Gott lädt sich selbst ein

Liebe Gemeinde!

Sie haben es ja schon mitbekommen – heute sind zwei kleine Mädchen bei uns, die getauft werden. Ob es Zufall war oder Absicht, dass es gerade heute stattfindet – das weiß ich nun nicht – aber auf jeden Fall: einen passenderen Tag hätten wir kaum erwischen können. Warum? Heute ist Johannistag – der Tradition nach der Geburtstag Johannes des Täufers, der als erster – vor Jesus – Menschen im großen Stil taufte. Darum auch diese Lesung vorhin (Mk 1, 1-11) – eigentlich wäre für heute eine andere dran gewesen. Eigentlich haben wir Lutheraner mit den Heiligentagen ja auch nicht so viel im Sinn. Martin Luther fand die Heiligenverehrung ziemlich unerträglich und schaffte denn auch die Heiligenfeste radikal ab – bis auf eines. Den Johannistag. Den wollte er doch weiter gefeiert haben – und hat gemeint: Man müsse den Tag ja nicht wegen Johannes feiern – aber Gottes wegen, weil er einen so besonderen Menschen wie Johannes auf die Erde geschickt habe.

Was ist denn so besonders an Johannes gewesen? Unsere Evangelien berichten ja eher in dürren Worten über ihn, aber so einiges erfahren wir doch. Er war ein bisschen älter als Jesus. Er war mit Jesus verwandt – Maria und Johannes Mutter Elisabeth waren Kusinen. Er war ein Kind, das von Anfang an eine besondere Mission hatte: „Er wird groß sein vor dem Herrn, er wird schon von Mutterleib an erfüllt werden mit dem Heiligen Geist. Und er wird vom Volk Israel viele zu dem Herrn, ihrem Gott, bekehren.“ schreibt Lukas. Als erwachsener Mann, das beschreiben alle Evangelien gleich, hat er sich dann in die Wüste zurückgezogen und dort ein sehr einfaches Leben geführt. Man hätte ihn da vielleicht vergessen können. Aber offensichtlich hat er eine sehr starke Ausstrahlung gehabt – wieder berichten alle Evangelien, dass die Menschen zu ihm in die Wüste kamen um seine Predigt zu hören. Erstaunlich eigentlich – denn was er den Menschen gesagt hat, das waren nicht gerade Schmeicheleien. Das klang eher so – „Ihr müsst euer Leben ändern! So wie ihr lebt, braucht ihr euch nicht zu wundern, wenn Gott sich von euch abwendet und die Römer über euch herrschen lässt. Tut Buße! Erkennt eure Sünden! Bittet Gott um Vergebung! Als Zeichen eurer Buße lasst euch im Jordan taufen. Dann sind eure Sünden abgewaschen. Gottes Gericht kommt bald. Nur wer seine Sünden bekennt und sich ändert, wird in Gottes Reich kommen. Alle anderen werden umkommen.“ Das erstaunt mich immer wieder: Dass die Menschen gekommen sind. Ich muss dann immer an die Menschen denken, die ich gelegentlich in München in der Fußgängerzone sehe. Sie verkünden ganz laut, dass Gottes Gericht nahe ist – aber so gut wie niemand bleibt stehen um sie anzuhören. Ich überlege mir auch, wie viele Gottesdienstbesucher noch kämen, wenn wir Pfarrer nur noch von Sünde, Buße und Umkehr predigen würden. Nix für ungut! Zu ihm aber sind sie gekommen – und zwar in Scharen. Warum?

Leider kann ich die Frage nicht so eindeutig beantworten. Aber ich hab eine Idee, was damit zu tun haben könnte – und die hat was zu tun mit einem, der sich auch von Johannes hat taufen lassen. In der Lesung haben wir gehört: Jesus ist auch zu Johannes gekommen um sich von ihm taufen zu lassen. Er wird sich vorher auch Johannes’ Predigt angehört haben, vermute ich. Er wird alles von Sünden und Buße mitbekommen haben, auch Johannes’ Drohung mit Gottes Gericht. Und dann lässt er sich taufen – und hört: „Du bist mein lieber Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen!“ Jesus wird angesprochen – und zwar nicht wie von einem strengen Richter. Sondern es ist ein liebevoller Vater, den er da hört. Wer weiß – vielleicht ist es anderen bei der Taufe durch Johannes ähnlich ergangen? Dass sie die Erfahrung gemacht haben: Gott schaut mich an – Gott freut sich wirklich, dass ich gekommen bin, er ist kein strafender Richter, sondern er liebt mich und will mein Bestes.

Jesus hat nach seiner Taufe selbst begonnen zu predigen. Er hat im Wesentlichen das gleiche verkündet wie Johannes. Auch er fordert die Menschen dazu auf, ihre Sünden einzusehen. Auch er erwartet eine radikale Lebensänderung. Zum Teil hat er das mit sehr deutlichen Worten getan – auch er hat mit Gottes Gericht gedroht. Aber er hat da große Unterschiede gemacht – die schlimmsten Sünder waren für ihn eigentlich die, die gemeint haben: Wir wissen alles besser, wir kennen das (jüdische) Gesetz und halten es – und nur die anderen sind die Sünder. Ihnen hat er Gottes Gericht angedroht. Mit denen, die man so landläufig als „Sünder“ angesehen hat, ist er ganz anders umgegangen. Wie, das erzählt eine kleine Geschichte aus dem Lukasevangelium, der Predigttext für heute.

[TEXT]

Die Geschichte ist bekannt, denke ich. Meistens wird sie aber so ausgelegt, dass Zachäus absichtlich nach Jericho hineingegangen ist, um Jesus zu sehen. Vielleicht auch schon mit einem Stachel des schlechten Gewissens, wer weiß. Aber vielleicht wars ja ganz anders? Man könnte es sich ja auch so vorstellen: Zachäus war in der Stadt unterwegs, irgendwelche Erledigungen machen. Da sieht er einen Menschenauflauf – und wie das so ist, kennen wir ja auch, will er sehen was da los ist. Nur sind da so viele, dass er nichts sieht, er ist halt nicht so groß gewachsen. Also klettert er eben auf den nächstbesten Baum. Das hat auch den Vorteil, dass er selber nicht so gesehen wird – denn die anderen, die Jesus da zuhören, sind ihm nicht sooo wohlgesonnen. Als Zöllner ist man nirgends beliebt. Zöllner gelten als Sünder: Weil sie sich an anderen bereichern, und weil sie mit den Römern gemeinsame Sache machen. Er hat schon oft genug gehört, dass er sein Leben ändern soll, weil Gott die Sünder nicht liebt. Weil er nicht damit rechnen kann, dass Gott im Gericht gnädig ist mit ihm, wenn er so ein sündiger Zöllner bleibt. Jetzt hat er keine Lust schon wieder so was zu hören. Aber Jesus sehen will er trotzdem. Ich glaub nicht, dass er damit gerechnet hat, was dann passiert ist: Jesus kommt genau auf ihn zu und sagt: „Ich muss bei dir Gast sein!“ – keine Vorhaltungen, keine Moralpredigt, keine Drohung mit Gottesgericht. Dafür eine ziemlich dreiste Selbsteinladung – Jesus fragt ja nicht einmal „Darf ich kommen?“ – er sagt es einfach. Und das bewirkt die Änderung.

Und wie ist das bei uns? Wenn man so will, kann man die Taufe auch als „Selbsteinladung“ sehen. Taufe heißt: Gott spricht uns an wie liebevolle Eltern. Und Gott sagt: Ich will bei dir Gast sein!

Und wer einen Gast reinläßt – der will ja auch im Allgemeinen, dass der Gast sich bei einem zu Hause wohlfühlt. Und wird – hoffentlich – ähnlich wie Zachäus reagieren.

Die Mahn- und Bußprediger wie Johannes brauchen wir trotzdem. Einen muss es geben, der auf die Missstände aufmerksam macht. Wenn man sich das Beispiel von Zachäus noch mal nimmt, kann man es auch sehen: Zachäus hätte ja wahrscheinlich gar nicht die Notwendigkeit gesehen, sich zu ändern – wenn er es nicht schon immer wieder gehört hätte von Menschen wie Johannes. Aber genau so braucht es halt auch das „Ich will bei dir Gast sein“, das liebevolle angesprochen werden durch Gott. Und wenn wir jetzt K und D taufen – dann geschieht genau das: Gott sagt: K und D, ihr seid meine lieben Kinder. Ihr gefallt mir. Ich will in eurem Leben Gast sein.

Und wir anderen alle dürfen uns an unsere Taufe erinnern. An den Zuspruch, den wir damals bekommen haben: Wir sind Gottes Kinder. Uns hat er lieb. Und bei uns will er zu Gast sein. Also – sehen wir zu, dass wir es unserem Gast besonders schön machen.

Und Gottes Friede, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

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