Gespräch mit Jesaja auf dem Markt

Sommer, Volksfeste, Husumer Matjestage, Bredstedter Markttage, Kieler Woche. Ich bummle durch die Gassen mit den Buden, die die leckersten Speisen anbieten. Und mitten drin stehen die Marktschreier. Einer ist dabei, der treibt es auf die Spitze. Der hat sich noch etwas ausgedacht. Er hat sich anscheinend kostümiert. Ein wenig orientalisch sieht er aus in seinem langen Gewand, dem dunklen Gesicht, dem langen Bart. Er hat auch keinen modernen, schicken Verkaufswagen. Höchstens einen Tisch kann er vor sich haben, wie ein fliegender Händler. Aber die große Menschenmassen verdecken, was er vor sich hat. Und nun hebt er die großen Hände, die weiten Ärmel rutschen ihm bis zum Ellenbogen. Sein Blick geht über die Menge. Und dann ruft er: Hoi, hallo , aufgewacht! Komm her, wer Durst hat! Hier gibt es Wasser! Auch wer kein Geld hat, kann kommen!“ „Ach, nur Wasser“, denke ich. Doch er ruft weiter: „Kauft euch zu essen. Es kostet nichts!“ „Na, der ist aber geschickt. Der verschenkt was. Jetzt wird es interessanter!“ „Kommt, Leute, kauft Wein und Milch! Zahlen braucht ihr nicht! Warum gebt ihr euer Geld aus für Brot, das nichts taugt, und euren sauer verdienten Lohn für Nahrung, die nicht satt macht?“ „Recht hat er!“ Hört doch auf mich, dann habt ihr es gut und könnt euch an erlesenen Speisen satt essen. Hört doch und kommt zu mir! Hört auf mich, dann werdet ihr leben. „Na, welche Speise der wohl zu bieten hat?“ Ich will mit euch einen unauflöslichen Bund schließen. Die Zusage, die ich David gegeben habe, sind nicht ungültig geworden: an euch werde ich sie erfüllen. „Da ist also der Haken. Erst was Leckeres umsonst anbieten, dann aber doch einen Bund, wahrscheinlich einen Vertrag unterschreiben.“ Ich bleibe ein wenig skeptisch, aber neugierig bin ich nun doch geworden. Das hat er geschafft. Ich drängle mich also bis zu ihm nach vorne. Als ich endlich vor seinem Tisch angekommen bin, ist er plötzlich weg und auf dem Tisch liegt gar nicht mehr als – eine Bibel. Aufgeschlagen ist der Prophet Jesaja. Das 55. Kapitel. Da stehen genau diese Worte. Mir geht das Wort aus dem Johannesevangelium durch den Sinn: Jesus Christus spricht: Ich bin das Brot des Lebens. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Liebe und Gnade ernähren unsere Seele und unsere Herzen, denn wer könnte leben ohne das Gefühl, nein, die Gewissheit, dass er geliebt ist. Nicht von irgendwem – sondern vom Leben selbst, vom Schöpfer. Unsere tiefste Verwurzelung liegt darin, dass wir Geschöpfe sind, und wir müssen wissen, dass wir nicht aus Zufall hier sind, sondern weil wir aus der schöpferischen Liebe des himmlischen Vaters geboren sind. Die Nabelschnur unserer Seele ist verbunden mit dem schöpferischen Urgrund allen Seins, mit der Liebe, die alles geschaffen hat, und die in Christus Mensch wurde. „Ha“, denke ich, „schon hat er es geschafft. Schon habe ich nach dem Brot des Lebens gegriffen, einfach nur indem ich über Gott und die Liebe nachdenke.“ Da steht diese prophetenähnliche Gestalt auch schon wieder vor mir.

„Wenn ich es recht verstehe“, beginne ich, „bieten sie hier Gottes Wort als Herzensbrot und Leib- und Seelenspeise an. Er lächelt und nickt. „Das ist etwas sehr Wertvolles. Verschleudern sie das nicht leichtfertig? Das ist doch ein bisschen billig, wie sie die Gnade abgeben. Ich meine, da könnte ja jeder kommen.“ „Es kostet nichts!“ antwortet er. „Auch wer kein Geld hat, kann kommen. Es soll jeder kommen!“ „Ist es Gott denn egal, wer ich bin, was ich tue?“ Und er sagt: Wendet euch an den Herrn, denn er will sich euch zuwenden. Bringt eure Not zu ihm, denn er will euch hören. Wer sich gegen den Herrn aufgelehnt hat, wer seine eigenen Wege gegangen ist, seinen eigenen Plänen gefolgt ist, der soll umkehren und zum Herrn kommen. Der Herr wird ihn wieder annehmen, denn er ist voll Güte und Erbarmen.“ (55,6-7) „Okay“, sage ich. „Demnach kann sich also wirklich jeder an ihn wenden. Aber sie haben natürlich recht. Erst einmal muss man einen Anfang machen, muss Vertrauen zu Gott haben, muss sich ihm zuwenden, den Weg zu ihm finden. Aber angenommen, ich wende mich Gott in meiner Not zu und klage ihm meine Not und bete. Wie geht es denn dann weiter?“

Und er spricht: Der Herr sagt: Tut, was recht ist, und haltet euch an meine Ordnungen! Dann kann ich euch bald Hilfe bringen, die ich euch zugesagt habe. Glück und Frieden wird erleben, wer meine Gebote befolgt.“ (56,1-2) „Wenn ich es recht verstehe, ist also so, dass ich Gottes Liebe umsonst angeboten bekomme. Aber dann muss ich doch bezahlen, indem ich mich an seine Ordnungen halte. Muss ich dann nicht doch auf diese Weise für die Gnade etwas leisten, dafür bezahlen?“ Er denkt einen Augenblick nach und sagt: Ich will es in einem Bild ausdrücken. Gott sagt: Wenn Regen oder Schnee vom Himmel fällt, kehrt er nicht wieder dorthin zurück, ohne dass er etwas bewirkt: er durchfeuchtet die Erde und macht sie fruchtbar, so dass man Korn für das tägliche Brot bekommt und Saatgut für neue Ernte. Genauso ist es mit dem Wort, das ich spreche.“ (55, 10-11a) Jetzt musste ich einen Augenblick nachdenken. Aber ich verstand, was er meinte. Dass ich Gottes Ordnungen, dass ich seine Gebote befolge, das kommt von alleine, wenn ich mich Gott zuwende. Das ist keine Forderung. Ein Baum wächst nicht dadurch, dass man sich vor ihn stellt und ihm befiehlt zu wachsen. Es ist eine Kraft, die er aus seinen Wurzeln zieht, die in seinem Innern wirkt. Wenn ich einen Menschen liebe, tue ich automatisch Gutes für ihn und bemühe mich um ihn. So ist es auch in der Liebe zu Gott. Ich spüre seine Liebe und beginne mich deshalb um ihn zu bemühen, und nicht weil er es befiehlt. So wirkt Gottes Wort in mir. Und das ist nicht nur Speise und Brot für jetzt und heute. Das ist auch Saatgut für neue Ernte. Es sät sich in mir selbst weiter aus, so dass ich auch in Zukunft mich davon speise. Einmal angefangen, lässt einen Gottes Wort so schnell nicht wieder los. Und ich kann von der Saat der Liebe auch austeilen. Ich teilte ihm meine Gedanken mit und bat ihn: „Erzähle mir mehr von Gottes Ordnungen und Geboten.“ Löst die Fesseln eurer Brüder, nehmt das drückende Joch von ihrem Hals, macht jeder Unterdrückung ein Ende. …Wenn ihr aufhört, andere zu unterdrücken, mit dem Finger spöttisch auf sie zu zeigen und schlecht über sie zu reden, wenn ihr den Hungrigen zu essen gebt und euch den Notleidenden zuwendet, dann wird eure Dunkelheit hell werden, rings um euch her wird das Licht strahlen wie am Mittag. Ich, der Herr, werde euch immer und überall führen, auch im dürren Land werde ich euch satt machen und euch meine Kraft geben. Ihr werdet wie ein Garten sein, der immer genug Wasser hat, und wie eine Quelle, die niemals versiegt.“ (58, 6, 9-11)

„Die letztgültige Wahrheit ist also die Liebe“, deutete ich seine Worte. Und wo die Liebe fehlt, da breitet sich das Leiden aus. Wo die Reichen mit den Armen nicht teilen, wird gehungert, wo ein Volk ein anderen unterdrückt, herrscht Krieg, wo wir einander verspotten und ausgrenzen herrscht Unfrieden unter uns, da breitet sich Dunkelheit und Kälte aus. „Es gibt so viele Menschen, die leiden.“ Wandte ich ein. Wenn man denen von Gottes Liebe erzählt, fühlen die sich ausgeschlossen, vergessen, geradezu verhöhnt.“

Und er sagte: Gott spricht: „Ich wohne in der Höhe, in unnahbarer Heiligkeit. Aber ich wohne auch bei den Gedemütigten und Verzagten, ich gebe ihnen Hoffnung und neuen Mut … Ich lasse meinem Zorn nicht unbegrenzten Lauf… Ich wandte mich von ihnen ab und ließ Unheil über sie hereinbrechen, das sie selbst verschuldet hatten. Denn ich habe genau gesehen, wie sie es trieben. Aber jetzt richte ich sie wieder auf.“

(57, 15 – 19 i.A.) „Ja, gut!“, unterbrach ich ihn. Es gibt die einen, die ihr Unglück selbst verschuldet haben. Aber andere leiden unschuldig. Die sind krank, haben Schmerzen, sind traurig, fühlen sich verlassen, oder, oder, oder …

Er aber sagte: Wer hätte es für möglich gehalten, dass die Macht des Herrn sich auf solche Weise offenbaren würde? Denn sein Beauftragter wuchs auf wie ein kümmerlicher Spross aus dürrem Boden. So wollte es der Herr. Er war weder schön noch stattlich…. Alle verachteten und mieden ihn; denn er war von Schmerzen und Krankheit gezeichnet….In Wahrheit aber hat der die Krankheiten auf sich genommen, die für uns bestimmt waren, und die Schmerzen erlitten, die wir verdient hatten. ..Die Strafe für unsere Schuld traf ihn, und wir sind gerettet… Er wurde verwundet und wir sind heil geworden. Man begrub ihn unter Verbrechern, mitten unter den Ausgestoßenen, obwohl er kein Unrecht getan hatte… Aber der Herr wollte ihn leiden lassen…Durch ihn wird der Herr sein Werk vollenden. (53, i.A.) Jetzt musste ich natürlich an Jesu Leiden denken. Er trägt nicht nur unsere Schuld, sondern teilt auch unsere Schmerzen. Ich dachte noch eine Weile über die Worte dieses Propheten nach. Ich war an diesen Stand gekommen, um zu essen und wurde gespeist. Ich war erfüllt. Auf wunderbare Weise gesättigt. Jesus Christus spricht: Ich bin das Brot des Lebens, wer zu mir kommt, den wird nicht hungern und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten.

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