Verlassen

Liebe Gemeinde,

Nein, wir werden uns an diesen Anblick niemals gewöhnen:

Jesus auf dem Weg nach Golgatha, und das bittere Getränk als Henkerumtrunk, Jesus nackt gekreuzigt, und seine Kleider, verlost, verteilt, verschenkt, Jesus am Kreuz, der König der Juden zwischen zwei Verbrechern. Jahr für Jahr. Ein Skandal.

Wir werden uns niemals daran gewöhnen.

Und dann die Verzweiflung, weil ihn alle verlassen haben:

Petrus und die vielen Jünger; die, die er geheilt hat, und die, denen er geholfen hat, wieder in der Gesellschaft ihren Platz zu finden.

Sie haben ihn verlassen, die, die seine feinsinnigen Auseinandersetzungen mit den Pharisäern gerne belauschten, und die jenigen, die in ganz einfachen Situationen ihres Alltags angesprochen und berührt wurden: Fischer und Hausfrauen, Bäcker und Zöllner.

Sie haben ihn verlassen.

Die die mit ihm gegessen haben, sooft und noch zuletzt, gedankenlos Brot und Wein mit ihm teilten, als ob es nicht das letzte Mal wäre, sie haben ihn verlassen.

Ein paar rechtlose Frauen sind da, gewiss, aber die Welt ist sehr leer geworden für den Sterbenden am Kreuz.

Und dann der Schrei.

Ein Gebet aus alten Zeiten. Jesus betet mit Worten, die schon andere vor ihm benutzt haben, als es ihnen selbst dreckig ging.

Er betet mit Worten der Psalmen, in denen schon Menschen vor ihm ihre Verzweiflung vor Gott gebracht haben. Ein Gebet der Väter und Mütter. Ein Gebet, das man betet, wenn man nicht mehr beten kann. In den dunkelsten Stunden des Lebens, wenn einem die Worte fehlen, dann sind es die Gebete anderer, die für einen stellvertretend hadern und schreien, – warum.

Der Schrei. Schon wieder ein Grund des Spottes und des Hohns!

Was, er Gottes Sohn, König der Juden, muss schreien und hadern, er kann sich selber nicht helfen?

Der Schrei. Er ruft Elia, dann muss es ihm sehr schlecht gehen, er ruft Elia, Ach und noch ein bisschen Essig, – aber mal sehen, ob Elia, oder Gott selber ihm helfen kann. Und er hilft nicht. Noch nicht.

Wir sind hier in diesem Moment des Sterbens Jesu in einer ähnlichen Situation wie etwa drei Jahre zuvor, als Jesus kurz vor seinem öffentlichen Auftreten sich in der Wüste zurückgezogen hatte.

Damals war er allein jedoch nicht einsam, in Konflikt mit dem Versucher, jedoch klar gestärkt von Gottes Auftrag. Und vom Vater liebevolle Worte: dies ist mein geliebter Sohn. So ein Satz tut gut und stärkt ungemein, aber so ein Satz verpflichtet auch, das ganze Leben durch, bis zum Ende, bis zum Ende am Kreuz.

Nein, Jesus hat die Steine nicht in Brot verwandelt, nein Jesus ist nicht vom Tempel gesprungen, um zu sehen ob die Engel kommen, nein …

Das macht ein Sohn Gottes nicht.

Der Sohn Gottes lässt sich nicht versuchen, nicht verführen, und heute am kreuz auch nicht, er der Verlassene, hält die extreme Einsamkeit aus, er bleibt sich und seinem Vater treu.

Treu war er schon immer, auch als er damals auf den ganz normalen alltäglichen Strassen von Galiläa lief und lehrte. Schon damals ging’s ja nicht um ihn, sondern um den Vater. Schon da, hatte er nicht gepredigt, um Freunde zu gewinnen – denn, wenn er es gewollt hätte, dann hätte er den Menschen nach dem Mund geredet.

Er hatte nicht geheilt, weil er sich beliebt machen wollte – denn durch seine Fürsorge für andere handelte er sich den Hass ein, der ihn ans Kreuz brachte.

Er hatte den Menschen erzählt, woran er glaubte. Und er hatte selbst nach dem gelebt, was er glaubte. Predigen und Leben stimmten überein. Weil er und der Vater eins waren, und er sich nicht auseinander dividieren liess.

Heute am Kreuz auch nicht. Aber wir werden uns niemals daran gewöhnen.

Jesus stirbt – und es geschehen wundersame Dinge, die nicht jeder Evangelist erzählt.

Es scheint, dass die ganze Natur, die ganze Schöpfung Anteil hat an diesem Sterben: Erdbeben und plötzliche Dunkelheit sollen zum Ausdruck bringen, dass alle Welt, alle Kreaturen betroffen sind von diesem Geschehnis.

Unnatürliches, übernatürliches geschieht, ja, die Gesetzte der Natur werden in dieser neunten Stunden werden umgeworfen, werden vollkommen ungültig,

Erdbeben und Finsternis am helligen Tag sollen zum Ausdruck bringen, dass etwas unerhörtes, unglaubliches, ja fast absurdes geschieht. Dort oben am Golgatha, ja, aber auch mitten in der Welt, mitten in der menschlichen Gemeinschaft, eine Umkehrung, eine Revolution, die noch von niemanden begriffen wird, aber die geschieht, sowohl in der Natur, in den nun in dieser 9. Stunden ungezügelten Elementen der Natur, – sowohl in der Natur, wie auch im Tempel, ganz in der Mitte, im Kerne, im Herzen des Tempels, dort wo der unsichtbare und eifersüchtige Gott sein Geheimnis, seinen Ort hat.

Dort vor dem Heiligtum wird der Vorhang entzwei gerissen, Gott ist nicht mehr ferne, Gott erbarmt sich. Gott ist einer von uns gewesen und nun wie einer von uns gestorben: nie mehr wird dieser Vorhang sich wieder schließen können (und auch nicht schließen wollen) für die, die glauben: wahrhaftig, dieser war Gottes Sohn.

Wir werden uns an diesen Anblick niemals gewöhnen.

Viel mehr geschieht dann nicht an diesem Tag. Die Verbrecher werden abgehängt und vor dem Sonnenuntergang beerdigt, denn der Sabbat beginnt um den ersten Sternenschein.

Es ist Sabbat. Das Volk ruht. Die Gläubigen und die Zweifelnden. Die Trauernden und diejenigen, die am Golgatha gespottet haben. Die, die zugeschaut haben und die die sagten. Wir können diesen Anblick nicht ertragen. Alles ruht. Und Jesus im Graben ruhend, ist unterwegs zu unseren Toten, auch diese grausige Reise hätte er sich niemals gewünscht, aber der Sohn gehorcht bis zum Tode und darüber hinaus.

Auch der Vater ruht. Erst nach dem Sabbat wird mit seinem Licht ein Tag aufgehen, der unser Schicksal grundsätzlich wendet, noch viel mehr als der milde lächelnde Stern damals über die Krippe in Bethlehem. Ein neuer Tag wird aufgehen, in der die gute Nachricht sich verbreiten wird, in der ganzen Welt, und bis zu uns heute in dieser Kirche: wahrhaftig, dieser war Gottes Sohn.

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