Bundesgenossen

Liebe Gemeinde,

der 10. Sonntag nach Trinitatis heißt der „Israelsonntag“. Israelsonntag deswegen, um dem schwierigen Verhältnis zwischen dem Gottesvolk der Juden und den Christen nachzudenken. Es ist ein Nachdenken über Abgrenzung und Grenzen und die Erinnerung daran, in diesem Nachdenken nicht nachzulassen.

Es ist leicht zu sehen, warum dieses Verhältnis so schwierig sich gestaltet. Zum einen gab und gibt es immer wieder Stimmen, die die Schuld der Kreuzigung auf die Juden schieben wollen. Sie hätten unseren Heiland getötet. Zum anderen geschieht etwas ganz Profanes schon seit langen Jahrhunderten, nämlich, dass man bestimmten Minderheiten Schuld für alles Mögliche zuweist und sie ausgrenzt und befeindet. Die Juden, zumindest die gläubigen Juden, die eine beeindruckende Glaubensstärke zeigen, boten sich daher immer an, als solche, auffällige Minderheiten ins Visier genommen zu werden. Im sogenannten dritten Reich wurde diese Judenfeindlichkeit ins Extreme gesteigert. Jude sein war nicht mehr Religionszugehörigkeit, sondern wurde als Blutzugehörigkeit übertragen und als Ursache allen Übels ausgemacht. Viele von Ihnen, die heute hier sind, wissen aus dieser schrecklichen Zeit noch zu erzählen. Im Wahn übersteigerte Ideen Hitlers waren die Grundlage für Gebilde wie die sogenannten „Deutschen Christen“, die tatsächlich versuchten, ein Christentum, gereinigt von jedem jüdischen Inhalt darzustellen. Ein arischer Christus sollte es sein, ein blonder Held, der mit wütender Hand das Alte, das Schlechte, mit anderen Worten, das Jüdische ausmerzte, um Platz zu schaffen für eine neue, gottgleiche Rasse des reinen Menschen.

Die Älteren unter haben diese schreckliche Zeit erlebt, der eine näher dran an diesen Ideen, der andere weiter weg von diesen. Die Jüngeren haben es im Geschichtsunterricht gelernt – und dennoch kann man nicht genug auf die schuldhafte Verstrickung hinweisen, aus deren Geschichte wir kommen. Besonders nicht in unserer Gegend, wenn man mit Sorge die Entwicklungen von Rechts kommend in unserer Landschaft sieht. Denn manches droht wieder in Vergessenheit zu geraten. Wissen Sie es noch, dass z.B. Hersbruck, Bayreuth, Nürnberg, aber auch Pottenstein Außenlager des KZ Flossenbürg waren? Wissen Sie es noch, dass der Erschließer der Teufelshöhle, Dr. Hans Brand, SS-Standartenführer gewesen ist und er zum Ausbau der Höhle KZ-Häftlinge einsetzte? Genauso übrigens wie zur Planierung des Großparkplatzes vor der Höhle oder zur Errichtung des Schöngrundsees. Dort, wo heute Tausende zu Recht Erholung suchen und die Natur genießen, dort sind vor nicht allzu langer Zeit etliche in einem menschenverachtenden System gestorben, um eben diese Dinge anzulegen.

Heute, an diesem 10. Sonntag nach Trinitatis, zwingt uns das Predigtwort dazu, an die Ursprünge zu denken. Es ist das gleiche Wort, welches wir dieses Jahr schon zu Pfingsten bedacht haben. Wir lesen es im Evangelium nach Johannes im vierten Kapitel, die Verse 19 bis 26:

[TEXT]

„Das Heil kommt von den Juden“ – so wird es im Predigtwort klar dargestellt. Daran geht nichts vorbei. Und sooft wir in der Heiligen Schrift uns damit auseinandersetzen, sooft werden wir an diesen Punkt geführt: das jüdische Volk ist das Gottesvolk. Diesem Volk gilt der Bund, den Gott geschlossen hat und den er versprochen hat, nicht zu brechen. Wir, die nachgeborenen, wir die Heidenchristen, wie es heißt, sind Zugeordnete diesem Bund durch die Tat Christi am Kreuz. Wir stehen nicht darüber, sondern dürfen uns demütig einreihen in diese Gemeinschaft des Heils. Dies immer wieder einmal zu hören und im Herzen zu tragen, tut uns gut. Denn im Gegensatz um Judentum, sind wir als Gemeinschaft der Christen eine Gruppe geworden, die zu den wirklich großen Weltreligionen gehört. Wir haben uns tausendmal aufgesplittert und getrennt, gegenseitig verworfen und bekämpft, aber dennoch ist ebenfalls seit langen Jahrhunderten für die meisten dieser Gemeinschaften ein Schulterschluss passiert mit den Machtverhältnissen auf dieser Erde. Hat es dem Christentum gut getan – so fragen viele – dass mit Konstantin im 4. Jhd. nach Christus der Weg zur Staatsreligion geebnet wurde? Klebt dadurch nicht zu viel Blut an den Händen der Christen in ihrem Bündnis mit der Macht? Fragen, die wir heute nicht beantworten können, aber deren Bedenken immer wieder nottut, gerade, wenn wir auf die Konflikte in der jüngsten Zeit denken. Wie viel militärisches Eingreifen und Todesopfer wurden doch gerechtfertigt mit dem christlichen Glauben!

In unserem Predigtwort wird klargestellt, wo das Heil hergekommen ist und wer – nach wie vor – in diesem Bund Gottes seine Heimat hat. Wenn Sie das bedenken: wie viel Verfolgung, Unterdrückung, Morde an diesem jüdischen Volk geschehen sind und immer noch findet sich eine gläubige Schar! Ein großer Theologe des letzten Jahrhunderts hat einmal gesagt, der einzige Beweis, dass es Gott gibt, sei derjenige, dass trotz all dieser Hindernisse das Judentum immer noch existiere. Wie viele gäbe es wohl von uns, die in ähnlich schlimmen Zeiten ihren Glauben behalten würden, ja sogar bereit wären, dafür in den Tod zu gehen?

„Das Heil kommt von den Juden“ – so bleibt es bestehen im Zentrum unseres Predigtwortes. Von diesem Zentrum aber gehen aus die Einsichten, die sich im Gespräch mit der ausländischen Frau ergeben. Sie kommt aus Samarien, einem Teil der damaligen Gegend, dem die gläubigen Juden den wahren Glauben aberkannt haben. Sie spricht von einem Berg, auf dem das damalige samarische Heiligtum stand – ebenfalls nicht anerkannt von den gläubigen Juden. Denn auch das darf heute gesagt werden: auch die Juden sind nicht davor gefeit, in ihrer Auslegung des göttlichen Wortes allein die Wahrheit zu erkennen. Die samarische Frau sagt es so: „ihr sagt, in Jerusalem sei die Stätte, wo man anbeten soll“. Der Tempel in Jerusalem, als Zentrum der jüdischen Religion – allein dort ist wahrer Gottesdienst möglich. So war die Meinung des damaligen religiösen Judentums. Aber Jesus greift auch in die andere Richtung über die Grenzen menschlichen Denkens hinaus. Einerseits bleibt es dabei: das Heil kommt von den Juden. Andererseits darf aber dort nicht Halt gemacht werden. Gott lässt sich nicht binden, nicht fesseln an einen Ort, nicht zwingen in eine Wahrheit, die von Menschen formuliert ist. „Es kommt die Zeit, da werdet ihr weder auf dem Berg, noch in Jerusalem anbeten!“ Jesus zeigt die Grenzen der Abgrenzung auf, könnte man formulieren. Jesus weist darauf hin, dass Gottes Wirken weiter reicht, als wir es zu fassen vermögen. Wir brauchen Grenzen, um uns selbst nicht zu verlieren und Wegweiser, die uns die Richtung angeben. Sehen Sie auf die Konflikte, die wir in unserer eigenen Gemeinde haben. Sie werden von mir jederzeit deutliche Worte hören können, wo ich glaube, dass die Grenzen unseres Glaubens verlassen werden und man anfängt, sich obskuren Heilslehren zuzuwenden. Ich bin der Meinung, dass dies so richtig ist, ja, dass dies zu meinen Aufgaben hier gehört. Nach dem Wesen unseres Glaubens zu fragen und es nach außen hin zu benennen. Dazu gehören auch die Grenzen. Aber, und darauf weist uns unser Predigtwort hin, mit diesem Wissen nicht zu versuchen, das Wirken Gottes einzuschränken. Gott vorzuhalten, wo links und rechts ist, wo richtig und falsch sich befindet. „Gott ist Geist, und die ihn anbeten, die müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten.“ Denn Gottes Geist verbindet, wo wir trennen. Er führt zusammen, wo wir nur Gräben sahen. Es bleibt dies Gottes Wirken, das will ich noch einmal betonen. Wir stehen nicht an Gottes Stelle und könnten von daher schon alle Grenzen überblicken und überwinden. Gott wird dies am Ende der Zeit für uns tun. Aber wir sind aufmerksam gemacht worden, dass die Unterschiede, die wir setzten, menschlich beschränkt sind. Und weil es menschliche Grenzen sind, müssen wir davor auf der Hut sein, sie zu absolutieren. Menschen als Menschen zweiter Klasse oder gar als Untermenschen oder Nicht-Menschen und damit die Berechtigung zur Ausbeutung und Tötung herzuleiten, wie es in jenem Hitlerreich geschah, das darf nicht passieren, weil wir wissen, dass Gottes Geist über die Grenzen hin verbindet.

Hilft uns das in unserer gegenwärtigen Situation? Dort, wo wir sehen, dass wir uns mit dem Islam auseinandersetzen müssen, mit den Konflikten zwischen Palästinensern und dem Staat Israel? Dort, wo die Konflikte längst den religiösen Boden verlassen haben und ins Politische gewandert sind – denken Sie an all die Maßnahmen, die seit den großen Terroranschlägen in den USA alle ergriffen wurden, um – so wird es genannt – unsere Sicherheit zu erhöhen?

Ich glaube schon, dass dies uns helfen kann. Zu wissen, dass Gottes Geist weiter reicht, als der unsrige. Dass Gott zusammenführt, die er für sich geheiligt hat. Dass es ein Ziel gibt für diese Welt und für die Menschen und die anderen Geschöpfe darauf: das Reich Gottes – wir hörten erst letzte Woche davon. Das lässt uns inne halten, wenn wir Grenzen verabsolutieren wollen. Das lässt uns vorsichtig werden, wenn wir Wahrheiten nur für uns beanspruchen wollen. Dass lässt nicht zu, im Gegenüber keinen Menschen mehr zu erkennen, von dem wir nicht annehmen dürfen, dass auch er zu Gottes Schöpfung gehört. Das schließt aber nicht aus, dass wir uns Konflikten stellen und immer wieder neu um die Wahrheit ringen. In unserem Predigtwort macht es uns die fremde, ungenannte Frau aus dem Ausland vor: sie fragt nach, sie bleibt im Gespräch, sie sucht nach diesem Reiche Gottes und seinem Zentrum: dem Messias.

Das steht auch uns gut an: wissend, woher wir kommen – aus welchem Erbe wir schöpfen, nämlich dem Jüdischen. Und wissend, wohin wir gehen: auf das Reich Gottes zu, in welchem Gewalt und Krieg, Not und Tod, Ungerechtigkeit und das Böse keine Chance mehr haben werden, weil alle Menschen erkannt haben werden, dass sie Gottes Kinder sein dürfen.

Und der Friede Gottes, der uns sein Reich verheißt, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

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