Hoffnungsgeschichten

Liebe Gemeinde,

das Thema der Predigt heißt: Es gibt ein wahres Leben im falschen. Das ist ein steiler Satz. Wir kennen alle das falsche Leben. Wir kennen die Ungerechtigkeit, die bei uns herrscht. Wir sind umgeben von Arbeitslosigkeit, Schulschwierigkeiten, Krankheiten und Leuten, die uns zu etwas bringen wollen, was wir nicht wollen und was auch für niemanden gut ist. Wir sind eingesperrt in Zwänge, denen wir nicht entkommen können oder wir sind einsam geworden und fragen uns wozu wir überhaupt noch leben. Und da behaupte ich: Es gibt in all dem ein wahres und gutes Leben. All das was schief läuft, ist nicht im Stande uns im Misslingen und in der Verzweiflung festzuhalten. Es gibt einen Weg heraus. Es gibt eine Auferstehung von den Toten in diesem Leben und nach diesem Leben. Ich könnte genauso gut sagen: Es ist schwer an die Auferstehung zu glauben. Wie schwer zeigt uns unser heutiger Predigttext aus dem Markusevangelium. Ich lese Markus 16,9-15:

[TEXT]

Ja, es ist schwer an die Auferstehung zu glauben. Dem Leitungsgremium der frühen Kirche fällt es besonders schwer. Erst erzählt ihnen Maria Magdalena, dass sie den Auferstandenen gesehen hat und es nützt nichts. Gut sie ist ja nur eine Frau und Frauen galten vor Gericht als unzuverlässige Zeugen. Und überhaupt haben sich die 11 wahrscheinlich gedacht. Wenn Jesus wirklich auferstanden wäre, dann wäre er doch uns erschienen und nicht ihr. Es kann ja nicht sein, dass er diese Frau uns vorzieht. Also haben sie nicht geglaubt. Als dann zwei Männer ihnen das gleiche erzählen, glauben sie immer noch nicht. Zwei Männer wurden vor Gericht benötigt, um etwas sicher zu bezeugen. Aber den 11 reicht das immer noch nicht. Jetzt sind sie erst recht verärgert. Müsste er nicht uns erscheinen, wenn es stimmen würde, dass er auferstanden ist. Was machen wir jetzt mit den haltlosen Gerüchten, die da verbreitet werden. Wie bewahren wir unsere Autorität? Mögen sie sich gefragt haben. Dann erscheint Jesus ihnen und schimpft sie aus. Unglauben, also mangelndes Vertrauen und Herzenshärte wirft er ihnen vor. Und genau darunter leiden sie auch. Sie finden Jesus hätte sich an den Dienstweg halten müssen. Wenn sie die wichtigen Leute sind, dann hätte er ihnen doch zuerst erscheinen müssen. Aber Jesus hält sich nicht an diese Sorten Ordnungen, die in Unterordnung und Überordnung bestehen. Er hatte gehofft, dass seine Freunde verstanden haben, dass sie als Leitungsgremium der entstehenden Kirche, sich anders verhalten müssen als die Herrschenden, die sie kennen. Es ist schon überraschend, dass Jesus ihnen erscheint, um sie noch einmal zu belehren und ihnen zu erklären, was sie falsch machen. Aber er hat ja nur diese Freunde. Und auch in ihrem Unglauben und ihrem Unverständnis gibt er sie nicht auf sondern beauftragt sie: Gehet hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur. Auch da finde ich spannend, dass die gute Nachricht nicht nur für die Menschen sondern für die ganze Schöpfung bestimmt ist.

Ja, es ist schwer an die Auferstehung zu glauben. Es ist schwer, darauf zu vertrauen, dass ein anderes Leben möglich ist, ohne Über- und Unterordnung. Es ist schwer zu glauben, dass wir mit Arbeitslosigkeit und Schulschwierigkeiten mit Einsamkeit und Krankheiten und den Zwängen und Ungerechtigkeiten und böswilligen Menschen fertig werden können. Und dass in all dem Glück und Freude möglich ist. Es ist schwer zu glauben, dass mit dem Tod nicht alles aus ist und wir auf eine Wirklichkeit zugehen, in der wir Jesus Christus begegnen werden. Die Freunde von Jesus hatten auch Schwierigkeiten damit zu vertrauen. Sie haben Maria Magdalena nicht vertraut und auch den zweien, denen Jesus zuerst erschienen ist. Sie haben damit Jesus selbst nicht vertraut. Sie waren ganz schön hartnäckig in ihrem Misstrauen. Wir befinden uns also in guter Gesellschaft, falls uns das Vertrauen und der Glaube an die Auferstehung schwer fällt. Ich weiß nicht wie es ihnen geht, aber mir geht es mal so mal so. Mal fällt es mir leicht Gott zu vertrauen und manchmal frage ich mich, wie ich je auf die absurde Idee kommen konnte, damit zu rechnen, dass es noch eine andere Wirklichkeit hinter der sichtbaren Wirklichkeit gibt.

Dabei will ich doch gerne vertrauen. Und das geht Ihnen doch sicher auch so, sonst wären wir heute Morgen nicht hier. Wir sind doch in der Kirche, weil wir auf Gott vertrauen möchten. Wir sind im Gottesdienst, weil wir uns mit dem Mangel an Vertrauen unter dem manche von uns manchmal leiden nicht abfinden möchten.

Und wenn das so ist, gibt es einen Weg, dafür zu sorgen, dass das Vertrauen wächst? Gibt es einen Weg der Verzweiflung über das was schief läuft in der Welt und in unserem Leben zu entgehen? Gibt es einen Weg mitten in den Schwierigkeiten des Alltags, den Mut nicht zu verlieren? Dürfen wir auf ein gutes Ende hoffen?

Ja, das dürfen wir, wir müssen es sogar als Christinnen und Christen. Wir können der Härte unseres Herzens entkommen. Aber wie?

Unser Predigttext gibt uns dafür einen Hinweis: Jesus sagt: Gehet hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur. Das Evangelium oder die gute Nachricht ist, dass Gott ein Gott des Lebens ist und unser Leben will. Die gute Nachricht ist, dass Gott ein Gott ist der rettet, und wir allen Grund haben auf ihn zu hoffen.

Was uns helfen kann ist die alten Geschichten von der Rettung zu erzählen. Wir erzählen zum Beispiel diese Geschichte von der Auferstehung Jesu. Und wir lassen uns dabei selbst davon überzeugen. Die Geschichten der Bibel gehen meistens gut aus. Der Gekreuzigte bleibt nicht im Tod. Jona bleibt nicht im Bauch des Waals gefangen. Das Volk Israel entkommt der Sklaverei in Ägypten. Das sind die großen Erzählungen davon, dass das Leben gut ist und es eine Rettung gibt. Wir haben diese Geschichten von unseren Vorfahren geerbt. Schon diese haben sich von ihnen ermutigen und stärken lassen und wir können das auch.

Es gibt neben diesen großen Geschichten unseres Glaubens die kleinen Geschichten, unsere persönlichen Geschichten von der Rettung. Wir können uns auch an unsere eigenen Geschichten der Hoffnung erinnern. Wir können sie unseren Kindern und Enkeln erzählen. Da sind erst einmal die Geburtsgeschichten. Geburten sind gefährliche Momente, bei Geburten geht es immer auch um Schmerz und Gefahr. Es gibt immer ein Risiko für Mutter und Kind. Und trotzdem sind Geburtsgeschichten Hoffnungsgeschichten. Allein die Tatsache, dass es uns heute gibt und wir leben bedeutet, dass Gott ja zu uns gesagt hat. Und viele Menschen haben dazu beigetragen, dass wir als kleines hilfloses Kind überlebt haben. Mutter und Vater Geschwister Familienangehörige Nachbarn Freunde wir selbst. Die Geschichten unserer Kindheit sind Überlebensgeschichten und damit Hoffnungsgeschichten. Wir können sie uns immer wieder einmal erzählen. In diesen Geschichten lernen wir Gott als jemanden kennen, der unser Überleben gesichert hat. Auch daraus können wir das Vertrauen schöpfen, dass Gott uns auch im Tod nicht im Stich lassen wird.

Ich möchte ihnen zum Schluss noch eine meiner persönlichen Hoffnungsgeschichten erzählen. Es gibt davon hunderte. Aber diese mag ich besonders gerne. Es ist die Geschichte von der Geburt meiner zweiten Tochter. Während der Schwangerschaft mit Rahel habe ich eine Bronchitis bekommen, die ging und ging nicht weg. Am Ende musste ich Antibiotika nehmen, aber auch die haben nur wenig genutzt. Wir waren in einer stressigen Familienphase. Ich habe das zu Hause sein beim Kind nicht gut ausgehalten und mein Mann musste sich erst darauf umstellen jetzt nicht mehr für den Haushalt verantwortlich zu sein, sondern in der zweiten Ausbildungsphase zu lernen als Pfarrer zu arbeiten und das in dem Bewusstsein, dass ungefähr ein Drittel der Menschen in seinem Ausbildungskurs nicht als Pfarrerin oder Pfarrer angestellt werden würden. Es war eine kritische Zeit. Und dann sagte mir meine Frauenärztin, dass das Kind ein Junge werden würde. Und ich hätte deutlich lieber noch ein Mädchen bekommen. Und ich habe den ganzen Tag gehustet und meine Frauenärztin meinte, wenn ich so weiter huste wird es für das Kind gefährlich. Wenn ich das Kind behalten wolle, müsse ich ab sofort möglichst viel liegen. Wir hatten keine Ahnung wie das gehen sollte. Wir wohnten weit weg von unseren beiden Familien und hatten kein Geld um jemanden zu bezahlen, der auf unsere zwei Jahre alte Tochter aufpasst. Und dann kam Martina. Martina ist Rebekkas Patentante, eine der drei jüngeren Schwestern meines Mannes. Sie hatte gerade Examen gemacht und hatte Zeit bis sie ihre zweite Ausbildungsphase anfangen würde. Sie kam zu uns und kümmerte sich um Rebekka. Sie fuhr auch mit ins Seminar nach Friedberg. Als der Termin für die Geburt kam hatte mein Mann nämlich gerade einen Kurs im Seminar in Friedberg. Und da er bei der Geburt dabei sein wollte, fuhren wir alle zusammen mit nach Friedberg. In dem Kurs ging es übrigens um die Schöpfungsgeschichte. Und genau an dem Tag als sich der Kurs mit der Schöpfung des Menschen befasst hat, hatte ich Geburtstermin. Es wurde Abend. Wir saßen bei Abendessen und ich dachte, na heute wird das sicher nichts mehr als ohne Vorwarnung die Fruchtblase platzte. Da meine letzte Geburt schon sehr schnell gegangen war fuhren wir sofort ins Krankenhaus. Eine Stunde später legte mir die Hebamme ein Baby auf den Bauch und fragte: Na, wie soll das kleine Mädchen denn heißen? Über einen Jungennamen hatten mein Mann und ich uns vorher nicht einigen können. Aber wir wussten gleich, dass dieses Mädchen mit den rehbraunen Augen Rahel heißen würde. Nachts um 12 waren wir zurück im Seminar und Rahel wurde von allen gebührend bewundert. Jedes Kind ist ein Zeichen, dass Gott die Welt noch nicht aufgegeben hat. Es zeigt uns, dass Gott unser Leben will und nicht unseren Tod. Die Dinge können sich ändern. Ich erinnere mich an diese Geschichte, wenn ich mal wieder denke, es ist doch aussichtslos und ich weiß nicht weiter. Dann denke ich daran, dass damals Gott mich und Rahel und unsere Familie gerettet hat. Und dann scheint die Hoffnung auf, dass er es wieder tun kann. Und das Vertrauen wächst.

Liebe Gemeinde, ich wünsche Ihnen, dass sie sich heute an ihre eigenen Hoffnungsgeschichten erinnern und dass sie diese ihre persönlichen Geschichten verbinden können mit der großen Hoffnungsgeschichte Gottes mit dieser Welt, die da heißt: Christus ist auferstanden. Auch wir werden auferstehen, hier in diesem Leben und dann später in einem anderen.

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