Das Wunder wartet noch auf uns

Unser heutiger Predigttext gehört zum so genannten unechten Markus-Schluss. Das älteste Evangelium endete mit der Szene am leeren Grab, dem Vers 8: Und sie gingen hinaus und flohen von dem Grab; denn Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen. Und sie sagten niemandem etwas; denn sie fürchteten sich.’ Die frühchristliche Gemeinde fand diesen Schluss unbefriedigend. Ihnen ging es, wie es uns auch geht, wenn am Ende eines Buchs oder Films offene Fragen bleiben. Die Ersten, die das Markus-Evangelium lasen, wussten noch sehr genau, was dann geschehen ist. Dieser offene Schluss war wohl auch eine Ermutigung, sich zu erinnern, sich gegenseitig den Osterglauben zu bezeugen. Dankbar zu sein, für die, die nicht im entsetzen verharrt bleiben, sondern die Botschaft ins Land trugen. Aber je mehr diese Erinnerung verblasste, um so wichtiger wurde es diese Erinnerung schriftlich fest zu halten und dem Evangelium anzufügen. Man verfasste eine Sammelnotiz au den Osterberichten der drei anderen Evangelien.

Die LeserInnen im 2. Jahrhundert (50 Jahre nach dem Entstehen des Markus-Evangeliums) ergänzten sein Evangelium, um die Fragen nach dem, was nach der Entdeckung des leeren Grabes geschah, wenigstens ansatzweise zu beantworten. Für die Menschen, die niemanden mehr fragen konnten, wie das denn so war an Ostern, mussten Antworten formuliert werden. Für uns ist dabei interessant: Was empfanden die Menschen da las hilfreich – und das ist eigentlich erstaunlich, wie unsere heutiger Predigttext zeigt:

[TEXT]

Der Name Quasimodogeniti heißt ‚wie die Neugeborenen Kinder’ – Der katholische Name ‚Weißer Sonntag’ meint das Gleiche. Die in der Osternacht getauften Erwachsenen legten an diesem Sonntag ihre weißen Taufkleider ab. Sie sind wie neugeboren. Ihr Leben hat einen neuen Sinn und ein neues Ziel erhalten. Unsere Lesung verrät etwas von dem Glaubensbekenntnis, dass der Mensch dabei nicht allein ist. Gott geht mit ihm neue Wege.

Aber leben muss man diese neue Existenz im Alltag. Der Osterglaube gewinnt dadurch seine Kraft, dass ich nicht sitzen bleibe und die Hände in den Schoß lege, sondern dadurch, dass ich ihn weiter sage und aus ihm lebe. Mein Leben gestalte in dem Bewusstsein: Gott hat noch viel mehr mit mir vor. Darum sendet Jesus seine Jünger zu den Menschen. Darum sendet er uns heute zu den Menschen. Aber das ist nicht einfach. Das war schon für die ersten JüngerInnen nicht einfach. Davon erzählt das Markus-Evangelium in seiner ursprünglichen Form, in dem es mit Entsetzen und der Furcht schließt. Für die ersten ChristInnen wurde deutlich: wenn es nicht dabei stehen bleiben soll, dann müssen wir uns aufmachen, müssen wir der Welt sagen, was passiert ist, auch wenn wir uns dabei dem Spott und der Verachtung aussetzen. Den späteren musste das erst noch nahe gebracht werden. Darum der neue Schluss des Markus Evangeliums.

Als Quintessenz aus den anderen drei Evangelien betont der unechte Markusschluss den Unglauben der Jünger. Ostern ist eine unglaubliche Geschichte. Von der Trauer zum Glauben der ‚Neugeborenen Kinder’ ist ein weiter und steiniger Weg. Aber wenn er denn gegangen wird, bin ich noch lange nicht am Ziel.

Das Theologische Thema liegt ganz nahe bei unseren Erfahrungen: Die Jünger glauben denen nicht, die ihnen die Auferstehung bezeugen (Das gleiche Thema wie bei der Geschichte von Thomas, der seinen Schwestern und Brüdern auch erst einmal nicht glauben konnte). Das Ziel dieses Schlusses des Evangeliums ist eine Ermutigung an die LeserInnen, die eigenen Zweifel zu aufzugeben. Jesus will die Jünger auf den Weg bringen, ihre Zweifel zu besiegen und die Auferstehung gegen alle Vernunft zu glauben. Es geht um die Offenheit der Menschen, das Unglaubliche zu glauben.

Der Überwindung von Zweifel und Unglauben folgt dann als nächster Schritt die Berufung und Sendung in die ganze Schöpfung.

Die JüngerInnen werden in Gang gesetzt. Sie werden wieder geborenen, aber diese Wiedergeburt ist kein einfacher Weg. Die Auferstehung kommt nur gegen innere Widerstände an. Sie muss Wirklichkeit werden in meinem Leben und mein Leben verändern. Im, Grunde bleibt es seit zweitausend Jahren dieselbe Geschichte. Menschen können der Osterbotschaft nicht ohne eigene Vorbehalte glauben. Sie müssen sich helfen lassen – und ihnen wird geholfen. Gehen allerdings müssen sie den Weg selber, der sie führt zu Menschen, die nun ihrerseits Hilfe brauchen – und in Allem wirkt der Heilige Geist, der Geist des Auferstandenen zusammen mit den Menschen, die an ihn glauben.

Gemeinsam dürfen wir warten auf die Erlösung der Schöpfung. Es ist auch in dieser wundervollen Geschichte noch nicht alles geschehen. Sondern das Wunder der Wiederkunft Christi und der Erlösung aller Kreatur wartet noch auf uns.

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