Zukunftsvisionen

Liebe Gemeinde!

Der Predigttext für heute ist die Schöpfungsgeschichte – genauer gesagt, der erste von den beiden Schöpfungsberichten, die wir im ersten Buch Mose finden. Israelitische Priester haben um etwa 500 v. Chr. diesen Bericht von der Erschaffung der Welt verfasst, aus dem ich ihnen jetzt Auschnitte vorlesen will.

[TEXT Gen 1,1-4.11-12.26-2,4]

„Und siehe, es war sehr gut“. Wie ein Refrain wiederholt sich das immer wieder. Nach jedem Schöpfungstag betrachtet Gott seine Werke, und stellt fest: Alles ist gut, ja, sehr gut sogar, gelungen. Die israelitischen Priester erklären: Gott hat die Welt erschaffen. Er hat sie gut und durchdacht eingerichtet. Er hat Wasser und Land, Licht und Dunkelheit, große und kleine Pflanzen, Tiere in Wasser, Luft und Land und die Menschen gemacht. Einem jeden hat er einen bestimmten Lebensraum gegeben und bestimmte Nahrung zugewiesen. Konkurrenzkämpfe um Lebensraum oder gar gegenseitiges Töten um selbst zu überleben sind in diesem Plan nicht vorgesehen. Der Mensch ist Ebenbild Gottes, jeder hat den gleichen Wert. Es gibt niemanden, der einen höheren Rang hätte als andere. Die Menschen sind mit der Herrschaft über die Erde beauftragt – das heißt, sie haben als Ebenbilder Gottes die Verantwortung über alles andere. Auch für Ruhe und Erholung ist gesorgt. Mit einem Wort: Es ist das Paradies. Siehe, es war sehr gut. So haben sie es vor 2500 Jahren beschrieben.

Und wenn wir heute einen Schöpfungsbericht schreiben würden? Wie wäre der dann? Gut, sehr wahrscheinlich würde heute keiner mehr von der Schaffung der Welt in sieben Tagen berichten. Das ist aber eher ein nebensächliches Detail. Viel eher frage ich mich: Würden wir heute noch schreiben: „Siehe, es war sehr gut!“? Denn oft genug sehen wir ja, dass keineswegs alles gut ist. Das stelle ich ganz sachlich fest. Ich könnte dafür jede Menge Beispiele nennen, sie wahrscheinlich auch – aber darum geht es mir jetzt nicht, so einen virtuellen Pranger aufzustellen. Ich will nur festhalten, dass es so ist. Und die meisten Dinge, die in unserer Welt nicht gut sind, kommen daher, dass einzelne Menschen meinen, über andere Menschen und über die Tiere und die Natur um uns herum nach ihrem eigenen Belieben verfügen zu können. Manchmal tun Menschen das in voller Absicht und auch in dem Wissen, dass sie etwas tun, was anderen schadet. Aber ich glaube, viel öfter noch passiert etwas anderes: Aus Gedankenlosigkeit oder sogar in bester Absicht wird das missachtet, was Gott eigentlich anders vorgesehen hatte. Siehe, alles ist sehr gut – nur ein völlig realitätsblinder Mensch würde das bei uns behaupten. Und aus genau diesem Grund ist die Schöpfungsgeschichte oft als frommes Märchen abgehakt. Man denkt: Eine schöne Geschichte ist es, mehr aber auch nicht. Man denkt vielleicht auch: Vor 2500 Jahren war alles noch so in Ordnung, dass man die Weltentstehung so beschreiben könnte, aber heute nicht mehr.

Da ist es aber noch mal interessant, in die damalige Geschichte zu schauen. Denn damals, als die Priester diesen Bericht verfasst haben, war keineswegs alles gut. Im Gegenteil – Israel war am Boden zerstört. Sie waren im Krieg vernichtend geschlagen worden, das Land war zerstört und zehntausende von Menschen waren aus der Heimat deportiert worden nach Babylon, das liegt im Gebiet des heutigen Irak. Unvorstellbar weit weg und ohne Aussicht auf Rückkehr. Die Not im Exil war groß. Warum dann dieser wunderschöne, poetische Schöpfungsbericht? Warum die Vorstellung, dass Gott alles wunderbar eingerichtet hat – wo doch die Realität so völlig anders war? In Babylon erklärte man sich die Entstehung der Welt mit einem Kampf zwischen den Göttern. Ein Gott brachte den anderen Gott im Kampf um, und aus dessen Leib wurden dann Himmel und Erde geformt. Wäre es nicht viel nahe liegender gewesen, dass die israelitischen Priester diese Kriegs- und Kampfmythen ihrer Umwelt übernehmen?

Vielleicht ja. Aber das nahe liegende hat die Priester nicht interessiert. Ihnen ging es um etwas ganz anderes. Sie wollten ihren Landsleuten ganz klar machen: wir glauben an einen schöpferischen Gott, wir glauben an einen friedlichen und friedliebenden Gott. Außerdem glauben wir an einen Gott, der sich zurücknehmen kann und nicht seine Macht ausspielt. Wir sehen, dass die Menschen anders sind, und wir glauben, dass das Gott auch nicht gefällt. Aber trotzdem glauben wir an die gute Schöpfung Gottes, in der jeder seinen Platz hat, in der Krieg und Kampf, Unterdrückung und Ausnutzung eben keinen Platz haben.

Und damit ist dieser Bericht viel mehr als der Versuch zu erklären, wie die Welt entstanden ist. Eigentlich könnte man ihn viel eher als Zukunftsvision sehen – für die damaligen Menschen, die sich mit Sicherheit nach Frieden und Ruhe gesehnt haben; aber für uns genau so. Wir sehen: In unserer Welt ist nicht alles gut. Aber wir wissen, wie es gut sein kann. Und das ist nicht nur so eine nette Geschichte, sondern das ist eine echte Hoffnung und eine echte Perspektive. Denn wenn wir wissen, wie es gut sein kann – dann können wir das hochhalten gegen Untergangsstimmung und Mutlosigkeit. Dann können wir das auch hochhalten gegen Gedankenlosigkeit oder gegen Überheblichkeit. Dann können wir das in ganz konkreten Aktionen bei uns hochhalten. Wen wir uns etwa gegen rechtsradikale Umtriebe in Erding wehren oder gegen die Dritte Startbahn am Flughafen. Wenn wir uns darum bemühen, die sozialen Ungerechtigkeiten in unserem Land und weltweit zumindest ein bisschen auszugleichen. Oder was ihnen da sonst noch einfällt.

Denn siehe, es war sehr gut, wie Gott die Welt gemacht hat. Da wollen wir hin: Zu dieser sehr guten Welt, in der Mensch, Tier und Pflanzen in Frieden zusammen leben können. Zu einer Welt, in der Menschen gleichberechtigt sind und Verantwortung füreinander und für ihre Umwelt übernehmen.

Und Gottes Friede, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

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