Weil nicht sein kann, was nicht sein darf

Liebe Gemeinde,

In meiner Vorbereitung auf die heutige Predigt ging mir ständig ein Gedicht von Christian Morgenstern durch den Kopf, das ich Ihnen nicht vorenthalten will:

Palmström, etwas schon an Jahren,

wird an einer Straßenbeuge

und von einem Kraftfahrzeuge

überfahren.

"Wie war" (spricht er, sich erhebend

und entschlossen weiterlebend)

"möglich, wie dies Unglück, ja – :

dass es überhaupt geschah?

Ist die Staatskunst anzuklagen

in bezug auf Kraftfahrwagen?

Gab die Polizeivorschrift

hier dem Fahrer freie Trift?

Oder war vielmehr verboten,

hier Lebendige zu Toten

umzuwandeln, – kurz und schlicht:

Durfte hier der Kutscher nicht -?"

Eingehüllt in feuchte Tücher,

prüft er die Gesetzesbücher

und ist alsobald im Klaren:

Wagen durften dort nicht fahren!

Und er kommt zu dem Ergebnis:

Nur ein Traum war das Erlebnis.

Weil, so schließt er messerscharf,

nicht sein kann, was nicht sein darf.

(aus: <a href="http://www.christian-morgenstern.de/dcma/index.php?title=Die_unm%C3%B6gliche_Tatsache" target="_blank">http://www.christian-morgenstern.de/…</a>)

Auf den ersten Blick hat das Gedicht überhaupt nichts mit den Worten des Propheten Jesaja zu tun, die in seinem 55. Kapitel überliefert sind. Einem grundlegenden Hoffnungstext.

Der von Gott dem ganz anderen spricht der ganz andere Vorstelllungen mit uns und unserer Welt hat, als wir denken.

Ich will ihn vorlesen: (Jes. 55)

[TEXT]

Ein Markschreier wirbt um seine Ware. Der Markschreier ist der Prophet Jesaja oder Gott selbst. Er wirbt. Er wirbt darum, dass das Volk Israel ihm Gehör schenken soll. Neigt eure Ohren her und kommt her zu mir! Höret, so werdet ihr leben! Ich will mit euch einen ewigen Bund schließen, euch die beständigen Gnaden Davids zu geben. Und er weist sein Volk darauf hin, dass es nicht allein bleiben wird: 5 Siehe, du wirst Heiden rufen, die du nicht kennst, und Heiden, die dich nicht kennen, werden zu dir laufen um des HERRN willen.

Keine Frage – wie ich finde, worum es geht: um Gottes Zukunft mit uns Menschen. Gott richtet sich an sein Volk, damals vor etwa 2500 Jahren, als Viele im Exil lebten im Babylon. Und schon damals – ein halbes Jahrtausend vor Jesu Geburt – macht er deutlich: er begnügt sich nicht mit seinem Volk. Er beschränkt sich nicht auf Israel, sondern öffnet seinen Bund für die Menschen der ganzen Welt. Für die die draußen stehen, die Heiden. Das hat schon etwas revolutionäres für die damalige Zeit: es bedeutet das Ende von Exklusivitätsansprüchen, wie sie das Judentum nach der Zerstörung des zweiten Tempels wieder entwickelte, und es widerspricht erst recht den christlichen Exklusivitätsansprüchen wie wir sie im christlichen Abendland über anderthalb Jahrtausende gepflegt haben. Gott öffnet seinen Bund für die Heiden.

Hier kommt Morgensterns Palmström das erste Mal zum Zug: dass nicht sein kann, was nicht sein darf … Es ist aber so: Jesus und wir Christen stehen in der Tradition dieser jüdischen Weisheitstheologie, die im Buch des Propheten Jesaja zum Ausdruck kommt: Diese Auffassung hat mit dafür gesorgt, dass der Glaube an Jesus nicht auf die jüdische Gemeinschaft beschränkt geblieben ist, sondern sehr schnell den Weg gefunden in die ganze Welt – zu den Heiden, zu uns. Wir haben später dann die Juden ausgegrenzt und mehr und mehr die Fähigkeit zur friedlichen Auseinandersetzung mit anderen Religionen verloren. Wir tun gut dran diese verschüttete Tradition wieder zu entdecken, die der alten Kirchenlehre nicht folgt, die behauptete: außerhalb der Kirche sei keine Gnade und kein Heil zu finden.

Und dann kommt auch noch die einleitende Markschreierei dazu: Wohlan, alle, die ihr durstig seid, kommt her zum Wasser! Und die ihr kein Geld habt, kommt her, kauft und esst! Kommt her und kauft ohne Geld und umsonst Wein und Milch!

In meiner Predigtvorbereitung, habe ich eine ganze Reihe von Predigten gelesen. In keiner, die ich gelesen habe, kommt die Provokation zur Sprache, die in diesen Worten steckt. Ohne Geld kaufen, alles Lebenswichtige umsonst: darum geht es hier. Es ist nicht nur ein besonderer Werbegag eines Marktschreiers, der nur die Kunden auf sich aufmerksam machen will. Und es ist auch nicht vorschnell symbolisch zu verstehen: Wasser, Wein, und Milch umzudeuten als Hinweise auf Gottes Wort, auf seine Gnade und sein Heil, welches es umsonst gibt. Hier kommt Morgensterns Palmström das zweite Mal zum Zug: dass nicht sein kann, was nicht sein darf …

Die Worte des Propheten Jesaja sind m.E. wortwörtlich zu verstehen, sie weisen natürlich auch auf Gottes Wort auf Gottes Reich, eben auf die Zukunft hin, die Gott verspricht. Und Gottes Zukunft bricht an, wenn das erreicht ist: Menschen das lebensnotwendige für ihr Leben haben, Wasser, Wein und Milch wie es heißt.

Das ist eine Provokation. Wir haben inzwischen die leidvolle Erfahrung gemacht: Was es umsonst gibt, ist in den Augen vieler Menschen nichts wert. Wir verlieren das Bewusstsein dafür und können es nicht mehr wert schätzen, was viel wert ist, wenn es nichts kostet. Und von den Erfahrungen des real existierenden Sozialismus, der gescheitert ist, ganz zu schweigen. Ich bin ehrlich: eine solche anarchistische Gesellschaft, wo Menschen umsonst arbeiten und umsonst Leben, die leben einfach aus dem freien Austausch ihrer Arbeit und Güter, ohne Geld – das ist mir nicht mehr vorstellbar.

Wir Theologen kennen da einen ganz einfachen Trick, um das Problem zu lösen. Zum einen erklären wir: diese Anarchie gehört ins Reich Gottes. Und das Reich Gottes ist Sache Gottes – nur er kann es herstellen. Wir Menschen mögen daran glauben, aber ob und wann es kommt, ist und bleibt Sache Gottes und ist nicht von uns Menschen beeinflussbar. Zum anderen: das Reich dieser Welt hat nichts mit dem Reich Gottes zu tun. Hier herrschen andere Gesetze …

Ich gebe zu: zu dieser Deutung neige ich auch. Nur glaube ich, dass sie nicht die Herausforderung und Provokation der Worte des Jesaja, ausradieren darf. Warum schaffen wir Menschen es nicht in einer Welt des Überfluss und der Überproduktion, dass alle Menschen das lebensnotwendige haben? Warum müssen in Teilen der Welt Menschen ohne sauberes Wasser leben, bzw. es teuer bezahlen? Warum müssen Menschen in unserer Welt hungern und an Mangelernährung sterben? Dabei geht es nicht um Gleichmacherei, nicht um gleichen Lohn für jede Arbeit oder ein Leben ohne Geld, sondern einfach nur um Existenzsicherung.

Und ja dieser Text ist nicht so ganz von dieser Welt: er erzählt von Gott dem ganz anderen, der so manches ganz anders im Sinn hat, als wir Menschen.

Hier haben wir einen Hinweis über das was er im Sinn hat. Was wir bezeugen können und sollen. Dass es allen Erfahrungen zum Trotz auch anders gehen könnte und wird. Dass unsere Erfahrungen, dass unsere menschlichen Schwächen nicht das letzte Wort haben werden. Darauf können wir hoffen. Allen Misserfolgen zum Trotz. Vielleicht kann uns von daher unser Glauben den Anstoß geben: Immer wieder mal etwas auszuprobieren, auch wenn es sich um scheinbar Verrücktes handelt. Und wer weiß- vielleicht passiert dann Palmströms Umkehrung: dass sein kann, was nicht sein darf …

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere menschliche Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

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