Der Glaube jubelt und singt

Kantate: Psalm 98,1: Singet dem HERRN ein neues Lied, denn er tut Wunder. – mit dem Singen ist es eine ganz eigenartige Sache. Wer nicht singen kann, schweigt vielleicht in der Gemeinde (was bei manchen ja auch ganz gut ist), aber singt meist um so leidenschaftlicher, wenn er allein ist, im Auto oder unter der Dusche.

Immer wieder höre ich, das singen sei out. Gleichzeitig wird um so leidenschaftlicher gesungen auf Sportplätzen oder auch in Gospelchören und das Mitsingen bei Rockkonzerten ist geradezu legendär. Das gemeinsame Singen fördert Gemeinschaft, Singen insgesamt setzt Gefühlswerte frei, von denen mancher vorher nicht wusste, dass er sie hat. Singen kann trösten, kann Gefühlen neue Schwingungen verleihen. Und dass das Singen bei Manchen nicht mehr so gut ankommt, liegt vielleicht auch daran, dass Manche übersättigt sind, mit hervorragenden Tonaufnahmen und darum Angst haben, an solche Qualitäten nicht herankommen zu können.

Heute hören wir ein Lied aus dem Alten Testament. Es wurde hauptsächlich bei einem Fest des Wasserschöpfens gesungen. Der Glaube jubelt und singt. Ein Lied, das bekennt, bei Gott haben wir noch eine Zukunft. Ein Lied, das hinausweist über die Freude, Wasser zu haben.

Was das bedeuten kann, Freude über Wasser haben wir in den vergangenen Wochen erlebt, als es kaum regnet, als der Frühling zu früh kam und schnell verblühte, als uns die Nachricht erreichte von den Landwirten, die Angst um ihre Ernte haben. So haben die Menschen vor 2500 Jahren gesungen:

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Ein Lied aus Dankbarkeit für Wasser, das in der Wüste aus dem Boden kommt und zugleich mehr: Das ‚Das Danklied der Erlösten’, das mir Fragen stellt: Wo kann ich dankbar sein? Wo habe ich Erlösung erlebt?

Oft genug neigen wir ja dazu Defizite zu sehen, zu klagen über das, was uns fehlt zum glücklichen Leben. Den Jackpot im Lotto hätten wir ebenso gerne wie ewige Gesundheit oder glückliches Familienleben – und wenn dann noch die SVE aufsteigen könnte!

Dabei hätten die Nomaden am Rande der Wüste mindestens so viele Gründe gehabt wie wir zu klagen: Der tägliche Kampf um Wasser und Fressen für die Tiere. Die tägliche Angst vor Räuberbanden und wilden Tieren. Von geringerer Lebenserwartung ganz zu schweigen.

Aber im Mittelpunkt dieses gottesdienstlichen Liedes steht der Jubel, der Dank. Vielleicht kann ich daraus lernen für mein Leben: Den Grund zum Dank sehen, den Grund zum Dank für das, was ich habe. Die Bilanz meines Lebens ansehen und dankbar sein für die Wohltaten in meinem Leben.

Vielleicht liegt die Ursache dafür, dass meine Bilanz mitunter so negativ aussieht, weil ich keine rechte Antwort weiß auf die Frage: Auf welche Zukunft warten wir? Was erwarte ich eigentlich noch vom Leben? Und erwarte ich etwas von meinem Leben, wenn das Irdische vorbei ist?

Das Volk damals jubelt und dankt Gott. Sie stehen dankbar an einem Brunnen und sehen in ihm nicht nur die Lösung eines Problems, sondern das Heil. Hinter dieser alltäglichen Gabe, die ihnen wieder für einige Tage Überleben sichert, sehen sie nicht ihre Arbeit, ihren Verdienst, sondern ein Leben schenkendes Geschenk Gottes.

Auf die Sichtweise kommt es an. Sie sehen diesen Brunnen, den Menschen Generationen vor ihnen gegraben haben und sie danken Gott dafür, dass jene Menschen an dieser Stelle auch wirklich Wasser gefunden haben und dieser Brunnen seitdem nicht versiegt ist. Sie danken dem Schöpfer, der ihnen auf diese Weise Leben schenkt.

Dieses Lied erhält bei Jesaja dadurch noch einmal einen neuen Stellenwert, dass gerade bei diesem Propheten ein deutliches Bewusstsein vorhanden ist, dass die Menschen diese Zuwendung Gottes nicht verdient haben. Es war zu einer Zeit, als die Menschen selbstbewusst Gott in die Gottesdienste und in den Tempel abgeschoben haben. Im Recht und in der Politik hatte er nichts mehr zu suchen. Da gehörte er nicht hin. Da erinnert der Prophet an die Nomadenzeit und die Dankbarkeit in allen Lebenslagen.

Das Volk Israel war zu dieser Zeit längst ein Kulturvolk, es war sesshaft geworden, die Nomadenzeit war vorbei. Man wohnte in Städten, bebaute das Land, trieb Handel, hatte eine Verwaltung und eine Wasserversorgung. Aus alter Tradition feierte man weiter die Brunnenfeste, dankte Gott in den Gottesdiensten, aber der Alltag hatte andere Probleme. Eine Oberschicht war entstanden, die immer reicher wurde, ein Proletariat, das nicht mehr wusste, wovon es seine Kinder satt bekommen sollte.

Da bekamen solche Lieder noch eine ganz andere Funktion. Menschen mussten neu lernen, dankbar zu sein und Gottes Recht neu kennen lernen. Sie mussten neu erkennen, dass Gott dieses Land und seine Gaben allen Menschen gegeben hat, dass sie satt werden. Und dass es nicht gerecht ist, wenn Menschen Hunger haben und andere mehr haben als sie brauchen, um satt zu werden. Der Prophet sagt den Untergang voraus, weil er weiß, dass an der Gottlosigkeit des Überflusses dieses Volk noch ersticken wird. Die Menschen müssen lernen, die guten Gaben Gottes nicht nur anzunehmen, sondern auch zu teilen. Sie sollen – das ist der Wunsch des Propheten begreifen, dass Gott es ist, der ihnen Leben gegeben hat und der sie bewahren will in den Läufen ihres Lebens. Wenn Gott ihnen Brunnen schenkt, dass sie nicht verdursten müssen, dann reicht es vielleicht nicht Danke zu sagen, dann kann mich das bewegen, zu helfen, dass Andere auch bekommen, was sie zum Leben brauchen.

Wo Gott vom Menschen den Druck nimmt, für alles selbst verantwortlich zu sein, da entsteht Freiheit und da entsteht neue Kraft und Stärke. Heil, aus dem nicht nur der einzelne, sondern auch die Gemeinde Kraft schöpfen kann. Und von dort aus geht die Kraft weiter in die Welt.

Das Einstimmen in den Gesang der Gemeinde bewirkt ein Mitfühlen, eine Sympathie und eine Kraft, aus der neue Aufbrüche entstehen können. Es geht um den Geist, der in gemeinsamem Singen und Beten mir Kraft verleiht.

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