Jünger Jesu heute

Liebe Gemeinde,

neulich war in der Zeitung zu lesen: Es gibt zu wenig Erntehelfer in Deutschland. Der Spargel verdirbt auf den Feldern, weil keiner da ist, der ihn ernten will. Polnische Saisonarbeiter gehen mittlerweile lieber in andere Länder, wo sie bessere und besser bezahlte Arbeit bekommen – und die deutschen Gemüsebauern wissen nicht, wo sie die Feldarbeiter finden sollen.

Ganz ähnlich wie in unserem heutigen Predigtext. Auch da geht es um eine Ernte, und auch da fehlen Erntehelfer. Wir hören aus dem Matthäusevangelium im 9. und 10. Kapitel:

[TEXT]

Hier gibt es – bildlich gesprochen – ein riesengroßes Feld zu beackern: Das Feld der Menschen, die verschmachtet und zerstreut sind wie Schafe ohne Hirten. Menschen also, die nicht wissen, wie sie leben sollen – sie dümpeln so vor sich hin, sie überleben schon irgendwie – aber sie wissen nicht, in welche Richtung es geht, sie leben mehr schlecht als recht – eben wie Schafe, die schon auch irgendwie zurecht kommen, aber die Hilfe des Hirten brauchen, um die wirklich guten Weideplätze und Wasserstellen zu finden. Jesus sieht die Menschen, die eben irgendwie überleben – und es „jammert ihn“, er hat Mitleid und will etwas für sie tun. Aber er tut kein überraschendes, großes Wunder, wie vielleicht mancher damals von ihm erhofft haben mag. Er geht anders vor.

Er holt nämlich seine Jünger zusammen. Simon Petrus und Andreas, die Fischer. Jakobus und Johannes, ebenfalls ehemalige Fischer. Matthäus, der ehemalige Zöllner. Simon Kananäus, an anderer Stelle auch Simon der Zelot genannt – ein Freiheitskämpfer für ein unabhängiges Israel. Ganz unterschiedliche Menschen, ganz normale Menschen. Menschen, die unter anderen Umständen ebenfalls zu den „verschmachteten und zerstreuten“ gehört hätten, die Jesu Mitleid so sehr erregt haben – z.B. die Fischer, denen Jesus begegnet ist, nachdem sie die ganze Nacht über nichts gefangen hatten.

Die zwölf holt er zusammen und schildert ihnen zunächst das Problem: „Die Ernte ist groß!“ – es sind sehr viele Menschen da, die Hilfe brauchen. „aber wenige sind der Arbeiter!“ – ich schaff es nicht allein. Und deshalb: „Bittet Gott, dass er mehr Arbeiter schicke!“ Als erstes geht es ihm also darum, dass die Jünger erkennen: Menschen gemachte Rezepte, die Not zu lindern, helfen wenig bis nichts. Wir sind ja alle mehr oder weniger irregeleitete Schafe. Wir brauchen Gottes Hilfe, Gottes Plan um die Not zu lindern. Gott hat allein die Macht, um wirklich etwas durchgreifend zu ändern.

Dann aber sagt er: „Ihr seid die Entehelfer!“ – ich gebe euch Anteil an der Vollmacht, die ich von meinem Vater bekommen habe. Und ihr sollt unter die Menschen gehen, sollt das Evangelium predigen und Menschen heilen. Da mag es dem ein oder anderen ein wenig anders zumute geworden sein. Beten – ja gut. Das war ja klar, dass man das tat. Aber selber predigen, selber heilen?

Wie gesagt: Die Jünger waren völlig normale Menschen. Wenn man so will, waren sie die erste christliche Gemeinde – ich weiß, manche Historiker werden mich für diese Aussage schimpfen, aber so ungefähr stimmt es schon. Sie waren Menschen, die von Jesu Botschaft und seinem Wirken überzeugt waren. Sie haben sich von ihm rufen lassen und sind ihm nachgefolgt – eigentlich vor allem, um ihn zu hören und von ihm zu lernen. Trotzdem bleiben sie in all der Zeit die, die sie vorher auch waren: die einen zweifeln, ob das was Jesus verspricht, wirklich eintreffen kann. Die anderen streiten eifersüchtig darum, wen Jesus wohl lieber mag. Der eine ist ein Hitzkopf und kann sich in Auseinandersetzungen nicht beherrschen, der andere ist gar ein Verräter. Und sie gehören alle dazu, Jesus kennt sie alle mit ihren weniger schönen Eigenschaften – und schickt sie nicht weg, im Gegenteil: schickt sie sogar noch aus als Missionare.

Warum erzähle ich das alles so groß und breit? Deshalb – weil ich gelegentlich höre: Ja, die Jünger, das waren ja ganz andere Menschen. Die haben wahrscheinlich viel mehr geglaubt als ich, die waren einfach irgendwie bessere Menschen. Deshalb konnten die Jesus so folgen und nach seinen Anweisungen leben. Ich will die Jünger mit Absicht ein wenig entzaubern. Denn ich sehe uns als heutige christliche Gemeinde in der Nachfolge dieser Jünger.

Bei uns ist es ja auch so – hier sammeln sich auch alle möglichen verschiedenen Menschen. Müde und Ausgebrannte, Hitzköpfige und Pedanten, Eifersüchtige und Intriganten – Glaubensstarke und Hilfsbereite, Anpackende und Tröstende, Kreative und Geduldige – alle sind zusammen hier, mancher wird mehrere dieser Eigenschaften in sich vereinbaren. Wir sind die Gemeinde Jesu Christi. Uns kennt er auch so wie er seine Jünger gekannt hat – und schickt keinen weg. Denn wir sind ja die Nachfolger der Jünger – und wir haben damit auf Gottes Erntefeld auch eine Aufgabe. Auch wenn wir zugleich zu den „verschmachteten und zerstreuten Schafen“ gehören.

Zum ersten sollen wir beten für mehr Arbeiter auf dem Erntefeld. Das wären heute, meine ich: Mitarbeiter in den Kirchen, Hauptamtliche wie Ehrenamtliche. Das sind auch: Sozialarbeiter, die in Schulen und mit Familien arbeiten. Entwicklungshelfer, die Menschen in armen Ländern Wege aus ihrer Not zeigen. Menschen, die sich in Umweltschutzbewegungen engagieren, bei Amnesty International, in Kinderhilfswerken. Auch Menschen, die in den letzten Tagen und Wochen in der Gegend um Heiligendamm demonstrieren waren. Und noch viele mehr, die alle aufzuzählen würde den Rahmen sprengen. Wir sollen für sie beten: Dass sie ihre Aufgaben mit Freude und Engagement tun. Dass sie sich durch Rückschläge nicht entmutigen lassen. Für Mut, Entschlossenheit und Besonnenheit. Und darum, dass sich immer wieder neue Menschen finden, die solche wenig lukrativen Aufgaben trotz allem übernehmen: Weil es ihnen nicht egal ist, was mit den Menschen und unserer Welt passiert.

Zum anderen – sollen wir selbst uns auch entsenden lassen. Das ist auch heute noch das schwerere, denke ich. Denn wir müssen uns da selber einbringen mit dem was wir können und was wir haben. Mir ist auch klar, dass nicht jeder Sozialarbeiter werden kann und mag oder Prädikant in der Kirche; genauso wenig wie Greenpeace-Aktivist oder ähnliches. Aber ich bin überzeugt, dass sich trotzdem jeder zu einer Aufgabe entsenden lassen kann. Und auch wenn sie einem selber vielleicht klein und unwichtig erscheint, ist das vielleicht in den Augen eines anderen ganz und gar nicht so. Es wäre z.B. so eine Aufgabe, sich mal mit dem neuen Nachbarn zu unterhalten oder mit jemanden, den man oft allein sieht. Es ist so eine Aufgabe, sich der neuen Konfirmanden in der Gemeinde anzunehmen – nicht nur sich zu ärgern, wenn sie laut sind im Gottesdienst. Es ist eine Aufgabe, Brot für die Welt, Kinderhilfswerke, Greenpeace finanziell zu unterstützen. Es ist eine Aufgabe, Leserbriefe zu schreiben und unseren Politikern deutlich zu sagen, was wir wollen – oder auch nicht wollen. Es gibt ja Bürgerbüros der Landtags- und Bundestagsabgeordneten. Es ist eine Aufgabe, laut zu sagen, was man von diesem so genannten Klimakompromiss des G8-Gipfels hält – man wolle „ernsthaft in Betracht ziehen, den CO2-Ausstoß bis 2050 zu halbieren“, also ich kann über so eine Aussage ja nur müde lachen und mich ärgern. Und dann ist es natürlich noch eine Aufgabe, zu überlegen, wie vielleicht ich selber dazu beitragen kann, dass die Treibhausgase zumindest ein bisschen vermindert werden. Auch hier könnte ich die Reihe noch ziemlich lang fortsetzen – aber das können sie selbst auch. Auf jeden Fall: Es ist für jeden eine Aufgabe dabei. Auf uns kommt es an – auf jeden einzelnen von uns – wir gehören in die Reihen der Jünger. Lasst uns also beides tun – beten und zu den Menschen gehen. Gott wird uns, wenn er uns in seinen Dienst nimmt, auch die Kraft dazu geben.

Und Gottes Friede, welcher höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

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