Ganzheitliche Gemeinde

Bei vielen Menschen weit verbreitet ist die Vorstellung, Jesus sei so etwas gewesen, wie ein großer Guru. Er habe Schüler um sich gesammelt, sie belehrt und sich von ihnen bewundern lassen.

Richtig daran ist, dass Jesus als Lehrer aufgetreten ist und viele Bewunderer hatte, echte Fans. Aber er hatte auch andere Anhänger, deren Begeisterung tiefer ging, denen seine Botschaft so viel bedeutete, dass sie ihr Leben radikal umkrempelten, dass aus Fischern Jünger wurden und Zolleinnehmer gütig wurden. Dass Jesus diesen Menschen auch etwas zugetraut hat, ist weniger vertraut, dass er sie ausgesandt hat zu seinen Lebzeiten zu predigen, wissen viele nicht. Von einer solchen Predigtreise kehren die Jünger (und vielleicht auch Jüngerinnen) zurück zu Jesus.

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Die Speisungsgeschichte wird von allen Evangelien berichtet. Nur die Mengenangaben variieren: mal sind es viertausend, mal 5000 Menschen. Aber immer sind es zwei Fische und 5 Brote und immer macht Jesus deutlich: ‚Gebt Ihr ihnen zu essen’. Das heißt Jesus sagt ganz deutlich. Es kann nicht sein, dass ihr allen Menschen von Gott und vom Glauben erzählt und sie dabei hungern lasst. Insofern ist das, was Lukas hier erzählt, auch eine Kritik an späterer kirchlicher Missionspraxis, die das Wort in die Welt sandte, aber nicht genug tat, um die Menschen satt zu machen und vor Gewalt und Ausbeutung zu schützen.

Es geht in dieser Geschichte nicht um eine x-beliebige Wundererzählung, sondern es geht um den Kern des Glaubens. Der christliche Glaube kann es nicht ertragen, Menschen in Not zu lassen. Das satt machen Hungernder gehört zu den elementaren Wesensäußerungen des Glaubens. Hungernde zu speisen gehört zu den Werken der Barmherzigkeit. Es ist eine böse Verirrung, wenn Menschen meinen, in der Kirche gehe es nur um seelische Dinge. E geht immer um den ganzen Menschen mit allen seinen Bedürfnissen.

Diese Geschichte interpretiert den Satz: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Der Mensch erstickt am Brot allein, wenn er nicht auch Gemeinschaften erfährt – echte Gemeinschaften, in denen geteilt wird, dass alle satt werden, Gemeinschaften, die nicht ertragen, wenn es einem schlecht geht.

Die Bitte um das tägliche Brot steht nicht umsonst in der Mitte des Vaterunsers. Es geht um mehr als Essen und Trinken. Es geht darum, dass wir das, was wir zum Leben brauchen als Gabe von Gott empfangen und mit Mitmenschen teilen. Das war schon für Martin Luther klar, dass die Bitte um das täglich Brot nicht nur das satt werden am Leibe meint, sondern die Befriedigung elementarer menschlicher Bedürfnisse insgesamt. Darunter verstand er auch das Dach über dem Kopf oder mitmenschliche Beziehungen.

Der Episteltext steht als Ergänzung daneben: Dadurch, dass die ersten Christinnen und Christen miteinander Gemeinschaft haben und den Besitz teilen, wird das tägliche Brot für die Menschen erwirtschaftet. Gerade auch für die Menschen, die am Rande stehen, die ohne die Gemeinschaft keine Chance haben satt zu werden. Dass sie nicht Not leiden ist die angemessene Antwort auf das Wunder Christi. Das Brot teilen am Altar allein hat noch keine Gemeinde zu Schwestern und Brüdern gemacht. Ergänzend muss immer die Diakonie der Gemeinde dazu treten. Ja die Diakonie einer Kirchengemeinde kann Signal sein: Hier wird wirklich Gottes Wort verkündet und gelebt.

Die Speisungsgeschichte verweist uns darauf, dass der Glaube kein rein geistiges oder geistliches Geschehen ist.

Jesus will uns Mut machen zu teilen, auch dort, wo das Teilen aussichtslos scheint. Mit keinem Wort wird erwähnt, wie das geschieht, dass alle satt werden – aber sie werden satt. Alles Weitere (Wunder der Brotvermehrung oder Wunder des Teilens bleibt Spekulation.

Das Thema des Sonntags wurde im Wochenspruch benannt: ChristInnen sind Hausgenossen, Familienangehörige an Gottes Tisch. Wir sind Gemeinschaft von Schwestern und Brüdern in dem einen Herrn. Wir dürfen einander vertrauensvoll begegnen und füreinander da sein.

Der Mensch lebt zwar nicht vom Brot allein, aber doch auch vom Brot! Darum macht Jesus die Menschen auch wirklich satt. Sie haben sein Wort, aber sie sollen nicht weg gehen ohne Speisung, weil Beides zusammen gehört, das Essen und das Hören.

Die JüngerInnen waren predigend über die Dörfer gegangen und haben den Menschen von der Liebe Gottes erzählt. Die Menschen sind mit ihnen gekommen diesem Jesus, der die Liebe ist zu begegnen. Die Saat ist gelegt in den Menschen – und die Jünger sind zufrieden. Aber da ist etwas, das holt die Jünger nach ihren Predigterfahrungen zurück auf die Erde, die Erfahrung, dass sie obwohl Jesus ihnen zutraut zu predigen, doch nicht den Glauben haben, der ausreicht, um Jesus zu erfassen. Ganz kleinlaut werden sie. Sie wollen die Menschen, die sie gerade erst gewonnen haben, gleich wieder fortschicken, weil sie Angst haben, dass die enttäuscht sind, wenn se erst einmal Hunger haben.

Das Wunder geschieht, ob Menschen dadurch zum Glauben kommen, wird nicht erzählt, ist auch nicht interessant, weil dieses Wunder doch nur dafür sorgte, dass diese Gemeinde ganzheitliche Gemeinde war. Gemeinde, die auf Gottes Wort hört und miteinander seine Gaben teilt.

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