Gott verlässt dich nicht!

Ein Johannes-Text, wie wir ihn dieses Jahr schon oft gehört haben: für unsere Ohren etwas verworren und vielleicht sogar für diese Osternacht, diesen Ostermorgen etwas zu grüblerisch. Und dennoch ist er nicht umsonst ausgewählt worden, weil der Schwerpunkt – wie alles seit dem Einzug des neuen Osterlichtes – auf dieser Überwindung des Todes liegt. Der Tod darf keine Macht mehr über uns gewinnen, zumindest keine endgültige Macht mehr, liebe Gemeinde. So wie die Steine, die wir vorhin am Kreuz abgelegt haben, oft genug ein Symbol diese Todes sind: der Stein am Grab, der Jesus einschließen sollte. Die Steine, die geworfen werden, wenn man den Gesetzesübertreter zu Tode steinigt. Der kalte und harte Stein, der schwer in unserer Hand lag und oft genug schwer in unserem Leben lastet. Diesen Stein legen wir ab, weil wir die Kraft dazu von außen bekommen in dem Licht von Ostern.

So wie wir vorhin den Stein getauscht haben gegen unsere kleine Kerze, darauf das Zeichen Alpha und Omega, eben jener Hinweis, das Christus das Erste und das Letzte in unserem Leben sein darf: dass es nichts gibt, was darüber hinaus greifen kann – so wie wir diesen Tausch vollzogen haben, so gilt es auch in diesem Leben mit Christus. In seinem Machtbereich bist du ganz und gar geborgen.

Johannes weist uns darauf hin, dass dies für Jesus selbst auch galt. Noch am Kreuz erlitt er den bittersten Tod, die völlige Gottesferne: „Eli Eli lama asabtani: mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Alles war wie weggeblasen – die Jünger flohen das Kreuz, an dem er starb. Die Wundermächtigkeit und seine Vollmacht waren nicht sichtbar – nur die Dornenkrone als Spottkrone – sie lag die Tage auf unserem Altar: „Du willst der König der Juden sein?“ blieb erhalten. „Mein Gott, warum hast du mich verlassen!“ Jesus starb. Aber Gott hatte ihn nicht verlassen. Er war bei ihm. Er selbst starb am Kreuz, um dem Tode zu begegnen.

Ich wünsche so sehr, dass uns das in unserem eigenen Leid helfen kann. Dort, wo ich meine, dass Gott mich verlassen hat. Ich sehe es doch unter uns: hier zerfrisst der Krebs einen Körper, dort deckt die Depression die lebenslustige Person, die wir einst kannten, völlig zu. Hier wurde durch Unfall die geliebte Ehefrau weggerissen, dort schlägt sich das eigene Kind mit einer Krankheit herum, die nicht heilbar ist. Weiter noch: hier ist der Schulabschluss gefährdet – das eigene Selbstvertrauen liegt am Boden, dort will sich einfach keine neue Arbeitsstelle finden. Mein Gott, mein Gott, warum hast du uns verlassen?

Das Osterlicht sagt uns: Gott verlässt uns nicht. Er lässt uns nicht los. Ja, wir müssen hinabsteigen in das Leid. Christus stieg hinab in den Tod. Warum? Das weiß ich nicht! Es gibt keinen Grund für dieses eben erwähnte Leid. Freilich, Krebs kann durch das Rauchen kommen, das Sitzenbleiben in der Schule durch mangelnden Fleiß, der Unfall durch Unachtsamkeit – aber es erklärt doch nicht das Leid. Wir Christen sagen: keiner kann dies Leid erklären: seien Sie auf der Hut vor allen, die es einfach herleiten. Wir Christen wissen nur: dies Leid gehört zu dieser Welt, die von Gott immer noch durch die Sünde getrennt leben muss.

Aber – es ist das einzige, das große ABER: aber Gott bleibt bei uns, wie er auch Jesus gehalten hat. Er bleibt bei uns in diesem Leiden und in diesem Tod, auch wenn wir ihn nicht sehen und nicht spüren. Wir halten uns das Licht des Ostermorgens vor Augen – nur ein Symbol – aber doch ein kräftiges: es wird wieder hell werden nach dem finsteren Tal. Es gibt ein Licht am Ende des Tunnels. Dort, wo Licht ist, ist auch Wärme. Dort, wo Licht ist, ist auch Erkenntnis.

Wir halten uns dieses Osterlicht vor Augen – ich hoffe, wir schaffen es in den trüben Stunden oder es gibt jemanden, der dass für uns tut – als Hilfe für unser schwaches Vertrauen, als Medizin für den kranken Geist. Oft wird unser Leid hier auf Erden nicht gelindert. Jesus selbst starb am Kreuz. Aber ich erlebe Menschen in diesem Osterlicht, die freier geworden sind von ihrem Leid. Menschen, die ihr Leid nicht mehr als alles bestimmende Kraft erleben müssen. Nicht mehr als endgültig, sondern als etwas, das selbst ein Ende haben muss, weil Christus es besiegt hat. Das ist Erlösung: Los-lösen von dem, was uns binden will. Wenn wir so die Osternacht feiern, wie wir das heute tun, dann erleben wir symbolisch diesen Übergang vom Dunkeln in die Helligkeit, damit wir wieder Mut finden und Hoffnung kriegen in unserem Leben.

Gott-sei-Dank müssen nicht wir alle alle Täler des Lebens, die es gibt, durchschreiten. Manch einer gar wandelt Zeit seines Lebens scheinbar auf den luftigen Höhen, sieht immer die Sonne und weiß gar nicht, wie es an der Talsohle überhaupt aussieht. Auch diesem ist das Osterlicht vorgehalten mit dem Alpha und dem Omega, damit er weiß, dass auch sein Glück nicht außerhalb dieses Machtbereiches Jesu liegt. Wer einen Platz an der Sonne hat, der darf auf den anderen zugehen, der im Tal noch ist, und darf mit seiner Person, ja durch seine Person etwas abgeben von dem, was er hat: Materiell, so wie es hier viele Menschen tun, mit Geld- und Sachspenden, aber auch ideell: durch Zeit und Ideen, mit Nähe und Gesprächen, und v.a. geistlich: weitererzählen von der Hoffnung, die in uns ist. Auskunft geben über das Licht, das ich in meinen Leben gesehen habe.

Ab heute werden wieder die Glocken läuten, um die Christen daran zu erinnern, auf welchen Fundamenten ihr Leben gebaut ist. Ab heute wird wieder die neue Osterkerze im Gottesdienst ihr Licht scheinen lassen, um den Menschen das Licht Christi in Erinnerung zu rufen: Gott verlässt dich nicht!

Und der Friede Gottes, der Leben bringt und es erhält auf seine neue Schöpfung hin, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

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