Von den verschiedenen Gesichtern des Glaubens

„Mein Glaube hat mir geholfen“. Das können sicherlich auch hier in diesem Kreis viele der Bewohner des Kirsteinhauses (Evangelisches Seniorenzentrum Templin) oder der Gemeinde, die heute eingeladen ist, mitzufeiern, sagen. Viele Menschen haben mir in den letzten Jahren davon erzählt, wie der Glaube ihnen geholfen, sie getröstet, ermutigt und geführt hat. Viele hätten die Erfahrung als Kind oder junge Familie fliehen zu müssen, in eine fremde, nicht immer gleich gastfreundliche Umgebung zu kommen, nicht verarbeitet. Mit so manchem Schicksalsschlag, mancher Krankheit und mancher Herausforderung wären sie nicht klargekommen. Aber mit dem Glauben, der schon in der Kindheit ganz selbstverständlich zum alltäglichen dazugehörte, mit dem Gottvertrauen, dass da eine Hand ist, die immer hält, ging es dann weiter, fanden sich Wege und war am Ende dann doch genügend Kraft da, um die Herausforderungen anzupacken.

Ja, mein Glaube hat mir geholfen. Das kann ich für mich auch sagen. Ich bin dankbar, dass schon früh das zarte Pflänzchen Gottvertrauen in mein Leben hineingelegt wurde. Es hat mich in meiner Kindheit und Jugend begleitet, mir geholfen, Entscheidungen zu fällen und meinen Weg zu gehen. Es lohnt sich einen Augenblick innezuhalten und einmal zu überlegen, wo wir , wo jeder für sich, sagen kann: „Mein Glaube hat mir geholfen.“ Schließlich ist hier heute genügend Lebenserfahrung unter Gottes wunderschönem Himmelszelt an diesem schönen Fleckchen Erde versammelt! Dieser ganze Tag, dieses Fest und dieser Gottesdienst stehen unter der Überschrift: „Dein Glaube hat dir geholfen“ Ein Satz aus der Geschichte, die wir als Evangelium gehört haben, ein Satz aus dem Munde Jesu.

Darum möchte ich mit ihnen heute ein wenig darüber nachdenken, was es denn mit dem Glauben auf sich hat. Er ist ja ein eigen Ding. Manche sagen, er ist vielen Menschen verloren gegangen. Manche sind mit den Schicksalsschlägen und dem Verlauf ihres Lebens eben nicht fertig geworden. Das gibt es. Manche sagen, der Glaube ist überholt. Sie leben und erklären ihr Leben und diese Welt ohne Gott. Lange Zeit kann man sich so einrichten und leben. Aber ich glaube, dass dennoch etwas in diesem Leben fehlt und am Ende die Frage nach Gott dringend wird. Für wieder andere ist der Glaube etwas nebensächliches, für das die Zeit fehlt. Der Glaube kann im Leben mal mehr und mal weniger Bedeutung haben. Aber dann gibt es eben auch die Menschen, für die der Glaube eine Kraftquelle, eine Oase, Motor und Triebfeder ihres Lebens ist.

In der Geschichte dieses Sonntages begegnet uns „Glaube“ auch in ganz unterschiedlicher Gestalt. Zunächst in der Gestalt des Pharisäers. Sie, die Pharisäer, haben eigentlich zu Unrecht einen so schlechten Ruf. Es sind gottesfürchtige, bibelfeste Menschen. Ein Pharisäer hat Jesus zu sich nach Hause eingeladen. Er möchte Jesus kennen lernen, sich ein eigenes Bild machen, ins Gespräch mit ihm kommen. Das ist womöglich die intellektuelle Gestalt des Glaubens, die das Gespräch sucht und verstehen möchte, die gerne diskutiert und wert auf Genauigkeit und Präzision legt. Da ist schon einmal Raum für den Zweifel, der sich nicht mit einfachen Antworten zufrieden gibt, auf Widersprüche hinweist und nachhakt. Da ich selber Theologe bin und immer noch Freude am theologischen Nachdenken habe, ist mir dieser Pharisäer im Grunde sympathisch. Er macht deutlich, dass Glaube nichts mit Einfalt und Kindhaftigkeit zu tun hat, sondern durchaus versucht, Gott und die Welt gedanklich zu bewältigen und durchaus in der Lage sein sollte, Rechenschaft vor anderen abzulegen.

Der Pharisäer, Simon mit Namen, hat für sich dabei ein klares Bild. Glaube hat auch etwas mit Rechtschaffenheit zu tun, muss sich moralisch korrekt erweisen. Ein glaubender Mensch tut bestimmte Dinge einfach nicht. Von bestimmten Menschen hält er sich fern. Und von Jesus erwartet er eigentlich das Gleiche. Auf einmal aber wird der Glaube damit elitär und exklusiv, nicht für alle geeignet. Für eine Sünderin ist da kein Platz. Über ihre Schuld ist viel phantasiert worden. Ich will mich daran nicht beteiligen. So ohne Konkretion eignet sich besser als Spiegel für unsere jeweiligen Moralvorstellungen, die sich ja durchaus zeitbedingt wandeln können. So gab es eine Zeit, da gehörten solche weltlichen Vergnügungen wie Tanz und ein Glas Wein nicht zu einem christlichen Lebenswandel.

Diese moralische Gestalt des Glaubens, irritiert mich immer etwas. Ich erlebe sie als Erwartung von außen nach einem besseren Lebenswandel, nach mehr Ehrlichkeit, Gerechtigkeit und Frieden im Umgang miteinander, als hohe Meßlatte, an der wir aber immer wieder scheitern (müssen!) und deshalb andere irritieren, wenn sie bemerken, dass auch ein Glaubender nicht automatisch ein besserer Mensch ist. Diese moralische Gestalt des Glaubens kann auch leicht zu einer Überheblichkeit führen und übersieht einfach, wie sehr jeder auch in den Grenzen seiner Möglichkeiten und Lebensumstände lebt. Jesus hat sich dennoch oder gerade deshalb auf den Pharisäer eingelassen. Er hat sein Haus aufgesucht und wagt das Gespräch mit ihm. Einsichten können sich schließlich auch durch bessere Einsichten ändern. Deshalb ist das Gespräch wichtig. Der Glaube ist nie fertig, ist kein abgeschlossenes System.

Ganz im Gegenteil. Da passiert immer wieder völlig unerwartetes. So wie in der Gestalt der Frau, die Jesu Füße mit ihren Tränen benetzt und mit Öl salbt. Auch mit ihr bekommt der Glaube ein ganz deutliches Gesicht. Es ist die Direktheit und Geradlinigkeit dieser Frau, die mich beeindruckt. Sie weiß, was sie will. Sie will die Nähe und die Zuwendung Jesu. Sie will raus aus ihrem alten Leben, in dem alle schon immer wissen, was sie von ihr zu denken und zu halten haben, und erhofft von Jesus alles. Deshalb fragt sie nicht, was sich schickt und was sich gehört, sondern geht einfach in das Haus des Pharisäers und tritt von hinten (!) an Jesus heran, berührt ihn, beweint ihn und übergießt seine Füße mit (kostbarem) Öl. Sie verschwendet all ihre Hoffnung und ihre Sehnsucht mit übermäßigen Gesten der Zuneigung und Zuwendung. Es ist ein Zeichen der Gastfreundschaft dem Wanderer die strapazierten Füße zu reinigen und zu pflegen. Das ist das verschwenderische Gesicht des Glaubens. Alles geben, ohne nach dem Nutzen und ohne Absicht zu fragen. Alles erhoffen, ohne es zu erkaufen. Sie spekuliert nicht auf Vergebung und kalkuliert nicht Kosten und Nutzen ihres Handelns, sondern stellt sich mit ihrem Leben und ihrer Verzweiflung diesem Jesus.

„Hier bin ich – ganz bei dir.“ Wer kann das so von sich sagen Das ist Glaube, ganz bei Jesus sein. Und das ist die ganz andere Seite, nicht intellektuell. Hier werden keine großen Worte gemacht. Das ist die sinnliche Gestalt des Glaubens, die sich in Gesten und Zuwendung und Nähe ausdrückt, gewissermaßen die Zärtlichkeit des Glaubens begegnet uns in der Gestalt der Sünderin, die Jesus salbt. Und diese Frau macht eine wunderbare Glaubenserfahrung: dass nämlich alles, was sie an Ballast in ihrem Leben mit sich trägt, dass alle Schuld der Vergangenheit, alles, was man ihr nachsagt und vorhält, alles, was sie belastet, was ihr die Tränen in die Augen treibt, dass all das in der Gegenwart Jesu und in ihrer Begegung mit ihm keine Rolle spielt, nicht mehr ins Gewicht fällt. Wer sich so ganz und gar Jesus zuwendet erfährt, wie die Vergangenheit wirklich Vergangenheit wird und keine Macht mehr über die Gegenwart bekommt. „Dir sind deine Sünden vergeben.“

Auch das ist eine Gestalt des Glaubens: ganz gegenwärtig leben und nicht ständig im Schatten der Vergangenheit stehen. Dazu will uns das Schicksal dieser Frau ermutigen. Gott legt uns nicht auf unsere Vergangenheit fest, sondern eröffnet uns Zukunft, wenn wir ganz nah bei Jesus Christus sind und zu unserem Leben stehen. Jesus sagt selbst von dieser Frau: dein Glaube hat dir geholfen. Stärker er auch in uns diesen Glauben, der zum Leben hilft.

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