Mensch sein dürfen

Warum geht es manchen Menschen gut und manchen schlecht. Jeder ist seines Glückes Schmied sagt das Sprichwort und so hätten wir es gerne. Jeder erntet, was er gesät hat. Als hätten die PalästinenserInnen in den Lagern die Bomben gezündet und als wären die Aidswaisen in Südafrika selber Schuld oder ihre Eltern oder die bulgarischen Krankenschwestern mit dem palästinensischen Arzt, die angeblich Schuld sind am Tod von Hunderten von Kindern in Libyen und deswegen verurteilt wurden, obwohl alle sagen: Schuld ist die mangelnde Hygiene.

Oder ist ein Mensch selber Schuld an seiner Krankheit und der Andere an seiner Gesundheit? Manchmal hätten wir gerne, dass man das so sagen kann. Schon allein, weil wir gerne eine schlüssige Begründung hätten, warum es Leid auf der Welt gibt.

Aber wir wissen, dass das eben nicht so geht. Leiden zu erklären durch Schuldzuweisungen funktioniert nur in manchen Fällen, die es natürlich auch gibt.

Und trotzdem: Gegen den Reflex Schuld zuzuordnen können wir uns kaum wehren. Immer wieder ertappe ich mich dabei Schuld zuzuordnen bei Krankheit und noch mehr bei Arbeitslosigkeit, zerstörten Verhältnissen. Dass dieser Reflex urmenschlich ist, belegt eine Geschichte aus dem Neuen Testament:

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Eine Geschichte im Vorübergehen. Ein Blinder erregt Anstoß – Denkanstoß, kein Mitleid. Er regt an zum Meditieren über die Schuld, über die Frage, woher diese Krankheit kommt. Der Kranke interessiert nicht als Mensch – er macht neugierig.

Jesus dagegen regt er an zum Hinsehen. Jesus sieht den Menschen an. Er nimmt ihn ernst als Wesen mit Gefühlen, als Menschen, den Gott geschaffen hat, als seinen Bruder. Er nimmt ihn ernst und darum ist er für ihn eine Person und nicht der Blinde, sondern ein Mensch, der ein Handicap hat, eine Behinderung.

Die Frage nach seiner Schuld hält den Fragenden einen Spiegel vor, weil sie von ihrer eigenen Schuld spricht. Dieser ist von Geburt an blind. Heute meditieren wir an der Stelle gerne über Drogen oder Medikamentenmissbrauch der Eltern. Das war damals etwas Anders – und trotzdem: Irgendwer musste doch Schuld sein – eine Strafe Gottes für ein Lotterleben der Eltern, so sehen das heute noch manche Menschen bei Aids. Was ein Gottesbild, das sich Gott nur als strafenden und rächenden Gott vorstellen kann, der auch vor den Föten im Mutterleib nicht Halt macht. Was für ein Menschenbild, das immer versucht, Schuld zuzuweisen und damit Schicksale zu erklären.

Jesus heilt ohne Wunsch des Blinden, allein aus dieser unwürdigen Diskussion heraus, die nur nach Messen und Beurteilen fragt.

Jesus handelt hier im Auftrag Gottes der mit leidet, wenn Menschen untereinander leiden. Er öffnet Augen für den Blinden und für die Blinden, die weniger die Hilfsbedürftigkeit des Anderen sehen, als vielmehr ihre Selbstrechtfertigung: ‚Damit habe ich nichts zu tun!’ Nichts Anderes bedeutet der Versuch, eine Ursache für die Krankheit zu finden. Wie oft hilft uns die Frage nach der Schuld eines Menschen an seinem Schicksal nur, damit wir selber unsere Hände in Unschuld waschen können, uns abwenden können und sagen: o.k. – selber Schuld.

Nicht die Rückwärtsgewandte Frage: ‚Wer hat Schuld?’ bewegt Jesus, sondern die vorwärts gewandte Frage: was hat Gott mit ihm vor? ist entscheidend. Und so kann ihm der Blinde helfen, den Menschen zu erzählen von Gottes Zuwendung zu jedem einzelnen Menschen, in dem er den Blinden heilt statt über ihn zu diskutieren. Aber auch die Heilung wird dem Blind geborenen nicht die vielen Jahre der Abhängigkeit von Almosen, der Erniedrigung und Hilflosigkeit ausgleichen können.

Warum es Behinderte und Kranke Menschen gibt, vermag auch diese Geschichte nicht zu erläutern. Und ich denke auch es gibt keine gute Antwort. Wir werden wohl ohne Antwort akzeptieren müssen: Es gibt Leid in der Welt. Leid, das Menschen einander zufügen und Leiden, deren Ursachen uns verborgen sind, deren Konsequenzen wir allerdings mindern dürfen, indem wir das Leid als Teil des Leben sehen und nicht nach Schuld fragen, sondern nach Menschen, die in besonderer weise unsere Zuwendung brauchen: Behinderte, die zuallererst einmal Menschen sein wollen, die eine Behinderung haben, aber nicht nur aus dieser Behinderung bestehen. Kranke, die Menschen sehen wollen, die zu ihnen stehen, die sie begleiten und nicht nur Fachleute, Ärzte, Pfleger, die ihnen zwar helfen, aber bei denen sie darum kämpfen müssen, Menschen sein zu dürfen.

Vielleicht liegt doch ein gewisser Sinn von Behinderung, Krankheit und Gebrechlichkeit darin, dass das Leiden uns die Chance bietet, zu zeigen, wie menschlich wir empfinden, wie sehr wir in der Lage sind füreinander da zu sein.

Im Altenheim fällt mir das mitunter besonders auf. Im Altenheim sein zu müssen ist nicht schlimm, wenn jemand Menschen hat, die ihn besuchen, Angehörige, Freundinnen oder Freunde. Menschen, die einfach nur kommen um des Menschen Willen, weil sie ihn schätzen und weil er es braucht. Das können Angehörige sein, Freundinnen oder Freunde, Nachbarinnen oder Nachbarn. Das sind aber oft genug auch Ehrenamtliche, die einmal die Woche gehen, um Besuche zu machen. Einfach weil sie die Menschen sehen und spüren: es tut ihnen gut.

Eine kleine Randbemerkung: Jesu Gegner benutzen die Geschichte um einen Vorwurf gegen Jesus zu stricken, weil diese Heilung am Sabbat erfolgt ist, aber in Wirklichkeit aus Angst vor dem, der Denkverbote über Gott und seinen Willen in Frage stellt. Sie benutzen durchaus richtige und bedenkenswerte Argumente, um das Falsche zu sagen. Natürlich sollen wir fragen nach Gottes Geboten und die Auslegung ihrer Zeit verbot die Arbeit am Sabbat. Aber so weit darf es nie kommen, dass Gottes Gebot gegen den Menschen ausgelegt wird. Das war einer der zentralen Vorwürfe Jesu an seine GegnerInnen: Ihr benutzt Gottes guten Willen mit den Menschen, um Euch persönlich reinzuwaschen. Ihr versteckt Euch vor Eurer Verantwortung. So wie heute noch Menschen Sachzwänge benutzen, um sich rauszuhalten aus ihrer Verantwortung.

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