Marktschreier

Ein Marktschreier ist auf dem Markt von Babylon unterwegs dort, wo sich die jüdischen Exilanten treffen. Das sind die Menschen, die aus dem jüdischen Stammland nach der Niederlage weggeführt wurden, quasi als Geiseln, damit alles ruhig blieb im Lande, damit die mächtigen Eroberer aus Babylon die Macht behielten.

Sie waren dort mittelmäßig verzweifelt in Babylon und träumten von der Heimat, wie wir es vorhin im Psalm gehört haben. Derweil versuchten, sie heimisch zu werden im Exil. Manche legten ihre Herkunft ab, passten sich an, beteten die Götter Babylons an, versuchten Babylonier zu werden. Andere verzweifelten in ihrem Glauben, wieder andere resignierten: Gott hat uns vergessen. Was sollen wir noch mit diesem fernen Gott, dessen Tempel nicht mehr steht, der keine Heimat und kein Volk mehr hat.

Mit lauter Stimme preist der Händler sein billiges Wasser an: Warum sollte Ihr teureres Wasser kaufen, warum mehr bezahlen, wenn es so billig ist wie bei mir?

Klar reizt diese Schreierei. Natürlich drängelt sich alles und werden vielleicht sehr enttäuscht gewesen sein, als sie entdeckten: es ist ‚nur’ Jesaja, der Prophet Gottes, der ihnen wieder einmal ihre Fehler vorhalten will. Trotzdem hören sie ihm zu, vielleicht, weil sie spüren, dass er Recht hat:

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Kommt herbei – hier ist Wasser des Lebens ruft der Prophet. So billig, so einfach könnt ihr nie wieder drankommen. Wie ein guter Verkäufer verzweifelt er fast daran, dass die ‚Kunden’ sein Angebot nicht annehmen wollen. Sie stolpern umher, basteln sich das, was wir heute Patchwork-Religion nennen würden, nehmen aus allen Religionen, allen Kulten das, was ihnen gerade einleuchtet – und werden doch nicht glücklich damit. Die einfache Botschaft des Predigers aber lassen sie an sich abprallen: Wasser des Lebens ist Euch schon längst gegeben, damals bei Abraham, damals beim Auszug aus Ägypten, damals in den Verheißungen an David, damals, als Jesus zu den Menschen kam, können wir als christliche Gemeinde ergänzen.

AnsprechpartnerInnen des Propheten sind Menschen, die ihre Heimat verloren haben, auch ihre geistliche. Er spricht Menschen an, die Leben, die glauben Alles sei in Ordnung und höchsten in einem Winkel ihrer Seele entdecken, dass ihnen etwas fehlt – Sinn uns Ziel.

Es geht um Lebensinhalt schlechthin. Und es geht darum, wo ich diesen Lebensinhalt herhole. Der Prophet sieht seine HörerInnen in der Gefahr, sich ihre Lebensinhalte anderswo abzuholen als bei ihm, der ihnen das Wort Gottes überbringt.

Dagegen erzählt er ihnen von dem bleibenden Bund Gottes mit seinem Volk und den unverbrüchlichen Gnadenzusagen an David. Er erzählt von der Tradition ihres eigenen Glaubens und er erzählt von Gott und seinen Wohltaten für die Menschen. Der Auszug aus Ägypten und die Geschichte des der Königs David, das sind wesentliche Grundpfeiler der Erinnerung dieses Volkes und der Prophet will, dass die Erinnerung an die Geschichte des Glaubens den Menschen hilft, die Zukunft zu gestalten. Den Glauben, dieser Bund sei gebrochen, bezeichnet der Prophet als Irrglauben.

Allein aus der Erinnerung allerdings entsteht noch keine Zukunft. Es muss weiter gebaut werden. Die Zukunft dieser Welt liegt in Händen derer, die mit der Vergangenheit kreativ umgehen.

So wie Israel bei dem Propheten lernen muss, dass es keine direkte Kontinuität gibt, so müssen wir heute vielleicht auch lernen, dass Tradition nicht bedeutet krampfhaft an der Überlieferung festzuhalten, sondern festhalten Tradition bedeutet, sie weiter zu schreiben, sie zu leben. Wenn Jesus in seinem Heilandsruf, der heute Wochenspruch ist, die Mühseligen und Beladenen selig nennt, dann können wir das heute nicht zitieren, ohne zurück zu denken an das, was Jesus damals in einer Zeit großer sozialer Ungerechtigkeit gemeint hat, aber dürfen uns nicht zufrieden zurücklehnen: So schlimm sind wir ja gar nicht, sondern müssen offensiv weiterarbeiten: Was meint Jesus heute. Wie will er uns ansprechen als mühselige und Beladene und vor Allem: wen unserer Mitmenschen spricht er heute mit diesem Wort selig.

Der Text des Propheten bevollmächtigt uns, die Tradition immer wieder neu in die Gegenwart hinein auszulegen und weiterzuleben. Er will uns Mut machen zur Mission, zu einem Lebensstil, der Menschen einlädt in der Gemeinde Gottes und in ihren Gottesdiensten Sinn und Inhalt ihres Lebens zu suchen und zu finden.

Wir dürfen den Missionsbefehl nicht nur als Tauftext gebrauchen, sondern genauso als menschlichen Auftrag in dieser Welt.

Allein aus Gnade sind uns großartige Dinge geschenkt. Daran erinnert der Prophet Menschen, denen es wahrhaft schlechter geht als uns heute. Sie hatten zwar Essen und Trinken, aber warne abgeschnitten von der Heimat, waren deportiert in ein fremdes Land, weit weg von all dem, was ihnen wichtig war.

In diesem Zusammenhang trifft sie das Wort des Propheten: Es geht um nicht weniger als um das erste Gebot: Was bestimmt mein Leben? Wir zahlen Geld für das, was nichts wert ist, und nehmen das kostenlose Angebot Gottes nicht an. Andere dagegen nehmen es an – die Fremden, die Traditionslosen. Ihr habt den Segen Gottes, aber ihr habt ihn nicht exklusiv und ihr müsst in ihm leben. Der Segen, den Gott auf sein Volk legt wird nicht sichtbar an wirtschaftlichem oder militärischem Erfolg, sondern in der Seele der Menschen. Wir können so zu Zeichen des Segens Gottes werden.

Hören ist in der Tat ein Gratisangebot, vor allem, wenn es verglichen wird, mit den Leistungen, die gebracht werden müssen, um in anderen Religionen zur Erleuchtung zu gelangen. Aber vielleicht gilt auch hier für Viele: was nichts kostet, ist auch nichts.

Ziel ist, dass wir erkennen, wie groß die Geschenke Gottes sind, was uns an Gnade und Freiheit geschenkt ist. Die Epistel aus Epheser betont ja gerade, dass die Glaubenden erkennen möchten, wie groß der Reichtum des Erbes Christi ist.

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