Gott widersteht den Hochmütigen

Unsere christliche Kirche sucht manchmal den einfachen Weg z.B. in der Unterscheidung zwischen Jesus, der die Zöllner und Sünder sucht und den Pharisäern und Schriftgelehrten, die diesen Jesus ablehnen, weil er ihre Ruhe stört. Das sind dann scheinbar zwei komplett unterschiedliche und einander entgegen gesetzte Welten. Wir lieben diese holzschnittartigen Darstellungen. Aber sie halten der ganz konkreten Wirklichkeit dann doch nicht immer stand. Klar ist: das etablierte Judentum hatte mit dem Auftreten Jesu seine Probleme. Das hat allerdings die etablierte Kirche auch, die heute noch darüber streitet, wer Jesus wirklich verstanden hat, ihn richtig verstanden hat. Da streiten linke und rechte ChristInnen, Bekenntnisbewegung und Liberale, die Konfessionen hacken manchmal aufeinander rum, als gäbe es keine wichtigeren fragen. Und wer Jesus wirklich verstanden hat, weiß ich dadurch immer noch nicht.

Ob Jesus heute wirklich mit unseren menschlichen Möglichkeiten ganz zu verstehen ist, kann ich mich fragen. Wichtiger wäre vielleicht die Frage, wer er damals war und wer er für uns heute ist. Vielleicht gehört zum Beispiel zu den Geburtsfehlern der christlichen Kirche, dass sie weitgehend den Gesprächsfaden zu Jesu Glaubensbrüdern und –schwestern den Jüdinnen und Juden verloren hat. Und dadurch auch die Verbindung zu den einzelnen Wurzeln verloren hat: Jesus war Jude, Paulus und Petrus waren eine großen Teil ihres irdischen Lebens auch Juden.

Jesus hatte Zeit seines irdischen Lebens gute Kontakte zu Pharisäern und Schriftgelehrten, die ihre Anfragen hatten, aber denen auch deutlich war: Hier ist ein besonderer Mensch. Ein Pharisäer hatte Jesus zu sich in Haus geladen, um mehr davon zu hören – und da passiert Unerhörtes.

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Die Geschichte wird gerne mit ‚die große Sünderin’ überschrieben. Da ist Zurückhaltung geboten. Sie wird dargestellt als stadtbekannte Sünderin. Aber nicht jede, die im Tratsch des Ortes gehandelt wird, muss auch so sein, wie die Leute sagen – und dann muss auch gefragt werden, warum ist sie geworden, was sie ist.

Ihr Auftreten wäre schon unschicklich genug, wenn sie Lehrerin gewesen wäre. Eine Frau, die unter die Männer platzt und sich dann derart emotional verhält weint, klammert. Das geht doch einfach nicht.

Offensichtlich geht es in dieser Geschichte um eine Frau mit gewissem Wohlstand, die ihre Unabhängigkeit deutlich = ‚unschicklich’ auslebt. Viele Ausleger vermuten in Richtung Prostitution – aber das bleibt Spekulation. Fakt bleibt: Ihr Lebensstil wird als verwerflich angesehen. Und so eine kommt in den Speisesaal, in dem Männer essen und diskutieren und Frauen höchstens dienen dürfen. Sie aber begegnet Jesus mit der ganzen Wucht ihrer Gefühle – sie weint und umarmt ihn und salbt ihm die Füße.

Und Jesus weist sie nicht zurück. Er lässt sie gewähren. Er erlaubt ihr zu tun, was sie tun will und gibt keinen Kommentar dazu. Erst als die bissigen Kommentare der anderen kommen, interveniert er liebevoll mit einer Geschichte, die von der Vergebung handelt, um transparent zu machen, was hier geschieht. Das Gleichnis öffnet den Blick für die Größe der Vergebung Gottes und für die eigene Vergebungsbedürftigkeit.

Für eine ehrbare Frau war es damals undenkbar mit aufgelöstem Haar Männern unter die Augen zu treten. Die Frau diskriminiert sich selbst oder handelt nach dem Motto ‚ist der Ruf erst ruiniert …’. So oder so ist sie eigentlich außen vor – eine Person, mit der ‚man’ keinen Kontakt hat, von der man Abstand hält. Darum gibt es für die ‚Frommen’ auch keinen Weg zu Ihr – aber für Jesus.

Der Name dieser Frau ist genauso vergessen wie ihre Sünden selbst. Spekulationen sind müßig und gefährlich. Es geht um eine konkrete Person, aber noch mehr um die konkrete Person, die die Liebe ist: Jesus Christus.

Diese Frau lässt sich dazu berufen, sich Jesus zuzuwenden und dafür liebt er sie. Allein dafür, dass sie diesen Weg geht. So begegnet er auch den frommen Männern in der Runde. Er leibt sie, weil sie sich für seine Botschaft interessieren und lässt sich auf ihre Diskussion ein.

Trotz dieser Geschichte und anderen wichtigen Frauengeschichten im Neuen Testament hat die Kirche lange weder Frauen noch Juden so zentral in den Mittelpunkt gestellt wie ihr Herr Jesus selbst. Das hat böse Folgen gehabt in der Kirchengeschichte. Ich persönlich denke, dass die Bibel in gerechter Sprache auch deswegen heute die Gemeinden spaltet, weil viele in ihnen immer noch nicht bereit sind, diesen Weg hin zu Frauen und Juden zu gehen.

Nicht nur in unserer Geschichte reden Männer über eine Frau, die stumm bleibt.

Sie kann ihr Anliegen nur durch eine Tat deutlich machen, wobei wir vielleicht deutlich sehen müssen: Das Wesentliche an ihrer Tat ist nicht die Salbung, sondern das Weinen. Hüten wir uns weiter über die Frau zu reden, womöglich über ihre Sünde zu spekulieren. Darin kann nie ein Segen liegen. Reden wir lieber mit Jesus über unsere Schuld, über unsere Vergebungsbedürftigkeit. Und freuen wir uns an dieser Frau, die einen guten Weg findet zu ihrem Frieden zu kommen. Ein Ziel liegt im Wochenspruch: Denn Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade.

Jesus nennt die Sünde Sünde, er benennt sie – und vergibt sie, während die Anderen nur die Sünde benamen und die Sünderin verdammen.

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