Nicht gesucht, aber doch gefunden

Liebe Gemeinde!

Haben sie – als Kind, oder vielleicht auch jetzt noch – mal von so einem ganz großen Schatz geträumt? Von „Dem Schatz“ überhaupt, den man irgendwo findet und der einem dann ein sorgloses Leben garantiert? Ich kann mich jedenfalls erinnern, dass ich mit meinem Bruder oft auf Schatzsuche war – in unserem Garten mit den Sandschaufeln, auf dem Badesee mit unserem Piratenschiff aus Gummi, im Wald direkt neben dem Campingplatz und an ähnlichen mehr oder weniger wahrscheinlichen Fundstellen. Das, was wir gesucht haben, haben wir natürlich nie gefunden. Aber es war auch egal, allein die Suche hat ja schon Spaß gemacht. Und es hätte ja sein können, dass da im Garten was liegt, wer weiß das schon?

Um einen Schatz geht es auch im heutigen Predigttext. Er steht im Evangelium des Matthäus im 13. Kapitel. Da wird erzählt vom Schatz im Acker und der kostbaren Perle:

[TEXT]

Zwei kurze Szenen werden geschildert. In der ersten findet ein Mensch – anscheinend eher zufällig, vermutlich bei der Arbeit – einen Schatz im Acker. Ein anderer Mensch findet – nach gezielter Suche – die Perle, von der er sein ganzes Leben lang geträumt hat. Beide haben diesen Fund natürlich nicht geplant. Aber sie erkennen den Wert dessen, was sie da entdeckt haben, und handeln sofort und entschlossen: Sie geben alles her, was sie haben, um dieses eine, kostbare, zu erwerben.

Schatz und Perle stehen als Vergleiche für das Himmelreich. Die beiden Menschen holen sich also sozusagen „den Himmel auf Erden“. Den Himmel auf Erden haben – das ist doch eine Utopie, höre ich die Einwände. Der Himmel auf Erden, das ist ein Ort, an dem es einem rundherum gut geht, wo man alle Annehmlichkeiten des Lebens erfährt. Eine Art Schlaraffenland. Und diesen Idealzustand gibt es natürlich nicht, zumindest nicht auf Dauer. Trotzdem ist die Rede vom „Himmel auf Erden“ kein Unsinn. Der Schatz, der in diesen Gleichnissen entdeckt wird, ist ein himmlischer Schatz – entdeckt wird er aber unter den Bedingungen unserer Welt, bei der Arbeit, im täglichen Geschäft. Und von unserer, irdischen Sicht aus will ich jetzt auch erkunden, was denn so besonders ist an diesem Schatz.

Da ist zum einen die Überlegung: Kein Mensch hat den Schatz oder die Perle gemacht. Sie sind einfach plötzlich da! Keiner hat damit gerechnet, jetzt so etwas außergewöhnliches zu finden. Es ist nicht ganz klar, wo sie herkommen. Sicher ist aber: Sie sind nicht von Menschen hergestellt worden! Ich habe überlegt, wie das denn sonst mit „Schätzen“ so ist. Edelsteine und Edelmetalle, die wir zum Beispiel in der Schatzkammer der Residenz finden, entstehen ohne menschliches Zutun tief unter der Erde. Naturschauspiele, wie Wasserfälle oder große Gletscher, können nicht von Menschen gemacht werden. Auch eine Zuchtperle kann man nicht im eigentlichen Sinne herstellen. Ein Mensch kann vielleicht den Anstoß dazu geben, dass eine Perle wächst, selbst machen kann er sie nicht. Auch immaterielle Schätze können wir nicht herstellen: Liebe, Zuversicht, Vertrauen, all das lässt sich nicht nach einem bestimmten Verfahren produzieren und nach Programm in Betrieb nehmen. Ich meine: Die größten und kostbarsten Dinge können wir Menschen nicht selbst herstellen. Das heißt dann: Wir müssen uns auf diesem Gebiet auch nicht abrackern! Wir müssen nicht versuchen, die wertvollsten Dinge selbst zu machen – das geschieht an anderer Stelle für uns.

Das führt zu der zweiten Überlegung: Wir können solche Schätze zwar nicht herstellen. Wohl aber können wir sie entdecken – und dann auch etwas mit ihnen anfangen. Eigentlich müssen wir sie auch entdecken! Denn kein Mensch hat etwas von einem Schatz, der sozusagen versteckt im Acker liegt. Nur wenn er gefunden und gehoben wird, kann der Schatz seinen Glanz entfalten. Nur dann kann man sich an ihm freuen. Das geht nicht von ganz allein: Man muss schon mit wachen Augen durch das Leben gehen, um außergewöhnliches zu erkennen. Und man muss, manchmal, auch dafür arbeiten: Der Schatz im Acker wäre wohl nicht gefunden worden, wenn da nicht einer den Acker bearbeitet hätte. Freilich wollen solche Schätze auch gepflegt werden: Silber z.B. wird schwarz, wenn man sich nicht darum kümmert. Eine Liebe zwischen zwei Menschen wird sicher zerbrechen, wenn man sich nicht Zeit füreinander nimmt.

Drittens habe ich beobachtet: Der Schatz ist den Findern unglaublich viel wert. Die Gleichnisse berichten, dass die beiden Menschen alles verkauft haben, was sie hatten, um diesen Schatz, diese Perle erwerben zu können. Eine Freundin, mit der ich über diesen Text gesprochen habe, hat gefragt: „Wie dumm muss man eigentlich sein, dass man alles hergibt, was man hat?“ Es klingt in der Tat im ersten Moment dumm. Man kann ja eigentlich nicht davon leben, wenn man nur eine große, kostbare Perle hat, und sonst nichts mehr. Aber es geht eigentlich nicht darum, was die Finder nicht mehr haben. Sondern es geht darum, was sie haben: Nämlich einen Schatz, der eigentlich unbezahlbar ist. Er ist so viel mehr wert als all das, was sie schon haben, dass sie alles aufgeben können! Und sie tun es, freiwillig, ohne dass jemand sie dazu zwingt. Es ist eben kein Opfer, sondern es ist ein Gewinn für das Leben! Und mit diesem Gewinn leben diese beiden Menschen gut und zufrieden, denke ich mir. Sie haben, was sie brauchen. Sie haben es deshalb auch nicht nötig, immer mehr zu wollen oder anderen etwas zu neiden. Und sie können dann, vermute ich, auch andere an ihrem Gewinn teilhaben lassen, sie müssen ihn nicht eifersüchtig für sich selbst behalten.

Das muss etwas ganz besonderes sein, dieser Schatz. Ich habe sie jetzt schon ziemlich lange hingehalten. Vielleicht wollen sie endlich mal wissen: Was ist denn nun dieser Schatz?

In den Gleichnissen stehen Schatz und die Perle für das „Himmelreich“ – das heißt, für die Herrschaft Gottes. Wie das Himmelreich allerdings aussieht – das kann ich ihnen ebenso wenig wie ein anderer Mensch sagen. Und ich denke, auch die neutestamentlichen Berichte sagen das nicht eindeutig – wenn es auch Menschen gibt, die anderes behaupten. Jeder der beiden Menschen, von denen die Gleichnisse erzählen, findet nämlich etwas anderes. Der erste findet einen Schatz – und der ist nicht einmal genau beschrieben. Es könnte ein größerer Geldschatz sein. Vielleicht aber auch eine besonders seltene Pflanze? Wir wissen nur, dass man den Schatz verstecken konnte, sonst aber auch nichts. Der zweite findet eine kostbare Perle. Das scheint zwar eindeutig, ist es aber nicht: Einem Menschen ist es vielleicht wichtig, dass die Perle besonders groß ist, ein andrer legt Wert auf eine besondere Färbung oder eine ungewöhnliche Form. Es bleibt offen, was so kostbar ist. Es bleibt damit eigentlich auch offen, wie jeder einzelne Mensch das Himmelreich erlebt. Offensichtlich gibt es kein Ideal, das für alle Menschen gleichermaßen gelten könnte – und das finde ich auch gut so. Ich wehre mich, wenn ein Mensch sagt: „Ich habe etwas gefunden, was für alle Menschen gut ist. Deshalb müsst ihr alle es jetzt auch so machen wie ich!“ Das kann nicht sein, denn dazu sind wir Menschen einfach viel zu unterschiedlich.

Eines ist aber dennoch klar: In den Gleichnissen ist die Herrschaft Gottes der größte Schatz – in welcher Form auch immer. Wenn ich das heute ebenso behaupte, dann klingt das nicht sehr populär. Vielleicht sogar ein bisschen verstaubt und fundamentalistisch. Sich an die christliche Botschaft zu halten, das verheißt keine irdischen Reichtümer. An die Herrschaft Gottes zu glauben, kann auch arg nach Jenseitsvertröstung klingen, nach dem Motto: Im Himmelreich wird es euch besser gehen als hier. Jahrhunderte lang hat man Menschen so abgespeist, und wollte ihnen weismachen, der eigentliche Schatz wäre nicht hier auf der Erde zu finden, sondern eben im Himmel.

Das glaube ich aber nicht. Jesus hat durchaus irdische Szenen erzählt, und er hat sie für Menschen dieser Welt erzählt. Deshalb meine ich: wir dürfen und sollen durchaus in unserer Welt den Schatz für unser Leben suchen. Einen Schatz, den wir uns nicht selbst machen können, der unser Leben mit Freude erfüllt, den wir freiwillig annehmen, der uns zu nichts zwingt – und der uns in die Lage versetzt, anderen nichts mehr neiden zu müssen. Und der – idealerweise – dazu geeignet ist, dass wir andere daran teilhaben lassen. Was dieser Schatz im einzelnen ist – das wird jeder für sich selbst herausfinden müssen. Wie gesagt: Wir sind viel zu unterschiedlich, als dass ich da auch nur einen Vorschlag machen könnte. Vielleicht wissen wir selbst ja auch gar nicht genau, nach welchem Schatz wir suchen. Aber auf einmal ist es da, für uns sichtbar. Und dann wünsch ich ihnen, dass sie nicht lang zögern. Sondern dass sie alles dransetzen, diesen Schatz auch zu erwerben – denn Schätze sind nicht zum verstecken da, sondern dafür, dass man sich an ihnen freuen kann.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

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