Gottes Wort trifft mein Leben

Liebe Gemeinde,

hören wir den ersten Teil des Predigtwortes aus dem Propheten Jesaja im 55. Kapitel, den Vers 1: „Wohlan, alle, die ihr durstig seid, kommt her zum Wasser! Und die ihr kein Geld habt, kommt her, kauft und esst! Kommt her und kauft ohne Geld und umsonst Wein und Milch!“

„Wohlan, alle, die ihr durstig seid, kommt her zum Wasser!“, so ruft es der Prophet aus! – Trinkt von diesem Wasser des Heils, das euch umsonst geschenkt worden ist. „Und die ihr kein Geld habt, kommt her und esst! Wein und Milch ist euch geschenkt!“

Vielleicht, liebe Gemeinde, erinnern Sie sich noch an die Auslegung der Jahreslosung, die ebenfalls aus diesem Propheten stammt: „Siehe ich will ein Neues schaffen. Jetzt wächst es auf!“ Es ist jene Situation in der Geschichte Israels, in welcher auch unsere Jahreslosung entstanden ist: Israel, bzw. seine Oberschicht ist aus dem geliebten Land deportiert, weggeführt worden. Weg ins ferne Babylon, umgeben von fremden Göttern in einer fremden Welt. Und doch passiert etwas, welches in des Menschen Natur liegt. Die Israeliten passen sich dort an. Jahre vergehen und man entdeckt auch die guten Seiten dieser Deportation. Neue Möglichkeiten tun sich auf – Babylon ist ja eines der fortschrittlichsten Völker seinerzeit. Für die Gebildeten wird es interessant gewesen sein, mit welchen Möglichkeiten der Forschung und der Technik man sich dort befasste. Kinder werden geboren und wachsen auf, fast in völliger Unkenntnis dessen, wie die Heimat ihrer Eltern und das Leben dort aussieht. Freilich gilt diese Anpassung nicht für alle, die dort hinkamen. U.a. die Priester versuchen den alten Glauben lebendig zu halten. Sie schreiben z.B. den Schöpfungsbericht, der in unserer Bibel ganz am Anfang steht: „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.“ Sie rechnen auf diese Weise mit den babylonischen Göttern ab und führen ihren Glaubengenossen vor Augen: alles, auch die Sterne und die Sonne: alles liegt im Machtbereich des Gottes, der uns aus Ägypten befreit hat. Später, unter Kyros, dem Perser wird ein Teil der deportierten Israeliten wieder in ihr Land zurück gebracht: 42 000 sind es ungefähr. Eine enorme Zahl – wie viele sind wohl geblieben in Babylon? Und weil es so viele sind, muss die Mehrzahl immer wieder daran erinnert werden, wo ihr Heil eigentlich zu finden ist. Nicht in den fremden Göttern, nicht in der Anpassung an das bequeme Leben in Babylon, sondern in dem Gott, der allein lebendig ist. Dem Gott, der lebendiges Wasser schenkt, ja es selber ist, wie es später Jesus von Nazareth formulieren wird.

Heute, liebe Gemeinde, ist zufälligerweise der UN-Welttag für die Bekämpfung von Wüstenbildung und Dürre. Ich hätte es selber nicht gewusst, hätte ich mich für heute nicht auf dieses Bibelwort vorbereiten dürfen. Für mich nehme ich diesen Tag wie ein Sinnbild, der etwas Entscheidendes aus unserem Predigtwort widerspiegelt. Denn es kann passieren, dass man – obwohl man alles zu haben meint, wie die Exulanten aus Israel – dennoch wüst wird und Durst leidet. Innerlich verdorrt, weil die geistliche Nahrung fehlt. Innerlich verdurstet, weil der starke Durst nach dem wahren Leben nicht gestillt werden kann. Und das, liebe Gemeinde, verbindet uns mit den Menschen aus dem Volke Israel vor ca. 2500 Jahren. Auch unser Leben kann manchmal als ein Leben im Exil von Gott beschrieben werden.

In den Gesprächen mit Mitchristen aus unserer Gemeinde kommen wir oft auch auf jenes Thema: die Unterschiede zwischen damals, als die z.B. besuchten Geburtstagskinder selber noch jung waren und heute, wo man aus der Distanz heraus auf die Jugend schaut und sich wundert, warum vieles so anders geworden ist. Vieles ist heute möglich, wovon man vor 50 Jahren vielleicht noch nicht einmal geträumt hätte. Viel Freiheit gibt es da. Kinder und Jugendliche wachsen meist nicht mehr unter dem strengen Regelwerk auf, welches noch vor Jahrzehnten unbestrittene Gültigkeit hatte: denken Sie an die Stellung der jungen Mädchen, was Ausbildung oder Ehe anbelangt. Fast alles dagegen scheint heute zu gehen und diese Freiheiten haben ja auch in der Tat einen enormen Gewinn gebracht: stärkere Gleichberechtigung ist eingezogen, das Recht auf freie Berufswahl u.v.m. Hinzu kommt der materielle Aspekt: wie viel Dinge haben wir doch heutzutage. Man einer besitzt schon in jungen Jahren ein eigenes handy (manchmal gleich mehrere), eine eigene Stereoanlage, einen eigenen PC, einen eigenen Fernseher usw. Sind das nicht alles gute Bedingungen für ein gelingendes Leben? Aber es geht heute nicht nur um die Jugend, liebe Gemeinde, sie dient als Beispiel: es geht heute um uns alle. Wer von uns etwa ist unempfindlich gegenüber der Werbung, die uns heimlich vorgaukelt: wenn du nur dieses oder jenes besitzen würdest, dann wäre auch dein Leben auf einmal glücklicher, entspannter, angefüllter? Unser Predigtwort spricht anhand des Beispiels vom deportierten Volk Israel eine andere Sprache. Dort leben sie in mäßigem Luxus, dort scheint es alles zu geben, was zum Leben notwendig ist, aber dennoch fehlt etwas. Hunger und Durst breitet sich aus: innerer Hunger, innere Dürre, innerer Durst. Lesen wir weiter im Predigtwort, den Vers 2(a): „Warum zählt ihr Geld dar für das, was kein Brot ist, und sauren Verdienst für das, was nicht satt macht?“

So sind wir Menschen anscheinend: bereit uns einzusetzen mit dem, was wir arbeiten, um etwas zu erlangen, das uns eigentlich doch gar nichts nützt. Wir zahlen bereitwillig für etwas, das kein Brot ist und sauer verdientes Geld (daher kommt dieser Ausdruck übrigens) für etwas, das uns gar nicht sättigen kann. Innerlich unruhig wird der Mensch getrieben, diese Lücke, die er in sich spürt, aufzufüllen mit Gütern und Dingen. Manchmal endet dies in einer Sucht, die diese Leere zu bekämpfen sucht. Ein Beispiel leuchtet sofort ein: obwohl die Menschen noch nie so viel Wohnfläche wie heutzutage ihr Eigen nennen, finden doch immer weniger anscheinend dort ihre Heimat, ihr Zuhause. „Wohnst du noch oder lebst du schon?“ fragte eine ganze Zeit lang ein großer Möbelhersteller. Ob er uns den Weg zum Leben weisen kann, indem wir bei ihm oder anderswo einkaufen fahren?

Der Prophet Jesaja bezweifelt dies. Er nennt einen anderen Weg. Hören wir den nächsten Vers unseres Predigtwortes: „Hört doch auf mich, so werdet ihr Gutes essen und euch am Köstlichen laben. Neigt eure Ohren her und kommt her zu mir! Höret, so werdet ihr leben!“

Auf Gottes Wort hören, das versuchen die meisten von uns, die auch heute hier sind. Dem nachzuspüren, wo das echte Leben zu finden ist.

Ebenfalls am 17.Juni – allerdings 1722 fällte Christian David, der Anführer einer kleinen Gruppen von Glaubensflüchtlingen aus Mähren den ersten Baum zum Anbau der neuen Siedlung, die später Herrnhut heißen sollte. Aus Herrnhut, welches schnell zu wachsen beginnt, kommen seit 1731 die Losungen, die für viele Christen erst den rechten Beginn des Tages markieren. Sich unter Gottes Wort stellen, auf ihn hören: nichts anderes wollen diese Losungen sein. Wir wissen freilich noch mehr: Gottes Wort ist nicht allein die Reihe der Buchstaben, die wir in der Schrift finden. Es ist Christus selbst, das fleischgewordene göttliche Wort. In ihm finden wir Gottes Willen für unser Leben. Unser Schriftstudium, unser Nachsinnen über das geschriebene Wort Gottes, das Lesen der Losungen, das Hören der Bibelworte im Gottesdienst: all das will unser Sinnen immer wieder ausrichten an diesem Jesus von Nazareth, der für uns der Christus, der Heilsbringer geworden ist. Weil seine Worte von außen unser Leben erreichen, können sie uns überhaupt die Augen öffnen. Wer dem Wort Gott nachsinnt, der vergleicht sein Leben und seine Lebensweise mit dem, was ihm von außen vorgehalten wird. Es klingt widersprüchlich, aber ich bin davon überzeugt, dass nur außerhalb meiner selbst ein fester Anker zu finden ist. Wenn ich mich einlasse auf dieses große Geheimnis, dass in fremden Worten etwas zu finden ist, welches fähig ist, mein eigenes Leben zu deuten und zu übersteigen, erst dann kann ich mich aufmachen aus der Wüste und aus der Dürre hin zu frischem Wasser. Ziehen wir noch einmal den freilich etwas hinkenden Vergleich mit der Werbung von vorhin heran: als guter Werbetexter muss ich doch versuchen etwas zu finden, das den Menschen entspricht – etwas, das ihr Wesen und ihren Kern so anspricht, dass sie bereit sind, das entsprechende Produkt zu kaufen. Ist Werbung gut gemacht, so erreicht sie dieses Ziel und der Absatz steigt. In diesem Sinne kann Gottes Wort niemals Werbung werden, denn es legt ja schonungslos etwas offen, welches der Mensch nicht wahrhaben möchte. Nämlich, dass er von Gott entfernt lebt. Ja, dass sein Wesen nicht ausreicht, um zum Heil zu finden. Vielleicht ist das der innerste Grund, warum es kaum erfolgreiche blockbuster im Kino gibt, die tatsächlich die christliche Botschaft transportieren können, genauso wenig wie es gute, funktionierende Werbung in jenem Sinne für Jesus Christus geben kann. Jesus, das wahre Wort Gottes, ist eben kein cooles Lebensgefühl, es ist kein smarter Aufsteiger- oder Erfolgstyp, der sich klar wie von selbst immer das neueste und schönste Auto leisten kann oder die trendige Urlaubsreise. Wo Christus wirklich zum Vorschein kommt, dort wird etwas gezeigt, was zerbrochen ist und wieder geheilt wird: bei den Armen und den Schwachen, bei den Kranken und den Hoffnungslosen, bei den Verzweifelten und den Erniedrigten. Ich meine in der Tat, dass, je mehr Wohlstand wir genießen dürfen, wir umso schwieriger Zugang finden können zu diesem wahren Wort Gottes, denn der äußerlich satte Mensch wird gerne oft träge und langsam. Er sieht nicht die Notwendigkeit, sein Leben immer wieder ausrichten zu müssen: „es geht doch gut so, wie es ist.“ Verstehen Sie mich nicht falsch, liebe Gemeinde: es geht nicht darum, den Wohlstand anzuklagen – es geht alleine darum, dass wer viel bekommen hat, in umso größerer Verantwortung steht. Für sich und für andere.

Gottes Wort trifft mein Leben dort, wo es fehl geht. Wo es sinnentleert geworden ist, krank und träge. Dort, wo die Sünde sich breit macht, diese große Entfernung von Gott. Gottes Wort will mich wieder hinführen an diese Quelle des lebendigen Wassers, meine Wunden zudecken, damit sie heilen können und es will mich erfüllen mit wahrem Sinn und wahrer Freude. Und auch dort gilt eine ganz ähnliche Beobachtung. Wahre Freude ist selten ich-zentriert. Natürlich kann ich mich sehr freuen über ein neues Möbelstück oder ein neues Auto, um den Vergleich von vorhin noch einmal zu bemühen. Aber anhaltende, erfüllende Freude geht ebenfalls über mich hinaus. Sie sprengt die Grenzen, die mir gesetzt sind und teilt sich einem Gegenüber mit. Wie in der Liebe einer Partnerschaft, wie in der Gemeinschaft deren, die zusammen empfangen dürfen, wie wir es kürzlich zum Thema Abendmahl bedacht haben. Lesen wir mit diesen Ohren die letzten zwei Verse unseres Predigtwortes: „Ich will mit euch einen ewigen Bund schließen, euch die beständigen Gnaden Davids zu geben. Siehe, ich habe ihn den Völkern zum Zeugen bestellt, zum Fürsten für sie und zum Gebieter. Siehe, du wirst Heiden rufen, die du nicht kennst, und Heiden, die dich nicht kennen, werden zu dir laufen um des HERRN willen, deines Gottes, und des Heiligen Israels, der dich herrlich gemacht hat.“

Gottes Gnade, Gottes Wort kommt von außen auf uns zu. Es ist und bleibt ein rettendes Geschenk, welches uns Gott selbst in Christus Jesus anbietet. Keine Leistung, kein eigenes Vermögen mag diese beständigen Gnaden schaffen. Und ebenso die Wirkung: siehe, du wirst Heiden rufen, die du nicht kennst. Du teilst aus, du reichst diese Freude weiter, an deinen Nächsten, an den Fremden.

Diese Vision des Propheten – eine Vision des Heilszustandes – galt vor 2500 Jahren dem Volk Israel. Sie ist schon damals somit ausgeweitet worden – nicht nur Davids Nachkommen, sondern das ganze Gottesvolk darf diesem Heil gegenwärtig werden. Mit Christus Jesus ist sie ein weiteres Mal erweitert worden. Ob Jude oder Grieche, ob Sklave oder Feier, ob Mann oder Frau: alle Menschen, die diesem Worte Gottes ihr Gehör schenken können, sind einbezogen in das herrliche Reich seiner Gnade. Und dort, wo wir uns ansprechen lassen von seinem Wort und dort, wo wir es weiterschenken und verteilen: dort beginnt dieses Reich bereits jetzt.

Und der Friede Gottes, der weiter reicht, als es unsere Vernunft fassen kann, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

drucken