Das Leben steht vor mir

Liebe Gemeinde,

<b>Regenbogen über Oberfranken</b>

„Das ist ja wie Weltuntergang“, hatte einer gesagt. Dann sind wir lieber stehen geblieben. So heftig hatten Sturm und Regen gewütet. Trotz des frühen Nachmittags war es nahezu dunkel. Eine ganze Weile harrten wir im Wagen aus. Bis der Wandel kam: Der Regen hörte so plötzlich auf, wie er gekommen war. Wind blies die Wolken davon. Das tiefe blau des Himmels war wieder zu sehen.

„Schaut mal“, sagte jemand anders, „wie herrlich“. Über dem weiten Himmel in Oberfranken spannte sich ein Regenbogen. Wo eben noch „Weltuntergang“ bevorstand sind Licht und Klarheit zurückgekehrt. Eigentlich wollte ich aussteigen und das wunderbare Bild fotografieren. Aber ehe ich alles parat hatte, war das Himmelszeichen schon wieder verschwunden. Trotzdem ist das Bild geblieben, nicht als Datei auf dem Computer, nicht auf Papier, nicht eingeklebt in ein Album. Es ist geblieben in der Erinnerung und ich sehe es – wo ich nun davon erzähle – deutlich vor mir und ich spüre noch jetzt die eigenartig friedliche Stimmung dieses Augenblicks.

<b>Auf dem Weg zum Grab</b>

Maria Magdalena geht zum Grab des Herrn. Im Herzen trägt sie all das Entsetzen der vergangenen Tage mit sich. Das war nicht nur ein Sturm, der vorübergeht. Ihre Welt ist zerbrochen. Jesus ist am Kreuz gestorben. Sie hat die schrecklichen Bilder vor Augen. Nun gehört auch sie zu den Frauen, die Tag um Tag auf den Friedhof gehen müssen. Nun gehört auch sie zu den Frauen, die stumm ihre Lippen bewegen. Wenngleich der Tod den geliebten Menschen fortgerissen hat, so weigern sich doch viele Menschen, das Gespräch mit ihm aufzugeben. Auf Außenstehende mag das seltsam wirken. Wer selber Trauer erlebt hat, weiß aber, wie selbstverständlich solche Gespräche sind. Wird das Leben je wieder sprechen?

Auf dem Weg zum Grab geht alles mit: Die vielen Erinnerungen an gemeinsame Zeit. Wir könnten nun das ganze Evangelium erzählen und könnten uns in Gedanken zu Maria hinsetzen auf eine Bank und uns gemeinsam an Jesus erinnern. Könnten all seine Worte, seine wunderbaren Geschichten, könnten seine Heilungen erzählen und alles an uns vorüber ziehen lassen. Müssten dann auch die Kraft aufbringen, uns zu erinnern, wie schrecklich hilflos wir seinen Weg zum Tod erlebten. Danach wird es still werden um uns. Ja, das alles geht mit auf dem Weg zum Grab und versinkt schließlich im stummen Schmerz der Seele. Tränen fließen. Am Grab ist man so entsetzlich einsam.

<b>Was weinst du?</b>

„Was weinst du?“ Zweimal erklingt in unserem Evangelium diese Frage. Sie erklingt ohne Vorwurf, den wir oft hören müssen, wenn es uns schlecht geht. Dort, wo Engel auftreten, ist Gott selbst am Werk. So will ich diese Szene verstehen: Gott selbst ist am Werk, das in Trauer verschlossene Herz zu öffnen. Gott selbst ist am Werk. Gott sei Dank kann wenigstens die Bibel noch von Engeln erzählen. Wie sollte man auch anders von Gott reden können? Mit Tonband oder Kamera könnte man diesen Augenblick genauso wenig festhalten, wie damals die tiefe Bedeutung der Erscheinung des Regenbogens.

Was weinst du: Diese Frage lässt die Trauer gelten und nimmt sie ernst. Was weinst du? All der ganze Kummer, alle Sorgen dürfen nun herauskommen, ausgesprochen und erzählt werden.

Es fällt vielen Menschen schwer, sich Kummer erzählen zu lassen. Unwillkürlich zieht das einen mit hinunter, mit hinein in die düstere Stimmung.

„Sie haben meinen Herrn weggenommen,“ klagt Maria, „und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben.“ Da schwingt so vieles mit, was auch wir nur allzu gut kennen: Ich habe meine Orientierung verloren, sagen wir. Mein Lebensmittelpunkt ist fort. Und wir könnten eine ganze Litanei aufsagen. Darin käme alles vor, was uns belastet, privat, beruflich, gesellschaftlich. Wir könnten klagen über die Bedrohung unserer Erde, über all die Kriege und den blindwütigen Terror. Könnten klagen über all den Hass in dieser Welt. „Sie haben mir den Herrn weggenommen“. Da schwingt mehr mit, als die bloße Klage über das leere Grab. Sie haben mir in ihrer Härte selbst den Ort der Trauer nicht gegönnt. „Jammere nicht, füg dich“, das hören wir oft von den Herren dieser Welt, die keine Zeit haben, sich Klagen anzuhören, weil sie dann ihre Ohnmacht erkennen müssten.

Gott aber fragt in seinen Engeln: Was weinst du. Und damit gibt er uns Mut zur Trauer, Mut zur Klage. Darin ist der erste Schritt getan, dem Leben wieder zu begegnen.

<b>Das Leben steht vor mir</b>

„Fällt ihnen etwas auf?“, freundlich lächelte mich die alte Dame an. Wir kannten uns eine ganze Weile. Ich hatte ein Jahr zuvor ihren Mann beerdigt. Seitdem war ich ein paar Mal zu Besuch gewesen. Natürlich ist mir nichts aufgefallen. „Heute ist der erste Tag, an dem ich keine schwarze Kleidung mehr trage“, brachte sie mich endlich auf die richtige Spur. „Ich bin heute früh aufgestanden. Und plötzlich stand das Leben wieder vor mir“, sagte sie.

„Was weinst du? Wen suchst du“. Maria vernahm noch einmal die gleiche Frage der Engel. Aber jetzt war es eine andere Stimme, die zu ihr sprach. Ein Mann stand vor ihr. Sie erkannte ihn nicht, hielt ihn für den Gärtner.

„Maria“. Als sie ihren Namen hört, tun sich ihr die Augen auf. Vor ihr steht das Leben. „Rabbuni, Meister,“ spricht sie ihn an. Und sicherlich hat sie die Hände nach ihm ausgestreckt. Der Auferstandene jedoch verweigert ihr die Berührung. Vor ihr steht das Leben. Doch warum darf sie es nicht berühren?

Das wirkliche Leben können wir nicht umfassen, weil es uns umfängt. Wir können es nicht festhalten, weil es uns hält. Wir können es nicht berühren, weil es uns berührt.

<b>Jesus spannt den Bogen über uns</b>

Und dann spannt Jesus mit seinen Worten den Bogen des Lebens über ihr und über uns:

„Geh aber hin zu meinen Brüdern und sage ihnen: Ich fahre auf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott.“ In diesen wunderbaren Worten vereint der Auferstandene uns mit sich selbst in Gott. Im Osterfest bekennen wir uns zum Leben, bekennen uns zum Herrn, bekennen uns zum Auferstandenen.

Rechenschaft sollen wir geben allezeit über den Glauben, der in uns ist, heißt es in der Bibel. Wie beschreibt man den Hoffnungsgrund den der Glaube einem ins Herz gegeben hat?

<b>Lassen wir Maria von Magdala sprechen:</b>

Obgleich ich auf Golgatha alles verlor, so ist dennoch das Leben geblieben. Die Diener des Todes vermochten mit all der grässlichen Gewalt ihres Herzens meiner Seele nicht zu schaden. Denn Gott hat mich errettet. Er hat mir den Herrn wieder gegeben. Wo ich alles verloren geben wollte und in den Tod einstimmte im Gang zum Grab, da trat mir das Leben frisch und neu entgegen wie im Frühlingsmorgen. Seinen Leichnam fand ich nicht, weil das Leben vor mir stand und er nicht im Tod geblieben ist.

Und mir wahr, als könnte ich für einen Augenblick das Geheimnis des ganzen Kosmos erfassen: Liebe, grenzenlose Liebe, Lust zum Leben. Schöpfung jeden Sekundenschlag neu von Ewigkeit zu Ewigkeit. Einen Augenblick war mir, als spürte ich den Atem Gottes, wie er allem, was ist, Anteil gibt an seiner Herrlichkeit. Einen kleinen Augenblick vernahm ich das Licht vom ersten Schöpfungstag. Für einen flüchtigen Moment war mir, als könnte ich die kommende Welt erschauen.

„Maria“, so hat das Leben mich beim Namen gerufen. Und ich erkannte den Herrn. Alle Zweifel waren dahin für einen kostbaren Moment. Und ich hörte und sah ihn, wie er auf dem Berge saß und vom Frieden sprach und ich empfand noch einmal, wie seine Hand mich heilte.

Das alles erkenne ich in ihm: Brot des Lebens, Licht der Welt, guter Hirte, Weinstock, Tor zur Errettung, Auferstehung, Weg und Wahrheit und das Leben. Für einen Augenblick erkannte ich in diesem Spiegel des Lebens, wie lächerlich das Gehabe der stolzen und eitlen Geschöpfe ist, die ihren Herrn missachten.

Wohl ahne ich, dass Golgatha bleiben wird in dieser Welt. Wohl ahne ich, dass tausend andere Orte von unaussprechlichem Grauen gezeichnet und der Menschheit über Generationen hinweg als Stätten des Todes im Gedächtnis bleiben werden: Schlachtfelder, Gettos und Massengräber der geschundenen Kreaturen. Kerker, Hinterzimmer und Keller, in denen Menschen missbraucht, gequält und ermordet werden. Wohl ahne ich, wie sehr mir das Toben und Wüten von Hass und Gewalt zusetzen werden und ich weiß auch schon jetzt um all die Stunden der Anfechtungen. Und dennoch weigert sich meine Seele, dem Tod die Hand zu reichen und mit ihm zu gehen. Denn vor mir stand das Leben und dem Leben bin ich begegnet in Christus. Das wird bleiben in mir. Christus ist das Leben. Jesus ist der Herr. Gott hat mir den Herrn gegeben. Er lebt.

Und wenn nun der Tod nach mir greifen wird und wenn die Pforten der Hölle sich wieder auftun und wenn Zweifel an mir nagt oder Gleichgültigkeit mich überkommt oder die Angst mich einfach nur lähmt. Nichts und niemand kann diesen Augenblick je wieder auslöschen, diesen Augenblick, in dem das Leben vor mir stand und zu mir sprach: Maria. Und wie er mich aussandte, vom Leben zu künden und von der Auferstehung und vom Sieg über den Tod. Das alles wird bleiben, das alles wird bleiben in mir, das alles wird bleiben in dieser Welt bis an den letzten Tag ehe das Licht dieser Sonne vergeht und das Morgenlicht der neuen Welt uns erleuchtet.

So spannt Jesus den Bogen des Lebens über unsere Welt und den Kosmos zugleich. Daran musste ich wohl gedacht haben, als ich den Regenbogen sah, wie er von einem Ende zum andern über dem Horizont stand nach jenem furchtbaren Gewitter.

Erhaben stand der Himmel über der Erde. Ein Regenbogen hob sich, wie der Ring der Ewigkeit, über den Morgen – ein gebrochenes Gewitter zog über das Land mit einem müden Donnern und die Sonne schaute, wie hinter Tränen, mit einem milden Lichte dem Gewitter nach, und ihre Blicke ruhten am Triumphbogen des Lebens. (Jean Paul).

Heute feiern wir das Leben. Wir feiern die Auferstehung Jesu. Wir feiern den Sieg des Lebens über den Tod.

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