Ihr werdet noch einmal davonkommen!

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und unserm Herrn Jesus Christus. Amen.

Es ist noch gar nicht lange her, da kam ich am Sonntag morgen rechtzeitig zur schönsten Gottesdienstzeit in Olderup angeradelt. Es war ein herrlicher Tag, die Sonne schien und ich freute mich auf die Arbeit.

Aber da stand, direkt vor der Kirche an der Verkehrsinsel, schon ein Polizeiwagen. „Nanu?“, dachte ich, „hat eins meiner Schäfchen etwas angestellt?“ Hatten sie nicht, es hatte einen Verkehrsunfall auf der Straße nach Immenstedt gegeben und der Beamte lenkte den Verkehr um.

In Olderup funktionieren die Buschtrommeln noch. So sickerten langsam die Informationen durch, während ich mich auf den Gottesdienst vorbereitete. „Da hat sich ein Wagen überschlagen, ein dunkler Mercedes.“ 9.40 Uhr. Um 9.45 Uhr dann die nächste Meldung: „Der Rettungshubschrauber ist gelandet.“ Da wurde es mir schon eng im Hals, das bedeutete nichts Gutes. „Da wird wenige Meter von unserem Kirchlein entfernt gelitten, geweint und vielleicht sogar gestorben“, war mein Gedanke. Um 5 vor 10 wusste jemand etwas mehr. „Da sind vier von unseren Jungs im Wagen eingeklemmt“. Und er nannte Namen und ich kannte sie alle. So begann der Gottesdienst. Unser Singen war bedrückt und unsere Gebete und Gedanken waren dort.

Wie schlich sich der Sonntag hin! Bei jedem Telefonklingeln zuckte ich zusammen. Niemand wusste etwas Genaueres und fragen mochte ich auch nicht.

Erst am nächsten Tag kam die Entwarnung: Die Jungs leben, alle vier. Keiner ist ernstlich verletzt. Es ist gerade noch mal gut gegangen und mir fielen mehrere Steine vom Herzen. Ich traf dann eine der Mütter im Krankenhaus. Sie war sehr blass und konnte sich noch kaum freuen, so sehr hatte die Angst und der Schreck sie in ihrem Würgegriff gehabt. „Es geht ihm gut“ sagte sie. „Gott sei dank!“

Hinter unserem Predigttext steht ein ähnliches Gefühl, dieser Schreck gemischt mit Erleichterung. Da sitzt einem das Entsetzen noch in den Gliedern, oft noch tage- und wochenlang. Ein Loblied nach Todesschrecken klingt anders als unsere fröhlichen Sommerlieder. Ein Loblied nach Todesschrecken klingt so, ich lese den Predigttext aus dem Propheten Jesaja im 12. Kapitel:

[Text]

So singt das Volk Israel Gottes Lob. Krieg und Vernichtung haben das Land zerstört, habgierig und ignorant haben die Herrschenden das Land in den Ruin getrieben. Jesaja hat das gesehen. „Nur ein Stumpf bleibt, ein kleiner Rest“, sagt er. Nur wenige kommen gerade noch mal davon. Und diese Geradenochmaldavongekommenen Israels singen Gottes Lob.

Wenn man genau hinhört, dann merkt man es: „Ich danke dir, HERR, dass du bist zornig gewesen über mich und dein Zorn sich gewendet hat und du mich tröstest.“ Denen sind die Hände noch schweißnass vor Angst und das Herz schlägt ihnen bis zum Halse. Der Schreck sitzt ihnen noch in den Gliedern. Das ist gerade noch mal gut gegangen, sagen sie, und schlucken schwer. Sie wollen daraus lernen, sie wollen denselben Fehler nicht noch einmal machen und in Zukunft auf Gott vertrauen. Sie danken Gott für die Zurechtweisung und für den Trost.

Dabei muss ihnen das Gotteslob schwer gefallen sein: Es war zum Krieg zwischen den beiden Bruderstaaten Israels gekommen, das geteilte Reich war übereinander hergefallen. Israeliten haben Israeliten getötet, viele sind gestorben, nichts ist gewonnen worden, Leid und Schmerz im ganzen Land. Wenige Jahre später wird das Nordreich Israel ganz an den König von Assur fallen, dann bleibt nur noch ein Stumpf von Israel, das Südreich Juda, gerade mal so groß wie Nordfriesland. Ein kleiner Rest eines einst großen und mächtigen Reichs, viel zu klein um sich gegen die Großmächte im Vorderen Orient behaupten zu können. Ihm bleiben noch 200 Jahre, dann wird auch dieser Rest von den Großen gefressen.

Ich denke an die Situation der Vertriebenen nach 1945: Ja, sie waren noch einmal mit dem Leben davon gekommen. Aber alles andere hatten sie verloren. Ihren Besitz, ihre Heimat, ihre Geschichte und ihre Würde. So kamen sie hier an, mit wenig mehr als den Kleidern am Leibe. Ich stelle mir vor wie sie „Lobe den Herren“ gesungen haben: Mit erstickter Stimme und voller Trauer. Vater und Bruder? Ungewiss ihr Schicksal. All die Menschen, die es nicht geschafft hatten – man kann Erinnerung nicht einfach abstreifen. All die Toten in den Gräben, all die Kinder, die unterwegs starben und nicht einmal beerdigt werden konnten – so etwas vergisst man nicht, niemals. Und dann haben sie die überlebenden Kleinen an sich gedrückt und vielleicht leise Hoffnung geschöpft: Wir sind ja noch da, wir leben noch. Bis hierher hat uns Gott gebracht – er wird uns auch jetzt nicht verlassen und es werden Zeiten kommen, da werden wir uns wieder von Herzen freuen können. „Siehe, Gott ist mein Heil, ich bin sicher und fürchte mich nicht; denn Gott der HERR ist meine Stärke und mein Psalm und ist mein Heil.“ Es kann ja nur besser werden. So schreibt auch Jesaja: „Ihr werdet mit Freuden Wasser schöpfen aus den Heilsbrunnen“

Der Predigttext des Jesaja entsteht ungefähr 730 Jahre vor Christi Geburt, fast 3000 Jahre ist er also alt. Die Situation des Jesaja ist nicht unsere, aber wir kennen das Gefühl, in dem er schreibt. Es ist oft ein gutes Gefühl, wenn man grad noch mal davonkommt: Beinahe hätte es gekracht, da haben nur Sekunden gefehlt – die Hände zittern und das Herz schlägt einem bis zum Halse, das ist gerade noch mal gut gegangen. Eine schwere Krankheit, eine schlimme Diagnose, Tage und Wochen voller Sorgen und Todesangst – was für ein herrliches Gefühl, wieder leben zu dürfen, gerade noch mal davongekommen zu sein und Gottes Lob zu singen. Es ist das „Mutti, Mutti – er hat überhaupt nicht gebohrt!“-Gefühl – es ist zu schön, die Zahnarztpraxis unbehandelt zu verlassen, da ist man doch grad noch mal davongekommen und ein Grund, Gott zu loben, ist das auch.

Unser Predigttext aber führt uns in die Tiefe. Kantate heißt der Sonntag, singt! Auf dem Hintergrund der Geschichte Israels wird deutlich, dass damit keineswegs ein Rumtata und Gutelaunegottesdienst gepredigt wird. Hier singen Menschen, die durch das Leid hindurch gegangen sind. Ihnen sitzt die Angst noch in den Knochen, ihre Stimme bebt noch und ihr Gotteslob wirkt – nicht verzagt, aber erschüttert.

So geht es vielen nach einer überstandenen Beziehungskrise, einer gut gelaufenen Operation, einem Bandscheibenvorfall, einer schweren Geburt – das schüttelt man nicht einfach so ab und trällert fröhlich drauf los. Man ist dankbar und auch froh, aber der Schrecken sitzt einem noch in den Gliedern und es braucht Zeit, bis man wieder so normal und leicht leben kann wie zuvor.

Kantate heißt: Singt! Und er hält fest: Singen kann nicht die Domäne der Weinseligen und Freudetrunkenen sein – Gesang ist mehr: Er ist Trost und Vergewisserung, er ist Gotteslob und Dankbarkeit, er ist Gebet und Zuversicht. Man singt nur mit dem Herzen gut. Und das Herz singt in Freud und Leid, jedes mit seinem Ton, nicht immer schön, aber immer richtig. Die Gemeinde singt Gottes Lob vielstimmig und nicht allein mit hörbarem Gesang. So singen wir heute ein jeder wie ihm ist: dankbar oder erschüttert, mit dem Schrecken noch in den Gliedern, erschöpft oder einfach nur fröhlich und jubelnd. Jedes Herz hat seine Stimme – und jede Herzensstimme geht unserem Gott zu Herzen.

Der Prophet Jesaja deutet die Zeichen der Zeit. Er sagt: Es wird nicht leicht. Es wird sogar schrecklich werden und ihr werdet meinen, dass nun das Ende da sei. Aber ihr werdet davonkommen! Und dann werdet ihr Gott loben! Und ihr werdet aus dem Unglück lernen! Und ihr werdet mit Freuden Wasser schöpfen aus dem Brunnen des Heils!

Ihr werdet noch mal davonkommen, sagt der Prophet. Ich will Ihnen etwas sagen. Wir werden tatsächlich noch mal davonkommen, zu guter Letzt. Alle. Wir werden dem Tod von der Schaufel springen, wenn Menschen uns schon zu Grabe tragen. Das ist wahr, das hat Christus für uns bewirkt. Wir werden, wenn wir sterben, nicht zu Grunde gehen, sondern leben! Wir gehen durch das dunkle Tal des Todes, alle, aber dann, das hat er versprochen, wird er uns retten. Und wir werden genau dieses Gefühl haben: Wow, das ist ja gerade noch mal gut gegangen! Wir werden Gottes Lob singen, und auch die Herzen der Brummbären werden vor Freude jubeln. Ein neues Lied wird das sein: Gott tut Wunder! So ist das und so kommt sie – Gottes neue Welt und unser ewiges Leben. So sei es – das bedeutet: Amen

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