Warum redet dieser Tod von Golgatha noch heute?

<i>[Teile der Predigt sind entnommen aus: <a href="http://www.e-pistel.de/" target="_blank">e-pistel – die aktuelle Predigtmeditation!</a>]</i>

Liebe Gemeinde!

Das Sterben in Verlassenheit ist heute fast die Regel. Dabei gehörte und gehört das Sterben in die Gemeinschaft hinein. Manch einer hat es vielleicht noch erlebt, da sammelt sich die Familie am Sterbebett. Da wird miteinander geredet und geschwiegen, da wird gesungen und gebetet, da wird die Hand gehalten und der Schweiß abgetupft. Da darf der Sterbende bis zum letzten Atemzug spüren, ich bin nicht verlassen, ich bin geborgen.

Das Sterben in Verlassenheit – das war damals der Hinrichtung eines Verbrechers vorbehalten. Genau das erfährt Jesu am Kreuz. Die Familie wird in gebührender Entfernung – außerhalb der Rufweite – gehalten. Der Sterbende ist nicht von Liebe und Zuneigung umgeben. Nein, ihm schlägt Hohn und Spott entgegen: „Andern hat er geholfen und kann sich selber nicht helfen. Ist er der König von Israel, so steige er nun vom Kreuz herab.“

Situationen des Verlassenseins erleben wir durchaus auch im Alltag unseres Lebens. Wenn ich von jemandem verlassen werde, wenn eine Beziehung zerbricht, dann verliere ich den Halt, dann verlässt mich der Mut, dann zieht es mich wie ein Strudel immer tiefer hinein. Und wehe, wenn dann keiner da ist, der mich an meinen Händen hält, sondern selbst die Nächsten in meiner Umgebung mit einstimmen in den Chor der andren, die es immer schon besser gewusst haben. So verhalten sich nämlich die beiden Mitgekreuzigten Jesus gegenüber.

Und schließlich die tiefste Tiefe der Verlassenheit: Nicht nur Menschen, Freunde haben mich verlassen, ja Gott selbst. Und das ist das Bitterste daran: Jesus hat mit Gott gelebt, ihn in Wort und Tat bezeugt. Er hat Liebe und Vergebung geschenkt. Er hat die Armen und Verfolgten, die Frieden und Gerechtigkeit Suchenden selig gesprochen. Nun erleidet er den Sturz aus der Höhe in die Tiefe; aus der Gotteseinheit in die Gottesverlassenheit: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“

Warum redet dieser Tod von Golgatha noch heute? Weshalb finden wir uns immer noch und immer wieder zusammen, um gerade dieses Todes zu gedenken?

Denn an grausamen Hinrichtungsarten ist das Kreuz nicht die letzte Erfindung menschlichen Geistes gewesen. Die Folterwerkzeuge des Mittelalters, die Gaskammern des 20. Jahrhunderts, Waffenarsenale unserer Zeit haben unzählige Menschenlebengequält und auf grausamster Weise getötet, ja ganze Völker ausgerottet. Sie alle haben milliardenfach den Schrei gen Himmel verstärkt: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“

Warum redet dieser Tod von Golgatha noch heute? Weil im Kreuzestod Jesu erkennbar wird, was der römische Hauptmann in die Wort fasst: „Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen!“

Ich kann mir gut vorstellen, dass gerade diese Klage den Hauptmann zum Nachdenken gebracht hat. Denn in dieser Klage liegt nicht nur eine Anklage, sondern auch ein unendliches Vertrauen zu dem Angeklagten. Allzu oft und allzu schnell ziehen wir den Schluss: Was kann man noch von jemandem erhoffen, von dem man das Gefühl hat, im Stich gelassen worden zu sein?

Dennoch hält Jesus an seinem Gott fest. Seine Klage erinnert mich an den verzweifelten Ruf des Vaters, der für sein krankes Kind bittet: Herr, ich glaube! Hilf meinem Unglauben! Vielleicht ist dies die intensivste religiöse Erfahrung: sich ganz aufzugeben, sich noch nicht einmal auf seinen eigenen Glauben zu verlassen, gegenüber Gott nichts, wirklich gar nichts in den Händen zu haben, sondern ganz und gar darauf hoffen, dass er hört und sich erbarmt. Der Vater tat dies aus Liebe zu seinem Kind. Jesus tat es aus Liebe zu uns Menschen.

Vielleicht haben der Hauptmann und jene, die bei ihm waren dies gespürt: dass sich Jesus am Kreuz auch für sie vollkommen hingab und sich nicht nur den Menschen auslieferte, sondern auch seinem Gott. Denn wenn sich selbst dieser Mensch Gottes Nähe nicht mehr sicher sein konnte und dennoch auf ihn hoffte, dann bedeutete dies, dass es niemanden auf der Welt geben konnte, dem sich Gott nicht erbarmt, selbst einem Römer wie es der Hauptmann einer war, stand Gottes Reich offen.

Dietrich Bonhoeffer schreibt dazu: „Wir müssen uns immer wieder sehr lange und sehr ruhig in das Leben, Sprechen, Handeln und Sterben Jesu versenken, um zu erkennen, was Gott verheißt und was er erfüllt. Gewiss ist, dass im Leiden unsere Freude, dass im Sterben unser Leben verborgen ist; gewiss ist, dass wir in dem allen in einer Gemeinschaft stehen, die uns trägt.“

Und so konnte, wie überliefert wird, Dietrich Bonhoeffer, am 9.April 1945 im KZ Flossenbürg zur Hinrichtung mit den Worten gehen: „Das ist das Ende – für mich der Beginn des Lebens.“

Warum redet dieser Tod von Golgatha noch heute? Weil hier im Kreuz Jesu der Beginn neuen Lebens liegt. Matthäus verweist auf Erdbeben und Sonnenfinsternis. Ja, sogar der Vorhang im Tempel zerreißt und gibt den Blick auf das Allerheiligste frei. Gräber zerbersten, Tote gewinnen Leben. Sie bringen zum Ausdruck, dass etwas Unerhörtes, Unglaubliches, ja fast Absurdes geschieht: Gott ist nicht mehr ferne, Gott erbarmt sich. Gott ist einer von uns gewesen und nun wie einer von uns gestorben. Gott bleibt sich treu, den Menschen zugewandt. Seine Liebe nimmt auch den Tod auf sich. So öffnet sich am Kreuz Jesu fürwahr eine neue Weltsicht. Und das bekennt der römische Hauptmann: „Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen!“

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