich war, in zu Besuch in seinem Haus zu haben.

Der Tisch war gedeckt für den besonderen Gast, ein köstliches Essen vorbereitet, die Kerzen brannten – man hatte schon Platz genommen, liegender Weise um den Tisch herum, wie es damals üblich war – ein wunderbarer Rahmen, eine wunderbare Atmosphäre für die Gespräche mit Jesus, auf die sich der Pharisäer Simon schon seit Tagen freut …

Doch genau da platzt diese Frau herein: eine stadtbekannte Sünderin, wie es heißt, und wir assoziieren sofort: eine Frau, der der Ruf vorauseilt, recht freizügig mit ihrem Körper umzugehen, leichtfertig ihre Liebesdienste anzubieten, was immer sie einst dazu gebracht haben mag. Mit ihrer geballten Sinnlichkeit wagt sie es einzudringen in das Haus des rechtschaffenen Pharisäers und diese feierliche, ja heilige Atmosphäre durch ihr Erscheinen zu stören.

Die Blicke sind plötzlich auf sie gerichtet, und Simon, der Gastgeber, erstarrt – es braucht wohl nicht viel Phantasie, um sich vorzustellen, welch ein peinlicher Moment das für ihn als Gastgeber sein muss: ein Skandal, dass sie hier auftaucht, ausgerechnet in seinem Haus, ausgerechnet jetzt, wo Jesus bei ihm ist.

Doch diese namenlose Frau (sie wurde später fälschlicher Weise oft mit Maria Magdalena gleichgesetzt) lässt sich nicht aufhalten, zielstrebig steuert sie auf Jesus zu, mit dem kostbaren Salböl in der Hand, lässt sich zu seinen Füßen nieder, fängt an zu weinen und seine Füße zu küssen und sie mit dem Salböl einzureiben.

Was für eine Szene, liebe Gemeinde – stellen wir uns das wirklich ganz hautnah vor: wie diese Frau sich Jesus nähert, nicht mit dem Geist, nicht mit dem Verstand, Wie der Pharisäer, sondern mit ihrem Körper – mit dem gleichen Körper, mit dem sie sich bereits vielen Männern auf andere Weise hingegeben hat, mit ihren Händen, mit ihren Haaren, mit ihren Tränen – so kniet sie zu Jesu Füßen und salbt sie mit dem duftenden Öl: die Sinnlichkeit in Person.

Das alles geschieht, ohne dass ein Wort dabei gesprochen wird: eine ungeheure Spannung liegt da im Raum, der Atem stockt einem sogar noch beim Hören der Geschichte, man fühlt sich förmlich hineingezogen, als wäre man selber dabei, mittendrin im Geschehen …

Und Jesus – was tut er? Er lässt sich das gefallen. Er wehrt die Körperlichkeit, die Nähe, die Gefühle, die Zärtlichkeit dieser Frau nicht ab. Ihre Zuwendung scheint ihm kein bisschen peinlich zu sein. Von Berührungsangst keine Spur. Er verurteilt ihre starke Sinnlichkeit nicht,

wie es der Pharisäer Simon wohl erwartet hätte; er verbannt sie nicht aus dem Raum des Glaubens, wie es die spätere Kirche noch viel radikaler getan hat. Im Gegenteil: er nimmt sie an und weiß sie zu deuten: als Ausdruck der Sehnsucht dieser Frau nach Vergebung und Heilung, und nach einer Liebe und Zärtlichkeit, die nicht sexuell ausgebeutet wird.

Gesten können stärker als Worte sein. Jesus weiß das aus eigener Erfahrung, aus eigenem Tun – er versteht die Sprache der Berührung, weil er selber Menschen berührt. Und so lässt er dieser überaus starken Geste, die alle Beteiligten verstummen lässt, ihren Raum. Die Tränen dieser Frau dürfen fließen, der Duft des Salböls darf sich im Raum verströmen, ihre Haare dürfen seine Haut berühren und seine Füße trocknen, auch wenn uns und den damals Anwesenden dabei der Atem stockt.

Lasst es ruhig zu! – so höre ich seine Botschaft aus dieser Geschichte, ihr müsst euch nicht verschließen, wenn sich in meiner Gegenwart Berührung ereignet, wenn im Gottesdienst eure Sinne angeregt werden, oder das körperliche Erleben mit ins Spiel kommt – denn Glaube ist nicht nur eine Sache des Verstandes, des Wortes, des Kopfes. Glaube geht durch das Herz, durch Hände und Füße und Haare, durch die Haut und manchmal vielleicht, ja hoffentlich eben auch: unter die Haut.

Das zeigt uns diese unbekannten Frau, eine, die als Sünderin gebranntmarkt wird, aber sich die Sprache der Körperlichkeit bewahrt hat, die wir, wie es manchmal scheint, fast verlernt haben. Darum kann Jesus am Ende der Geschichte zu ihr sagen: Dein Glaube hat dir geholfen.

Aber: da ist ja noch der Einwand des Pharisäers, er kann natürlich nicht ausbleiben, man muss damit rechnen, auch heute noch, dass er erhoben wird von Manchen, denen es höchst suspekt ist, wenn zu viel Sinnlichkeit und Körperlichkeit Einzug in Glaube und Kirche erhält: ist doch der Körper in unserer christlichen Tradition immer mit dem Makel der Sündhaftigkeit behaftet gewesen. Der Einwand des Pharisäers scheint berechtigt: Darf die Moral dabei so auf der Strecke bleiben, wie es in der Begegnung zwischen Jesus und der so genannten Sünderin geschieht? Rechtfertigt Jesus hier denn nicht ein Leben, das nach den moralischen Maßstäben des Glaubens als sündig, als nicht gottgefällig bezeichnet werden muss?

Gleich zwei Antworten sind es, die Jesus dem Einwand des Simon entgegenhält: Die erste Antwort ist das Gleichnis von den beiden Schuldnern. In diesem Gleichnis wird die Frau gleichgesetzt mit demjenigen Schuldner, der den größeren Betrag zurückzuzahlen hat und später erlassen bekommt. Damit zeigt Jesus zunächst, dass er sehr wohl die problematische Seite sieht, die sich hinter der Sinnlichkeit und Zärtlichkeit dieser Frau verbirgt. Aber er sieht sie nicht mit verurteilendem Blick der Anderen, sondern mit den Augen der Barmherzigkeit – mit den Augen der vergebenden Liebe Gottes, die ihre Zärtlichkeit und Sinnlichkeit aus den bisherigen Verstrickungen des sündigen Lebens zu befreien vermag. Durch diesen Blick ist es ihm möglich, in ihr nicht mehr primär die Sünderin zu sehen, sondern die Liebende, die sie im Grunde ihres Herzens immer schon war.

Bekräftigt wird das durch die doch recht bemerkenswerte zweite Antwort Jesu, die lautet: „Ihre Sünden sind ihr vergeben, denn sie hat viel Liebe gezeigt; wem aber wenig vergeben wird, der liebt auch wenig.“

Jesu Gastgeber weiß sehr wohl, dass der zweite Teil des Satzes auf ihn gemünzt ist – und vielleicht fühlen ja auch wir uns von ihm getroffen. Denn Jesus scheut sich nicht, ihn mit seiner eigenen Dürftigkeit, im Vergleich zu der überströmenden Liebe der Frau, zu konfrontieren: „Du hast mir kein Wasser für die Füße gegeben, du hast mir keinen Kuss zur Begrüßung gegeben, du hast mich nicht mit köstlichem Öl eingesalbt … – diese Frau aber hat mir ihre ganze Liebe gezeigt!“

Ja – vor lauter Ehrfurcht und heiliger Atmosphäre hat der Pharisäer Simon wohl vergessen, seinen Gast Jesus mit den damals im Orient eigentlich üblichen und selbstverständlichen Ritualen – Fußwaschung, Willkommensgruß und Salbung – zu begrüßen. Vielleicht hat er ja gedacht, Jesus habe solche Aufmerksamkeiten für das körperliche Wohlbefinden nicht nötig. Aber Jesus hält es ihm jetzt als Versäumnis vor: wer so sparsam mit herzlicher und gefühlsmäßiger Zuwendung ist, sagt er zu seinem Gastgeber, wird niemals zu der Weite der Liebe vordringen, die die Frau mit ihrem Tun bewiesen hat. Sie hat Mut zum Risiko gezeigt, indem sie ihre Liebe zu Jesus ohne Rücksicht auf Konventionen bekannt und ausgedrückt hat. Auch darum, weil Jesus diesen Mut wertschätzt und anerkennt, steht am Ende der Geschichte dieser an die Frau gerichtete Satz: „Dein Glaube hat dir geholfen; geh hin in Frieden.“ Was aber bleibt für uns übrig, was nehmen wir mit als Anstoß aus dieser Geschichte?

1. Manchmal können Gesten stärker als Worte sein. Wir sollten darum als Christinnen und Christen hin und wieder den Mut haben auch zu großen Gesten. Unsere Gefühle und Handlungen, ob im Alltag oder im Gottesdienst, müssen nicht immer klein und proportioniert sein, auch wenn wir das vielleicht mal so gelernt haben. Sie dürfen ruhig auch mal groß und überschwänglich sein – vorausgesetzt natürlich, dass sie von Herzen kommen und nicht aufgesetzt sind.

2. Mich beeindruckt an der Geschichte auch das Fehlen jeglicher Berührungsangst im Verhalten Jesu. Was, so frage ich mich, bedeutet das für unser Verhältnis zu Menschen, die allzu schnell auch heute von uns als „Sünderinnen“ und „Sünder“ abgestempelt werden? Wie sehen wir die Situation von Prostituierten bei uns und in aller Welt, die oft aus wirtschaftlicher Not heraus in diese Lage geraten? Wie steht es mit unserem Verhältnis zu gleichgeschlechtlich liebenden Menschen, die oft nur einseitig auf ihre von der Norm abweichende Sexualität hin angesehen werden – nur selten aber wahrgenommen und anerkannt werden in ihrer oft außerordentlichen Fähigkeit zu lieben?

3. Wo ist in unserer Kirche Platz für Sinnlichkeit und Zärtlichkeit, ohne dass sie sogleich in Gefahr gerät, unter das Verdikt der Sünde gestellt werden? Wo lassen wir Berührung zu, wo kann und darf sie sich ereignen auch im ganz körperlichen Sinne, ohne dass wir uns peinlich berührt fühlen?

Von einem bin ich überzeugt: es täte uns allen gut, die Dimension der Leiblichkeit, wie sie uns in unserer Geschichte in Gestalt der Frau begegnet, im Raum der Kirche wieder stärker einzulassen und zuzulassen. Und wunderbar wäre es auch, wenn wir als Christinnen und Christen auch sonst noch mehr als bisher dazu beitragen könnten, dass Berührungsängste jeglicher Art unter den Menschen und in unserer Gesellschaft abgebaut werden. Die Geschichte des heutigen Predigttextes lehrt uns, immer wieder neu hinzuschauen, Scheuklappen abzulegen, festgefahrene Klischees zu überwinden und die Menschen in ihren unterschiedlichen Ausdrucksformen mit den Augen der Liebe und Barmherzigkeit anzuschauen. Das Vorbild Jesu und das Beispiel so genannten Sünderin in der Geschichte kann uns dazu ermutigen, uns ohne Angst auch mit Menschen einzulassen, die einem anderen Milieu angehören als wir – und uns von ihnen berühren zu lassen, so wie Jesus sich berühren ließ von der Frau in der Geschichte.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, erfülle unsere Herzen und Sinne mit der Kraft des lebendigen Christus.

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