Zweifel – Zeitansage – Zeichen

Liebe Gemeinde,

von drei Stichworten aus wollen wir unserem Bibeltext auf die Spur kommen: Zweifel – Zeitansage – Zeichen.

1) Zweifel

Ein Zimmer im Halbdunkel. Geschlossene Fensterläden. Die Tür verbarrikadiert. Auf Stühlen und am Boden sitzen die Jünger, vereinzelt alle, in gekrümmter Haltung, den Blick gesenkt oder ins Leere gerichtet. Gespenstische Stille.

Doch plötzlich hört man hastige Schritte. Über eine Kellertreppe taucht Maria Magdalena aus dem Untergrund auf. Sie blickt sich um, ruft in irgendeine Richtung: „Der Herr ist auferstanden!“ Nichts rührt sich. Keine Reaktion. Sie geht ein paar Schritte, reißt die Arme hoch und ruft noch einmal lauter: „Brüder, der Herr ist auferstanden! Glaubt es mir doch!!“ Doch keinem gehen die Augen auf. Ein paar winken ab. Einer fängt an zu schluchzen. Das ist alles.

Wenig später tauchen die Emmaus-Jünger auf, auch sie erfüllt, beseligt von der Begegnung mit dem Auferstandenen. Doch auch sie stoßen mit ihrer Nachricht ins Leere. Ja, so sieht der Unglaube aus. Hockt da wie festgenagelt und lässt sich nicht bewegen, nicht locken, nicht anstecken. Der Herr ist auferstanden? Lass mich in Ruhe.

Liebe Gemeinde, wo finden Sie sich in dieser Geschichte wieder? Manchmal möchte ich wie Maria Magdalena oder die Emmaus-Jünger hinlaufen in viele Häuser, durch viele Zimmer, in denen Menschen sitzen oder liegen. Ich stoße auf Menschen, die haben abgeschlossen mit ihrem Leben, ihre Hoffnungen begraben. Da will ich hineinrufen wie Maria Magdalena, das Wort des auferstandenen Christus zusagen: „Ich lebe, und ihr sollt auch leben“, ihnen sagen: „Das gilt, auch für euch, gerade für euch!“ — Aber was ist, wenn kein Wort durchdringt, kein Wort die Starre durchbricht? In manchen Situationen wirkt unser Osterglaube so klein und hilflos, wo der Unglaube ihm die Stirn bietet.

Manchmal finden wir uns vielleicht auch in den Jüngern wieder, diesen Gestalten der Verzagtheit. Wir haben diesen kostbaren Schatz der österlichen Hoffnung nur in irdenen, in zerbrechlichen Gefäßen – und merken im Alltag, wenn die Sorgen und Schwierigkeiten an uns zerren, wie der Osterglaube an Kraft verliert. Es ist ja erstaunlich, wie freimütig die Bibel davon erzählt, dass der engste Freundeskreis Jesu die Nachricht seiner Auferweckung von den Toten schlichtweg nicht glauben konnte. Nichts wird wegretuschiert von den Zweifeln, um die Jünger in einem etwas vorteilhafteren Licht erscheinen zu lassen. Der biblische Bericht ist einfach ehrlich.

Aber damit fällt auch eine Verstehensmöglichkeit für Ostern weg. Von Sokrates, Buddha oder Mohammed sagt man ja, dass sie im Geist ihrer Anhänger weiterleben. Dabei ist die Erinnerungs- und Identifikationskraft des menschlichen Geistes die entscheidende Größe. Aber dieses Erklärungsmodell – dass Jesu Gestalt und Botschaft im Geist seiner Jünger weiter gelebt und gewirkt hätte – greift hier nicht. Hartnäckig und übereinstimmend berichten alle Evangelien, dass die Jüngerinnen und Jünger über den Tod Jesu nichts als verzweifelt waren; ihr Geist war zu nichts mehr fähig – – und durch das plötzliche Erscheinen des vermeintlich Toten vollständig überrascht werden. Und bis diese Mauer aus Trauer, Zweifeln, Nicht-glauben-können fällt, da muss Gott selbst ins Spiel kommen, da braucht es die Präsenz und Überzeugungskraft des auferstandenen Christus.

2) Zeitansage

Erstaunlich ist, dass Jesus auf die Karfreitagsbestürzung seiner Jünger gar nicht mehr eingeht. Warum nicht? Bräuchten sie jetzt nicht seelsorgerlichen Beistand, um das traumatische Erlebnis zu verarbeiten? Der Grund ist: Diese Vergangenheit ist für den Auferstandenen überholt, obwohl sie erst kurz zurückliegt. „Begreift doch“, sagt Jesus, „was die Stunde geschlagen hat! Mit Ostern ist eine neue Zeit angebrochen, ein neues Kapitel aufgeschlagen. Denn hier am Ostermorgen leuchtet Gottes Zukunft auf als großes Versprechen. Hier erkennt ihr, worauf alles hinausläuft. Der Tod mag sich immer noch aufspielen, aber er ist von Gott selber bereits entmachtet. Er gleicht einem Schiff, das bereits leck ist und unaufhaltsam untergeht. Und die mit ihm verbündeten Mächte und Gewalten sind ebenfalls zum Vergehen bestimmt. Es geht Gottes neuer Zukunft entgegen. Das muss die Welt erfahren. Unter allen Umständen! Sonst bleibt sie in ihrem schrecklichen Irrtum gefangen, es wäre alles beim Alten geblieben! Ihr Jünger: Alles hat seine Zeit! Es gibt eine Zeit zu trauern und es gibt eine Zeit, sich aus der Trauer zu erheben. Die Stunde ist da, aufzustehen. Denn ihr werdet gebraucht!“

Und so erhalten die Jünger einen großen, kühnen Auftrag: Gehet hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur!“ Im Blick auf diesen großen Auftrag ist auch die Ungeduld zu verstehen, mit der der Auferstandene seine Jünger getadelt hat, weil sie nur langsam reagieren. Er „schalt ihren Unglauben und die Härte ihres Herzens, weil sie denen nicht glaubten, die ihn auferstanden gesehen hatten“. Es ist nicht ein beleidigtes Schelten, sondern ein Schelten aus Ungeduld. Jetzt, wo in Gottes Auferweckungstat sein Zukunftswille so deutlich geworden ist, jetzt will Jesus ohne Umschweife ans Werk und wird ungehalten über die langsame Reaktion, über das Zweifeln und Nichtbegreifen seiner Jünger. Liebe Gemeinde, auch wir brauchen diese österliche Zeitansage, dass eine neue Zeit gekommen ist. Denn wie leicht hören wir auf die Mächte von gestern und werden ihnen wieder hörig.

Darum: Hören wir ein paar österliche Zeitansagen:

· Überall wird euch eingeflüstert oder eingetrichtert, dieses Leben hier sei die letzte und einzige Gelegenheit, und darum müsstet ihr aus ihm herausholen, was nur geht. So gerät das Leben unter die beständige Angst, ihr könntet etwas verpassen. Aber lasst euch nicht länger irre machen. Euer Leben steht nicht im Schatten der Vergänglichkeit, sondern im Licht von Ostern, im Licht von Gottes Ewigkeit. Darum ist es auf weiten Raum gestellt, muss nicht krampfhaft erraffen, was nur geht, sondern kann empfangen und teilen.

· Ihr kennt die Angst vor den Herren dieser Welt, welche Namen sie auch immer tragen. Doch lasst euch sagen: Die Herren dieser Welt gehen, euer Herr kommt. Darum macht euch nicht unnötig klein, sondern wagt den aufrechten Gang, gehorcht Gott mehr als den Herren dieser Welt.

· Ihr kämpft manchmal mit dem lähmenden Gefühl, unsere besten Jahre liegen hinter uns. Wir sind zu nicht mehr viel nütze. Doch lasst euch sagen: Es geht Gottes Zukunft entgegen. Und darum werdet ihr gebraucht, vielleicht auf andere Weise, als ihr es euch vorstellen könnt. Gott braucht eure Hoffnung, eure Gebete, eure Erfahrung, euren Glauben. Haltet euch offen für seine Überraschungen.

Ja, es lohnt sich, auf diese österlichen Zeitansagen zu hören. Denn sie bringen in uns einen neuen Menschen ans Licht (die Geburt ist ja das Leitmotiv unseres Sonntags Quasimodogeniti), den Menschen, der von der Osterfreude und Osterhoffnung durchdrungen ist.

Zurück zu den Jüngern. Die Begegnung mit dem auferstandenen Christus geht ihnen tatsächlich in Mark und Bein. Sie werden zu Zeugen der Auferstehung und verkünden in aller Welt, dass eine neue Zeit angebrochen sei.

Nach ihnen sind andere gekommen. Wie eine Stafette wird das Evangelium von da an weitergegeben, von Generation zu Generation. Die Stafette geht durch Katakomben und Kerkerzellen, durch Elendsquartiere und Paläste, sie geht durch Klöster und diakonische Gemeinschaften. Die Stafettenläufer kommen zeitweilig außer Atem, humpeln oft nur noch mühselig, einige geben auf und werfen die Botschaft fort, aber dann kommen andere und nehmen sie wieder auf. So läuft die Stafette durch die Geschichte, und wo sie durchkommt, da verändert sich die Welt, verändern sich Menschen. Da werden bald mehr oder weniger deutliche Spuren sichtbar – Spuren, die alle in dieselbe Richtung weisen: der Zukunft Gottes entgegen, wenn Gott und seine Liebe alles in allem sein werden.

Der Lauf des Evangeliums ist ein einziger Auferstehungslauf. Jedem, der die Botschaft empfängt und weitergibt, teilt sich Auferstehungsfreude, Auferstehungsmacht mit. So sagt der Auferstandene, dass Zeichen – Auferstehungszeichen! – die Zeugen begleiten.

3. Zeichen

Am Schluss unseres Textes heißt es: „Und der Herr wirkte mit ihnen und bekräftigte das Wort durch die mitfolgenden Zeichen.“ Das Schlüsselwort heißt: Und der Herr wirkte mit ihnen… Im Griechischen steht hier „synergountos“. Es geht also um Synergien, um erstaunliche Synergien, die auftreten, wenn die Zeugen und Zeuginnen der Auferstehung mit ihrem Herrn kooperieren. In Wirtschaft und Diakonie haben die Zauberworte von einst: Fusion, Kooperation, Synergieeffekte … einiges von ihrem Glanz eingebüßt. Denn sie halten oft nicht, was man sich davon versprochen hat. Anders ist es in der Beziehung mit Gott. Hier kommt es zu erstaunlichen Erfahrungen, Synergiewirkungen ganz besonderer Art. Davon gleich mehr.

Zuvor noch ein Wort zu ihrem Stellenwert. Dieser wird sehr präzise bestimmt, wenn es heißt: Der Herr bekräftigte das Wort durch die mitfolgenden Zeichen. Die Zeichen und Wunder sind eindeutig der Verkündigung untergeordnet. Es wäre falsch, den Glauben auf spektakuläre Erfahrungen aufbauen zu wollen. Bei Teilen der charismatischen Bewegung sehe ich diese Gefahr, sich auf das Außergewöhnliche zu fixieren und das Alltägliche abzuwerten. Aber zugleich sagt unser Text, dass die Zeichen und Wunder auch nicht belanglos sind. Sie können und wollen unseren Glauben stärken und bekräftigen. Das ist nun eher an die Adresse von Landeskirchenchristen gerichtet. Seid nicht so bescheiden! Klammert die besonderen Erfahrungen in der Beziehung mit Gott nicht aus. Von dem Gott, der Jesus von den Toten auferweckt hat, könnt ihr Großes erwarten.

Von den konkret genannten Zeichen möchte ich auf drei eingehen:

In meinem Namen werden sie Schlangen mit den Händen hochheben: Liebe Gemeinde, was liegt da im Wüstensand unseres Lebens nicht alles verborgen? Bittere Enttäuschungen – Menschen, an denen wir schuldig geworden sind – Zeiten in unserem Leben, an die wir gar nicht gerne zurück denken. Oft wollen wir lieber nicht hinschauen, kehren ihnen den Rücken, laufen davon. Aber von diesen unerledigten Dingen geht Gefahr aus. Wann holen sie uns ein und beißen zu? In schlaflosen Nächten bedrängen sie uns mitunter hautnah. Hier hat sich nun unser Osterglaube zu bewähren. Wenn es wahr ist, dass Christus die Mächte dieser Welt besiegt hat, dann können wir in seinem Namen das Undenkbare wagen und uns dem, was uns so viel Angst einflößt und einschüchtert, vielleicht sogar lähmt, stellen, es aufheben und anschauen – in der Gewissheit, dass nichts uns scheiden kann von der Liebe Gottes. Und siehe: diese Schlange aus dem Wüstensand unseres Lebens verliert von ihrer heimtückischen Macht.

Wenn sie etwas Tödliches trinken, wird`s ihnen nicht schaden: Giftiges ist in unserer Welt zuhauf im Umlauf. Leider auch immer wieder im Kreislauf der Kirche. Vielleicht auch in den Blutbahnen einer Schwesterngemeinschaft. Giftige Gedanken oder verbale Giftpfeile – üble Gerüchte, die gestreut werden – negative Stimmungen, die sich bleischwer über eine Gemeinschaft legen – Blicke, die töten würden, wenn sie könnten. Wie gehen wir damit um? Auch hier ist unser Osterglaube gefragt! Wenn es wahr ist, dass Christus den Tod und seine giftigen Verbündeten besiegt hat, dann sind wir dem nicht einfach hilflos ausgeliefert. Das Gebet ist hier eine große Hilfe, dass wir diesen Giften nicht die Macht über uns geben. Vielleicht mit folgenden Worten: „Ihr wollt uns lähmen, uns besetzen, aber wir lassen es nicht zu. Auferstandener Christus tritt dazwischen!“ Vielleicht kann uns in unseren Auseinandersetzungen auch der österliche Mut, ja fast gar Übermut eines Paul Gerhardt eine Hilfe sein, der den Bedrängnissen entgegensingt: „Die Welt ist mir ein Lachen mit ihrem großen Zorn, sie zürnt und kann nichts machen, all Arbeit ist verlorn. Die Trübsal trübt mir nicht mein Herz und Angesicht, das Unglück ist mein Glück, die Nacht mein Sonnenblick“.

„Auf Kranke werden sie die Hände legen, und so wird`s besser mit ihnen werden“. Das ist die wichtigste Mitgift Jesu, die er seinen Nachfolgerinnen und Nachfolgern hinterlässt. Es ist die wunderbarste Befähigung des Glaubens, anderen Menschen gerade in der Zeit der Krise einen Schutzort der Geborgenheit zu geben, die Hände über sie zu breiten und ihnen die Gewissheit zu vermitteln: Du gehörst trotz allem, was dich bedrängt, Gott.

Zum Schluss: Als man Christoph Blumhardt in Bad Boll einst die Nachricht überbrachte, dass August Bebel, der berühmte Sozialistenführer und bekennende Atheist, gestorben sei, soll der mit feiner Ironie kommentiert haben: „Oh, der wird jetzt Augen machen!“ Ich wünsche uns, dass uns jetzt schon die Augen aufgehen, dass Gottes Zukunft angebrochen ist – und wir von österlichem Mut erfüllt werden.

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