Weißt du wo der Himmel ist?

Liebe Gemeinde,

ein Kind sagt zu seiner Mutter: "Gell, der Himmel ist doch da oben?" – und es zeigt in die Luft. "Welchen Himmel meinst du?" fragt die Mutter. "Ei, den Himmel", sagt das Kind. "Meinst du den Himmel, an dem die Wolken sind und wo die Flugzeuge fliegen?" fragt die Mutter geduldig weiter. "Nein, den richtigen Himmel", antwortet das Kind, "wo die Engel sind." Da sagt die Mutter: "Der Himmel, den du meinst, ist dort, wo Gott ist, und Gott ist überall. Deshalb ist auch der Himmel nicht irgendwo über uns, sondern überall – in uns und um uns herum. Wir können ihn nur noch nicht sehen, weil Gott uns zuerst andere Augen und ein anderes Herz geben muss."

Menschen sind auf der Suche nach dem Himmelreich – dem Reich Gottes, von dem sie sich einiges erhoffen. Die Antwort der Mutter ist eine gute Antwort, weil sie uns auf unsere Gegenwart verweist. Hier sind wir hingestellt, um von diesem Reich Gottes, dem Himmel, Zeugnis zu geben. Was aber ist das Himmelreich? Hören wir das Predigtwort für den heutigen Sonntag, in welchem Jesus eine Antwort darauf zu geben versucht. Wir lesen es im Evangelium nach Matthäus, im 13. Kapitel, die Verse 44 bis 46:

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Das Himmelreich ist also sehr wertvoll – es ist ein Schatz, eine Perle. Für diesen Schatz, diese Perle wird hergegeben, was man bisher hatte, um sie zu erwerben. Das ist das Himmelreich – zunächst etwas, wofür man bereit ist, alles hinzugeben.

„Zwei Männer redeten miteinander über das Gottesreich. Der eine sagte: Ich freue mich darauf, denn dann wird alles anders. Der zweite war nicht einverstanden: Ich freue mich auch; aber wer sagt denn, dass alles anders werden müsse? Ich möchte, dass vieles so bleibt, wie es ist. Darob entsetzte sich der erste: Nein, um Himmels willen nicht! Wenn alles so bleibt, wie es ist, dann ist meine ganze Hoffnung umsonst. Nur das Reich Gottes kann eine Änderung bringen. Hunger und Krankheit, Unterdrückung und Krieg dürfen nicht ewig dauern. Da schwieg der zweite zuerst, denn er hatte ein großes Haus mit einem schönen Garten, er liebte gutes Essen und Trinken mit Freunden, schönes Wetter und Musik. Nun, sagte er nach einer Weile, wir meinen wohl nicht dasselbe.“

So einfach diese kurze Szene erzählt ist, liebe Gemeinde, so schwer wiegt sie doch. Wenn wir im Geiste unsere Besitztümer durchgehen, merken wir schnell, wie viel wir doch besitzen oder unser eigen nennen. Sich von Haus und Hof trennen, von den schönen Grundstücken, den Autos und dem guten Essen und Trinken – alles hergeben, um etwas anderes zu erwerben? Das scheint mir so ungeheuerlich – wer würde dies schon tun? Und doch wählt Jesus diese Worte mit Bedacht. Denn es geht tatsächlich darum, dass sich etwas ändert. Es bleibt nicht so, wie es ist. Nicht so, wie es sich der zweite der beiden Männer vorstellt. Das Paradies, das Himmelreich ist eben kein Schlaraffenland: wenn ich hier schon bei guten Essen und Trinken sitze und oft genug mehr esse und trinke, als mir gut tut, dann ist der Himmel eben nicht das gleiche in nur unendlich viel besserer Qualität oder mit mehr Luxus (Sie kennen die Schlaraffenlandbilder: das Essen fliegt einem in den Mund: man braucht gar nichts mehr zu tun). Nein, im Himmel(reich) ändert sich etwas, und zwar grundlegend.

Es ist so, wie wir es oft hören. Der Glaube ist nichts Starres und Unbewegliches. Das Wesen des Glaubens ist es, aus dem Starren aufzubrechen, wie das Volk Israel aus der Sklaverei ausgebrochen ist. Es ist ein Kampf gegen die Bequemlichkeit, die uns Menschen inne wohnt. Wir wollen uns ja gerade einrichten, alles festzurren, so als hätten wir damit endlich etwas in der Hand, was uns Halt geben kann. Wenn Sie sich umschauen, werden Sie es sehen. Wie viele Menschen setzten darauf, wenn sie erstmal das Haus haben, dann wird alles besser. Wenn sie erstmal die neue Stelle haben mit dem entsprechenden Einkommen, dann wird alles schöner. Wenn sie erstmal Kinder haben in ihrer Ehe, dann wird auch die Beziehung halten usw. Der Glaube, von Gott geschenkt, treibt aber in eine andere Richtung: eben nicht festhalten an dem, was wir hier auf Erden haben. Die Dinge genießen mit Lebenslust und Lebensfreunde: das schon. Gerade ein Christ darf sich an diesen Schöpfungsgaben erfreuen. Aber nicht seinen Sinn darein setzten, nicht sein Vertrauen auf eine bessere Welt daran hängen. Nicht diese Dinge mit dem Himmelreich verwechseln. Der Glaube treibt uns an, er macht uns unruhig – unruhig hin zu Gott hin, wie es einmal ähnlich der Kirchenvater Augustin formuliert hat.

Jesus spricht in unserem Predigtwort davon, alles hinzugeben, was man hat für diesen Schatz des Himmelreiches. In früheren Zeiten haben Menschen, die diese Aufforderung für sich mit ernsten Worten hörten, tatsächlich alles hingegeben – sie haben Hab und Gut verkauft und sich der Institution angeschlossen, wo sie dieses Heil, dieses Himmelreich vermittelt bekamen oder glauben, es sich durch ihren Dienst dort zu erwerben. Menschen sind in die Klöster gegangen oder in die Mission. Viele tun dies auch heute noch und wenngleich ich meine, dass nicht alle, die dies tun, auch dafür geeignet sind, so ist es doch ein radikaler, auch nach außen hin zu sehender Schritt, der schon Respekt abverlangt. Auf römisch-katholischer Seite wird dies immer noch so praktiziert. Auch die Priester geben ein Stück weit alles aus ihrer Hand: ein Leben mit einer Familie etwa, den Anspruch auf großen eigenen Besitz und anderes mehr. Wie schwer es ist, so zu leben, sehen Sie an denen, die daran scheitern und eben doch Beziehungen aufnehmen, eben doch Besitz anhäufen. Auch hier hat die Reformation einen Schnitt getan und zu Recht darauf hingewiesen, dass die Wege zu Gott vielfältiger sind – ja, dass jeder in seinem Stande diesen Weg zum Himmelreich gehen kann.

Denn Gott ist nicht ferne von uns, wie die Mutter aus unserer Anfangsgeschichte ihrem Sohn richtig erklärt. Er ist um uns, beständig da, aber wir haben oft genug nicht das Herz und nicht die Augen, ihn und sein Reich zu erkennen. Wer das Himmelreich erlangen will, den Schatz heben will, der braucht dieses offene Herz und diese offenen Augen. Es braucht dazu einen Menschen, der etwas von Gott erwartet, ihm etwas zutraut. Und der seinerseits bereit ist, diesem Gott mit seinem Vertrauen etwas zu schenken, herzugeben von seinem Leben, von seiner Hoffnung zu reden. Hören Sie die folgende Geschichte von Lothar Zangst:

„Ich ging als Bettler von Tür zu Tür die Dorfstraße entlang. Da erschien in der Ferne ein goldener Wagen wie ein schimmernder Traum, und ich fragte mich, wer dieser König der Könige sei. Hoffnung stieg in mir auf: Die schlimmen Tage schienen vorüber; ich erwartete Almosen, die geboten wurden, ohne dass man um sie bat, und Reichtümer, die in den Sand gestreut wurden. Der Wagen hielt an, wo ich stand. Dein Blick fiel auf mich, und mit einem Lächeln stiegst du aus. Endlich fühlte ich mein Lebensglück kommen. Dann strecktest du plötzlich die rechte Hand aus und sagtest: "Was hast du mir zu schenken?" Welch königlicher Scherz war das, bei einem Bettler zu betteln! Ich war verlegen, stand unentschlossen da, nahm schließlich aus meinem Beutel ein winziges Reiskorn und gab es dir. Doch wie groß war mein Erstaunen, als ich am Abend meinen Beutel umdrehte und zwischen dem wertlosen Plunder das kleine Korn wiederfand – zu Gold verwandelt. Da habe ich bitterlich geweint, und es tat mir leid, dass ich nicht den Mut gefunden hatte, dir mein Alles zu geben.“

Ja, liebe Gemeinde, es braucht diesen Mut, Gott sein Alles zu geben. Manche von Ihnen wissen es: sogenannte erweckte Kreise sprechen in der Tat von „Lebensübergabe“. Meist können Sie mit Datum und Stunde genau angeben, wann Jesus in ihr Leben getreten ist und sie ihm ihr Leben übergeben haben. Ich bin da eher zurückhalten und auch etwas skeptisch, denn alles, was datiert und quantifiziert ist, verliert für mich die Lebendigkeit und die Freiheit, die ich mit dem Glauben verbinde. Aber dennoch ist in dieser Rede ein wichtiges Motiv zu erkennen. „Gott sein Alles geben.“ Sie, die Sie Sonntag für Sonntag hier sind wissen vielleicht am ehesten, was alles dazu gehören kann. Gott seine Sorgen hinbreiten, was einen belastet und nach unten zieht. Die Krankheiten und die Todesfälle, Sinnlosigkeit und Depression, Verzweiflung und Todessehnsucht. Ihm alles erzählen im Gebet oder erzählt wissen in den Gebeten, die wir gemeinsam beten. Gott alles danken, woran wir uns erfreuen: an Gesundheit und Erfolg, an frohen und geborgenen Stunden, an Errettung aus Not und schlimmen Situationen. Dank für seine Gaben. Jeder Mensch kann dies unabhängig von seinem Stand tun: sein eigenes Leben als von Gott geschenktes begreifen und erleben. Zu wissen, dass man aus seinen Händen kommt und wieder in seine Hände geht. Sich versenken in seine Allmacht. Die großen Mystiker sprechen von Erfahrungen, die ganz tief davon berichten, sich eins zu wissen mit dem Willen dieses Gottes, eben weil sie ihm alles gegeben haben und gleichzeitig die Ablenkungen von außen auf ein Minimum reduziert haben. Wir brauchen nicht alle Mystiker zu werden, aber ich glaube, dass uns Erfahrungen möglich sind, die in jene Richtung weisen. Ein echtes Erspüren, dass Gott an meiner Seite steht. Ein echte Erleben, dass ich mein Sein einem anderen verdanke. Dazu helfen in der Tat die Übungen, die das Äußere reduzieren: die Zeit für das Gebet zu Hause. Das stille und einsame Gebet, das Jesus an anderer Stelle empfiehlt: er sagt: „im stillen Kämmerlein“ – gerade weil wir dort am wenigsten abgelenkt sind. Das Lesen in der Heiligen Schrift mit der Erwartung, dass Gottes Wort uns dort erreichen will. Es hilft die Ausrichtung auf das Kreuz und Jesu Leiden daran. Es hilft das Bild, das einem vor Augen führt, woher man kommt und wohin man geht. Vielfältig sind diese Wege und so viele wir hier heute sind, so viele Wege wird es geben. Die Bereitschaft, Gott sein Alles zu geben, wird Sie diese Wege finden lassen.

Wieso kann ich mir da so sicher sein? Ich darf es, weil wir unser Predigtwort auch von der anderen Seite her lesen können. „Das Himmelreich gleicht einem Schatz, verborgen im Acker, den ein Mensch fand und verbarg; und in seiner Freude ging er hin und verkaufte alles, was er hatte, und kaufte den Acker.“ Denn auch Jesus gab alles für uns hin. Gott selbst ging den Weg über das Kreuz und er erniedrigte sich bis in den Tod, um dem Menschen die Hand zu reichen und ihm den Weg zu ebnen hin in jenes Reich. In seiner Hingabe macht er es uns leicht, als freie und gerechtfertigte, als getröstete und aufgerichtete Kinder seines Reiches zu ihm zu kommen, damit wir erleben, welche Freude in seinem Namen wohnt. Bis dahin bleiben wir Pilger auf dieser Erde, gerüstet mit dem Glauben, dem Vertrauen auf diesen Herrn. Der Glaube, der uns nicht rasten lässt, der uns antreibt, weiter zu gehen, hin zu dem einem Ziel: aufzugehen in seiner Herrlichkeit. „Das Himmelreich gleicht einem Schatz, verborgen im Acker, den ein Mensch fand und verbarg; und in seiner Freude ging er hin und verkaufte alles, was er hatte, und kaufte den Acker.

Wiederum gleicht das Himmelreich einem Kaufmann, der gute Perlen suchte, und als er eine kostbare Perle fand, ging er hin und verkaufte alles, was er hatte, und kaufte sie.“

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