Betet!

<i>[Einige Passagen der Predigt sind entnommen aus: <a href="http://www.e-pistel.de/" target="_blank">e-pistel</a> – Predigtmeditation.]</i>

Liebe Gemeinde!

Rogate heißt dieser Sonntag. Betet! Das ist weniger eine Bitte und auch kein gut gemeinter Ratschlag. Es eine deutliche Aufforderung, ja ein Befehl: Betet!

Als ich einmal vor Jahren im kirchlichen Unterricht den Jugendlichen auf einem großen Plakat diese Aufforderung schrieb: Betet! Da erhielt ich spontan folgende Antworten:

Wir sind doch nicht in der Kirche! Das gehört doch nicht hierher! Und dann wurden sie grundsätzlicher: Warum soll ich beten? Was bringt es mir? Beten ist vergeudete Zeit. Beten ist was für alte, schwache und kranke Leute.

"Wenn et bädde sich lohne dät, wat meinste dann wat sich dann bädde dät" hat die Kölsche Band BAP einmal sinnigerweise gesungen: Wenn das beten sich lohnen würde, was meinst du, was ich dann beten würde. Und dann erzählt der Song:

„Ohne Prioritäten – einfach so wie es käm – so fing ich an

Nicht bei Adam und nicht bei Unendlich,

trotzdem jeder und jedes käm dran,

für all das, wo der Wurm drin,

für all das, was mich immer schon quält,

für all das, was sich wohl niemals ändert …“

Beeindruckt hat mich bis heute, dass eine Rockgruppe wie BAP sich dieses Themas annimmt und im heimischen Dialekt Rede und Antwort gibt:

Ich tät beten, was das Zeug hält,

ich tät beten auf Teufel komm raus,

ich tät beten für was ich gerade Lust hätt,

doch nix, wo einer mir sagt: Du musst! Du musst!

Rogate! Betet!

Und ich frage mich: Was hat der Himmel davon, in dem Gott wohnt? Und die Erde, auf der wir leben? Ändert sich etwas, wenn ich bete? Und ich nehme die Anfragen ernst, die da sagen:

Meinst du, Gott könne sich um alles und alles auf der Welt kümmern? Von überall her schreien die Menschen: Hilf mir! Gib mir! Lass dies oder das geschehen! Die einen sind krank, die anderen haben Hunger, die einen machen sich Sorgen, die anderen fürchten sich. Irgendwo ist Krieg oder ein Erdbeben oder eine Überschwemmung, und das alles geschieht, obwohl die Leute beten. Keiner kann Gott zu sich herrufen, damit er schnell alles gutmacht. Man muss sich selbst helfen!

Rogate! Betet!

Als Jesus seinen JüngerInnen die Worte des Vaterunsers mitteilt, ist das nicht eine Reaktion auf die Frage, wie man beten soll, jedenfalls nicht bei Matthäus. Der Evangelist bettet das Vaterunser vielmehr in die große Bergpredigt ein. Vorher sagt Jesus etwas vom Almosen, nachher etwas vom Fasten, also vom Geben und Verzicht üben. Das eine bestimmt unser Verhältnis zu unseren Mitmenschen und zwar gerade zu denen, die auf uns angewiesen sind. Das andere bestimmt unser Verhältnis zu uns selbst. Und dazwischen stehen die Bitten des Vaterunsers: den Namen Gottes heiligen; Gottes Reich erleben; seinen Willen tun; das Notwendige zum Leben haben; Vergebung erfahren und Vergebung schenken; dem Bösen widerstehen können.

Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr werden die uns so vertrauten Worte zu einem meditativen Gebet, dessen Adressat zwar Gott ist, dessen Bitten sich aber an mich richten. Denn Gottes Name wird dort geheiligt, wo wir teilen lernen, damit jeder das Nötige zum Leben erhält. So werden Perspektiven zu Recht gerückt:

Der so trockene und heiße April dieses Jahres scheint Ernteausfälle in großem Ausmaße zur Folge zu haben. Dabei haben wir immer noch mehr als genug! In den normalen Jahren vernichten wir Getreide oder verfüttern es ans Vieh, um die Preise stabil zu halten. Jetzt machen wir uns Sorgen um unser Bier. 30% Ernteausfälle ist – bei allen berechtigten Existenznöten der Landwirte – keine Katastrophe. Aber wenn im Sudan ein Sack Reis umfällt, das ist eine Katastrophe! Brot für die Welt wirbt derzeit mit einem Plakat, auf dem eine Schale mit etwas Reis zu sehen ist. Darüber steht: Weniger ist leer. Und bedeutet Hunger, Krankheit, Tod.

Sein Reich wird dort Wirklichkeit, wo wir, was uns belastet, ablegen und was anderen das Leben schwer macht, abnehmen können. Und sein Wille geschieht, wo wir das Gute vom Bösen unterscheiden lernen und das erste tun und das andere lassen.

Doch das scheint uns sehr schwer zu fallen. Die Diskussion um die Begnadigung von Christian Klar, die nun abgelehnt wurde, macht das sehr deutlich. Hat Gnade etwas mit Vergebung zu tun? Oder mit Reue? Hat Jesus die Frau, die ihren Mann betrog, gefragt, ob sie ihre Tat bereut? Nein. Hat er ihr vergeben? Ich bin mir nicht sicher, ausgesprochen hat er diese Vergebung jedenfalls nicht (vgl. Joh 8,1-11). Ob die Entscheidung, Christian Klar die Begnadigung zu verweigern, richtig oder falsch ist, kann ich nicht beurteilen. Aber ich sehe in den Diskussionen und die Art, wie sie hier und da geführt wurden und werden, dass wir im Grunde genommen mit Gnade kaum etwas anfangen können. Mit Ungnade dafür umso mehr. Wer in Ungnade fällt, kann von uns keine Vergebung erwarten.

Dabei ist Gnade ein zentraler Begriff christlicher Theologie. Als gnädig fand Martin Luther den göttlichen Weltenrichter, der Menschen trotz ihrer Bosheit nicht verurteilt, sondern freispricht. „Rechtfertigung“ nannte Luther diesen Vorgang: Gott macht gerecht.

Damit unterschied Luther zwischen Person und Werk. Gottes Gnade gilt der Person, nicht seinen Taten. Und die Person hat eine Würde, auch wenn sie schwerste Verbrechen begeht. Luther war überzeugt, die göttliche Gnade befreie den Menschen davon, sich selbst rechtfertigen zu müssen. Erst die göttliche Gnade mache dem Sünder den Weg frei. Demnach setzt Gnade nicht Reue voraus, sondern umgekehrt: Gnade macht Reue erst möglich. Ein sehr anschaulicher Beleg für diese Aussage ist die Begegnung Jesu mit dem Oberzöllner Zachäus. Er kehrt in sein Haus ein und isst und trinkt. Erst durch diesen unverhofften Besuch kommt es bei dem Gastgeber zur Einsicht und zur Selbstverpflichtung: „Siehe, Herr, die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen, und wenn ich jemanden betrogen habe, so gebe ich es vierfach zurück.“(Lukas 19,8)

Natürlich wusste schon Luther, dass sich Menschen von der Gnade Gottes oder gar dem Entgegenkommen anderer Menschen nicht unbedingt erweichen lassen. Darum bleibt es unsere vornehmste Aufgabe:

Rogate! Betet!

Unser ganzes Leben kann ein Gebet sein, wenn wir Gott darin eine Rolle spielen lassen. Darum gibt es keine Gebetszeiten und auch keine Vorschriften, wie man zu beten hat. Wir müssen nicht viele Worte machen, um Gehör zu finden. Ein Satz reicht; oder auch nur ein Blick. "Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet."

Das Vaterunser hat uns Jesus geschenkt, damit wir uns daran erinnern, dass Gott ganz nah ist und diese Welt verändern will – mit uns. Wie im Himmel, so soll es auch auf Erden sein. Doch dafür müssen wir seinen Worten auch unsere Taten folgen lassen. Alles andere wäre Geplapper, wie Jesus sagt. Das gilt auch für das Vaterunser. Wir mögen es mit gefalteten Händen beten. Aber wir dürfen sie nicht in den Schoß legen.

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