Inwendig mit Leben bestrichen

Liebe Gemeinde!

Hier, in der Einsetzung des Passafestes, liegt der Ursprung des Abendmahls. »Es hat mich herzlich verlangt, dieses Passalamm mit Euch zu essen«, gesteht Jesus seinen Jüngern. Will man das Abendmahl verstehen, muss man also diesen Text verstehen. Er ist so fremd, weil wir dieses bodenständige, handfeste Fest nicht mehr feiern.

Bevor wir zum Passa und damit zum Abendmahl kommen, möchte ich zwei Missverständnisse ausschließen. Das eine ist eine Verwechslung: Das Passalamm ist nicht das Lamm der Offenbarung, von dem das Passionslied „Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld …“, singt. Das Lamm hier ist kein Sündenbock! Wie das Wort Sündenbock schon sagt: Jom Kippur, das jüdische Fest, in dem es um die Sündenvergebung geht, nutzte einen ausgewachsenen Bock, dem man die Sünden des Volkes auf den Rücken packte, und in die Wüste jagte. Hier wird ein Lamm gegessen. Und von Sünde ist nicht die Rede. Jom Kippur, das Versöhnungs-, das Sündenvergebefest ist eben nicht Passa und Passa nicht Jom Kippur. Beim Passa geht es um anderes:

Passa soll die Familien und die Nachbarschaft zusammenbinden. Die Gemeinschaft steht im Mittelpunkt. Alleine kann man nicht Passa feiern: Ein ganzes Lamm muss gegessen werden. Das geht nur gemeinsam. Nichts darf übrig bleiben. Und: Die Lämmer werden alle gleichzeitig geschlachtet, wie eines: Die ganze Gemeinde Israel isst gemeinsam DAS Lamm. Sie werden eine große Tischgemeinschaft, die einander verpflichtet sind. Das Volk Gottes isst gemeinsam als eine große Familie. Es isst am Vorabend der Freiheit, gegürtet, mit Schuhen an den Füßen, bereit zum Aufbruch in die Freiheit.

Das Lamm wird ausgeblutet, bevor es gebraten wird. Nicht nur dieses Lamm, sondern jedes Tier. Kein Jude isst Fleisch, das nicht vorher gründlich ausgeblutet ist. Denn das Blut gehört Gott als Zeichen dafür, dass das Leben von Gott kommt und zu ihm zurückkehrt. Blut ist Lebenszeichen, Zeichen der Zugehörigkeit zu Gott: Gottes Geist in flüssiger Form. Wer das Blut an der Tür hat, sagt damit: Ich weiß, woher ich komme und wohin ich gehe. Ich weiß, zu wem ich gehöre: Zu Gott.

Das Blut des Lammes ist kein Rache-, kein Versöhnungsblut, kein Stellvertreterblut für die Tötung des Erstgeborenen. Mit dem Blut des Lammes soll vielmehr Gottes Volk markiert werden. Es ist Lebensblut, Zeichen für Leben: Leben aus Gott, Leben in Gemeinschaft, Leben in Bewegung, Leben in Freiheit: So sollt ihr’s aber essen: Um eure Lenden sollt ihr gegürtet sein und eure Schuhe an euren Füßen haben und den Stab in der Hand und sollt es essen als die, die hinwegeilen.

Das zweite Missverständnis, das immer wieder den Weg zum Evangelium unseres Predigttextes versperrt, ist die Frage nach den armen ägyptischen Erstgeborenen bei Mensch und Tier? Um die ging es nie. Weder in Israel noch in Ägypten. Sie waren Eigentum ihrer Väter, Menschen wie Tiere. Erst Jesus verhielt sich hier anders: Er sah das Kind als Kind, nicht als Eigentum. Die Logik dieser Geschichte ist die alte: Dem Pharao dem Symbol Ägyptens, der Gefangenschaft, der Erstarrung, dem Pharao, der sich an Gottes Stelle setzt, wird der Besitz, die Macht der Zukunft genommen. Zukunft hat nicht die Unterdrückung, sondern die Freiheit. Das ist die Logik der Geschichte. Und das Wichtigste: Gott tut es selbst. Jahwe selbst ist gekommen ist, den Kampf mit anderen Mächten aufzunehmen. Keine Bombenattentäter, keine Kriegsmaschinerie, keine Generale, keine Terroristen. Gott selbst hat das Gewaltmonopol. Niemand sonst hat das Schwert zu ziehen. Stecke dein Schwert in die Scheide: Gott selbst ist gekommen.

»Es hat mich herzlich verlangt, dieses Passalamm mit Euch zu essen«, gesteht Jesus seinen Jüngern. (Lk 22,15). Wenn es Jesus drängt, dieses Familienfest nicht mit seiner Mutter und seinem Vater und seinen Geschwistern zu feiern, sondern mit seinen Jüngern, so bedeutet das: ihr seid meine Familie. Und zu dieser Familie gehört auch Judas …. Eine sehr symbolische Familie: Nicht nur durch das gleichzeitige Schlachten der Lämmer feiert bei diesem Mahl die ganze Gemeinde Israel gemeinsam. Heute feiert Jesus nicht mit der Familie, sondern mit den zwölf Jüngern als Zeichen für die 12 Stämme Israels. Und niemand ist ausgeschlossen. Auch den Verräter und den Verleugner, den Denunzianten und den Feigling nimmt Jesus mit hinein ins Leben und die Freiheit: auch für dich Judas, auch für dich Petrus, auch für dich, der du am Geld hängst, auch für dich, der du Widerstand scheust, auch für dich, der du dich anpasst – auch für dich ist die Freiheit Gottes gedacht. Auch du sollst sitzen im Haus des Lebens.

Nach dem gemeinsamen Essen, also nach Abschluß des Passafestritus, tat Jesus das Ungewöhnliche: Er nimmt noch einmal Brot, spricht ein Dankgebet, bricht es und gibt es seinen Jüngern – und ebenso reicht er noch einmal den Becher. Das, was Jesus hier tut, wird umso bedeutsamer, als er es am Vorabend seines Todes tut, in der bangen Zeit des Aufbruchs. Die Jünger sitzen gegürtet, mit Schuhen an den Füßen und den Stock in der Hand. Wohin soll´s gehen? Das Bewusstsein des Vorläufigen, des Bedrohten, des bevorstehenden Aufbruchs dürfte in dieser Gruppe so gegenwärtig gewesen sein, wie selten in einer Gruppe vorher. Und damit zusammen hängt die Frage nach richtig oder falsch, nach »zu Gott gehörend« oder »gegen ihn handelnd«.

Jesus reicht also noch einmal Brot und Wein. Er nimmt die Passageschichte beim Wort und bezieht sie direkt auf sich und die Jünger: Gott selbst ist gekommen, um in die Freiheit zu führen. Jesus nutzt das Passafest und sein Bild vom Blut als Lebenszeichen, um seiner ungeheuren Hoffnung Ausdruck zu verleihen: Was nun kommt, ist der Aufbruch in ein neues, freies Leben.

Jesus macht sich zum Lebenszeichen für die Jünger: Das Blut an der Tür bin ich. Ich bin Freiheit, ich bin Leben. Das ist mein Blut, das bin ich. Trinkt alle daraus. Streicht euch an damit, innerlich! Damit ihr wisst, woher ihr kommt, zu wem ihr gehört und wohin ihr geht. Woher ihr das Leben habt und wohin es euch führt. Gott selbst ist gekommen, um uns in die Freiheit zu führen.

Indem Jesus das Passa unmittelbar auf sich und seine Jünger bezieht, gibt er seinen Jüngern eine schwere Aufgabe mit: Sie müssen seinen Tod als Aufbruch in ein neues, freies Leben verstehen lernen. Er geht weiter, vom Leben in den Tod, und trägt das Reich Gottes, von dem er ihnen erzählte, über das Leben hinaus bis in den Tod. Er verschiebt die Grenzen des Reiches über den Tod hinaus. Gottes Reich wird sich über Leben und Tod erstrecken. Leben und Sterben sind von nun an ein Wandern zwischen Welten, die allesamt Länder des Reiches Gottes sind, von dem der Christus gesprochen hatte. Das Abendmahl wird zum Ostermahl.

»Es hat mich herzlich verlangt, dieses Osterlamm mit Euch zu essen«, spricht Jesus. Lasst uns dies direkt auf uns beziehen, wie er selbst das Passa auf sich und seine Jünger bezogen hat. Christus bestreiche uns inwendig mit Leben und lasse uns die Freiheit seines Reiches schmecken in Brot und Wein.

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