Versteinerte Engel

Liebe Gemeinde! Mit Ostern stehen und fällt unsere Überzeugung von der Auferstehung. Aber wie können wir heute Ostern glauben? Geschichten wie der heutige Predigttext können helfen, uns dem anzunähern, was Ostern ist. Wir können hineinschlüpfen in diese Geschichten. Begleiten wir also an diesem Ostermorgen Maria Magdalena zum Friedhof:

Maria stand beim Grabmal, außen, weinend. Auf dem Friedhof bleibt nur die Erinnerung. In der Gegenwart und Zukunft lässt uns das Grab allein. Da helfen auch keine Engel. Geradezu nutzlos sind sie die beiden. Sie bringen keine Botschaft, sie trösten nicht. Sie sitzen einfach nur da wie zwei Abziehbildchen auf dem Grabstein, nach Schablone vom Grabsteinmacher eingeritzt in Tausende von Gräbern. „Warum weinst du?“, fragen sie, als wäre das nicht klar.

Was soll Maria mit dem leeren Grab und den beiden Marmorengeln? Leere Gräber sind kein Beweis, keine Hilfe zum Glauben. Sie wecken nur Zweifel. „Warum weinst du?“ „Weil sie meine Herrn fortgetragen haben, und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben.“ „Wo ist mein Herr?“, fragt sie. Als wäre er ihr Besitz. Wenigstens konservieren möchte sie ihn. Wenigsten die Vergangenheit halten … Ihr könnt mir doch nicht auch noch meine Vergangenheit nehmen?

Haben auch wir unsere Gräber, an denen wir Trost in der Vergangenheit suchen, rückwärts gewandtes Leben? Kommen wir vielleicht deshalb immer wieder zur Kirche, gerade an den großen Festen, gerade an Ostern, weil wir wenigstens die Vergangenheit halten möchten, mit bitterem Ernst uns zwingen, zu glauben, was wir als Kinder glaubten. Vielleicht kommen viele von uns in die Kirchen, um ihren Kinderglauben zu beweinen, der verstorben ist, seit vielen Jahren. Der Gottesdienst bringt dann den süßlichen Schmerz von Kindergräbern auf dem Friedhof. Und die Bibel: vergilbte Liebesbriefe aus einer Zeit, aus unser Glaube noch lebte? Glücklich, wer noch weinen kann, draußen vor der Tür, über vergangenes Glück, vergangenen Glauben.

Maria aber stand bei dem Grabmal, außen, weinend. Manche von uns, vielleicht, zieht es hinein in die Kirche, wie Maria ins Grab. Sie öffnen die Türe, gehen hinein ins leere Grab. Sehen die Engel sitzen aus Stein und Holz: Irgendwo zwischen ihnen lebte einmal der Kinderglaube, lebte Geborgenheit und Vertrauen auf einen Gott, der so selbstverständlich, so handgreiflich da war, wie die Eltern. Aber nun stehen wir an den Gräbern und in den Kirchen. Die Engel sind versteinert und der Platz zwischen ihnen leer. „Was weinst du?“ „Weil sie meinen Herrn fortgetragen haben, und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben.“

Nachdem sie das gesagt hatte, wandte sie sich um nach hinten. Maria geht weg vom Grab. Und sicher geht es vielen von uns so. Vielen, die heute nicht hier sind. Was sollen sie noch hier in der Kirche, im Grab ihres Glaubens, im Friedhof, der einmal der Garten des Lebens gewesen war und dann zum Grab der Vergangenheit wurde. Was sollen sie noch hier? Nicht einmal die Erinnerungen erstehen noch auf für Momente und zaubern ein stilles Lächeln über die Lippen. Leer ist das Grab. Und die Engel sind nur noch dazu da, dass die Leere zwischen ihnen noch deutlicher wird. Also raus hier!

Nachdem sie das gesagt hatte, wandte sie sich um nach draußen, und sieht Jesus stehen; doch wusste sie nicht, dass es Jesus war. Spricht Jesus zu ihr: „Frau, was weinst du? Wen suchst du? – Jene in der Meinung, es sei der Gärtner, spricht zu ihm: Herr, wenn du ihn weggetragen hast, sag mir, wo du ihn hingelegt hast, und ich werde ihn holen.“

Besser mit versteinerten Engeln reden als mit niemandem. Auch wenn sie immer die selben Frage stellen. Besser mit dem Gärtner reden, wenn von Gott nicht mehr übrig ist als ein leeres Grab. Wenn´s schon nicht Gott ist, nicht der Geliebte, die Geliebte, dann wenigsten mit dem Gärtner: „Bitte gib mir die Vergangenheit zurück, wenigstens das Lächeln der Erinnerung. Irgendjemand muss es ja weggetragen haben. Es ist doch wirklich nicht zuviel verlangt, dass wenigsten alles beim Alten bleibt, wenn man mir schon das Gefühl lebendig und glücklich zu sein und die Hoffnung genommen hat.“ Spricht Jesus zu ihr: „Mariam!“ Nicht griechisch spricht er sie an, wie der Erzähler schreibt. Nicht griechisch spricht er sie an, wie die Engel. Nicht fremd, mit diesem Abstand der Amtssprache, die sie als Erwachsene zu sprechen gelernt hat. Nicht griechisch, sondern hebräisch spricht er sie an, mit der Sprache, mit der ihr Kinderherz sprach, mit der Sprache, in der Gott sie verstand und sie ihn – damals.

„Mariam!“

Miria wird von Jesus erkannt. Daraufhin erst erkennt sie ihn. Sie erkennt ihn an seiner persönlichen Anrede. Jesus erkennt Maria. Dieses Erkanntwerden kennt sie von früher. „Rabbuni“, ruft sie, ebenfalls in Hebräisch. „Da bist du ja, mein Meister, mein Lehrer! – wie damals.“ Das Lächeln der Erinnerung. Die Sprache des Kinderherzens. Der Glaube von damals. Lebendig gewordene Vergangenheit. „Rabbuni, mein Lehrer von damals, lass dich in die Arme nehmen!“ Maria stürzt auf ihn zu. Sie will ihn in die Arme nehmen und nie mehr loslassen. Mein Lehrer! Meiner! Als gehöre er ihr wie ihre Gedanken.

Spricht zu ihr Jesus: „Fass mich nicht an! Denn ich bin noch nicht aufgestiegen zum Vater. Geh aber zu meinen Brüdern und sprich zu ihnen: Ich steige auf zu meinem Vater und euerem Vater, und meinem Gott und euerem Gott.“

Der Christus lässt sich nicht vereinnahmen in die Bilder von damals. Halte mich nicht fest!, so kann man die griechischen Worte auch übersetzen. Ich gehöre nicht dir! Fass mich nicht an! Ich bin nicht mehr der Jesus von damals. Und du bist kein Kind mehr, Mariam! Es ist gut, dass deine alten Bilder zerbrochen sind. Es ist gut, dass die Engel zu Stein geworden sind für dich, und der Platz zwischen ihnen leer. Es ist gut, dass deine Gewissheiten zerbrochen sind, dass du gegangen bist. Ich rufe dich gerne in der Sprache deiner Kindheit, deines Herzens. Aber nicht, damit du wieder Kind wirst. Nicht, damit das alte Kinderbild wieder poliert wird und die Engelchen wieder Flügel bekommen. Ich bin nicht das erstarrte Bild deiner Vorstellungen. Ob ich da bin oder nicht, hängt nicht daran, ob es dir gelingt, das Gefühl meiner Anwesenheit in dir hervorzurufen. Ich bin nicht deine Gefühle. Ich bin nicht dein Glaube. Ich bin lebendig.

Der Tod ihres Rabbis hatte Maria nur fester an sein Bild gebunden. In der Erinnerung hatte sie es gepflegt, wie wir eben unsere Vergangenheit pflegen. Ist es nicht das, was wir fürchten: Dass der Tod unser Bild zementiert, dass wir erstarren wie die Engel und die Nachwelt unsere Erinnerung pflegt wie ein Grab?

Der Maria aus Magdala zerbricht der Christus die Gewissheit, ihn zu kennen, indem er sagte: Fass mich nicht an! Dem Thomas zerbrach er seine dunkle Gewissheit, dass alles nur Hirngespinste waren, indem er ihm die Hände in seine Wunden legen ließ.

Was für Maria und Thomas gilt, gilt auch für uns: Wo unsere Bilder zerbrechen – von Gott, von Menschen, von der Welt: im Guten, wie im Bösen – da kommen wir der Wahrheit näher, da sehen wir den Auferstandenen.

Als unsere Gewissheit zerbrach, war das der erste Schritt zu ihm. Und wenn wir selbst zerbrechen und mit uns all unsere Bilder, dann kann Gott uns endlich neu erschaffen: unfassbar wie den Christus. Unsere Friedhöfe machen es uns nicht leicht: Für die Ewigkeit sollen die Grabmäler sein, wie Ägyptens Pyramiden. Fester Stein und sieben Särge wie Napoleon im Invalidendom. „Unvergessen“ und „In ewiger Liebe“ meißeln wir in Stein und vergessen doch. Und das ist gut so. Sollen sie brechen, die Bilder und Platten, die Steine und Denkmäler, die erstarrten Urteile! Sollen sie langsam im Boden versinken und vergessen werden, ungepflegt, zerbrochen wie die Steine auf jüdischen Friedhöfen. Die machen´s einem leichter mit der Auferstehung. Was könnte schöner sein, als von Gott zerbrochen zu werden, um aufzuerstehen vom Bild ins Leben – unfassbar.

Es geht Maria aus Magdala, um uns, seinen Jüngern zu melden: Ich habe den Herrn gesehen! Hören wir Maria zu, was sie uns erzählt, von Gott, den sie zu kennen meinte und nun erlebt hat, dass nicht sie ihn kennt, sondern er sie:

Ich habe den Herrn gesehen – und so hat er mit mir gesprochen: „Fass mich nicht an! Denn ich bin noch nicht aufgestiegen zum Vater. Geh aber zu meinen Brüdern und sprich zu ihnen: Ich steige auf zu meinem Vater und euerem Vater, zu meinem Gott und euerem Gott.

Ich habe den Herrn gesehen! Halleluja!

drucken