Vom Warum zum Wozu

Liebe Gemeinde!

„Warum, warum ist die Banane krumm? Weil niemand in den Urwald zog und die Banane grade zog!“ So sagen wir es den kleinen Kindern, die uns Löcher in den Bauch fragen: warum ist das so und warum jenes anders, warum machen wir das so und dürfen dieses nicht Die Fragen scheinen unendlich. Kinder wollen wissen woher sie kommen und warum die Welt so ist wie sie ist. Wenn wir müde werden nach Antworten zu suchen sagen wir: „Warum, warum ist die Banane krumm? Weil niemand in den Urwald zog und die Banane grade zog!“ Und meinen: es ist eben so, es war schon immer so und damit fertig! Aber die Neugier lässt uns unser Leben lang nicht los. Nicht umsonst laufen im Fernsehen die Sendungen erfolgreich, die Hintergründe aufzeigen und Erklärungen liefern nach dem Motto „Warum eigentlich…?“

„Warum?“ fragen wir vor allem wenn es schwer wird im Leben. Wenn unsere Erwartungen und Hoffnungen auf Glück und Gesundheit enttäuscht werden. Warum ich? Warum wir? Warum ist das passiert? Es ist, als ob das Tragen von Schwerem leichter wäre wenn wir einen vernünftigen Grund dafür wüssten. Wenn wir in solchen Situationen „Warum?“ fragen, werden wir meist ein zweites Mal enttäuscht, denn es gibt selten eine Antwort. Und welche Erklärung, welche Antwort könnte schon befriedigen wenn es hart auf hart geht!?

In der christlichen Tradition heißt es, dass es besser sei zu fragen „Wozu?“ Statt zu fragen: Warum ist etwas so? Wer ist schuld? Warum lässt Gott das zu? Und doch keine Antwort zu finden, schlagen uns die alten Meister vor, „Wozu?“ zu fragen.

Wozu ist etwas so? Was können wir daraus lernen? Wozu kann es gut sein? „Warum?“ schaut in die Vergangenheit und fragt warum etwas so gekommen ist. „Wozu?“ schaut in die Zukunft und fragt wozu etwas gut ist. Die Warumfrage wird selten beantwortet und wenn, dann meist im Rückblick

Die Wozufrage richtet den Blick nach vorne

Warum ist mir das passiert? Wer so fragt, fühlt sich als Opfer Wozu ist mir das passiert? Wer so fragt, wird aktiv, handelt, bedenkt die Möglichkeiten, die vorhanden sind

In unserem heutigen Predigttext wird eine Geschichte erzählt, in der Menschen auch nach dem Warum fragen. Weil es eine Jesusgeschichte ist, verläuft sie anders als erwartet. Es sind seine Jünger, die die erste Frage in dieser Geschichte stellen. Und es werden noch etliche Fragen folgen:

[TEXT]

Warum ist dieser blind geboren? fragen die Jünger. Der Zusammenhang ist auch uns Heutigen vertraut. Wofür werde ich gestraft? Was habe ich verbrochen? – so fragen Menschen, die krank sind. So dachten auch die Zeitgenossen Jesu. Die Jünger teilen die allgemeine Meinung von damals. Damals glaubte man: Wenn einer vom Schicksal geschlagen ist, dann muß eine Schuld vorliegen. Im Fall des Blindgeborenen geht diese Rechnung aber nicht auf. Wie könnte ein Kind schon im Mutterleib schuldig werden, wie könnte es sündigen bevor es geboren ist? Das geht nicht. Und so kann die Schuld eigentlich nicht bei dem Blindgeborenen liegen, sie muß weiter zurückreichen, zu seinen Eltern zum Beispiel. Er hat an einem schweren Erbe zu tragen. Für irgendetwas Schlimmes muß er büßen.

Und so fragen die Jünger: "Meister, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, daß er blind geboren ist?"

Ich glaube nicht, daß die Jünger den Unglücklichen beurteilen oder gar verurteilen wollen. Sie wollen nur wissen und fragen nach Jesu Urteil. Der Mann mit seinem Schicksal ist ihnen ein Rätsel. Warum ist er so wie er ist? Warum ist er blind? Irgendwoher muß das doch kommen!

Jesus sagt klar und eindeutig: Weder er selbst hat gesündigt, noch seine Eltern. Mit anderen Worten: es gibt keine Schuld, keinen Grund in der Vergangenheit. Und im Rest seiner Antwort beantwortet er die Frage nach dem Wozu: „Dieser ist blind, damit Gottes Macht an ihm sichtbar wird.“ Und Jesus macht sich daran, den Mann zu heilen. Dies scheint mir eine anfechtbare Begründung zu sein. Da musste einer sein Leben bisher in Blindheit verbringen, Jahre seines Daseinss als Bettler fristen, damit Jesus nun an ihm zeigen kann dass er das Licht der Welt ist?! Das ist wohl eine von den unbefriedigenden Antworten auf die Warumfrage. Die Wozufrage zu stellen ist in sich eine Provokation! Nicht genug, dass mir das passiert ist, jetzt soll ich auch noch fragen wozu?! Wozu?! Wozu soll das schon gut sein!

Wir bleiben lieber beim „Warum?“. Und ich möchte Ihnen nicht vorenthalten, dass auch die Reaktionen auf die Heilung des Blinden in unserer Geschichte nicht viel anders waren. Man hätte ja meinen können, dass sich nun alle mit dem nun Sehenden über seine Heilung freuen. Doch nein, es gibt neue Fragen, Fragen nach dem Warum? Warum kann der Blinde sehen? Wie ist es dazu gekommen? Wo ist Jesus? Und es gibt einen neuen Vorwurf, jemand habe gesündigt: Jesus selbst, denn die Heilung geschah an einem Sabbath und da ist Arbeit untersagt. Immerhin, einige kommen auf den Gedanken, dass ein Sünder nicht solch eine Heilung erwirken könne. Und so geht der Streit munter weiter.

Man möchte sie alle schütteln und sagen: Hey, da ist gerade ein Wunder gescheh’n! Der Blinde kann sehen!

Aber das Fragen geht munter weiter: Was hältst du von ihm, der dich geheilt hat? Auf die Antwort des Geheilten folgt nun keine Frage, sondern eine Behauptung: der Mann sei niemals blind gewesen. das alles stimme nicht, könne nicht stimmen.

Nun werden seine Eltern vorgeladen und dazu befragt. Ist es wahr, dass dieser euer Sohn ist und stimmt es, dass er blind war und nun sehen kann? Die Eltern weichen den Fragen aus, sie wollen sich keinen Ärger einhandeln. Immerhin galten sie bis vor kurzem noch als Schuldige am Elend ihres Sohnes.

So ruft man also wieder den Geheilten und fragt zum wiederholten Mal: „Was hat er mit dir getan? Wie hat er deine Augen aufgetan?“ Da reicht es ihm und es platzt aus ihm heraus: „Ich habe es euch schon gesagt und ihr habt nicht zugehört!“ Und weil sie abermals behaupten, Jesus sei ein Sünder, entgegnet der ehemals Blinde schlicht: „Ich weiß nicht, ob er ein Sünder ist, eines aber weiß ich: dass ich blind war und bin nun sehend.“

Man möchte ergänzen: das ist das was zählt. Hey, da ist gerade ein Wunder gescheh’n! Der Blinde kann sehen!

Uns Heutigen mag das alles etwas unwirklich erscheinen, dass Jesus mit einem Brei aus Spucke und Staub die blinden Augen sehend macht. Allein, es scheint seinen Zeitgenossen nicht viel anders ergangen sein: es darf nicht sein was nicht sein kann. Und überhaupt, woher dieser Jesus kommt, das weiß man nicht. Der Geheilte weiß es auch nicht, aber er bekennt: „Wäre dieser nicht von Gott, er könnte nichts tun!“ Da werden sie zornig: „Du bist in Sünden geboren und du willst uns belehren!“ und werfen ihn hinaus. Nein, es darf nicht sein, was nicht sein kann. Und es soll bitteschön alles so bleiben wie es ist! Man möchte sie alle schütteln und sagen: Hey, da ist gerade ein Wunder gescheh’n! Der Blinde kann sehen! Aber gerade das können oder wollen sie nicht sehen. Es brächte ihre Welt durcheinander mit ihrem festen Gefüge aus oben und unten, aus Sünder und Frommer! Nein, sie bleiben lieber bei ihren Warum-Fragen und bei ihren selbstgefertigten Antworten. Warum ist ein Mensch blind? Weil er gesündigt hat und wenn nicht er, dann seine Eltern. Das ist einfacher. Bananen sind krumm und gelb und süß. Basta. Es ist einfacher in die Vergangenheit zu fragen als in die Zukunft.

Der ehemals Blinde, nun Sehende wird ausgestoßen. Er findet zu Jesus zurück und dieser fragt ihn: „Glaubst du an den Menschensohn? Du hast ihn gesehen, er spricht mit dir!“ Er aber sprach: „Herr, ich glaube.“

Für ihn hat wurde die Frage nach dem Wozu beantwortet: „Damit ich glauben kann.“ Das Warum der Vergangenheit interessiert nicht. Für einen, der blind war, geht es doch jetzt erst los! Was gibt es nicht alles zu sehen! Wer wollte da in die Vergangenheit zurück wenn die Zukunft vor einem liegt wie ein offenes Land, wie weiter Raum!

Liebe Gemeinde! Ja, es ist schwer, sich von den Warumfragen zu lösen. Oft genug wissen wir, dass es keine Antwort darauf gibt. Wenn wir „Warum?“ rufen, ist das meist eine Klage über das Geschehene. Genauso wie es keine Antwort gibt, finden wir keine Worte für „Es tut so weh! Ich kann das gar nicht aushalten!“ Es ändert die Blickrichtung wenn wir „Wozu?“ fragen. Es nimmt uns nicht die Trauer und den Schmerz, aber es lässt uns woanders hin schauen. Wir brauchen uns das Fragenstellen nicht austreiben zu lassen, aber wir müssen die richtigen Fragen stellen.

Ich durfte es viele Male erleben als ich Seelsorgerin an einem amerikanischen Krankenhaus war. Da sagten mir Patienten: „Ich glaube, ich hatte den Unfall weil ich gestoppt werden musste, ich war in meinem Leben nur noch auf der Überholspur. Jetzt habe ich Zeit für mich.“ Oder: „Diese Krankheit lehrt mich besser auf mich acht zu geben.“ Oder: „Seit meiner Diagnose kann ich viel besser mit anderen Menschen mitfühlen.“ Oder: „ Meine Erkrankung hat dazu geführt, dass ich mich mit meiner Tochter versöhnen konnte.“ Mein Kollege schrieb mir: „Dass meine Frau sich von mir scheiden lässt, ist schier unerträglich, aber es macht mich zu einem besseren Mann und zu einem besseren Pfarrer.“ Manchmal konnte ich mit dem amerikanischen Pragmatismus nichts anfangen. Rückblickend scheint es mir so, als ob wir hier in Deutschland lieber „Warum?“ fragen und in der Vergangenheit wühlen. Das offene Land aber, der weite Raum liegt in der Zukunft. Vielleicht gelingt es uns ja ab und an, den Kopf zu wenden und „wozu?“ zu fragen. Allein die Frage zu stellen lässt mich die Kraft spüren. „Du stellst meine Füsse auf weiten Raum“ heißt es in einem Psalm. Wir stehen mit den Füssen also schon drauf. Jetzt müssen wir (nur) noch den Kopf in die richtige Richtung drehen und loslaufen.

drucken