Wellness-Gebet

Beten ist nichts spezifisch Christliches. Im Gegenteil. Gerade fromme Muslime stellen christliche Gemeinden dabei deutlich in den Schatten. Gerade ihr öffentliches Beten erschüttert das christliche Selbstbewusstsein in Orten mit starker muslimischer Repräsentanz aufs Tiefste. Hält uns die Gegenwart anderer Kulturen und Religionen vielleicht einen Spiegel vor?

Trotzdem ist es erstaunlich, wie viele Menschen, auch junge Menschen, bekennen, dass sie gelegentlich beten. Das dass des Gebetes wird eigentlich nicht in Frage gestellt. Aber das Wie ist immer wieder problematisch seit der Jüngerfrage ‚Herr lehre uns, wie wir beten sollen.’ Gerade im Lichte der Reformation fühlen wir uns befreit vom Zwang zum Beten, von festgelegten Gebetszeiten – und wie jede Befreiung bedeutet es auch eine Belastung. Wir wissen um die Wichtigkeit des Gebets, aber uns fehlen dann manchmal die richtigen Worte oder der geeignete Anlass. Und darum schauen wir vielleicht auch manchmal neidisch auf Menschen, die einfach losbeten, weil der Muezzin ruft oder eine Tradition es eben nun verlangt.

Die Frage taucht auf: Was ist das Besondere am christlichen Gebet – was ist überhaupt ein wirklich christliches Gebet. Schnell sind wir dann beim Vaterunser, das als das christliche Gebet schlechthin gilt, das alle auswendig können von der Grundschule an. Dieses Gebet hat Jesus uns selber mitgeteilt:

[TEXT]

Es fällt auf, dass Jesu Gebet nicht mit einem Ich beginnt, sondern mit einer Anrede, einer sehr vertraulichen Anrede, die von der Bibel in gerechter Sprache so übertragen wird: Du, Gott, bist uns Vater und Mutter in Himmel.

Viele Kulturen kennen das Märchen vom Berg Semsi bzw. vom ‚Sesam öffne dich’. Mit dem richtigen Passwort komme ich hinein. Viel Gerede, viel Plappern hilft nicht. So ist das Wort Abba – Papa, es ist wie ein Passwort, mit dem ich zu Gott kommen darf, eine Anrede für Gott, die etwas Anderes ist, als man in vielen Religionen kennt, nicht Herr, Gott oder Meister, sondern Vater, nennen wir Gott – und es ist uns inzwischen so selbstverständlich, dass wir es gar nicht mehr richtig bemerken, welches Sensation darin steckt. Es geht aber nicht um eine Formel, ich darf ihn auch anders anreden. Ich darf mich ihm vertrauensvoll nähern. Ich darf zu Gott reden wie zu einem Menschen, zu dem ich Vertrauen habe.

Jesus schenkt und dieses Gebet: Das Vaterunser. Das Vaterunser kennt kein Ich, sondern nur das Wir – Egal ob ich allein bete oder mit anderen Menschen zusammen – immer bin ich in der Gemeinschaft der Glaubenden. Im Gottesdienst läutet dazu die Glocke, damit auch die Teil dieser Gemeinschaft sind, die nicht im Gottesdienst dabei sein können, sei es weil sie krank sind, sei es weil sie arbeiten müssen. Ich weiß von Einigen, wie gut ihnen das tut, so wenigstens im Gebet mit der Gemeinde verbunden zu sein.

Aber auch wenn ich alleine dieses Vaterunser spreche, dann versetzt es mich in Gemeinschaft, in Gemeinschaft mit Schwestern und Brüdern, in Gemeinschaft mit Jesus Christus, der mir dieses Gebet geschenkt hat. Und er hat mir noch mehr geschenkt.

Nicht das dass, sondern das Wie steht im Mittelpunkt. ChristInnen haben keinen fernen Gott, sondern einen Gott, der ihnen wie Vater und Mutter begegnen will.

Freiheit entsteht, wo Menschen ihre Rolle erkenne, das Ihre zu tun und das Andere in Gottes Hand zu legen, dessen Wille ‚höher ist als alle unsere Vernunft’.

Freiheit entsteht auch dort, wo der Mensch seine Bedürftigkeit anerkennt und sich selbst realistisch annimmt als Menschen, der Gottes Hilfe und Vergebung braucht. Nur so wird der Mensch frei zur Gemeinschaft und zur Existenz für Andere.

Zwei Gebetshaltungen werden kritisiert: Das Beten um gesehen zu werden und das ‘Plappern’.

1. Das Gebet ist das Verborgene, es kann nicht öffentlich sein, weil es um ein Zwiegespräch geht. Es ist auch dann nicht öffentlich, wenn es in der Öffentlichkeit miteinander geschieht. Auch das gemeinsame Vaterunser ist privates Gebet, weil es das Gebet jedes Einzelnen ist, der mitbetet.

2. Wir brauchen Gott nicht zu beschwören, wir haben seine Zusage, dass er uns hört. Wir dürfen mit ihm reden, ihm sagen, was uns auf dem Herzen liegt, ohne viel schöne Worte.

Das Vaterunser ist ein besonderer Teil unserer christlichen Tradition. Manches davon haben wir wohl schon in diesem Gottesdienst gespürt. Die Jünger wollten von Jesus Beten lernen – und er hat ihnen dieses Gebet geschenkt. Dieses Gebet mit seinen 7 Bitten, von denen Menschen immer wieder gesagt haben: Es ist wie eine Wundertüte – egal, was ist, immer finde ich in diesem Gebet eine Anregung, eine Bitte, die jetzt passt.

Das Vaterunser als Gebet der Gemeinde zeichnet sich durch Kürze und logische Abfolge aus. Hier wird nicht gebetet, um durch aufwändiges Reden und Tun Gott zu gefallen, hier wird gebetet, um sich selbst etwas Gutes zu tun, um selbst mit Gott ins Gespräch zu kommen. Dieses Gebet hat etwas von wellness: Ruhig und unauffällig fließt es vor sich hin. Es hilft dem betenden seine Gedanken zu äußern, sie vor Gott zu bringen und bei sich selbst zu bedenken.

drucken