Mitten unter uns

Liebe Gemeinde!

Für welchen Schatz würden Sie alles hergeben?

Nehmen Sie sich ruhig einen Augenblick Zeit: Welcher Schatz ist so viel wert, dass Sie alles dafür hergeben würden? Nicht das eigene Leben hergeben; aber doch ein neues Leben beginnen?

Neugierig wäre ich schon auf Ihre Antworten … Aber vielleicht wollen Sie Ihre Antwort auch lieber für sich behalten – zumindest erst einmal. Vielleicht wollen Sie diesen Schatz erst einmal alleine betrachten… prüfen, ob es der richtige ist, oder ob es nicht doch einen größeren gibt; oder ihn festhalten und seine Kostbarkeit ganz genau ansehen. Sie müssen Ihren Schatz nicht mit-teilen. Und wenn Sie es doch tun (Ihren Schatz mit-teilen/ Ihren Schatz also teilen), dann entscheiden Sie selbst, wem und wie. Ich denke, so hat es auch der Mann in dem Gleichnis mit seinem Schatz gemacht.

Das Gleichnis steht in Mt 13, 44-46.

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Was bringt einen Menschen dazu, alles abzugeben – für nur eine einzige Sache??? Wie müsste ein/ wie muss ein solcher Schatz beschaffen sein: Zunächst ist einmal klar: es muss sich um etwas Besonderes handeln: außergewöhnlich; ein solcher Schatz ist nicht alltäglich/ selbstverständlich. Eher „selten“ muss er sein – wie die kostbare Perle, eben ein Schatz, der nicht an jeder Straßenecke steht. Sonst würde ich nicht alles hergeben, was ich besitze und mit dem Schatz ein neues Leben anfangen.

Überhaupt: von Dauer muss dieser Schatz sein… Zwar ist auch ein flüchtiger Augenblick, in dem ich glücklich bin, kostbar – aber für einen einzigen Augenblick würde ich doch nicht alles hergeben, oder?! Obwohl ich es manchmal schon erstaunlich finde, was wir Menschen für einen kurzen Augenblick oder jedenfalls eine kurze Zeitdauer bereit sind, auf uns zu nehmen. Leistungssportler zum Beispiel: unglaublich viel nehmen sie auf sich, um ganz vorne mit dabei zu sein – um sich z.B. bei der Tour de France das gelbe Trikot überstreifen zu können oder um eine Medaille zu gewinnen. Sie verzichten auf vieles, geben unglaublich viel her, um genug trainieren zu können: auf ein Familienleben, auf Urlaub, auf Spontaneität, denn der Tagesablauf ist über das ganze Jahr meist schon bis ins Detail festgelegt. Und viele sind sogar bereit, ihre Gesundheit für einen einzigen Erfolg herzugeben – die diesjährige Tour de France hat die traurige Wahrheit endgültig ans Licht gebracht: Um beim berühmtesten Radrennen der Welt vorne mitfahren zu können, verlassen sich viele (die meisten?) Fahrer nicht nur auf die eigene Leistung, sondern dopen, was das Zeug hält – eine Teufelsspirale (denn wenn einige unehrlich sind, haben auch die anderen nur eine Chance, wenn sie ebenfalls unehrlich sind), bei der es nur noch darauf anzukommen scheint, so geschickt zu dopen, dass man nicht erwischt wird. Ein hoher Einsatz (Gesundheit für Sieg) für einen kurzen Moment im Leben … Ich glaube, das funktioniert nur, wenn man von diesem kurzen Moment noch lange zehren kann – mindestens in der Erinnerung …

Aber, das lehrt uns der Dopingskandal eben auch: der Schatz, für den ich so viel einsetze, muss auch ein echter Schatz sein! Schlimm, wenn ich ganz vieles hergebe, aufgebe und bekomme am Ende eine Mogelpackung untergeschoben … Und an dieser Stelle – so geht es mir jedenfalls – wird es schwierig: woran erkenne ich den echten Schatz? Ich gehöre eher zu den zweifelnden, vorsichtigen Menschen, die sehr gründlich abwägen, was sie hergeben wollen und überhaupt hergeben können. Es kann eine Zeit dauern, bis der Zweifel sich in Sicherheit verwandelt hat …

Dennoch (das ist mir aus verschiedenen Gesprächen in der letzten Woche bewusst geworden), einige echte Schätze gibt es wohl doch:

Gesundheit ist z.B. ein solcher Schatz; ein hohes Gut, unendlich viel wert aber nicht selbstverständlich.

Auch die Liebe ist ein solcher Schatz: so liegen die Kinder ihren Eltern am Herzen; viele würden für ihre Kinder und ihr Wohlergehen alles tun; auch den Partner/ die Partnerin bezeichnen wir oft als Schatz – weil uns der Mensch so wertvoll ist; vielleicht aber auch, weil es unendlich gut tut (vielleicht sogar lebensnotwendig) ist, selber geliebt zu werden/ „bedingungslos (von einem Menschen) geliebt zu werden“/ geliebt trotz aller Fehler. Gemeinschaft fällt mir auch ein: denn Gemeinschaft bedeutet Sicherheit – es gibt Menschen, die zu mir halten/ an denen ich mich festhalten kann; Gemeinschaft bedeutet auch gemeinsame Freude, gemeinsam Dinge zu erleben, die man alleine nie machen würde; eine echte Gemeinschaft bedeutet für mich zugleich: Vertrauen: mich anderen anvertrauen können; darauf vertrauen, dass ich ich selbst sein kann und mich nicht hinter einer Rolle verstecken muss …

Auch Frieden ist ein solcher Schatz: für ein Leben ohne Krieg, ohne Streit und Zank würde ich vieles hergeben (aber eben doch nicht alles)

Wie genau der Schatz, die kostbare Perle, aussieht, den/ die die beiden Männer in unserem Gleichnis gefunden haben, wissen wir nicht. Aber: beide sind sich sicher: Ihr Schatz ist ein echter Schatz. Es ist der Schatz, für den es sich lohnt, alles andere zu verkaufen. Es ist ein Schatz, von dem/ mit dem sie den Rest ihres Lebens leben können.

Jesus beschreibt nicht, wie das Reich der Himmel/ das Reich Gottes aussieht. Aber er beschreibt, dass das Himmelreich kostbar wie ein Schatz ist, für den man alles hergibt. Und wenn ich so betrachte, wofür wir bereit sind, vieles herzugeben; um wie viel kostbarer, schöner muss dann erst das Himmelreich sein, wenn Menschen bereit sind, dafür alles herzugeben!

Das Reich der Himmel: was uns dort genau erwartet, das wissen wir natürlich nicht; und auch Jesus hat sich in seinem Leben sehr bedeckt mit konkreten Aussagen gehalten. Und doch glaube ich, wenn wir so die Schätze betrachten, die wir in unserem Leben entdecken können – Gesundheit, Liebe Freundschaft, Gemeinschaft, Vertrauen, Sich-geborgen-fühlen, Glücklichsein, Frieden… – dann bekommen wir doch eine Ahnung davon, was das Reich Gottes ausmacht.

Und was ich noch viel schöner finde: an anderer Stelle hat Jesus gesagt „Das Reich Gottes ist mitten unter euch“. Das Reich der Himmel ist also nichts fernes, unerreichbares, das uns vielleicht erst nach dem Tod oder dem Ende der Welt zugänglich wäre. Das Reich Gottes ist jetzt schon da- wenn auch nicht in seiner Vollkommenheit! Es ist schon da, mitten unter uns, und wartet darauf, entdeckt zu werden! Das kann zufällig geschehen – wie der Mann zufällig auf den Schatz im Acker gestoßen ist. Wir können aber auch – wie der Kaufmann nach der Perle – bewusst danach suchen. Das Finden des Schatzes/ das Entdecken eines Stück Himmelreich auf Erden ist jedem Menschen möglich, sieht vielleicht auch für jeden Menschen anders aus! Denn wir alle tragen ja auch unterschiedliche Erfahrungen und damit auch unterschiedliche Hoffnungen und Wünsche mit uns herum.

Nicht erzählt wird uns, wie es weitergeht mit dem Schatz und der Perle. Wie die beiden glücklichen Finder ihren Schatz hüten, ob sie ihn sich alleine ansehen oder mit anderen teilen, wissen wir nicht. Und vielleicht ist es tatsächlich so: Was wir mit dem Schatz machen, den Gott uns finden lässt, das bleibt uns selbst überlassen. Sicher kommt es auch auf die Art des Schatzes drauf an.

Liebe Gemeinde: Welcher Schatz ist Ihnen so kostbar, dass Sie alles dafür hergeben würden? Vielleicht haben Sie Ihren Schatz schon gefunden… Vielleicht sind Sie noch auf der Suche nach dem echten Schatz … Aber ich bin sicher: Gott sorgt dafür, dass Sie Ihren Schatz entdecken können!

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