Orientierung

Liebe Gemeinde,

Liebt ihr mich, so werdet ihr meine Gebote halten.

Wer spricht hier zu uns? Ist es der Gott des Alten Testamentes, der Gott Abraham, Isaaks und Jakobs? DER Gott, der durch Mose das Volk aus Ägypten herausgeführt hat? Dann sind es die Zehn Gebote die hier gemeint sind.

Aber das bedeutet auch, dass es der Gott ist, der die Sünden siebenfach rächt und die Kinder und Kindeskinder für die Verfehlungen ihrer Eltern bestraft. Denn damit ist die NICHTEINHALTUNG der Zehn Gebote verbunden. ICH bin ein eifriger Gott, spricht der Herr …

Der Text klärt schnell diese Frage – es geht nicht um den eifrigen Vater, sondern um den Sohn: Liebt ihr mich, so werdet ihr meine Gebote halten, sind offenbar die Worte Jesu an uns. Aber auch bei ihm scheint die Gnade nicht zum NULLTARIF zu empfangen zu sein!

Sicherlich, der Maßstab ist ein anderer als im Alten Testament. Nicht die Angst vor Strafe sondern die Liebe soll jetzt den Gottesfürchtigen zur Einhaltung der Gebote bewegen.

Aber eine Frage soll – auch wenn sie sehr zu provozieren scheint – gestattet sein: Welchen Grund soll ich haben, Gott in der Erscheinung von Jesus Christus zu lieben?

WANN liebt man jemanden überhaupt? Junge, oder auch weniger junge Menschen verlieben sich in andere gutaussehenden Menschen. Man liebt seine Eltern, auch die Geschwister. Man liebt Großeltern, Tanten und Onkeln. Man kann natürlich auch seine Katze, einen Kanarienvogel, ein Pferd, Fisch oder besonders einen Hund lieben …

Das alles können wir Menschen lieben, aber was hat das mit Jesus zu tun?

Sehr viel, denke ich. Denn die Liebe, die hier gemeint ist, zeichnet sich durch ein gemeinsames Gefühl aus: Sie verbindet uns sehr eng mit dem, den wir lieben. Wir bauen eine intensive, lebendige Beziehung, die sehr oft sehr lange anhält.

Liebt ihr mich, so werdet ihr meine Gebote halten. Das verlangt Jesus von uns, und es ist nicht besonderes. Vom Lebenspartner oder Gattin bis zum Pferd, von der Oma bis zum Kanarienvogel, alle Lebewesen, die wir lieben, haben ihre eigenen Lebens – und Verhaltungsregeln, die wir kennen und respektieren sollen, wenn wir mit ihnen tatsächlich zu Recht kommen wollen und sie uns am Herzen liegen.

Und das, was ich meinem Freund, Freundin oder meinem Hund gönne, nämlich ihn anzunehmen, zu respektieren und mich um ihn zu sorgen, gerade das kann ich Jesus Christus – wenn ich etwas von ihm halte – auch nicht absprechen!

Aber auch wenn es so ist, habe ich noch nicht die Eingangsfrage beantwortet: Welchen Grund soll ich haben Gott in der Erscheinung von Jesus Christus zu lieben?

Vielleicht weil er mir angeboten hat, die schlimmsten Ängste meines Lebens zu nehmen: die Angst, alleine zu sein, die Angst vor dem Tod und die Angst, dass mein Name nichts wert ist.

All das könnte ein Grund sein, Jesus zu lieben. Und doch reicht es nicht aus, denn ANGST nehmen hat doch irgendwie mit Angst zu tun und es erinnert mich zu sehr an den Gott, der im Alten Testament Abraham dazu auffordert, Jsaak als Zeichen seines Gehorsams zu opfern.

Auch wenn dieses letzte Bild nur symbolisch gemeint war, ist es noch zu wenig um eine Grundlage für die Liebe zu schaffen.

Ich liebe Jesus Christus, weil Gott in dieser menschlichen, verletzlichen und vor allem ebenbürtig-brüderlichen Gestalt eine lebendige Beziehung zu mir hat, weil er sich um mich sorgt, weil er mich liebt und respektiert. UND VOR ALLEM, WEIL ER MIR DAS FREI ANBIETET!

Mit ‚Liebe’ verstehe ich Treue und Loyalität. Darunter verstehe ich die Bereitschaft, mich für die Sache Jesu zurücknehmen zu können und Gottes Wort und Gottes Wille über meine eigenen, kurzfristigen Interessen zu stellen.

Denn dann bedeutet das Wort ‚Liebe’ in der Tat vielmehr als die Schätzung von Eigenschaften wie Schönheit, Unterhaltsamkeit oder Spaß miteinander haben, gleich wie wichtig diese Eigenschaften im Alltag sind!

Liebt ihr mich, so werdet ihr meine Gebote halten.

Das hört sich jetzt ganz anders an. Das macht mir Mut, mir die Gebote Jesu anzuschauen, denn ich habe jederzeit die Wahl, mich danach zu richten oder sie links stehen zu lassen: das ist meine Freiheit – und GENAU DAS will er auch von mir, so will er mich haben. Frei! Als Freund und Mitarbeiter, als einer der seine Gebote annimmt, weil er sie versteht.

Und gerade weil ich sie verstehe, kann ich sie nicht nur tragen und ausführen sondern auch erklären und verbreiten – ja, so wie es das aus der Mode geratene Wort sehr schön zum Ausdruck bringt – ich kann sie verkündigen.

Jeder und jede von uns kann das!

Und das alles ohne auf einem Altar zu Opfern, ohne starre Reinheitsvorschriften und ohne Regeln, deren Nichteinhaltung zur Steinigung führen könnten!

Das alles können wir, weil Gott es uns ermöglicht diese Gebote zu erkennen und einzuhalten, indem er uns eine Orientierung gegeben hat. Diese Orientierung meint Jesus Christus wenn er sagt:

Und ich will den Vater bitten, und er wird euch einen andern Tröster geben, dass er bei euch sei in Ewigkeit: den Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, denn sie sieht ihn nicht und kennt ihn nicht. Ihr aber kennt ihn, denn er bleibt bei euch und wird in euch sein.

Liebe Gemeinde, die Gebote des Herrn einzuhalten geht nur durch die Liebe, durch den Respekt und durch die Wertschätzung, die wir Jesus Christus gegenüber empfinden. Und das, wiederum geht nur, wenn wir erkennen, dass sein Versprechen an uns, unser Leben zu erleichtern – und letztendlich für die Ewigkeit zu retten, tatsächlich wahr ist.

Der Geist der Wahrheit wirkt in Jesus und in uns. Der freie Wille des Menschen befähigt uns, diesen Geist anzunehmen und durch ihn auch Gott zu erkennen.

Deswegen spricht Jesus Christus so zu uns wenn er das wahre Leben – das ewige Leben erklärt. Es ist die Zusammenfassung unserer Hoffnung und unserer christlichen Beziehung zu Gott: Ihr aber sollt mich sehen, denn ich lebe und ihr sollt auch leben. An jenem Tage werdet ihr erkennen, dass ich in meinem Vater bin und ihr in mir und ich in euch. Wer meine Gebote hat und hält sie, der ist’s, der mich liebt. Wer mich aber liebt, der wird von meinem Vater geliebt werden, und ich werde ihn lieben und mich ihm offenbaren, jetzt und alle Zeit!

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