Bauen wie noch nie

Liebe Gemeinde!

Es ist schön, dass wir hier heute gemeinsam den Gottesdienst feiern können – wir feiern ihn gemeinsam an Pfingsten, am Geburtstag der Kirche sozusagen. Und wir besinnen uns an diesem Tag immer wieder neu auf den einen Geist, der uns als Christen allen gemeinsam ist. Wir haben uns hier gemeinsam versammelt im Haus Gottes – und dieses Haus Gottes ist wie eine Wohnung für unsere Seelen, unsere Herzen und unseren Verstand. Und da sitzen wir nun beieinander wie eine große Wohngemeinschaft. Dies nehme ich zum Anlass, um Ihnen zunächst einmal die Geschichte einer Wohngemeinschaft zu erzählen. Diese Geschichte wird uns zugleich zum Predigttext hinführen.

Die Geschichte handelt von einer Gruppe von Menschen, die haben schon viel gemeinsam erlebt und teilen viele Erfahrungen miteinander. Sie wohnen alle in einer kleinen Stadt und unternehmen viele Dinge gemeinsam. Manchmal eine Bustour, manchmal ein Museumsbesuch oder man bekocht sich gegenseitig und isst gemeinsam. Zu dieser Gruppe gehören neben vielen anderen Sylvia, eine Philosophiestudentin, Dennis, ehemaliger Zivildienstleistender und nun Krankenpfleger, dann Petra, die als Architektin beim städtischen Bauamt arbeitet und schließlich noch Klaus, ein Übersetzer, zu dessen Hobbies das Erforscher seltener Sprachen gehört.

Ihre neueste Idee ist: wir bauen uns ein großes Haus, in dem wir alle miteinander leben können. Dieser Einfall ist sehr plötzlich über sie gekommen, als sie eine Woche zuvor gemeinsam beieinander gesessen haben. Sie hatten sich auf dem Marktplatz verabredet, waren zusammen in die Eisdiele gegangen und konnten plötzlich von nichts anderem mehr reden als der Idee, eine Wohngemeinschaft zu gründen.

Das fing damit an, dass Sylvia, die Philosophiestudentin, plötzlich verklärt in die Sonne blickte und sagte: „Ja, Halleluja, das wär’s doch überhaupt!“ Alle blickten sie erstaunt an, denn sie verstanden überhaupt nicht, wovon sie redete. Sie redete auch noch munter weiter, doch scheinbar ohne jeden Zusammenhang. Erst nach einer Weile hörte sie auf und Klaus, der Übersetzer, sah sie nachdenklich an.

„Ich glaube, ich weiß, was sie meint“, sagte er schließlich. Und er erzählte den anderen von dem Einfall, den Sylvia hatte. Ein gemeinsames Haus zu bauen. Da sind alle sofort Feuer und Flamme – ja, ein gemeinsames Haus, das wäre etwas! Da wollen alle mitmachen und dazugehören, alle wollen sich einbringen. Wie eine große Familie wollen sie zusammenleben.

Und sie fangen tatsächlich an zu bauen. Sie wollen möglichst viel in Eigenregie machen, damit der Bau nicht so teuer wird – und weil sie das Gefühl haben: auch das gehört dazu. Schnell haben sie ein Baugrundstück gefunden, und es sind sich auch alle einig, wie das Fundament beschaffen sein muss, damit der Bau nicht gleich wieder zusammenstürzt. Da konnte Petra ihre Kenntnisse und Fähigkeiten als Architektin gut beisteuern. Oft sind sie auf der Baustelle, packen mit an, wo es geht, einer der Gruppe – ein Handwerksmeister – ist sogar in der Lage, die gesamte Elektroinstallation zu bewerkstelligen.

Einmal gibt es eine kleine Schrecksekunde auf der Baustelle: bei einer Besichtigung des Rohbaus stolpert Petra und fällt vom Gerüst im ersten Stock! Dennis, der Krankenpfleger ist sofort zur Stelle und hilft ihr wieder auf. Sie verzieht schmerzhaft das Gesicht, denn sie hat sich bei dem Sturz den Knöchel verstaucht. Hilfsbereit wie Dennis ist, legt er ihr sofort einen Verband an, mit dem es schon besser geht. Wie bei einem Hausbau üblich, gibt es noch mehrere kleinere Pannen, aber mit viel Freude und Enthusiasmus schafft es die Gruppe, den Bau voranzutreiben. Während der ganzen Bauzeit stellen sie zudem eines fest: es kann kein Zufall sein, dass sie das Fundament ausgerechnet an dieser Stelle gelegt haben. Die Sonne scheint hier auf eine so wunderbare Art und Weise und es gibt schon am Vormittag einen so herrlichen Lichtfall in der gemeinsamen Wohnküche, dass alle ganz b e g e i s t e r t sind! Und das im wahrsten Sinne des Wortes, wie ihnen scheint. Sie sind b e g e i s t e r t ! Es ist ihnen, als würden sie alle Kraft und Motivation für diesen Bau daher schöpfen – als hätten sie gar nicht selbst diese Kraft, sondern bekämen sie immer wieder neu geschenkt, jeden Tag. Und irgendwann wissen sie auch: anders könnten sie dieses Haus gar nicht bauen! Und endlich ist es fertig! Alle ziehen ein – wie eine große Familie. Das Richtfest war schon etwas besonderes, aber die Einweihungsparty übertrifft nun alles. Und die Begeisterung der Gruppe ist so ansteckend, dass die eingeladenen Gäste am liebsten auch in dieses Haus einziehen würden. Manche bleiben tatsächlich – es ist genügend Platz und die Gruppe freut sich über neue Gesichter.

Aber im Laufe der Zeit fällt ein Schatten über die Gruppe: sie sind sich nicht mehr in allem einig, es kommt zu vielen Streitigkeiten. Das Zusammenleben in diesem gemeinsamen Haus funktioniert nicht mehr so wie am Anfang. Das fängt schon bei den gemeinsamen Mahlzeiten an: den einen sind die Speisen zu scharf gewürzt – da schmecke man ja das Eigentlich gar nicht mehr, sagen sie. Die anderen führen ins Feld: „Ja, wenn ihr kocht, das schmeckt doch nach gar nichts, wie eine laue Suppe!“ Eine gemeinsame Mahlzeit scheint kaum mehr möglich – es werden Küchenzeiten verabredet und jeder kocht für sich. Die Wohngemeinschaft scheint auf der Kippe zu stehen: kann man so noch zusammenleben? Manche sind so miteinander zerstritten, dass sie sich nur noch aus dem Weg gehen. Einmal schreit Petra sogar Sylvia an: „Du bist wohl von allen guten Geistern verlassen!“ Das Ergebnis ist schließlich: das Haus wird neu aufgeteilt. Aus der einen großen Wohnung werden verschiedene Wohnungen. Das macht einige sehr traurig. Aber eines macht alle froh: niemand ist ausgezogen, niemand hat das Haus ganz verlassen. Denn alle wissen auch: das Fundament, auf dem das Haus steht, ist so einmalig, dass man es nicht noch einmal bauen kann. Und nur hier, an dieser Stelle, gibt es diesen besonderen Lichteinfall – ohne den kann keiner mehr leben. Ohne diese Kraft, die alle so begeistert! Und es ist auch weiterhin nötig, dass alle mit anpacken: ständig muss etwas repariert werden an einem so großen Haus, mal tropft es durch das Dach und irgendwann muss auch die Außenfassade neu gestrichen werden. „Mein Gott, fast wie beim Kölner Dom“, stöhnt Petra einmal, „daran wird auch immer noch und immer wieder gebaut!“

Und auch um die Wohnungen im Inneren muss man sich kümmern. Alle sind sehr geschmackvoll eingerichtet und alle haben dabei ihren eigenen Stil. Immerhin hat die Gruppe es nach dem großen Krach geschafft, sich wieder gegenseitig in den Wohnungen zu besuchen. Manchmal wird dabei etwas ausgetauscht und ergänzt dann die Einrichtung des anderen. So hat Dennis Klaus einmal ein Bücherregal geschenkt, als sich dessen Büchersammlung mit seltenen Übersetzungen alter Schriften schon auf der Erde stapelte. Und Petra hat Sylvia einen Hahn aus Bronze gebastelt, der nun ihre Fensterbank verziert. Es gibt also wieder Annäherung – aber bei den getrennten Mahlzeiten hat man es bislang belassen. Doch immerhin tauschen sich die Küchenteams ab und zu über die besten Rezepte aus!

Die Wohnungen haben auch noch einen gemeinsamen Briefkasten: und darin liegt eines Tages ein Brief, der an die ganze Wohngemeinschaft gerichtet ist. Petra wird auserkoren, ihn abends, als alle da sind, in der Küche vorzulesen. An diesem Abend sitzen alle noch lange in der Küche, reden und trinken gemeinsam und freuen sich über den Brief.

Wir hören nun einen Teil davon, es ist der Predigttext für den heutigen Tag, im ersten Korintherbrief, im 12. Kapitel, die Verse 1-11.

[TEXT]

„Niemand kann Jesus den Herrn nennen außer durch den heiligen Geist“, so schreibt Paulus. Und Pfingsten ist uns allen dieser Heilige Geist geschenkt worden! Pfingsten feiern wir unsere B e g e i s t e r u n g – wir feiern, dass wir alle Anteil haben an diesem einen Geist, den Gott schenkt.

Und durch diesen einen Geist erkennen wir, dass es ja Christus selbst ist, der seine Kirche baut, sie erhält und ihr Bestand gibt in der Welt. Das kann uns gerade in Zeiten Mut machen, in denen wir in den Gemeinden sozusagen „umbauen“ müssen – dann wird vieles anders sein als vorher, aber Christus selbst ist auch der Baumeister bei solchen Umbaumaßnahmen.

Und: In einem jeden von uns steckt dieser Geist, der uns dann sogar in die Lage versetzt, mitzubauen am Haus Gottes, an der Kirche.

Jeder tut dies auf seine Weise, jeder kann dabei seine Gabe einbringen zum Nutzen aller. Niemand muss meinen, er sei nicht gefragt, er könne nichts beitragen. Der Heilige Geist gibt uns immer wieder neu den Mut, an der Kirche als dem Haus Gottes mitzubauen, es zu gestalten und einzurichten. Das Haus Gottes ist groß und in ihm gibt es viele Wohnungen – ausreichend Platz also, damit jeder seine Räume gestalten kann. Und ausreichend Platz auch für gemeinsame Räume, in denen alle zusammenkommen können. Und auch das schafft der Heilige Geist: dass wir immer wieder das gemeinsame Fundament unserer Wohnungen erkennen, damit die große Wohngemeinschaft nicht auseinander fällt. Er begleitet uns bei der Gestaltung dieser Gemeinschaft, er füllt sie mit Leben und schenkt ihr jeden Tag neue Kraft.

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