Warum die RAF noch immer Probleme macht

Liebe Leser!

"Ein ganz erstaunliches Lied des Volkes Israels aus finsterer Zeit, als die Babylonier die Israeliten deportierten, weg aus Israel nach Babylon in Exil. Ein ganz erstaunliches Lied aus einer Zeit, die die Israeliten als Zeit des Zornes Gottes, als Zeit des Gerichts begriffen haben. Da waren sie ausgerissen mit all ihren Wurzeln und mussten in der Fremde leben. Da war ihr gewohnter Lebenszusammenhang gänzlich unterbrochen. Und die Zukunft, ja hatten sie überhaupt noch eine?" (Johannes Taig)

Wenn wir so in unseren Erinnerungen blättern, fallen, denke ich, jedem von uns Erfahrungen ein, die zu der Situation des Volkes Israel passen. Situationen, in denen wir ausgerissen werden und vertrieben werden aus gewohnten Lebensumständen. Aus einer geliebten Wohnung, von einem scheinbar so sicheren Arbeitsplatz. Und immer einmal wieder fallen uns über die Zeitung oder im privaten Fotoalbum Bilder in die Hände, die Menschen zeigen, "die ihre Heimat für immer verlassen mussten und mit einem Leiterwagen voll Habseligkeiten unterwegs waren in eine ungewisse Zukunft. Am Ende des 2. Weltkriegs war der gewohnte Lebenszusammenhang eines ganzen Volkes unterbrochen. Und wir heutigen sagen zurecht und hoffentlich alle: Gott sei Dank." (Johannes Taig)

Sprechen wirst du an diesem Tag: „Ich danke dir Gott, dass du gezürnt hast.“

Das Ende des Zweiten Weltkriegs ist lange her. Das babylonische Exil des Volkes Israel auch. Aber immer wieder jähren sich die Zeiten der Erschütterungen und werden groß begangen. Vor zwei Jahren die Bilder vom Ende des Kriegs und vom zerstörten Deutschland, immer wieder der 11. September mit den Bildern der einstürzenden Hochhäuser. Heuer geht der deutsche Herbst und die RAF, das militante Erbe der 68er durch das gemeinschaftliche Fotoalbum der Medien. Und auch unser privates Fotoalbum enthält so manches Bild aus dunklen Zeiten, wie wir mit der Erinnerung an dunkle Zeiten umzugehen gedenken.

Nach wie vor ist in der Öffentlichkeit die Unsicherheit mit Händen zu greifen, wie sinnvoll mit dunkler Vergangenheit umgegangen werden soll: Auf der einen Seite wird immer wieder die Schuldfrage gestellt und es gehört zum guten Ton, ein Stückchen symbolischer Schuld auch selbst zu tragen – auch als Nachgeborener. Auf der anderen Seite ist immer wieder das Pochen auf das Nachgeborensein zu hören und die Behauptung nichts mehr mit der ganzen Sache zu tun zu haben. Auf der einen Seite ein Festhalten am Unheil – auf der anderen Seite ein Wegschieben von Schuld oder gar das Abschaffen der Geschichte.

Beides aber, das ist zu spüren, heilt die Wunden nicht. Eine Möglichkeit, wie wir sinnvoll mit dunklen Zeiten umgehen können, zeigt uns dagegen das Lied des Volkes Israel. Sehen wir es uns etwas genauer an und achten zuerst einmal darauf, was es nicht tut:

Es erinnert nicht an die Zahlen der Opfer und die Schwere ihres Leids. Das tut die Bibel übrigens auch in Bezug auf die Leiden Christi nicht: Die Bibel lässt Jesus einfach sterben am Kreuz und verzichtet auf das Nachmalen der einzelnen Facetten seines Schmerzes, wie das so mancher Passionsfilm und mache Theologie tut. Nicht das Zelebrieren der Dunkelheit macht dunkle Zeiten fruchtbar.

Das Lied Israels erschöpft sich auch nicht im Reflektieren der politischen Umstände, um sagen zu können, wer oder was schuld ist an traurigen Umständen. Die Analyse der Umstände verleitet dazu, sich dabei selbst zu übersehen und die Schuld bei anderen zu suchen. Und das hilft nicht weiter. Davon wird keiner mehr lebendig. Und davon heilt keine Wunde.

Israel aber tut in seinem Lied aus dunkler Zeit etwas völlig überraschendes: Es denkt, obwohl Opfer des Exils, über seine EIGENE Schuld nach und begreift das Dunkle seiner Geschichte als den Zornes Gottes: „Ich danke dir, HERR, dass du bist zornig gewesen über mich und dein Zorn sich gewendet hat und du mich tröstest.“

Der Zorn Gottes und seine neuerliche Zuwendung ist die Klappe, durch die das Zerstörerische der Schuld beseitigt wird. Wenn wir bereit werden, im Unheil, das uns widerfährt, den Zorn Gottes zu erkennen, gewinnen wir zweierlei:

Erstens: Wir suchen die Schuld bei uns, statt bei anderen und damit bei einem Menschen, den wir am leichtesten ändern können: nämlich bei uns selbst.

Zweitens: Schuld, die wir selbst übernehmen, können wir auch selbst an Gott abgeben und müssen nicht warten, bis ein anderer endlich Buße tut. Wir selbst werden ermächtigt, Schuld abzugeben an den Gott dessen Gericht zerschlägt und zerbricht. Aber nicht um der Zerstörung willen, sondern, um herzurichten und zurechtzurichten. Gott die Vergangenheit anzuvertrauen, damit der Umgang mit ihr ein zukunftsträchtiger Umgang wird, setzt aber voraus, dass man Gott anerkennt.

Vielleicht tut sich der moderne Mensch deshalb so schwer mit der Vergangenheit: Egal ob mit dem Nationalsozialismus, den 68er oder der RAF. Der moderne Mensch muss einen Schuldigen finden, und der darf man nicht selbst ein. Denn ohne Gott fehlt das Ventil, das den Schuldigen entlasten könnte. Schuld zuzugeben, heißt in gottlosen Verhältnissen, sich selbst das gesellschaftliche Todesurteil zu sprechen. Denn wie soll man die übernommene Schuld los bekommen?

Wenn wir aber die Klappe des Gerichtes Gottes nutzen, liebe Gemeinde, können wir uns auch unserer dunklen Geschichte erinnern, ohne sie leugnen, umdeuten und vergessen zu müssen. Wir können sie Gottes Gericht übergeben. Wir können Schuld anerkennen, die Konsequenzen zu tragen, um Vergebung bitten, um dann ein neues Leben zu beginnen als neuer Mensch.

Im Fotoalbum unserer Geschichte zu blättern und vom alten Menschen, der wir einmal waren, zu lernen lohnt sich, aber wir sollten uns hüten, uns als neue Menschen mit dem alten Menschen zu verwechseln, der wir nicht mehr sind. Der alte, der schuldbeladene Mensch gehört dem Gericht Gottes: zerschlagen, damit wir leben. Für mich ist das übrigens auch ein Bild der Auferstehung: Gott lässt den Gekreuzigten gekreuzigt sein und schafft einen neuen, den auferstandenen Menschen. Der alte mit seinen Schmerzen zerschlagen, damit der Neue leben kann. Die Schmerzen des alten bestimmen weder ihn noch andere.

„So, so, ja, so war das. Bloß ken Griech mehr.“ So las meine Oma im Buch ihrer Vergangenheit und klappte es zu. Die Bilder vom ersten Krieg gegen den Irak und vom Bürgerkrieg in Jugoslawien hatten Sie an ihre Kriegszeiten erinnert, und sie las im Buch ihrer Vergangenheit, die sie aber vergangen sein lassen konnte, Gott befohlen eben. Erinnern dient nicht der Vergangenheit, sondern fruchtbare Erinnerung dient als Lehrbuch für die Zukunft.

Als neuer Mensch in den Aufzeichnungen des alten zu lesen, der wir einmal selbst waren, zu lesen, wie in einem Lehrbuch, um zu lernen für die Zukunft, das halte ich für einen sinnvollen Umgang mit der Vergangenheit, sowohl für uns als einzelnen Menschen wie auch für Staaten. Man braucht sich dann nicht täglich wieder ein Stück symbolischer Schuld um den Hals zu hängen oder umgekehrt die Geschichte abzuschaffen. Die Schuld kann Gott tragen und uns bleibt die Erinnerung als Lehrbuch für die Zukunft.

Als ein solches Lehrbuch, da bin ich mir sicher, will auch die Bibel verstanden sein: Ein Buch gedeuteter Geschichte für die Zukunft. Nicht so präzise wie möglich, nicht so dramatisch wie möglich, sondern so lehrreich wie möglich, indem sie die Vergangenheit Gott anbefiehlt und es wagt, selbst die dunkle Gegenwart schon als Vergangenheit zu sehen. Weil sie anerkennt, dass sie Gott gewirkt ist und Gottesgericht zwar zerschlägt, aber die Zerstörung nicht Gottes Ziel ist: Gott zerschlägt und zerbricht, um herzurichten und zurechtzurichten.

Die Zukunft gehört dem Gott, der uns alle dorthin führen will, wo wir mit Wonne Wasser schöpfen aus den Heilsbrunnen. Dorthin kann es manchmal ein weiter Weg sein, und es kann gut sein, dass wir keinen blasen Schimmer haben, wie wir je dorthin kommen sollen. Aber Gott weiß es: Er hat es gewusst, als er Israel plagen ließ in Ägypten, um es in die Freiheit zu führen. Er hat es gewusst, als er Israel ins babylonische Exil führen ließ und zurück brachte. Er hat es gewusst, als er Jesus zerschlagen ließ und als Christus neu erschuf. Er wird’s auch wissen, bei uns.

Das, liebe Gemeinde ist fruchtbare Vergangenheits- und vor allem, fruchtbare Gegenwartsbewältigung. In der Dunkelheit beginnt schon die Erlösung zu leuchten für die, die alles, auch das Unheil als von Gott gewirkt sehen und deshalb keine Schuldigen brauchen, weil sie wissen, für was das Schlechte gut ist. Sie haben zwar keine blassen Schimmer, wie Gottes Weg dorthin führen soll. Aber dafür leuchtet in der Dunkelheit schon ihr Heil. Weil sie zwar nicht Gottes Weg aber Gottes Ziel kennen.

"Und deshalb ist es angebracht, schon jetzt ein Lied darauf zu singen. Bis im Herzen schon zu leuchten beginnt, was im Text und in den Tönen strahlt" (Johannes Taig): [1] Zu der Zeit wirst du sagen: „Ich danke dir, HERR, dass du bist zornig gewesen über mich und dein Zorn sich gewendet hat und du mich tröstest. [2] Siehe, Gott ist mein Heil, ich bin sicher und fürchte mich nicht; denn Gott der HERR ist meine Stärke und mein Psalm und ist mein Heil.“

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