Kritische Instanz

Liebe Gemeinde,

der heutige Predigttext steht im 55. Kapitel (V.1-3) des Buches des Propheten Jesaja und stammt aus der Zeit der babylonischen Gefangenschaft. Der von der Wissenschaft als Deutero-Jesaja genannte Autor wendet sich an ein Volk, das sich zunehmend anderen Beschäftigungen widmet als dem Gottesdienst, andere Götter als den wahren Gott huldigt und andere Gedanken hegt als die Traditionen der alten Heimat hoch zu halten.

In dieser Lage ist eine kernige Rede gefragt; etwas was schockiert, überrascht aber doch trägt und überzeugt. Gefragt ist das Wort Gottes in der Bildsprache eines Propheten vom Kaliber Jesajas. Und so stellt sich der Prophet auf dem babylonische Markt und schreit:

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… so die Worte des Propheten! Waren sie damals überzeugend? Mich jedenfalls erinnern sie an eine andere Rede, die ich irgendwann einmal mit genau so viel Pathos vorgetragen gehört habe:

Liebe Genossinnen und Genossen, der neue Mensch braucht die echte Freiheit. Er muss sich von den Ketten der alten kapitalistischen Weltordnung befreien. Materieller Besitz, Geldanhäufung, auf vererbbare Privilegien, auf Titel, Hierarchien und eine verdorbene und korrupte Gesellschaftsordnung zu setzen, die doch nur dem schnöden Mammon huldigt – das alles müssen wir restlos beseitigen um Platz für den neuen Menschen zu schaffen!

Und wer, frage ich Sie, wer stand und steht immer noch einer erneuernden, verjüngenden Weltrevolution stets im Weg? Ja, richtig: die Kirche! – die Kirche mit ihrer dekadenten, veralteten und scheinheiligen Moral! Opium für’s Volk, nichts anderes ist das!

Mit dem neuen Menschen sind neue Maßstäbe verbunden! Gleichheit, Brüderlichkeit – ein neues Leben in Wohlstand und ständigem Fortschritt! Und besonders das wichtigste dürfen wir nicht vergessen: das Leben in Frieden und Freiheit! Deswegen gilt für uns die Devise: Proletarier aller Länder, vereinigt euch!

Liebe Gemeinde, wenn jemand von der anderen Seite des früheren Eisernen Vorhanges stammt, musste man, so wie ich als Jugendlicher, sich viele solche Reden anhören. Und was viel schlimmer ist, ich hatte oft mit Menschen zu tun, die der festen Überzeugung waren, dass solches Gerede auch stimmt!

Und das, obwohl viele soziale und politische Tatsachen dagegen sprachen! Solche Reden wurden sogar noch aggressiver nach gewissen geschichtlichen Ereignissen wie dem Volksaufstand vom 17. Juni 1953.

Das war heute vor 54 Jahren. In weit mehr als 500 Orten der DDR kam es zu Streiks und Demonstrationszügen, aber auch zu spontanen Gewaltausbrüchen gegen staatliche Einrichtungen und offizielle Personen, die man mit der pro-sowjetischen Staatsform auf deutschem Boden identifizierte. Eine überregionale Führung oder eine Planung seitens der Aufständischen hat es aber nicht gegeben.

Bis zu 1,5 Millionen Menschen beteiligten sich an diesem Aufstand und für eine kurze Zeit gelang es, einige Polizeireviere, Kasernen und Gefängnisse zu besetzen.

Trotz des Mutes und der Entschlossenheit dieser Menschen hätte der Aufstand ohne Solidarität und Hilfe aus dem Westen nie eine echte Chance gehabt. Aber diese kam nicht, denn der Westen war zu sehr mit sich selbst beschäftigt, zu sehr auf das Einflusssphären-Denken aus der Ära des Kalten Krieges fixiert. Man wollte die Russen nicht provozieren.

Und so kam es, dass mit der Ausrufung des Ausnahmezustandes und des Kriegsrechts durch die sowjetischen Behörden die Sowjetunion offiziell die Regierungsgewalt über die DDR erhielt. Die Konsequenz war der Einsatz von 16 sowjetischen Divisionen mit Panzern und über 20.000 Soldaten. Auch 8.000 Angehörige der deutschen Volkspolizei waren an der Unterdrückung des Aufstands beteiligt.

Ein Leben in Frieden und Freiheit, Wohlstand und Vorschritt. Das wurde damals immer wieder mühlenartig wiederholt. Es war die Kernideologie in allen kommunistisch dominierten Ländern. Doch diese Versprechungen sind nicht eingehalten worden. Und als das klar wurde, war es zu spät: viele bezahlten am 17. Juni diesen Irrweg mit ihrem Leben. Andere Tausende wurden verhaftet und litten Jahrzehnte lang unter den Folgen dieses Aufstands. Denn die Obrigkeit verzeiht und vergisst solche Ausschreitungen nie.

Übrigens, das gilt für jede totalitäre Obrigkeit – ob marxistisch, nationalsozialistisch oder kapitalistisch geprägt.

Proletarier aller Welt, vereinigt euch… ob ihr wollt oder nicht … möchte man den Satz fast weiterführen; jetzt, wo wir inzwischen alle klüger geworden sind – hoffentlich …

Der Gedanke, mit Gewalt die Welt durch eine Ideologie zu verändern und letztendlich so zu verbessern, dass dadurch das Paradies auf Erden entsteht, war und wird immer eine Utopie bleiben.

Wo diese Utopie hinführt zeigt auf einer Seite der heutige totale geistige, moralische, politische und wirtschaftliche Zusammenbruch der kommunistischen Systeme überall auf der Welt. Auf der anderen Seite zeigt sich auch, dass rein kapitalistische Konzepte, wo das private Eigentum, das Geld, der Konsum und die ständige Jagd nach Spaß und Lustbefriedigung als Zweck für sich verfolgt werden, auch zu einem Verfall führen, die im Nichts enden.

Ob politische oder religiöse Systeme; wer das absolut Gute will, schafft in der sündigen Wirklichkeit Böses. Das absolut Gute kann es aus der Hand eines Menschen kaum geben. Denn es gehört zur Natur des Menschen, Sünder zu bleiben, wenn er etwas mit aller Kraft durchsetzen will.

Eine Leitidee anzubieten, anderen beizustehen und Hilfe zu leisten, Mitmenschen in Zeiten der Not durch den Sturm zu führen ist eine Sache.

Etwas anderes ist es, diese Ideen zu absoluten Norm zu erheben und Ideologien zum Maßstab menschlicher Existenz zu machen.

Aber gerade dagegen setzt ein anderer Maßstäbe. Ein anderer, der größer und stärker ist als alle Menschen, denn er steht am Anfang und am Ende aller Dinge.

Liebe Gemeinde, GOTT IST DIE KRITISCHE INSTANZ ALLER IDEOLOGIEN.

Und genau das wollte der unbekannte Prophet, der im Namen Jesajas vor 2.500 Jahren auf dem babylonischen Markt sprach, verkünden.

Nicht wirklich Brot, Wein, Milch und Wasser will er den Menschen verkaufen. Diese Nahrungsmittel nimmt er nur als Sinnbild für etwas viel größeres und wichtigeres. Das, was er mit seiner auf dem ersten Blick aberwitzigen Verkaufsstrategie erreichen will ist, seine Zuhörer auf ihre eigene Beziehung zu Gott aufmerksam zu machen.

So wie Brot und Wasser Leben bedeuten, und Milch und Wein für Überfluss stehen, so ist eine lebendige, vielfältige und reiche Beziehung zu Gott; die Basis, Mitte und Kraft des wahren Lebens ist. Ein solches Leben wird durch einen Glauben gestärkt und getragen, der, obwohl äußerlich kaum sichtbar, vielmehr in der Seele der Menschen wirkt.

Dort, in der menschlichen Seele, ist der Ort, wo Wasser und Brot des Lebens ausgeteilt werden. Dort ist der Ort, wo sie uns satt machen und wo unsere sehnsüchtigste Hoffnung eine Antwort bekommt: Gott, der jeden und jede von uns erschaffen und erhalten hat, will uns für alle Zeiten – für die Ewigkeit seinen Schutz gewähren. Selbst im Tod bin ich vor dem Nichts bewahrt, selbst im Tod werde ich nie alleine sein.

500 Jahren nach dem Auftritt des jüdischen Propheten in Babylon bekräftigte Gott dessen Worte erneut durch seinen eigenen Sohn. Ich lebe und ihr werdet auch leben! – so spricht Gott zu uns, so erklärt er uns durch Christus erneut, wie sein Brot und sein Wasser tatsächlich wirken!

Liebe Gemeinde, so deckt sich der Aufruf des Propheten, der zugleich eine Versprechung ist, mit der Zusage der Frohen Botschaft. „Neigt eure Ohren her und kommt her zu mir! Höret, so werdet ihr leben!“

Wer dies tut, der kann jede Ideologie durchschauen und wird jede menschliche Versuchung überwinden können. Nur entscheiden müssen wir alleine, und dafür wünsche ich uns allen viel innere Kraft und Gottes Segen.

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