Die Kunst des Unmöglichen

Liebe Gemeinde,

wer in den letzten Tagen die Frankenpost aufschlug, der erfuhr, welch große Dinge die Diakonie Hochfranken tut und getan hat. Man erfuhr von einem Vorzeigeobjekt im Bahnhofsviertel, von einem Modellprojekt am Schellenberg, das eine Einmaligkeit darstellen soll. Ja, Herr Jesus, deine Jünger kehren zurück und erzählen von Pilotprojekten und Zukunftsprojekten, dass einem ganz schwindlig wird. Für all die Vorreiter stehen in Kirche und Staat die Innovationsfonds bereit und wer da beiseite steht, soll sich gleich in die Ecke stellen und schämen.

Auch die Jünger Jesu wollen lieber wohl- und hochgemut sein und als solche in der Öffentlichkeit stehen. Aber bald lässt uns Jesus einen Blick hinter die Kulissen werfen und zeigt uns die Jünger in allergrößter Verlegenheit. Ja, schon wahr: Jesus hat sie ausgesandt und mit großer Vollmacht ausgestattet. Aber als sie zurückkehren ist von Jesus und seiner Vollmacht nicht mehr die Rede. Die Jünger berichten, wie große Dinge sie selbst getan haben. Da ist es nicht mehr weit zur öffentlichkeitswirksamen Selbstbeweihräucherung. „Der Erfolg hat viele Väter. Der Misserfolg ist ein Waisenkind.“, sagt der Volksmund (vgl. Dr.Georg Plasger, GPM, 2/2007, Heft 3, S. 327). Die Jünger laden zur Pressekonferenz.

Spätestens da haben sie eine Lektion nötig. Jesus ruft sie in Klausur. Dort müssen sie erfahren, wer es ist, dem die Leute nachlaufen. Dort müssen sie lernen, wer die Botschaft hat und die Zeichen setzt. Das hat wohl jeder schon mal erlebt. Da kommt jemand freudestrahlend und winkend auf mich zu gelaufen und auch meine Hand fängt schon an zu winken und winkt immer noch dämlich, als der Freudestrahler längst an mir vorbeigelaufen ist zu jemandem, der hinter mir stand. Jünger Jesu haben das auszuhalten. Und Jesus machte gesund, die der Heilung bedurften.

Alles andere ist ja auch wirklich zum Verzweifeln: Religiöse und spirituelle Sinnsucher allenthalben und was sie dann finden sind die Oberjünger vom Papst Benedikt über Bischof Huber bis zu den karrieregeilen Provinzjüngern. Wo zwei oder drei mit mir versammelt sind, da ist der Himmel offen. Schaut hin in eure Kirche und Diakonie: Wo sich die Leitungspersönlichkeiten nicht länger unter das Haupt des Christus beugen und beratungsresistent gegenüber seinem Wort werden, da beginnt die Sache wie der sprichwörtliche Fisch vom Kopf her zu stinken und alle riechen den lieblichen Geruch, trotz verzweifelter Beweihräucherung. Da wird mit beinhartem Ellenbogeneinsatz gemobbt und getreten und geschasst und gefeuert, wie in jeder beliebigen Führungsetage. Und der Gekreuzigte hängt still in der Ecke zum Logo verkommen ohne bestimmende Kraft.

Da rief Jesus sie zu sich und sprach zu ihnen: Ihr wisst, die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder, und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an. Aber so soll es unter euch nicht sein (Markus 10,42f). Mag es hundertmal stimmen, dass Politik die Kunst des Möglichen ist. Diese Kunst hat in der Kirche nichts verloren, denn wahre Kirchenpolitik ist die Kunst des Unmöglichen. Jawohl, ihr lieben Jünger, das und nichts anderes bringt der Christus euch bei.

Die Kunst des Möglichen: Da traten die Zwölf zu ihm und sprachen: Lass das Volk gehen, damit sie hingehen in die Dörfer und Höfe ringsum und Herberge und Essen finden; denn wir sind hier in der Wüste. Die Kunst des Unmöglichen: Gebt ihr ihnen zu essen.

Ausgerechnet ein Beispiel aus der Diakonie! Ja beim Glauben, Sonntags in der Kirche, da kann das mit dem Berge versetzen schon mal schwierig werden. Aber jemand etwas zu essen zu geben, ein Dach über dem Kopf, einen Platz zum Gesundwerden oder fürs Alter, das müsste doch machbar sein, auch ohne dass man überhaupt was glaubt oder in der Kirche ist. In unserem reichen Land, ja sogar weltweit, ist es doch eigentlich ein Wunder, wenn es nicht für alle reicht. Aber wir sehen nun die Jünger mit gelbem Gesicht ohnmächtig dastehen vor der Kunst des Unmöglichen: Gebt ihr ihnen zu essen.

5000 auf einen Schlag sind kein Pappenstiel. Noch versucht es einer mit der Kunst des Möglichen. Aber so viel Geld und so starke Schultern hätten die Jünger wohl kaum gehabt. Jesus tut etwas Seltsames. Er lässt die große Menge in Gruppen zu je 50 Platz nehmen. Das wäre doch schon einmal eine Überlegung wert, was das für die Kirche heißt. Vom Großkonzern Kirche oder vom Großkonzern Diakonie hält Jesus offenbar nichts. Große Strukturen sind offensichtlich wunderfeindlich. Kein Wunder, sagen wir dann beim Blick in die Zeitung. Kein Wunder.

Auch die Kirche hat einmal klein angefangen und Bethel und die Rummelberger, die Neuendettelsauer und die Diakonie Hochfranken. Und es ist offensichtlich wichtig, dass alles in der Kirche, was groß wird, in diesem Sinne klein bleibt: Dass der Augenkontakt nicht verloren geht und das persönliche Gespräch. Kirche ist Familie Gottes. Das muss erkennbar und erfahrbar bleiben. Kirche kann deshalb nicht von oben gemanagt werden. Allen Fusionsträumen zum Trotz macht es Sinn, das die Evangelische Kirche kleinteilig bleibt. Kleinteilig ist sie wunderfreundlich.

Voraussetzung für solche Wunder ist, was Jesus für die Hauptaufgabe seiner Jünger hält und wofür er sie auch gleich in den Dienst nimmt: Austeilen. Austeilen, was sie von ihrem Herrn empfangen haben. Das Brot des Lebens am Tisch des Herrn und das Brot des Lebens an der Hofer Tafel. Das Evangelium haben wir auszuteilen mit Herzen, Mund und Händen, damit Leib und Seele beieinander bleiben, wie Himmel und Erde, betende Gemeinde und Diakonie. Jünger Jesu sind nichts anderes als „Diener Christi und Haushalter über Gottes Geheimnisse“. (1. Korinther 4,1)

Stellen wir uns vor, wie die Jünger kopfschüttelnd einsammeln, was übriggeblieben ist. Jesus hat ihnen ihre Ohnmacht vor Augen geführt. Und als sie die zwölf Körbe mit Resten vor Jesus hinstellen, wird keiner von ihnen auf die Idee kommen zu berichten, wie große Taten er vollbracht hat. Die Jünger haben nichts anderes getan, als das zu verteilen, was der Christus ihnen in die Hände gab. Das und nur das hat die Kraft Wunder zu wirken. Wer weitergibt, was Gott ihm schenkt, übt sich in der Kunst des Unmöglichen.

Unmöglich – wer hat das noch nicht gedacht – z.B. im Angesicht eines Menschen, der uns sein Herz ausschüttet und die Lawine seiner Probleme und Ängste auf uns zurollen lässt. Haben wir ihn dann getröstet, beraten, seine Probleme gelöst? Oder ist es dann nicht immer passiert, dass dieser Mensch Gott sei Dank an uns vorbeigelaufen ist und den Christus gefunden hat, der wirklich helfen kann?

Gott sei Dank. Das werden sich auch die Menschen gedacht haben, die damals satt und zufrieden nach Hause gingen. Gott sei Dank haben wir die Diakonie: Die Schulen und Dienste und Werke und Heime, wo Menschen Hilfe und Zuwendung finden. Gott sei Dank. Wo das gesagt wird, findet keine Selbstbeweihräucherung statt, sondern da ist in Erfüllung gegangen, was Jesus in der Bergpredigt von seinen Jüngern fordert: … dass sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen. (Matthäus 5/16)

Dass auch unser Reden, Arbeiten und Miteinanderleben kein Aushängeschild für uns selber, sondern für die Qualitäten unseres himmlischen Vaters wird, das schenke Gott uns.

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