Überzeugungstäter

Es hat gebrannt, und St. Peter ist beschädigt, schwer beschädigt. Ich selbst konnte es gar nicht glauben, als mir unsere Küsterin das kurz vor dem Verabschiedungsgottesdienst für die Kindergartenkinder erzählte. Und so sind viele Menschen sind tief betroffen. Und ich denke, besonders hier in diesem Bezirk unserer Gemeinde, werden viele sein, die durch engen Kontakt zur katholischen Schwestergemeinde mitbekommen, was dort im Moment vor sich geht.

Und jetzt? Natürlich: die Versicherung wird zahlen, es wird eine Baustelle geben. Aber die Trauer ist eben groß, weil die Orgel gerade fertig gestellt war, weil vieles, was gewachsen ist an Bewegung jetzt erst einmal abgeschnitten ist. Und ob es wieder neu wachsen wird, das ist noch nicht ausgemacht.

Trösten werden die Menschen zunächst einmal die Solidarität und das Mitgefühl. Trösten kann aber auch der Blick auf das, was dieses Gebäude letztendlich getragen hat und trägt. Denn eine Kirche ist ja kein Selbstzweck. Sie genügt sich nicht als Symbol oder Orientierungspunkt in der Stadt. In ihr werden Gottesdienste gefeiert. In ihr wird aus der Bibel gelesen. Eine Kirche wird – gerade nach evangelischer Überzeugung – durch die Menschen lebendig, die in ihr glauben, leben und feiern. Eine Kirche ist wie ein Glaube in Stein gegossen. Und dieser Glaube, der besteht ja fort, auch jenseits aller Kirchengebäude. Man kann Glauben nicht in Mauern einsperren. Mauern, Kathedralen, Gemeindezentren: das sind nur Zeichen. Wohl aber eben Zeichen, die deutlich erkennbar ist und ständig da.

Der feste Ort des Glaubens liegt meine ich in Geschichten, in Erlebnissen. In den eigenen Geschichten, und – als Beispiel, als Orientierung – in den Geschichten aus der Bibel.

Was ist das für ein Glaube, was sind das für Geschichten, die eine Kirche aufbauen? Z.B. jene Geschichte, die der Predigttext ist für diesen Sonntag.

[TEXT]

Zachäus ist einer, den möchte man nicht dabei haben. Aus guten Grund, übrigens. Er zerstört Gemeinschaft. Zachäus treibt als Zöllner Geld ein für die römische Besatzung. Allein das würde ihn schon in weiten Kreisen unbeliebt machen. Dazu hat er es noch weit gebracht: er ist Oberer der Zöllner. Das wird man nicht allein dadurch, dass man treu und brav seine Pflicht tut. Man kann ja auch Zöllner werden, weil man das Geld braucht, um seine Familie zu ernähren. Und dann schaut, dass man sich irgendwie durchmogelt, auch wenn man die Römer vielleicht hasst.

Zachäus denke ich, ist ein Überzeugungstäter. Und er lebt wahrscheinlich gut. Er gibt am Schluss die Hälfte seines Besitzes an die Armen – auch das wird ihn wahrscheinlich selbst nicht arm machen. Und wenn er sagt: „wenn ich jemanden betrogen haben sollte …“, dann weist das für mich darauf hin, dass bei Zachäus wahrscheinlich nicht alles immer mit rechten Dingen zugegangen ist.

Zachäus also ist kein Vorbild, kein Gutmensch. Vielleicht noch nicht einmal nachdem Jesus bei ihm war. Und die anderen Menschen, die rechtschaffenen, die frommen Bürger, haben mein vollstes Verständnis, wenn sie ihn meiden. Ein Widerspruch, ein Spott über seine Größe, könnte einen schon den Ärger mit den römischen Behörden einbringen. Und die setzten ihren Frieden auch dadurch durch, dass Aufrührer lebendig an ein Kreuz genagelt wurden. Also: besser nicht anlegen mit den kleinen Zachäus.

Aber eine Gemeinschaft funktioniert nur, wenn es genug Menschen gibt, die sich an die Regeln des guten Miteinanders halten. Wenn es nicht zu viele von der Sorge „Zachäus“ gibt. Und auch Gott selbst kritisiert ja durch seine Prophetinnen und Propheten solche Menschen wie Zachäus. Gott fordert die Menschen auf, seine Gebote zu halten, die Armen nicht zu betrügen, den Nächsten zu lieben, nicht seinen Vorteil zu suchen. „Ein Gerechter ist wie ein Baum, gepflanzt an Wasserbächen“, so heißt es im ersten Psalm.

Und wenn jetzt die Kirche St. Peter wieder aufgebaut wird, dann braucht es neben Geld eben solche guten Menschen, rechtschaffene Bürger, eine Förderverein vielleicht. Mitgefühl, Solidarität, all das, was unsere Gesellschaft, unseren Staat und unsere Kirche zusammenhält!

Was soll also die Geschichte von Zachäus, der ohne Not die Menschen und die Gesellschaft stört und zerstört?

Dazu möchte ich noch einmal zu den rechtschaffenen, den guten, den gerechten Menschen zurückkommen. Sie bauen an der Gesellschaft. An der Kirche, an der Gemeinde. Aus ihrem Glauben, aus ihrem Engagement entsteht und besteht die Gemeinschaft. Nur wenn Menschen ihre Zeit und ihre Energie, ihre Überzeugungen einsetzen im Geiste Gottes, im Geiste seiner Gerechtigkeit, seiner Liebe, seiner Hoffnung, dann kann so etwas wie Gemeinde überhaupt entstehen. Aus solchen Überzeugungen besteht die Gemeinschaft und entsteht auch so ein Bau wie die großen Kirche, wie St. Peter.

Und wie ein Gebäude, Stein auf Stein, Mauer auf Mauer entsteht, so bauen die Rechtschaffenen und Gerechten an der Gemeinde. Eine Mauer wächst in die Höhe, und Menschen sind stolz darauf, wenn aus einer Mauer, wenn aus vielen Mauern ein schönes, leuchtenden Gebäude, eine Kirche, ein Haus entsteht.

Eine Mauer wächst nach oben. Sie trägt etwas.

Sie schirmt aber auch ab, trennt zwischen drinnen und draußen. Und da, an dieser Trennung, da ist der Ort für die Geschichte von Zachäus!!

Wo Menschen etwas gestalten für Gott oder im Geiste Gottes, da besteht immer die Gefahr: den Geist und das Werk zu verwechseln. Den Geist und die Mauer zu verwechseln. Eine Kirchgebäude ist nicht Gott, eine Gemeinschaft ist nicht Gott. Und wer in der Kirche ist, ein treues Kirchenmitglied kann nicht behaupten, Gott näher zu sein als andere Menschen.

Und wenn Jesus von allen Menschen, die damals in der Geschichte da waren, zu dem einen Zachäus geht, zu einem, der es wirklich nicht verdient hat, dann soll das glaube ich den anderen, den Rechtschaffenen zeigen: „seid Euch nicht so verdammt sicher. Ihr habt Gott nicht als Besitz, als sichere Bank auf Eurer Seite. Gott sieht mehr. Gott ist anders.“

Jesus isst mit Zachäus und setzt damit ein Zeichen. Ja, Gott braucht die Rechtschaffenen, die Guten, die Gerechten, die, die die tragenden Mauern bauen. Aber Gott hält in seinen Mauern immer Löcher offen. Gottes Maßstäbe sind durchlässig. Und auf diese Weise auch ein Beispiel dafür wie wir bauen und gestalten sollen in unserem Leben. Durchlässig bleiben für das, was schon verloren scheint.

Gottes Herz ist ständig auf der Suche. Gott ist ständig auf der Suche nach denen, die sich Heilung sehen. Gott ist ständig auf der Suche nach denen, die draußen sind.

Insofern kann die verwundete Kirche auf dem Kirchplatz ein Zeichen sein für Gottes Suche nach dem Verwundeten, nach dem Verlorenen. Wie auch das Kreuz in jeder Kirche ein Zeichen dafür ist, dass Gott nicht automatisch da ist, wo Gelingen, wo Rechtschaffenheit, wo Ganzheit ist.

Aber ich glaube, dass Gott mit Sicherheit da zu finden ist, wo diese Freude ist, von der die Geschichte redet: „Und Zachäus stieg eilends herunter und nahm Jesus auf mit Freude.“

Statt Freude hätte man auch schreiben können: Er nahm Jesus auf und schmeckte ein Stück vom Himmel auf Erden.

Wo das Verwundete geheilt wird, wo das Verlorenen gefunden, wo das Zerstrittene versöhnt, wo Ungerechte gesühnt, überall da ist Gott mit Sicherheit anwesend. Und Menschen, die sich die tragenden Mauern ihres Lebens, die tragenden Mauern ihrer Kirchen, die tragenden Mauern ihrer Gemeinschaft offen halten, werden Gott dort spüren können und können mit einstimmen in die Freude von Jesus: „Heute ist diesem Hause Heil widerfahren…“

Jedes Abendmahl ist eine Erinnerung an diese Freude. Es wäre eben schön, wenn wir in Gedanken jede Stunde am Tisch Gottes sitzen würden, nicht bewerten würden und die Welt einteilen müssten in Gerechte und Ungerechte, in Drinnen und Draußen, in „Die da“ und „Wir“.

Solche Einteilung wird immer wieder passieren. So sind Menschen nun einmal. Aber ab und zu mitten im Leben wünsche ich uns, dass die Maßstäbe Gottes aufscheinen und wir da, wo wir verloren sind, gefunden werden, und da, wo wir auf der Seite der Gerechten sitzen, die Verlorenen am Tisch Gottes willkommen heißen können.

Auf das der Geist Gottes uns bewegt zum Miteinander, zum Wiederaufbau der zerstörten Kirche, zum Wiederaufbau der zerstörten Welt.

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