Anbetung überwindet Trennung

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,

die Empörung auf protestantischer Seite war groß vor wenigen Wochen, als die Glaubenskongregation im Vatikan in einem Schreiben mit Antworten auf Fragen bezüglich der Lehre über die Kirche noch einmal feststellte, dass die Kirchen der Reformation nicht Kirche im eigentlichen Sinne seien, bestenfalls kirchliche Gemeinschaften, die dennoch und ich zitiere: auch wenn sie, wie wir glauben, mit jenen Mängeln behaftet sind, keineswegs ohne Bedeutung und Gewicht im Geheimnis des Heils (sind). Denn der Geist Christi weigert sich nicht, sie als Mittel des Heils zu gebrauchen, deren Kraft sich von der Fülle der Gnade und Wahrheit herleitet, die der katholischen Kirche anvertraut ist.“

Als einen Querschuss im ökumenischen Gespräch bezeichnete der EKD Ratsvorsitzende Woflgang Huber diese Stellungnahme und es wurde deutlich, wie empfindlich und verletzbar Protestanten gerade in unserer Zeit sind, wenn ihnen von Rom und einem in den Medien universal präsenten Papst das Kirchesein abgesprochen wird. Die Evangelische Kirche hat es auch in der öffentlichen Wahrnehmung schwer neben dieser weltweiten Organisation katholische Kirche mit all ihrem Glanz und ihren prachtvollen Riten .

Dabei ist die Empörung gar nicht nötig, denn es ist überhaupt nichts neues gesagt worden.

Das nach katholischem Verständnis die apostolische Sukzession, also die direkte Linie im Weihesakrament und im Bischofsamt bis zum Apostel Petrus zur Kirche gehört ist ein alter Hut und nach evangelischem Verständnis nebensächlich. Dass das Evangelium, die gute Nachricht von Jesus Christus, den wir als Gottes Sohn bekennen, gekreuzigt und auferstanden um unseres Heils willen, recht verkündigt wird und das die Sakramente Taufe und Abendmahl recht verwaltet werden, das macht allein Kirche aus. Und deshalb sind wir Kirche, so wie die anderen Kirchen, in denen das geschieht. Es ist wohl wirklich ein Zeichen von fehlendem Selbstbewusstsein, wenn es Protestanten so trifft, dass andere von außen definieren, ob wir uns Kirche nennen dürfen oder nicht.

Dabei spielt im Alltag diese Frage überhaupt keine Rolle. Wir spüren das doch, wenn hier in Templin sich Christen aller Kirchen zum wöchentlichen Friedensgebet treffen, in der Kantorei gemeinsam musizieren oder ökumenische Gottesdienste feiern. Es ist spannend zu beobachten, wenn sich Kinder und Jugendliche gegenseitig erklären, was die Besonderheiten ihrer Kirchen sind und entdecken, wie viel sie verbindet und wie wenig sie eigentlich trennt. Wie oft besuchen katholische Christen unsere evangelische Gottesdienste und sind Gäste bei der Feier des Abendmahles. Schwierig wird es erst, wenn es um einen Vorrang geht, wenn nur ein Weg als der Richtige und Wahre übrig bleiben soll.

Wenn aus einem versöhnlichen Nebeneinander christlicher Kirche ein Entweder/Oder wird.

Diese Situation, dass Menschen auf den gleichen Gott vertrauen, auf die gleichen Worte der Schrift hören und dennoch keine Gemeinschaft miteinander haben und unversöhnt sich gegenüberstehen ist dabei keineswegs neu.

Diese Situation gab es schon zur Zeit Jesu im Gegenüber von Juden und Samaritern. Beide verehrten den Gott Israels, beide hörten zumindest auf die Worte der fünf Bücher Mose. Aber die einen feierten Gottesdienst in Tempel von Jerusalem, die anderen auf dem Garizim, wo einst ihr Tempel vor der Zerstörung stand. Und sie gingen sich aus dem Weg, mieden einander, sahen nicht das Gemeinsame, sondern betonten die unversöhnlichen Gegensätze.

Gegensätze, die eigentlich nebensächlich waren und sind , wie der Predigttext dieses Sonntages deutlich macht.

Hören wir aus dem Johannesevangelium die Verse 19-26:

[TEXT]

Ein Gespräch voller Tabubrüche und ein Gespräch, dass sich um Wesentliches dreht.

Ein Gespräch, dass auch uns von Nebensächlichem weg hin zum Wesentlichen führt.

Das ein Mann mit einer Frau, ja erst ein recht ein Jude mit einer Samariterin spricht ist der Tabubruch. Das tat man eigentlich nicht. Aber das spielt jetzt keine Rolle mehr.

Anderes ist wichtiger. Dabei teilt Jesus durchaus das jüdische Selbstbewusstsein den Samaritern gegenüber, denn so sagt er selbstverständlich: „ das Heil kommt von den Juden“

Aber dieser sein Satz hat heute für uns eine ganz andere Bedeutung. Mit unserer Geschichte und Vergangenheit im Rücken klingt er wie eine dringende Erinnerung, die Wurzeln unseres Glaubens, gewissermaßen den Mutterboden, auf dem das anfangs kleine Pflänzchen Kirche erst wachsen konnte, nicht zu vergessen. Christen und Juden sind in besonderer Weise miteinander verbunden, wie Geschwister. Es ist der Gott Israels, den Jesus Abba, mein Vater, nannte und zudem auch wir mit den Worten Jesu beten „Vater unser im Himmel“. Das haben Christen leider nur zu lange vergessen und gemeint, sie könnten den Platz der älteren Geschwister einnehmen. Dabei ist es wohl eher unser Auftrag, denen einen Weg zu Gott zu zeigen, die nicht zu diesem Gottesvolk gehören, deutlich zu machen, dass der Gott Israels, dieses kleinen Volkes, eigentlich immer Spielball der Großen in der Geschichte, dass dieser Gott Schöpfer der Welt und Herr über alle Völker ist. Es ist unsere Sache , alle in die große Familie der Kinder Gottes hineinzuholen und nicht sie auszuschließen und abzugrenzen. Das ist der Auftrag des Messias, des Christus, der ja dieser Jesus ist, der mit der Frau am Jakobsbrunnen spricht.

Und mit einem Mal spielt es gar keine Rolle mehr, dass Juden und Samariter eigentlich keine Gemeinschaft miteinander haben, nicht miteinander reden und erst recht nicht miteinander singen und beten und Gottesdienst feiern.

Ganz im Gegenteil, etwas neues ist mit diesem Jesus in die Welt gekommen und langsam geht das dieser Frau am Brunnen auf.

Nur uns Christen scheint es immer noch nicht richtig aufgegangen zu sein, wenn wir sorgfältig kultivieren und pflegen, was uns trennt.

Gott im Geist und in der Wahrheit anzubeten über die Grenzen hinweg in versöhnter Unterschiedlichkeit – das ist das Neue und Entscheidende.

Wenn wir uns fragen, was Kirche eigentlich ausmacht, auch was unser Auftrag heute morgen hier in dieser Stunde zwischen 10.00 und 11.00 Uhr in Templin und an so vielen anderen Orten ist, dann müssten wir die geläufigen Definitionen der großen Kirchen eigentlich erweitern.

Nicht nur die ungebrochene Traditionslinie bis zum Anfang und die Eucharistie, auch nicht nur die rechte Evangeliumsverkündigung und Taufe und Abendmahl, sondern vor allem die Anbetung Gottes, Raum und Gelegenheit für seinen Geist sind Erkennungszeichen der wahren Kirche.

Und da haben wir Protestanten, denke ich, doch immer noch einen gewissen Nachholbedarf.

Wir sind eine Kirche des Wortes. Als ich im Urlaub im Gespräch mit einem befreundeten Ehepaar, die praktizierende Katholiken sind, erzählte, dass die Predigt als Mittelpunkt des Gottesdienstes durchaus 15-20 Minuten dauert, bekamen sie einen Schreck: so lange?

Wir sind auch eine Kirche der Tat.

Der christliche Glaube muss doch etwas praktisches, etwas konkretes sein.

Ich kann doch nicht um das täglich Brot bitte ohne zugleich „Brot für die Welt“ zu machen.

Wir waren lange Zeit vor allem eine Kirche des Wortes und der Tat und nicht so sehr des Gebetes und der Anbetung.

Selbst unsere Gebete waren und sind oft versteckter und verborgener Aktionismus , der dann ungefähr so klingt: „ und lass uns erkennen, das wir dies und jenes tun müssen“

Das hat sicher seine Zeit und Berechtigung gehabt als Antwort auf Weltflucht statt Weltverantwortung, als Gegensatz zu reiner kirchlicher Innerlichkeit, die mit der rauen Wirklichkeit nichts mehr zu tun hat.

Genauso ist in den sechziger Jahren in den westlichen Kirchen das politische Nachtgebet entstanden, mit dem Namen wie Dorothee Sölle verbunden sind, die in ihren Erinnerungen als Anliegen beschrieb: „Es handelte sich dabei um politische Information, um ihre Konfrontation mit biblischen Texten, eine kurze Ansprache, Aufrufe zur Aktion und schließlich die Diskussion mit der Gemeinde. Information, Meditation und Aktion sind die Grundelemente aller folgenden Nachtgebete geblieben“

Und sicher gehören auch die Friedensgebete in der ehemaligen DDR, die ja älter sind als die Wendezeit, genau dahin.

Aber Jesus meint noch mehr.

Es kommt die Zeit und ist schon jetzt, in der die wahren Anbeter den Vater im Geist und in der Wahrheit anbeten.

Es gibt eine Form des Betens, die ist absichtslos, in der stehe nicht mehr nur ich mit meinen Freuden und Sorgen im Vordergrund – so lebenswichtig diese Aspekte des Gebetes sind , sondern Gott in seiner Größe und Schönheit, in seiner Güte und in seiner Heiligkeit.

Da wird einfach nur Gott besungen.

In unseren Chorälen haben wir diese Form des Gebetes bewahrt: „Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren. Meine geliebete Seele, das ist mein Begehren. Kommet zu Hauf, Psalter und Harfe wacht auf, lasset den Lobgesang hören.“ oder:

„Großer Gott, wir loben dich; Herr, wir preisen deine Stärke. Vor dir neigt die Erde sich und bewundert deine Werke. Wie du warst vor aller Zeit, so bleibst du in Ewigkeit.“ Das ist der Geist der Anbetung.

Und es gibt die Form des Betens, die in die Stille führt und nicht in den Fluss der Worte, eine Form, die mich mit großer Ruhe umfängt, in der all die Stimmen, die mich umlärmen, verstummen, und Gott zu Wort kommen kann.

Danach gibt es eine große Sehnsucht. Die Suche vieler Menschen nach neuen Formen lebendiger Spiritualität, lebendiger Frömmigkeit ist auch die Suche nach der Stille, in der Gott zu Wort kommt.

Wo so gebetet wird, ist mit einem Mal kein Raum mehr für Trennendes. Da fragt keiner mehr, ob Jude oder Samariterin, da wird nicht nach Kirche, Teilkirche oder kirchlicher Gemeinschaft gefragt, sondern Gott wird angebet, ihm wird die Ehre gegeben, da erfüllen Lob, Dank und Freude die Herzen, da schafft Gottes Geist sich Raum und begeistert Menschen mit dem Feuer des Glaubens.

Wann wird das sein, mag mancher heute immer noch fragen. Dabei hat die Frau die Antwort längst gegeben: wenn der Messias kommt, der Christus.

Und er ist schon da. er ist es , der mit ihr redet.

Er ist es, der mit uns redet.

Lasst uns also nicht nur Kirche des Wortes und der Tat, sondern auch Kirche der Anbetung sein.

drucken