Ein radikales Fest

Liebe Gemeinde,

heute an Pfingsten feiern wir im Ablauf des Kirchenjahres ein Fest, welches uns an den Heiligen Geist erinnern soll. Es ist ein Fest in Anspielung auf die Geschichte der Jünger, auf deren Häupter sich Zungen aus Flammen niederließen und jeder von ihnen – vom Geist begabt – in seiner eigenen Sprache Gott lobte und pries. So ist im Bilde gesprochen das Wirken des Heiligen Geistes bis heute geblieben: es erschließt uns Gottes Handeln, es ist die treibende Kraft für unser Leben als Christen auf dieser Erde. Sehen Sie sich die Feste an, die in unserer Kirche mit der Farbe des Heiligen Geistes gedeckt werden: Pfingsten selbst, aber auch die Konfirmation – jenes Fest, an dem die jungen Menschen mit ihrer eigenen, menschlichen Zunge – getrieben vom Heiligen Geist – sich zu ihrem Gott bekennen sollen. Ebenso das Fest der Reformation: Martin Luther bekannte seinen Glauben – gegen allen Zeitgeist. Auch er wurde vom Heiligen Geist dazu ermächtigt. Schließlich noch die Kirchweih: eine Kirche zu weihen, ein Haus für den Gottesdienst zu errichten: auch das ist wie ein äußeres Zeichen für das Bekenntnis zu dem einen Herrn.

Und doch können auch diese Beispiele nicht mehr als ein paar Hinweise auf jenes geheimnisvolle Wirken sein, welches wir im Menschen glauben. Denn auch die Heilige Schrift weist immer darauf hin, wie lebendig und damit unverfügbar dieses Wirken sein kann. Paulus schreibt, dass Freiheit herrscht, wo der Geist Gottes ist. Kein Schema, in welches er sich pressen ließe. Keine Handlung an sich, in der er sich erkennen ließe. Am ehesten noch in der Wirkung auf einen Menschen: dass er nämlich frei sei – von sich selber – befreit zur Tat am Nächsten. Und vielleicht, liebe Gemeinde, noch eine weitere Wirkung dieses Geistes: wenn die Zeit der Bedrängnis kommen wird, wird euch der Heilige Geist eingeben, was ihr zu reden habt. Auch eine solche Verheißung: dass es Gott selbst sein wird in seinem Heiligen Geist, der euch das Reden lehrt, wenn ihr selbst dazu nicht mehr in der Lage sein werdet.

An einem solchen Tag hören wir das Predigtwort aus dem Evangelium nach Johannes im vierten Kapitel, die Verse 19 bis 26:

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Auch hier, liebe Gemeinde, werden wieder Grenzen gesprengt. Denn Jesus redet nicht nur mit dieser ausländischen Frau. Samarien galt ja als ein abgespaltener Teil des jüdischen Volkes und die kultische Verehrung auf dem angesprochenen Berg bereits als Götzendienst. Dennoch redet Jesus mit ihr in der uns viel bekannteren, direkt vor unserem Predigtwort liegenden Erzählung vom Wasser des Lebens. Jesus spricht sie an, sie erfährt Heilung für ihr Leben – allein das wäre ja schon Grenzen sprengende Freiheit genug. Aber er setzt noch eines dazu in unserem heutigen Predigtwort. Er spricht von einer Zeit – und sie ist schon jetzt – da die wahren Anbeter Gottes nicht gebunden sind an einen Berg oder ein Haus (sprich: eine Tempelstätte oder ein irgendwie gebundener Heiliger Bezirk), sondern allein erkennbar werden dadurch, dass sie zu Gott beten im Geist und in der Wahrheit. Auch wir, liebe Gemeinde, sind nicht an einen Ort gebunden – nicht einmal an diesen Ort hier, den wir sonntäglich aufsuchen, um zu beten. Denn dieses Suchen der Gemeinschaft mit Gott will ja nicht beschränkt sein auf eine knappe Stunde am Sonntag, sondern will gerade in unserem Alltag wirken. Wir sind hier versammelt, gleichsam einer Übung willen, der Bestärkung der Gemeinschaft und dem gemeinsamen Hören auf Gottes Wort. Aber wir sollen es hinaus tragen in unser Leben. Nicht als Lippenbekenntnis und es dem anderen, dem vermeintlich weniger Gläubigen als wir um die Ohren hauen. Viel Missverständnis in Sachen Mission liegt darin. Nur Sätze und Buchstaben aneinanderreihen hilft nicht viel, wenn im Alltag dein Glaube erkennbar werden soll. So wie du lebst, so wie du mit Krisen und Schmerzen, mit Leid und Tod umgehst, daran wird erkennbar werden, wessen Geist in dir wirksam ist. Gerade um dieses Geistes willen, der mir ja geschenkt wird, wie mein Glauben, wie mein Leben – gerade um dieses Geistes willen suche ich im Gebet die Gemeinschaft mit Gott. In dem was ich tue und ich dem, was ich durchdenke. Jesus aber setzt hinzu: aber Gott selbst ist Geist. Gott selbst will und wird uns anleiten zu beten – sein Geist macht es uns möglich. „Gott ist Geist, und die ihn anbeten, die müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten.“ Auch hier gilt, liebe Gemeinde, dass der Geist keine erkennbaren Kriterien und Strukturen aufweist, an dem man ihn festmachen könnte. Manch einer will uns einreden, was Geisterfülltheit bedeutet. Nur wenn ihr euch so oder so verhaltet, dann kann der Geist in euch wohnen. Das ist Unsinn. Der Geist ist lebendig und er weht wo er will, wie es bei Johannes an anderer Stelle heißt. Der Geist aber führt in die Freiheit.

Hören Sie dazu ein kurzes Beispiel: Ein ortsbekannter Zweifler kniet im Kirchstuhl. Der Nachbar spricht ihn an: "Ich denke, Du glaubst nicht an Gott?" "Freilich nicht", antwortet der Gast. "Aber weiß ich, ob ich recht habe?"

Der Geist führt in die Freiheit – auch in die Freiheit von mir selber. Nicht mich als Maßstab aller Dinge nehmen zu müssen, sondern frei von mir zu werden, damit ich dem Willen Gottes entsprechen kann. Auch die Frau, mit der Jesus am Brunnen spricht, wurde so frei gemacht von sich selbst und sie konnte Einblick bekommen, in die Person, die sie vor Gott in Wahrheit darstellt. Ich bin mir gewiss, liebe Gemeinde, dass jeder von Ihnen schon einmal eine solche Freiheit erlebt hat. Quasi losgelöst von sich selber sein zu dürfen – im Glücksgefühl übrigens genauso wie im Erleiden schwerer Schläge. Einen Blick über das hinaus werfen zu dürfen, was sonst in der Regel unseren Blick beschränkt und einengt. Wie sich selber einmal zuschauen und zuhören dürfen. Wenn andere Menschen durch ihre Worte auferbaut werden und Sie selber nicht wissen, woher Ihnen diese Worte geschenkt wurden. Wenn andere Menschen durch Ihre Nähe Trost erfahren und Sie selber nicht wissen, womit Sie sie denn hätten trösten sollen. Dort wachsen Sie über sich hinaus, wie es ein bildhafter Ausdruck besagt. Und in der Tat: es wirkt ein Geist in Ihnen, den Sie nicht selber erzeugen oder dirigieren können. Er wirkt nicht gegen Ihren Willen, sondern besser: mit Ihrem Willen und mit Ihrem ganzen Sein, aber er steht Ihnen eben nicht auf Abruf zur Verfügung. So wirkt der Heilige Geist und treibt unser aller Leben immer mehr zu dem hin, dem wir von Anfang an entsprechen sollten. Es ist eine Gnade, wenn Menschen solches erfahren dürfen und es ist ein Geschenk, wenn diese Menschen davon berichten dürfen, ja: davon Zeugnis ablegen können. Aber eben – nur in scheinbar paradoxer Weise – geschenktes Leben bezeugen, nicht eigene Leistung. Der Zweifler in der Kirchenbank bringt es auf den Punkt: „Aber weiß ich, ob ich Recht habe?“ Ähnliches, liebe Gemeinde, gilt für die Wahrheit. Auch hier ist nicht die Rede von den Wahrheiten, die wir uns Menschen immer herstellen. Denn die Wirklichkeit, die uns umgibt, ist ja nicht mit einer Wahrheit zu greifen, die ein Mensch fassen könnte. Das kleinste und leichteste Beispiel ist das Beispiel von dem halbvollen oder halbleeren Glas. Ich brauche es nicht zu wiederholen, aber es wird deutlich, dass es einen beschreibbar gleichen Zustand geben kann, der doch völlig unterschiedlich wahrgenommen wird. Und: dass diese unterschiedliche Wahrnehmung ein völlig unterschiedliches Dasein hier auf Erden zur Folge haben wird. In unserem Beispiel sei mal dahin gestellt, ob der halbleere Glasbetrachter oder der Halbvolle mit menschlicheren Maßstäben in dieser Welt handeln wird. Um wie viel schwerer ist da die Wahrheit, die unser Leben bis ins Mark bestimmt und leitet. Können Sie selbst die Wahrheit leben, die Jesus am Ende unseres Predigtwortes formuliert? „Ich bin der Messias, der mit dir redet.“ Jesus nicht nur als Mensch mit besonderen Gaben zur Verkündigung und Heilung, sondern als der Messias. Das ist hebräisch und lautet im Griechischen „Christus“. Auf Deutsch etwa: der Gesalbte und damit der König, der diese Welt regieren wird. Lassen Sie sich von dieser Wahrheit bestimmen: Jesus von Nazareth sei dieser Christus? Welche Konsequenzen hätte dies für unser Leben, wenn wir an das Glasbeispiel denken? Bin ich bereit, mein Leben ganz und gar in die Hände dieses Mannes zu legen, der vor ca. 2000 Jahren geboren wurde und der nach den Berichten der ersten Zeit in den Himmel aufgefahren sein soll um dort den Platz zur Rechten Gottes einzunehmen? Und da sehen Sie, liebe Gemeinde, dass das gleiche passiert wie mit dem Geist. Denn so betrachtet bleibt mir nichts anderes, als anzuerkennen, dass es eine Kraft außerhalb meiner selbst gibt, die mich leitet und die mich rettet – über diese Welt hier übrigens hinaus. Manchmal müssen wir uns anhören, dass der Mensch, der nur das halbvolle Glas sehen möchte uns zum Vorbild dienen sollte, denn er würde positiv denken. Wenn ich es konsequent zu Ende denken wollte, dann müsste ich sagen: ich kann solcherlei positiv gar nicht denken, denn ich weiß, dass ich selbst nur ein Gefäß bin, welches angefüllt werden muss mit jener Kraft, die außerhalb von mir liegt. Deswegen bin ich völlig angewiesen auf diese Liebe Gottes, auf seine Zusage, auf seine Liebe.

In diesem Sinne, liebe Gemeinde, ist Pfingsten ein radikales Fest. Es geht an die Wurzeln unseres Daseins und schneidet uns alle Möglichkeiten ab, uns aus unserer eigenen Kraft heraus zu definieren. Was ich bin und was ich darstelle wird nicht mit dem berechnet, was ich hier auf Erden leiste. Weder meine Familie, noch meine Gescheitheit, noch meine Taten sind in der Lage etwas über mich selbst auszusagen. Nur Gottes Geist, der in mir wirken will, vollbringt all dies Gute, mit dem unser aller Leben gesegnet ist. Das lässt mich, liebe Gemeinde, meine wahre Größe erkennen. Ich bin ein Nichts vor dir Herr, erfülle du mich mit deinem Geist.

Mit der Farbe zu Pfingsten habe ich begonnen – ich will den Kreis noch schließen. Denn das Rot, welches heute gedeckt ist, verdankt sich nicht nur dem Pfingstfeuer. Es hat noch eine andere Bedeutung. Es ist das Blut der Märtyrer, die für Ihren Glauben gestorben sind. Menschen, die nicht bereits waren, ihr Vertrauen auf diese Wahrheit Gottes – Christus Jesus – einzutauschen mit irgendetwas anderem, welches man ihnen geboten hat. Weder mit der Verehrung irgendeines Kaisers als Gott noch mit dem Vertrauen auf irgendeine andere irdische Macht. Sie haben deswegen ihr Leben für gering geachtet und sind gestorben im Glauben an diesen Herrn, der allein ihr Leben angefüllt hat.

Ob wir befähigt würden, ihrem Beispiel zu folgen, wenn es wirklich darauf ankäme?

Und der Friede Gottes, der uns anfüllen möchte bis zum höchsten Rand, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

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