Skandal?!

Liebe Gemeinde,

„Skandal: Grabschändung – Leichnam gestohlen.“ So etwa hätte die Titelzeile der Bildzeitung ausgesehen, wenn es sie damals schon gegeben hätte. Und im Artikel wäre gestanden: Eine Frau, die gestern den Leichnam Jesu salben wollte, berichtete, dass der Leichnam aus dem Grab verschwunden sei. Sie behauptete sogar, sie sei Jesus begegnet. Das Grab wurde von zwei bewaffneten Männern bewacht. Außerdem war es mit einem tonnenschweren Stein verschlossen worden. Wie die Frau ausführte, kam ein Engel vom Himmel herab, wälzte den Stein zur Seite und setzte sich darauf.

„Die Wachen bekamen einen solchen Schrecken, dass sie wie tot zu Boden fielen”, sagte Maria. „Dann ist mir Jesus selbst begegnet. Er sagte: ‚Seid gegrüßt‘ und dass ich den anderen davon erzählen sollte.” Offizielle Stellen wiesen die Darstellung der Frau zurück. „Es gab keine Engel", hieß es. Es handelte sich um einen gewöhnlichen Fall von Leichenraub. Die Jünger Jesu haben den Leichnam nachts gestohlen." Auf die Frage, wieso bewaffnete Wächter ein paar Anhänger Jesu, die meisten davon einfache Fischer, daran nicht hindern konnten, antwortete ein Offizier. „Man kennt diese Art von Leuten ja. Wahrscheinlich haben sie die Wachen mit ihrem Fischgestank vertrieben."

Soweit der Bericht der Bildzeitung des Jahres 30. Das Ereignis selbst wäre ein gefundenes Fressen für Journalisten. Denn nur ganz selten verschwinden die Körper von toten Menschen – und wenn es doch einmal passiert, dann liegt bestimmt ein Verbrechen oder etwas Übernatürliches, Übersinnliches vor. Der ideale Stoff also für den Aufreißer in der Bildzeitung.

Wer hat den Leichnam nun gestohlen: Diese Frage stellte sich schon sehr früh. Scheinbar war es also Fakt, dass Jesu Leiche verschwunden war. Aber ein toter Körper verschwindet nicht von selbst. Jemand muss also nachgeholfen haben: Ein Diebstahl. Sicher nicht, um sich daran zu bereichern. Denn wir wissen es, Jesus wurde auch noch das letzte, seine Kleider genommen. Und die Dornenkrone war ein Diebstahl bestimmt nicht wert!

Nein, wenn schon gestohlen, dann hatte es einen anderen Grund. Doch wer ist es gewesen? Die Jünger oder die Hohenpriester? Die Hohenpriester behaupten, die Jünger waren die Täter. Denn die hatten ja ein großes Interesse daran. Schließlich sollte die Sache Jesu weitergehen. Dazu brauchte es das Wunder der Auferstehung Jesu. Wenn Jesus einfach tot geblieben wäre, dann hätte sich seine Verkündigung im Nachhinein als falsch erwiesen. Sagte nicht Jesus eindeutig: „Der Menschensohn muss viel leiden und verworfen werden von den Ältesten und Hohenpriestern und Schriftgelehrten und getötet werden und nach drei Tagen auferstehen.“ (Mt.8,31) Also, für die Hohenprieser ist ganz klar: Die Jünger sind die Grabräuber.

Doch für die stellt sich die Sache ganz anders dar. Wie hätten sie ins Grab einbrechen können? Schließlich war davor ein großer Stein gewälzt, den ein Mann allein unmöglich bewegen konnte. Zudem hatten die Hohenpriester bei Pontius Pilatus ja extra darauf gedrungen, dass Soldaten das Grab bewachen. Wie also hätten sie den Leichnam Jesu entführen können, ohne dass die Wachen es zumindest mitbekommen?

Die Jünger sind sich keiner Schuld bewusst. Sie denken vielmehr, dass die Hohenpriester den Leichnam haben verschwinden lassen. Denn die hatten ein Interesse daran, dass Jesus, der ja als Märtyrer für seinen Glauben

gestorben war, jede Art von Autorität genommen wurde. Hätten sie nichts gemacht, wäre das Grab wohl zum Wallfahrtsort und die Leiche zur Reliquie geworden. Für die Jünger ist also ganz klar: Die Hohenpriester haben sich der Leichenschändung schuldig gemacht.

Als dritte Möglichkeit, und das gilt bis heute, gelten die Verschwörungstheorien, in deren Mitte der Vatikan sitzt. Menschen wie Dan Brown schreiben darüber Romane wie „Sakrileg“, in deren Zentrum eine Aussage steht: Jesus war nur scheintot, wurde dann gerettet, heiratete Maria Magdalena und bekam Kinder. Die Nachkommen von Jesus sollen heute noch leben.

Hier nun setzt unsere Geschichte an. Sie verwirft alle Verschwörungstheorien, ob Jesus überlebt habe, ein anderer an seiner Statt gestorben sei oder seine Leiche gestohlen. Maria geht nach den Feiertagen ans Grab, um den Leichnam zu salben. Ich denke mir, dass sie die Soldaten bitten wollte, ihr das Grab zu öffnen. Denn in Israel war es Brauch, dass die Leichen hergerichtet, parfümiert und gesalbt wurden. Doch was sie vorfindet, ist etwas anderes: Das Grab ist offen, die Soldaten nicht da, der Leib Jesu verschwunden. Ich kann mir vorstellen, wie geschockt Maria war. Würde es uns nicht genauso gehen, wenn wir auf den Friedhof kämen, und da wäre ein frisches Grab umgebuddelt und der Sarg mitsamt der Leiche verschwunden? Maria findet aber etwas anderes, etwas, das gar nicht dasein dürfte: 2 Engel sitzen dort, wo die Leiche lag. Ich weiß nicht, ob sie sie als Engel wahrnahm, aber das ist auch unerheblich. Maria jedenfalls weint vor Schreck, vor Angst und vielleicht auch im Schock, so dass ein Engel sie anspricht: „Frau, was weinst du?“

Ganz schön unsensibel reagiert dieser Engel. Kann der sich das nicht vorstellen? Maria gibt ihm zur Antwort: „Sie haben meinen Herrn weggenommen, und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben.“ Und dann dreht sie sich um und erschrickt. Denn da steht schon wieder ein Unbekannter vor ihr. Jedenfalls erkennt sie Jesus nicht. Erst, als der ihren Namen ruft – „Maria“ – da fällt es ihr wie Schuppen von den Augen.

Es ist, wie das Wort aus dem Jesajabuch es sagt: „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!“ Maria erkennt Jesus, als der sie anredet. Da bleibt für sie keine Frage offen: Wo er herkommt, ob jemand ihm geholfen hat, ob er verletzt ist. Sie hört ihn, sie sieht ihn und sie glaubt an ihn, weil sie dieses Wort kennt: „Der Menschensohn muss viel leiden und verworfen werden von den Ältesten und Hohenpriestern und Schriftgelehrten und getötet werden und nach drei Tagen auferstehen.“ (Mt.8,31)

Ich hingegen, ein Mensch des 21. Jahrhunderts, stelle fest, dass ich ohne den Glauben hier verloren wäre. Denn beweisen, richtig wissenschaftlich verifizieren kann ich nichts: Weder, dass er gestohlen wurde, noch dass er

überlebt hat noch dass er auferstanden ist. Ich kann nur glaubend und staunend nachvollziehen, was mir über Maria und Jesus berichtet wird. Glauben heißt aber eine Entscheidung zu treffen: Eine Entscheidung dafür oder dagegen, also an die Auferstehung zu glauben oder sie abzulehnen.

Ich glaube an die Auferstehung. Denn wenn Jesus wirklich Gottes Sohn ist, warum sollte er nicht auferstehen können? Wenn Jesus die Wunder getan hat und das verkündet hat, was wir aus der Bibel wissen, warum sollte er nicht auferstehen können?

Aber am wichtigsten ist für mich, dass nur so Jesu Tod für mich einen Sinn bekommt. Denn wenn ich annehme, dass Jesus für mich gestorben ist, als Sündenbock für meine Schuld, dann kann er nicht ein normaler Mensch gewesen sein. Er muss Sohn Gottes sein, wie er es ja selbst gesagt hat. Dann bekommt sein Tod erst durch die Auferstehung seinen Sinn.

Diese Geschichte ist also wirklich ein Skandal. Und das skandalöse daran ist, dass wir heute mitten darin stecken, dass wir in diesen Skandal verwickelt sind. Denn wir müssen uns entscheiden. Wir müssen beschließen, ob wir glauben wollen oder nicht. Ich für mich bin zu dem Entschluss gekommen: Ich glaube, dass Christus tatsächlich auferstanden ist. Dieser Skandal – gegen allen Augenschein und gegen jede Wissenschaft zu glauben – gibt mir sterblichen und schwachen Menschen Hoffnung und Glauben. In dieser Hoffnung und in diesem Glauben, in diesem Skandal lebe ich seit Ostern.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

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